(Was bisher geschah) Denn Gähnen zu vorgerückter Stunde wird durchaus als das verstanden, was es ist, ein Zeichen physischer Erschöpfung, und überdies ließ sich Petra von Kurtchens Gähnen anstecken, sie waren sich einig, und wie geborgen in dieser Einigkeit saßen sie noch eine Weile beieinander, schweigend, und ließen den Blick versonnen zwischen den Restesäulen in ihren Biergläsern und dem Lokal wandern. Die Extra Bar hatte sich geleert, selbst der Luftwaffenoffizier und Beinahe-Bezwinger der Edertalsperre war nicht mehr da, und am Kartentisch saß nur mehr ein einzelner Krachmacher und stierte erschöpft vor sich hin. Mit Erstaunen registrierte Kurtchen, daß er sich sehr wohl fühlte und seine Müdigkeit jener existentiellen Note entbehrte, die dumpf durch das Dasein als Junggeselle bzw. Scheidungsopfer klingt. Wieder eine Nacht passé, erinnerte sich Kurtchen an eine Liedzeile, und daß ihn das kein bißchen melancholisch oder wenigstens sentimental machte, hätte ihn in nüchternem Zustand alarmiert, denn das bedeutete, daß Hoffnung war, und Hoffnung, hatte Kurtchen gelernt, ist die verläßlichste Vorstufe zum Reinfall. Alles das war ihm bewußt und gleichzeitig egal; es hat nun mal seinen guten Grund, daß die Menschen sich so gern betrinken. Kurtchen winkte Henner, dem Wirt, von dem den ganzen Abend über kaum etwas zu sehen gewesen war, wie ein Ritter hinter den Zinnen seiner Burg hatte der ungemein blasse und hagere, großgewachsene Mann seine Stunden hinterm Zapfhahn verbracht und konzentriert die Brüste seiner Dame abbezahlt; Kurtchen schien die Vorstellung, daß dieser Freund der Dunkelheit und des Nachtschattens die wenigen Stunden, die er wohl bei Tageslicht zubrachte, sich an den künstlichen Riesenbrüsten seiner Lebenspartnerin schadlos hielt, seltsam, und er war sich gar nicht sicher, ob er die Geschichte überhaupt hatte hören wollen. Ohnehin war er ja der Auffassung, daß man durchaus nicht alles erfahren muß; eine Überzeugung, die gar nicht ausschließlich mit dem Spaß am Geheimnis zu tun hatte, sondern ebenso auf einer Diskretion beruhte, die Kurtchen als Mittel zum Selbstschutz und zur eigenen seelischen Entlastung pflegte. Er erinnerte sich noch viel zu gut an Gernolfs schwere Nagelbettentzündung und die boshafte Freude, mit der er dafür gesorgt hatte, daß sie kein Geheimnis geblieben war, Kurtchen war heilfroh gewesen, kein Rumpsteak bestellt zu haben; und warum ihm Frau Geiselwind von nebenan von ihren Schmierblutungen Mitteilung zu machen nicht umhingekommen war, hätte er dann wiederum doch ganz gern gewußt, er hatte eine Woche lang keine Marmelade mehr essen können. (wird fortgesetzt) Beitragsnavigation Der TITANIC-Not-Really-Live-Stream präsentiert Briefe an die Leser | Mai 2011