Die Helden vom 54. Breitengrad Eine Verbeugung von Torsten Gaitzsch, Redaktion Reiserecht Seit vergangener Woche, so berichtete es die Tageszeitung Times, befindet sich eine Gruppe russischer Passagiere einer Luxuskreuzfahrt geschlossen im Hungerstreik. Was war passiert? Das Schiff „SH Diana“ der britischen Reederei Swan Hellenic erlitt auf seinem Weg in die Antarktis einen Motorschaden, aufgrund dessen die auf 21 Tage angelegte Fahrt verkürzt werden musste. Die Gäste, hieß es noch an Bord, sollen wahlweise mit Rückerstattung des Reisepreises von 50 Prozent oder einem Guthaben für künftige Kreuzfahrten abgespeist werden. „Abgespeist“ heißt es nun für die mutigen Männer und Frauen, denen auf der Höhe von Südgeorgien die Abenteuersuppe versalzen wurde. Sie verweigern die Nahrungsaufnahme, bis der Veranstalter ihnen ein besseres Angebot mache. Ihnen gilt unser Mitgefühl wie unser uneingeschränkter Support. Und mit „uns“ meine ich nicht nur die Medien, deren Schweigen zu dem eiskalten Skandal ohrenbetäubend ist, sondern alle, die gegen Ungerechtigkeit und Verrat aufzustehen sich sonst nicht zu fein sind. Fünfzig Jahre ist es her, dass Holger Meins sein Leben ließ im Kampf gegen Krieg, Imperialismus, Hetzpresse und alte Eliten. Unvergessen die Erklärung Mahatma Gandhis im September 1932, notfalls bis zum Tode zu fasten. Und wer zog nicht den Hut vor der Mutter des Fußball-Charmeurs Luis Rubiales, als sie im vergangenen Sommer heroisch hungerte? Um das Wohl und Wehe unverschuldet in Not geratener Oligarchen und Kriegsprofiteure, die sich teilweise minutenlang ein Vermögen vom Munde abgespart haben für ein harmloses Urlaubsvergnügen, schert sich indes keine Sau. Dabei sollte ihr Schicksal uns alle angehen! Warum bemitleiden wir Boatpeople und Mittelmeerflüchtlinge, aber verschließen die Augen, wenn ehrliche Mitglieder der Gesellschaft um ihr mit 10 000 Pfund erkauftes Menschenrecht gebracht werden, mit einer Bruttoraumzahl von 12 100 durchs Schelfeis zu pflügen und ein fragiles Ökosystem zu kontaminieren? Wer noch nicht davon geträumt hat, auf einem Kaiserpinguin zu reiten oder in seit Jahrtausenden unberührtem Eis den Abdruck seines verkeimten Burberry-Stiefels zu hinterlassen, werfe den ersten Schneeball! J’accuse, sage ich. Shame on you, Swan Hellenic! Ein dreifaches Hurra hingegen den Heldinnen und Helden, die entschieden Nein rufen, nein zu Wachteleiern und Hummerschwänzen, nein zum Champagner beim Captain’s Dinner, nein zu Zwangsernährung mit püriertem Entrecôte. Den geprellten Passagieren die vollen Kosten zu erstatten, gebieten Anstand und Humanität. Mehr noch – man meißle ihre Antlitze in einen Gletscher und versehe diesen mit einer Gedenktafel: „Wenn aus den versprochenen dreieinhalb Tagen auf der antarktischen Halbinsel drei Tage im Hafen von Ushuaia werden, wird Widerstand zur Pflicht.“ Beitragsnavigation Vorschlag zur Güte #39 Alles Lüge