Titanic
»Wie, worüber gelacht wird, hat teil an der historischen Dynamik der Gesellschaft. Gegenwärtig integriert Lachen zwangshaft, was aus dem sozial gesteckten Rahmen herausfällt.«Theodor W. Adorno
»Die Leute sind nicht mehr locker. Sie sind sehr verunsichert. Sie fragen sich bei jedem Satz: Dürfen wir darüber überhaupt noch lachen?«Gerd Dudenhöffer
Vielleicht ist es kein ganz schwaches Indiz für den Bedeutungsverlust von Literatur, dass das Genre der Literaturparodie so gut wie ausgestorben ist. Vor hundert Jahren konnte Robert Neumann mit seinen »Fremden Federn« zum Star werden (eine Gesamtausgabe erschien noch 1969), als der Kanon nicht lediglich eine Forderung der Bildungspolitik war, sondern etwas, was Leuten mit höherer Schulbildung ganz selbstverständlich zur Verfügung stand. Das ist vorbei, und als wirklich klugen Schachzug darf man die Idee des Comedy-Autors und Journalisten Lorenz Meyer werten, die Weihnachtsgeschichte vierundzwanzigmal nachzuerzählen, »frei nach Thomas Mann, Astrid Lindgren, Mark Twain« und 21 anderen: »Wie Jesus das Lübecker Marzipan erfand« (Rowohlt Taschenbuch). Denn die Weihnachtsgeschichte ist ja noch halbwegs präsent und wäre gewissermaßen die Brücke, die ins weitere Land der Literatur führte.
Wie es aber generell ein Problem heutiger Literatur ist, dass sie Inhalt mit Form drapiert, und dann noch notdürftig – wer’s nicht glaubt, sehe etwa in Jan Weilers neuen Roman »Munk« (Heyne) hinein –, so wird es zum Problem der Parodie, wenn sie über den Inhalt kommt. Erstens ist der hier vierundzwanzigmal dergleiche, und zweitens begnügt sich der Parodist Meyer mit Grobsignalen, zumal inhaltlichen: Thomas Mann spielt im Kaufmannsmilieu, wo der Konsul aus einem »Schlummer« erwacht, Tom Sawyer hat in Bibelkunde sowenig Ahnung »wie ein Fisch vom Baumklettern«, bei Franz Kafka stehen Josef und Maria »vor dem düsteren Portal des Amts für Herbergsangelegenheiten«. Das ist nämlich das, was von Literaturkenntnis übriggeblieben ist: Twain humorig, Kafka düster/Bürokratie, Thomas Mann = Konsul und Sprache von gestern. Dass das formal mit Twain, Mann und dem (möglicherweise ganz unparodierbaren) Kafka dann weiter nichts zu tun hat, versteht sich, und probiert es Meyer naheliegenderweise mit dem Kollegen Tucholsky, schreibt er nicht wie Tucho 1924, sondern wie Meyer 2024: »Aber, und das ist der Clou, … hegen Sie insgeheim immer einen Plan B.« Auch Lindgren schreibt Zeitungsdeutsch: »Die Sonne schien, und Pippi hatte beschlossen, dass dies der perfekte Tag sei, um aufs Dach zu steigen«. Dass die Anverwandlung beim zeitgenössischen Quatschkopf Coelho ganz gut gelingt, passt ins Bild; dass Ringelnatz und Wilhelm Busch zu Knittelversdichtern werden, allerdings auch: »Oh hört, was man nicht selten findet / von einem Paar, das sich mit List verbindet / Zum Beispiel dieses, wohlbekannt, / Als Maria und Josef, im ganzen Land.« Weniger Busch geht nicht, und auch hier hat’s keinen gekümmert.
Was uns zu dem perfekten Clou führt, dass Meyers Buch nur darum in der Welt ist, weil es nicht klüger ist als sie, und wäre es das, wäre es nicht in der Welt. Vielleicht auch das kein ganz schwaches Indiz für den Bedeutungsverlust von Literatur.