Februar 2026

»Schreiben ist zudem lustig, weil man Witze machen, die Dinge ins Groteske steigern kann. Diese Mischung aus Wahrhaftigkeit und Humor ist für mich ideal.«
Raphaela Edelbauer

Nichtheldenepos

Vor einem Jahr ist Wolfgang Becker, der die Riesenerfolgskomödie »Good Bye, Lenin!« inszeniert hat, gestorben, und die so ziemlich einzige negative Kritik, die es vor 23 Jahren in die Presse schaffte, stammte nicht von mir, dem zufriedenen Zuschauer (West), sondern meinem Kollegen Benjamin Schiffner, der sich per Gastbeitrag erst über mein Lob, dann über den »ahnungslos gaffenden Blick« und ein »DDR-Klischeebild als Realismus« erregte, »das in Wahrheit essentieller Bestandteil einer ehemaligen bundesdeutschen Wirklichkeit ist. … Als Zuschauer (ehemals Ost) muss man sich solchen infantilen, feigen und staatstragenden Quatsch natürlich nicht angucken; man hat schließlich 40 Jahre lang genug davon erdulden müssen.«

Die Erledigung habe ich nie vergessen und wollte mir Beckers letzten Film »Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße« eigentlich nur ansehen, um ihn an Schiffners Philippika zu messen; denn die Lust an der DDR als Schreck- und darin Gegenbild einer westlich »heilen Welt« (Schiffner) ist ja so ungebrochen, dass die Stasi-Romane längst auch von Nachgeborenen verfasst werden, die dann durch erratisches Vokabular wie »bespaßen« und »lecker« immerhin mitteilen, wie viel Wahrheit in solchen Bemühungen steckt.

Überrascht war ich nun, dass Beckers Abschiedsfilm, der auf dem Bestseller des in Ost-Berlin geborenen Autors Maxim Leo basiert, gewissermaßen Wiedergutmachung betreibt, wenn aus einem ehemaligen Reichsbahner und heutigem Loser-Videothekar vom Prenzlberg der Held einer »Massenflucht« aus der DDR wird – und zwar nicht, weil es wahr wäre, sondern weil sich die Story zum 30. Jahrestag des Mauerfalls so gut verkauft. 127 Menschen saßen 1984 in der (von Leo erfundenen) S-Bahn, die eine falsch gestellte Weiche von Berlin-Ost nach Berlin-West schickte, und dass 120 Menschen am selben Tag wieder in ihre sozialistische Heimat zurückkehrten, interessiert weder einen karrieregeilen Journalisten noch die hohe Politik, die auf die Freiheitserzählung ja genauso angewiesen ist. Dass derlei im Mainstream dekonstruiert wird, ist zwar weniger mutig denn ein Indiz dafür, dass der Realsozialismus (dessen Charme noch der Film-Bürgerrechtler so zusammenfasst: keine Arbeitslosen, keine Obdachlosen, kein Tiktok) nicht mal mehr als Idee eine Gefahr darstellt, und wie teuer die Gemütlichkeit erkauft war (Stasi), bleibt natürlich unbedingt präsent. Aber man ist ja für jedes bisschen Aufklärung dankbar, und die grobe Satire aufs herrschende Geschichtsbild (als Geschichtsbild der Herrschenden, setzen, Eins!) ist, weil alle Weichen korrekt gestellt sind, keine komödiantische Idealbedingung, hat aber ihren Unterhaltungswert, was neben der Besetzung – von Charly Hübner über Christiane Paul bis Peter Kurth als Stasi-Plauze in der Badehose – dem Vergnügen am vergleichsweise schlechten Westbild geschuldet ist. Die 4K-Version hat man ja weiß Gott über.