Leute … von Paula Irmschler
Die letzte Dread
Leute,
Ihr müsst mal in die Studentenstädte der Republik fahren, da wird sie Euch begegnen: die letzte Dread. Ihr könnt sie allerdings auch in anderen Städten finden: die letzte Dread. Was die letzte Dread zu erzählen hat. Was die letzte Dread noch wusste. Das war es jetzt aber auch mal mit Anmoderation.
Es handelt sich um ein Phänomen von Männern und Frauen im Alter zwischen 28 und 35 Jahren. Als diese Leute etwa 17 Jahre alt waren, beschlossen sie: Jetzt mache ich mir mal schön stinkende Dreads, warum denn auch nicht, for da ganja people. Dann umrahmten sie ihre weißen Gesichter mit Filzi und so gingen sie dann durch die Welt, hear da children cryin’. Diese Leute haben heute nur noch diese eine Dread, die letzte, wie gesagt. Die anderen sind wegen des Systems abgefallen irgendwann.
Die letzte Dread hängt an Menschen hinten dran, die heute ganz gut “bei sich angekommen” sind, oft noch immer mit ihrem Hippiepartner von damals zusammen sind, containern, aber auch arbeiten, sonst eine okaye Frisur haben, sich mit ihren Eltern vertragen und mit Wohngemeinschaften abgeschlossen haben. Diese Art von coolem Leben eben und immer noch so ein bisschen, hier und da, dabei, ’cause all I ever have, redemption songs. Man kann das Phänomen auch “Björn-Dread” oder “Sozialarbeiter-Dread” nennen, hängt sie doch auffällig oft an Sozialarbeitern namens Björn oder Johannes oder irgendeine Kurzform eines anderen Namens. Lange noch kann sie sich halten, im Gegensatz zu dem letzten Festivalbändchen (Fusion) und sich auch gegen diese Glöckchenfußbänder (Ghana) oder die Sommerbräune (See in Brandenburg) durchsetzen.
Gekifft wird vom Letzten-Dread-Inhaber heute nur noch am Abend, zum Einschlafen, Geld wird gespart für das Auto, das man sich dann ausbauen wird zum Drinschlafen, wenn man dann bald mal paar Wochen durch Portugal fährt. Die übriggebliebene Dread liegt stets im Nacken, als Überbleibsel der Wiesen- und Waldzeit, als Erinnerung an die Zeit, wo noch zum Summerjam gefahren wurde, bis es zu kommerziell wurde (nach einem Mal). Sie riecht noch nach dem Raum von damals, mit dem Batiktuch an der Decke und dem Guevera-Poster über dem Bett und nach Räucherstäbchen, der Buddhafigur im Bad, nach dem, was kommt, wenn man den schwarzen Stein lange rubbelt und nach dem Hund von Sina.
Die letzte Dread kitzelt an Sonntagabenden die wilden Gedanken vom Auswandern hervor.
Die letzte Dread kratzt im Nacken, so dass nie vergessen wird, wie unbequem es andere haben.
Die letzte Dread schmiegt sich an den Rücken, warm wie Solidarität unter unterdrückten Exoten.
Mit der letzten Dread geht man noch ab und an zu einem Gentleman-Konzert oder in diese eine Bar, die donnerstags Reggae “hat”. Dort wird sie dann zur Bauchrednerpuppe. Der zwischen 28- und 35jährige Mensch muss sich dann so geben, wie sie es verlangt, sie lässt ihn sagen: “Mich kotzt die Verlogenheit einiger Leute einfach an”, “Geld regiert nun mal die Welt, ich mach da nicht mit”, “Ich lese manchmal einfach keine Nachrichten, das macht mich alles zu traurig”, “Ja, der Song ist vielleicht homophob, deiner Meinung nach, aber es ist nun mal eine andere Kultur”, “Komm, geh mir weg mit Israel”. Die letzte Dread ist die Zwischenstufe, das letzte Sichnichtdummachenlassen, bevor man sich endlich dumm machen lässt, sie faulig abfällt und man ein erträglicher Mensch wird.
Hintergrundinfo: Die letzte Dread hatte übrigens Beine, weil sie in Wahrheit der einbalsamierte Hund von Sina war, ist nach Jamaika ausgewandert, wo sie direkt abgemurkst wurde, weil sie unheimlich scheiße aussah. Aber so ist nun mal die Kultur dort. I hope you like jammin’, too.