Vom Fachmann für Kenner | März 2007


Erstaunlich

Himmelherrgott – wie schnell Fingernägel wachsen! Gestern konnte ich mir noch keine Rückenhaare auszupfen, und heute kann ich mir kaum mehr die Ohren auskratzen.

Mark-Stefan Tietze

Vier gewinnt

In der Bahn finde ich einen Personalausweis. Da das Reisezentrum am Hauptbahnhof schon geschlossen hat, gebe ich das Fundstück bei der Bahnhofspolizei ab. Dort bekomme ich mit, wie ein 14- oder 15jähriges Mädchen verhört wird. Sie und drei Freundinnen werden des Handtaschenraubes bezichtigt. Kurz darauf platzt ein etwa gleichaltriges Mädchen hinein und fährt zwei im Flur stehende Beamte an: »Ich hab gehört, Sabrina ist hier! Was is’n jetzt mit der?« Einer der beiden Polizisten, etwas verdutzt: »Von wem haben Sie das gehört?« Sie: »Hab ich halt gehö-ört!« Er kontrolliert daraufhin erst einmal die Personalien: »Oh, Sie sind ja die zweite Tatverdächtige, das ist ja schön!« Nachdem der Kollege das Mädchen schon längst abgeführt hat, freut sich der andere Beamte immer noch: »Das ist ja mal eine erfreuliche Neuerung, daß Verdächtige jetzt direkt bei uns hereinspazieren.« Ich kann mir natürlich nicht verkneifen, ihn auf die beiden Mädels hinzuweisen, die seit geraumer Zeit neugierig von draußen hereinblicken. »O danke, die guck ich mir mal gleich an!« Und schwupps sind die vier wieder vereint.

Levin Pfeiffer

Dialektik

Neulich in einem Lokal in Göttingen. Am Nebentisch unterhalten sich zwei männliche Jugendliche:

»Hast du sie denn schon mal geküßt?«

»Nein, Mann! Die Schlampe läßt sich nicht küssen!«

Maik Tändler

Unterschätzter Gegner

Wer sich darüber aufregt, daß es inzwischen an jeder Ecke einen Starbucks gibt, der sollte lieber mal ein Auge auf Matratzen Concord werfen.

Tobias Schülert

Werbung für Philosophie

War Werbung einstmals etwas, was man vor allem für Halbfettmargarine und hautfreundliche Geschirrspülmittel trieb, kommt heute selbst die altehrwürdige Philosophie nicht mehr ohne sie aus. Was die Mutter aller Wissenschaften dringend benötigt, sind griffige Slogans. Ein klassisches »Aus Freude am Wahren« für Platon, ein entschiedenes »Radikal. Relevant. Kant.« für den großen deutschen Klassiker und ein verspielt-leichthändiges »Haberm-As im Ärmel« für Adornos begriffsstutzigsten Schüler. Erst recht nicht ohne Slogan aus kommt natürlich Medienprofi Peter Sloterdijk. Für ihn schlage ich »Ficki, ficki, bums, bums!« vor.

Thea Unangst

Beim Unterrichtsbesuch

Geschichte, 8. Klasse: »Wann gab es in Bayern den letzten Regierungswechsel?« Meldet sich der Klassenbeste: »1933!« Und weg waren meine Befürchtungen, daß wir beim nächsten Pisa-Test nicht mithalten könnten.

Jonas Haas

Wunderheilung

Als ich neulich eine Spam-Mail bekam, deren Absender sich »Jesus Price« nannte und mir schon im Betreff den guten Rat gab: »Check your health«, war ich augenblikklich von jeder Neugier geheilt.

Tibor Rácskai

Gerüchteküche

Da meine Wohnung sehr hellhörig ist, bekomme ich regelmäßig mit, wenn sich der Musikgeschmack meines Nachbarn wandelt. Bis vor ungefähr drei Jahren hörte er ausschließlich Stücke von Michael Jackson. Dann kam wieder eine dieser unschönen Geschichten mit den Kindern ans Tageslicht, und in dieser Zeit muß es wohl begonnen haben, daß aus der Nachbarwohnung nur noch Musik von Pur in meine Küche herüberdrang, während Michael Jackson keinen Mucks mehr machen durfte. Seit einigen Tagen hat sich allerdings wieder etwas geändert: Der Nachbar hört nun nicht mehr Pur, sondern irgendwelche spanischen Schlager. Ich hoffe sehr, daß er sich nur auf seinen nächsten Mallorca-Urlaub vorbereiten will – vielleicht weiß er aber auch etwas, wovon der Rest der Pur-Fans und die Presse bislang nichts mitgekriegt haben!

Oliver Krumes

Allabendliche Sinnfrage

Natürlich bin ich auch fürs Wassersparen. Trotzdem möchte ich nach langen Selbstversuchsreihen die nach wie vor unbeantwortete Frage in den Raum stellen: Wieso geht Zähneputzen einfach besser, wenn nebenbei das Wasser läuft?

Volker Surmann

Rock’n’Roll muß weh tun

Gerade erreichte mich eine Newsmail von Metal Blade Records. In der Betreffzeile folgender Aphorismus: »VOMITORY finish Terrorize Brutalize Sodomize.« Mehr kann man nicht wollen!

Frank Schäfer

Antwort

Manchmal, wenn ich abends den Briefkasten öffne, frage ich mich, welcher Absender mich regelmäßig mit der ödesten Post versorgt: mein Gaslieferant, der mich davon zu überzeugen sucht, stündliche Preiserhöhungen seien nur zu meinem Besten, meine Hausratversicherung, die mir eine Anhebung der Versicherungssumme auf elf Millionen Euro anempfiehlt, oder der Kreditanbieter, der mir gerne zehntausend Euro sofort zur Verfügung stellen möchte, damit ich mir eine neue Couchgarnitur bzw. einen frivolen Abend mit fünf jungen Damen leisten kann. Bis jetzt konnte ich leider auf keines der Schreiben antworten, da ich nach der Lektüre stets von bleierner Müdigkeit ins Bett gezwungen wurde, möchte nun aber einen Moment akuter Frische hierfür nutzen: Sehr geehrte Damen und Herren, es ist mir eine große Freude, Ihnen als treue Leser der vorliegenden Zeitschrift mitzuteilen, daß Sie auch weiterhin kleine, handliche Texte aus meiner »Feder« in vereinzelten Ausgaben finden werden, die – denn Ihr Wohlbefinden liegt mir sehr am Herzen – wie gewohnt im Verkaufspreis des Heftes enthalten sind. Dieser für Sie sehr vorteilhafte Abrechnungsmodus wurde von den beteiligten Parteien durch eine langfristig angelegte, strukturelle und inhaltliche Kooperation möglich, die deutschlandweit einzigarchhhhrrrrrffzzzzzzzzzzzzzz…

Niels Jürgens

Gefahr erkannt

Als Designer der Cockpitausstattung von BMWs bekommt Julians Vetter ab und an aktuelle Modelle für Probefahrten geliehen. Als er kürzlich mit dem neuen M6 – kostet um die hunderttausend Tacken – in München an einer Ampel steht, schlurft ein Opa heran: »Burli, bist fei scho a Krimineller, oda?!«

Marcel Vega

Fein

Neulich Anruf beim Chinesen: »Dieses S12, knusprig überbackenes Hühnerfleisch – womit ist denn das überbacken?« – »Das sein su mit… äh… mit feines Material.« – »Gut, nehm ich.«

Solange es kein Käse ist.

Kai Duhn

Schrank

Nachdem mich die selbsttätig aufklappende Tür meines Kleiderschrankes lange genug genervt hatte, verkeilte ich sie kurzerhand mit einer Antivirenprogramm-CD. Habe seither keinen Ärger mehr mit Motten, frage mich aber, wie das Teil sich updated.

Helge Möhn

St. Christophorus

Der Familienrat hatte beschlossen, daß an diesem Sonntag die Reihe an mir war, die Oma aus dem Pflegeheim abzuholen und (auf Besuch) zum Grab ihres Gatten zu bringen. Am kürzesten ging es über die Autobahn. Nach zwei Minuten Vollgas auf der Schnellstraße sagte meine Oma unvermittelt und entschieden zu mir: »Vergiß nie: St. Christophorus steigt bei Tempo 120 aus!« Das fand ich seltsam. Ich konnte mich nämlich dunkel an Familienausflüge vor etwa dreißig Jahren erinnern, bei denen sie vom Rücksitz gewarnt hatte, man solle langsam fahren, weil St. Christophorus bei Tempo 80 aussteige – diese Heiligen werden immer verwegener!

Kolja Klimm

Mein liebstes

handgeschriebenes Hinweisschild sah ich unlängst am Münzkopierer in meinem Postamt: »Kopierer aus technischen Gründen defekt.« Da war ich aber doch froh, daß es nichts Seelisches ist, denn so ein Postamtmünzkopierer muß sich den lieben langen Tag bestimmt allerlei Deprimierendes anschauen.

Jürgen Martens

Mutter!

Ich zeige meiner Mutter in der Zeitung die Besprechung eines Konzerts der Band Placebo. Das Foto zeigt laut Bildunterschrift den »Placebo-Sänger Brian Molko«. Darauf meine Mutter: »Placebo-Sänger? Singt der nicht selbst?«

Thomas Böhm

An die Mediziner unter den Lesern

Was ist für eine Allergie eigentlich ausschlaggebend?

Johannes Sammann

Önologischer Sieg

Den Leuten, die mich immer noch nicht für einen ausgemachten Weinkenner halten, möchte ich nicht ohne Stolz berichten, daß die billige Rotwein-Plörre, die ich seit Jahren trinke, auf den neuen Rewe-Aromakärtchen am Regal mit dem Prädikat »weinig« ausgezeichnet wurde.

Thomas Winkler

In der Mensa

»Die Eva, die studiert doch Psychologie.«

»Weiß ich.«

»Und der Freund von der Eva, der tickt manchmal total aus.«

»Hab schon gehört.«

»Und den läßt sie sich jetzt als Praktikum anrechnen.«

»Den Freund?«

»Ja, als Praktikum.«

»Und was sagt ihr Prof dazu?«

»Der ist doch ihr Freund.«

»Ach so.«

Lino Wirag

Das Boot

Mitten in Sydney, an einer Tankstelle, sah ich plötzlich den Kapitänleutnant Heinrich Lehmann-Willenbrock. Mir blieb nichts anderes übrig, als eben mal rüberzurufen: »Hey, wie cool! Uli Prochnow an der Tankstelle! Das muß das Boot aushalten!!«

Seine Antwort fiel dann eher nüchtern aus: »Erstens heißt der Jürgen Prochnow, und zweitens bin ich Paul Breitner.«

Frank Scheller

Seriös

Unvergeßlich bleibt mir der Moment, da mir eine notorisch gute, aber stets bankrotte Freundin erzählte: »Du, ich habe bei Easy Credit angerufen, und stell dir vor: Die sind wirklich seriös, die geben mir keinen Kredit!«

Christian Martin

Fernbeziehung

Meine Freundin hat mich verlassen. Unter einer Partnerschaft stelle sie sich viel Nähe, Zärtlichkeit, regelmäßigen direkten Kontakt und lange, intensive Gespräche vor. Eine E-Mail Beziehung, wie wir sie in den letzten Monaten geführt hatten, sei ihr einfach zu wenig, sagte sie und zog noch am selben Abend aus unserer gemeinsamen Wohnung aus.

Jürgen Marschal

Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Sicher, Matthew Healy,

dass Sie, Sänger der britischen Band The 1975, die Dinge einigermaßen korrekt zusammenkriegen? Der Süddeutschen Zeitung sagten Sie einerseits: »Ich habe ›Krieg und Frieden‹ gelesen, weil ich die Person sein wollte, die ›Krieg und Frieden‹ gelesen hat.« Und andererseits: »Wir sind vielleicht die journalistischste Band da draußen.« Kein Journalist und keine Journalistin da draußen hat »Krieg und Frieden« gelesen, wollten mal gesagt haben:

Ihre Bücherwürmer von der Titanic

 Guten Appetit, TV-Koch Alfons Schuhbeck!

Guten Appetit, TV-Koch Alfons Schuhbeck!

Nichts läge uns ferner, als über Ihren Steuerhinterziehungsprozess zu scherzen, der für Sie mit drei Jahren und zwei Monaten Freiheitsstrafe geendet hat. Etwas ganz anderes möchten wir ansprechen, nämlich Ihre Einlassung am zweiten von insgesamt vier Verhandlungstagen, während der Sie laut Handelsblatt »lang und breit über die Vorzüge« von Ingwer palaverten, »aber auch über Knoblauch, Kardamom oder Rosmarin«, bis Sie schließlich einsahen: »Ich könnte stundenlang über Gewürze reden, aber das ist wohl der falsche Zeitpunkt.«

Und ob das der falsche Zeitpunkt war! Mensch, Schuhbeck, die gute alte Gewürz-Verteidigung, die hebt man sich doch für ganz zum Schluss auf, die pfeffert man dem Gericht (!) nach den Kreuzkümmelverhören prisenweise entgegen. Wozu zahlen Sie denn gleich zwei Anwälten gesalzene Stundensätze? Bleibt zu hoffen, dass Sie bei der Revision die Safranfäden in der Hand behalten!

Die Gewürzmühlen der Justiz mahlen langsam, weiß Titanic

 Stillgestanden, »Spiegel«!

»Macht sich in den USA Kriegsmüdigkeit breit?« fragst Du in einer Artikelüberschrift. Ja, wo kämen wir hin, wenn die USA die Ukraine nur nüchtern-rational, aus Verantwortungsbewusstsein oder gar zögerlich mit Kriegsgerät unterstützten und nicht euphorisch und mit Schaum vor dem Mund, wie es sich für eine anständige Kriegspartei gehört?

Spiegel-müde grüßt Titanic

 Nichts für ungut, Tasmanischer Tiger!

Nachdem wir Menschen Dich vor circa 100 Jahren absichtlich ein bisschen ausgerottet haben, um unsere Schafe zu schützen, machen wir den Fehltritt jetzt sofort wieder gut, versprochen! Du hast uns glücklicherweise etwas in Alkohol eingelegtes Erbgut zurückgelassen, und das dröseln wir nun auf, lassen Dich dann von einer Dickschwänzigen Schmalfußbeutelmaus in Melbourne austragen, wildern Dich in Australien aus und fangen dann ziemlich sicher an, Dich wieder abzuknallen, wie wir es mit den mühsam wiederangesiedelten Wölfen ja auch machen. Irgendjemand muss ja auch an die Schafe denken.

Aber trotzdem alles wieder vergeben und vergessen, gell?

Finden zumindest Deine dünnschwänzigen Breitfußjournalist/innen von der Titanic

 Helfen Sie uns weiter, Innenministerin Nancy Faeser!

Auf Ihrem Twitter-Kanal haben Sie angemerkt, wir seien alle gemeinsam in der Verantwortung, »illegale Einreisen zu stoppen, damit wir weiter den Menschen helfen können, die dringend unsere Unterstützung brauchen«. Das wirft bei uns einige Fragen auf: Zunächst ist uns unklar, wie genau Sie sich vorstellen, dass Bürgerinnen und Bürger illegale Einreisen stoppen. Etwa mit der Flinte, wie es einst Ihre Bundestagskollegin von Storch forderte? Das können Sie als selbsternannte Antifaschistin ja sicher nicht gemeint haben, oder? Außerdem ist uns der Zusammenhang zwischen dem Stoppen illegaler Einreisen und der Hilfe für notleidende Menschen schleierhaft.

Außer natürlich Sie meinen damit, dass die von Ihrem Amtsvorgänger und der EU vorangetriebene Kriminalisierung von Flucht gestoppt werden müsse, damit Menschen, die dringend unsere Unterstützung brauchen, geholfen wird.

Kann sich Ihre Aussage nicht anders erklären: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Schwimmbäder

Eine chlorreiche Erfindung.

Alice Brücher-Herpel

 Vom Kunstfreund

Erst neulich war es, als ich, anlässlich des Besuchs einer Vernissage zeitgenössischer Kunst, während der Eröffnungsrede den Sinn des alten Sprichworts erfasste: Ein paar tausend Worte sagen eben doch mehr als nur ein Bild.

Theobald Fuchs

 Sprichwörter im Zoonosen-Zeitalter

Wer nichts wird, wird Fehlwirt.

Julia Mateus

 Heimatgrüße

Neulich hatte ich einen Flyer im Briefkasten: »Neu: Dezember Special! Alle Champions-League-Spiele auf 15 Flatscreens!!!« Traurig, zu welchen Methoden Mutter greift, damit ich öfter zu Besuch komme.

Leo Riegel

 Auf dem Markt

– Oh, Ihr Doldenblütler verkauft sich aber gut!
– Ja, das ist unser Bestsellerie!

Cornelius W.M. Oettle

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

  • 26.10.:

    Chefredakteurin Julia Mateus spricht über ihren neuen Posten im Deutschlandfunk, definiert für die Berliner-Zeitung ein letztes Mal den Satirebegriff und gibt Auskunft über ihre Ziele bei WDR5 (Audio). 

  • 26.10.:

    Julia Mateus erklärt dem Tagesspiegel, was Satire darf, schildert bei kress.de ihre Arbeitsweise als Chefredakteurin und berichtet der jungen Welt ein allerletztes Mal, was Satire darf. 

  • 26.10.:

    Ex-Chef-Schinder Moritz Hürtgen wird von Knut Cordsen für die Hessenschau über seinen neuen Roman "Der Boulevard des Schreckens" interviewt (Video) und liest auf der TAZ-Bühne der Buchmesse Frankfurt aus seiner viel gelobten Schauergeschichte vor (Video). 

  • 19.10.:

    Stefan Gärtner bespricht in der Buchmessenbeilage der Jungen Welt Moritz Hürtgens Roman "Der Boulevard des Schreckens".

  • 12.10.: Der Tagesspiegel informiert über den anstehenden Chefredaktionswechsel bei TITANIC.
Titanic unterwegs
04.12.2022 Enkenbach-Alsenborn, Klangwerkstatt Thomas Gsella mit den Untieren
06.12.2022 Kassel, Staatstheater Hauck & Bauer mit Kristof Magnusson
06.12.2022 Frankfurt am Main, Club Voltaire TITANIC-Nikolaus-Lesung
08.12.2022 Köln, Senftöpfchentheater Moritz Hürtgen