Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Schönes altes Jahr
Das Schönste an der Zeit zwischen den Jahren sind die Radionachrichten: In Deutschland hat’s geschneit. Irgendwo hat’s gebrannt. Die Kultur, sagt irgendwer, wird vernachlässigt. Das Wetter.
Dann zwei Meldungen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, auf den zweiten Blick aber doch. Die erste stand gestern in der Zeitung und behandelte einen deutschen Trashthriller, dessen Erfolg beim Lesepublikum sich B. Graff in der SZ allein mit der „durchgehend wie unbekümmert vorgetragenen Brutalität“ erklären kann: „Für die immer hemmungslosere Gewalt, die in diesen Romanen dargestellt wird, ist ,Passagier 23’ nur eines von vielen Beispielen. Der Fokussierung auf den gequälten Körper entspricht in diesen Romanen eine Sprache, die mit der Brutalität und den Exzessen der Bilder“, wie wir sie aus der visuellen Popkultur längst kennen, „mithalten will. Das Stilmittel der Wahl ist die bewußt maß- und mitleidlose Überschreitung ethischer Normen und des guten Geschmacks sowieso. Der Mensch wird dabei reduziert auf ein Stück malträtiertes Fleisch. In Fitzeks Roman etwa wird eine Putzfrau gefoltert, indem man ihr eine Glasscherbe, gefolgt von einem Knebel in den Mund steckt.“
Die zweite Nachricht stammt von privat und nämlich einer Freundin, die, im Schatten der Turbobildungs-, Gymnasial- und Exzellenzrepublik BRD, angehenden Zahnarzthelferinnen berufsbildungsmäßig Englisch beibiegen soll: „Heute führte ich die ernsthafte Diskussion mit einer Schülerin, die der Ansicht war, daß Vögel vier Beine haben. Am selben Tag entschuldigt eine Schülerin ihre Freundin, die ihr Referat nicht abgeben konnte, die habe einen Termin im Nagelstudio gehabt. Sage ich, dann könne sie es ja jetzt abgeben. Sagt die Schülerin, nee, jetzt sei die ja schon im Urlaub. Als ich eine Schülerin ermahne, das Essen einzustellen, platzt eine andere heraus, die muß essen, die hat ihre Tage!“
„Mit der Differenzierung des gesellschaftlichen Gewebes wird auch die soziogene, psychische Selbstkontrollapparatur differenzierter, allseitiger und stabiler.“ Elias, 1969
Wie das zusammengeht? Durch den Umstand, daß ich über die Feiertage endlich den zweiten Band von Norbert Elias’ „Über den Prozeß der Zivilisation“ gelesen habe. Dieser Prozeß geht ca. so: Im Frühmittelalter nimmt sich noch jeder, was er braucht, mit Gewalt. Es herrscht Naturalwirtschaft, die Menschen sind noch kaum aufeinander angewiesen, denn die Ritter sind frei, und die Bauern gehören den Rittern, und wer nicht spurt, bekommt aufs Maul. Das ändert sich mit dem mählich wachsenden „Verflechtungsgrad“: Die Völker werden seßhaft, die Städte stärker, die Technik entwickelt sich, das Geld spielt eine immer größere Rolle, und der ehedem freie Ritter wird zum Söldner. Er muß, wie alle anderen auch, planen, langfristig denken, sich einfügen: „die geregelte Bewältigung aller kurzfristigen Affekte“ nennt Elias, was aller Zivilisation zugrunde liegt.
Dafür erwartet der Mensch freilich Entlohnung, und je weniger er dafür bekommt, beim Essen nicht mehr in die Suppe zu furzen, desto übler wühlen die Affekte in ihm weiter: Deswegen weidet sich die Plebs an brennenden Ketzern und zu Tode gefolterten Hexen, und fast wollen wir der Kulturindustrie dankbar sein, daß sie diese Affekte im Folterroman kanalisiert; sofern wir uns nicht darüber beunruhigen, daß diese Affekte in dem, was wir doch alle Hochzivilisation nennen, ganz offenbar da sind und ein Millionenpublikum umtreiben. Wie ja auch ein nicht unerheblicher Teil der Zeitgenossen, ob auf der Autobahn, am Handy oder sonstwie im öffentlichen Raum, seinen Affekthaushalt immer weniger unter Kontrolle hat und in jenen Schulen, für die sich die Bildungsbeilagen nicht interessieren, geradezu frühmittelalterliche Zustände herrschen.
Könnte sein, daß es die Nebenhöhlen sind, die mir Kopfweh machen, könnte aber auch sein, daß die Eliassche Gleichung zu unschön aufgeht: Zivilisation ist da, wo die Affekte unter Kontrolle sind. Wo sie es nicht sind, haben wir eben keine Zivilisation. Sondern, so nennt es Elias, eine Kriegergesellschaft. Deren Mittelalter- und Fantasyspleen so auch eine Erklärung erführe.