Briefe an die Leser | Januar 2008


Heda, Konzernbosse!

Seit Jahren droht Ihr uns damit, ins Ausland abzuwandern, dort Fabriken zu errichten und mal so richtig billig arbeiten zu lassen – wann endlich, erlauben wir uns zu fragen, ist’s denn nun soweit? Daß Ihr da hingeht und – bleibt?

Mit Grüßen in die möglichst ferne Ferne:

Titanic

Heilige Scheiße, Inga Griese!

In einer von Ihnen verantworteten Welt-am-Sonntag-Beilage zum Weihnachtsfest durften Sie sich für die Wand des nächsten Revolutionstribunals empfehlen: »Es begab sich aber zu der Zeit, daß wir überlegten, wie wohl die Protagonisten der Weihnachtsgeschichte in der heutigen Zeit aussehen würden ... Das Ergebnis sehen Sie auf dem Cover und in der kurzen Modestrecke im Heft.« Und siehe, wir haben gesehen: Hirten in Prada-Hosen, der Erzengel in schwarz glänzenden Gucci-Leggins, »Maria und Baby: Cape – Jil Sander, Kleid – Prada«; die Heiligen Drei Könige in Louis Vuitton, »als Gaben: goldene Tasche – Gucci, Schmuck von Bulgari« sowie »Ascent-Ti-Handy und Ascent-Ferrari-limited-Edition-Handy – Vertu«. Vielleicht noch mit Freisprecheinrichtung, damit Jesus am Kreuz seinen Dad anrufen kann: »Mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Und apropos verlassen: Wann haben Sie, einigermaßen unverehrte Inga Griese, Ihre guten Geister…? Hm?

Sagen Sie’s bloß nicht den Protagonisten von

Titanic

Daniela Schily und Jürgen Sorges!

In Ihrem Bulgarien-Reiseführer schreiben Sie über den Hinrichtungsfelsen auf dem Zarevez-Hügel in Veliko Tarnovo: »Hier wurden die unbequemen Straftäter kurzerhand von einem steilen Felsen in die Jantra geworfen (tägl. 8 – 19 Uhr)« – auch sonn- und feiertags? Ohne Mittagspause? Und was passierte mit den bequemen Straftätern?

Fragt sich und Sie kurzerhand:

Titanic

Interessante Einblicke, Jockel Fischer,

sind das, die Ihre schicke neue »Montagskolumne« bei Zeit online unter dem Titel »Gegen die Wand« in die Taxifahrerausbildung Mitte der 70er Jahre bietet: »Unsereins lernte noch anhand eines Gedichtes von Friedrich Schiller, daß sich im alten Babylon finstere Ereignisse per Flammenschrift an der Wand anzukündigen pflegten. In unseren Tagen bedarf es dazu allerdings keines jenseitigen Aufwandes mehr, sondern es reicht der tägliche Blick in die Nachrichten.«

Wohl, wohl – um auf »Und sieh! und sieh! an weißer Wand / Da kam’s hervor, wie Menschenhand« zu stoßen, bedarf es in unseren Tagen tatsächlich nicht mehr des jenseitigen Aufwands des Auswendiglernens, sondern eines Blicks auf Freund Google. Und der verrät obendrein gar noch das Pseudonym, unter dem Schiller sein Gedicht »Belsazar« schrieb: Heinrich Heine.

Aber wer will in finsteren Zeiten schon eine Leuchte sein, gell?

Ihre Magier von der

Titanic

Kai Diekmann!

Genau 256 Seiten mußten Sie mit Moralmatsche vollmachen, bis Sie im allerletzten Absatz Ihres Buchs »Der große Selbst-Betrug. Wie wir um unsere Zukunft gebracht werden« endlich auf den Punkt kommen. Unter der an sich schwer ironisch ge­meinten Kapitelüberschrift »Lob der Achtundsechziger« bricht am Schluß doch der heilige Ernst des Bild-Chefredakteurs durch: »Schon in der Kommune 1 wurden die Toilettentüren ausgehängt, und der Hang zu Selbstanalyse und Bekenntnis, zur Veröffentlichung des Intimen, zur schauprozeßhaften Selbstdarstellung lebt noch heute fort. Von ihm haben vor allem die Medien profitiert … Zumindest in dieser Hinsicht bin ich daher den Achtundsechzigern zu Dank verpflichtet.« Auch auf die Gefahr hin, bei Ihnen offene Latrinentüren einzurennen: Ein halbes Jahrhundert Anti-Bild-Literatur hat es nicht vermocht, die Essenz Ihres Blattes derart elegant und prägnant auf den Begriff zu bringen: die Zeitung vom Scheißhausschnüffler für Scheißhausschnüffler. Zumindest in dieser Hinsicht sind wir Ihnen daher zu Dank verpflichtet.

Immer alle Türen in der Angel:

Titanic

Studentenwerk in Aalen!

Sag uns doch bitte, welchem Carl Schneider Du die Ehre zuteil kommen ließest, eines Deiner Studenten­wohnheime mit seinem Namen zu schmücken: War es der Psychiater und Professor an der Universität Heidelberg, der unter Hüttler sowohl die Verhütung durch Unfruchtbarmachung als auch Maßnahmen zur Euthanasie, mit der Morde an psychisch Kranken zum Bestandteil der psychiatrischen Regelversorgung gemacht werden sollten, fleißig mitpropagierte? Oder war’s der Theologe Carl Schneider, der Professor zu Königsberg war und ab 1939 seine Mitarbeit am dortigen Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben erklärte? Oder doch ein dritter, weniger verdienstvoller Carl Schneider, der weder uns noch Google bekannt ist?

Sag’s bitte Deiner

Titanic

E wie Einfach GmbH!

Einen Cent pro Kilowattstunde Strom kann man bei Dir sparen, und tatsächlich: In einem Deiner Werbespots watet ein Kunde durch eine kniehohe Schicht Ein-Cent-Münzen. Hmm, mal sehen: Um eine Fläche von 14 qm einen halben Meter hoch mit Ein-Cent-Stücken zu bedecken, bräuchte man ca. 16 Millionen Centmünzen. 16 Millionen Kilowattstunden Strom entsprechen so in etwa dem Jahresverbrauch einer Kleinstadt mit 3 000 Einwohnern. Ein normaler Drei-Personen-Haushalt verbraucht knapp 4 000 kWh im Jahr, 4 000 Centstücke ergeben eine Fläche von gerade mal einem Quadratmeter; das reicht nicht mal zum Stapeln!

Mit einem Wort, E wie Einfach GmbH: Das stimmt doch alles hinten und vorne nicht. Da bleiben wir doch lieber bei dem Ökostromanbieter unseres »Vertrauens«.

Mit Gruß von T wie

Titanic

Und Sie, Marcel Reich-Ranicki (87),

sind also sauer bzw. haben »ein ernstes Problem«, denn Sie drängen auf die baldige Verfilmung Ihrer Autobiographie: »Mein Buch ›Mein Leben‹ ist in der Hand der Produzentin Katharina Trebitsch, aber das Projekt dauert und dauert und kommt nicht voran.«

Na dann freuen Sie sich doch – die Verfilmung Ihres Lebens wird offensichtlich authentisch!

Titanic

»Spiegel online«!

»Die SPD will raus aus dem 30-Prozent-Turm und wieder Volkspartei werden.« Uns würde interessieren: Wo liegt denn dieser Turm? In der Nähe des Elfenbein-Kellers?

Grüße aus eben dem!

Titanic

Jolie, Angelina!

In der Spiegel-Rubrik »Personalien« war das obligatorische Tittenbild neulich von Ihnen. Genauer: von dem splitternackten Auftritt im Film »Die Legende von Beowulf«, in dem Ihr Computer-Double nichts weiter als ein ganz klein wenig Blattgold am edlen Hollywood-Körper trägt. Und genau darum dürfen Ihre Kinder diesen Film nicht sehen: »Ich finde nicht, daß sie ihre Mutter so sehen sollten. Zu Hause laufe ich nicht so herum. Ich habe Jungs.«

Kann ja, Jolie, sein, daß Sie zu Hause den ganzen Tag eine aus ­einem alten Handtuch genähte Strandumkleide tragen und im Gesicht eine große dicke Sonnenbrille, damit ­Ihre Jungs Sie nicht so sehen, wie sie Sie eben nicht sehen sollen. Aber ein ganz klein wenig wundern tut uns das schon: Unsere Mütter haben wir hin und wieder auch mal nackich gesehen und uns im Alter von sechs oder acht Jahren nichts und nochmals nichts daraus gemacht, denn so und nicht anders sahen sie halt aus, unsere Mütter. Aber in Ihrem Fall ist das natürlich auch ein wenig anders, denn den Großteil Ihrer mittlerweile ins Unüberschaubare sich geweitet habenden Kinderschar ­haben Sie ja in aller Welt zusammen­adoptiert: Und vor Fremden zieht man sich nun mal nicht aus, nicht wahr?

Ihre Jungs auf der

Titanic

Und da, Ratzinger,

dürften Sie selbst überrascht gewesen sein, wie gut sich der weltanschauliche Tinnef, den Sie zeitlebens verkauft haben, inzwischen absetzt. Als nämlich vor kurzem 15 vermummte Polizisten mit Maschinenpistolen und schußsicheren Westen auf das Grundstück eines unbescholtenen Familienvaters in der Nähe des bayerischen Burghausen stürmten, dort jeden Raum einzeln nach terroraffinem Gelichter durchsuchten, den Mann festnahmen und, während sein Haus durchsucht ­wurde, fünf Stunden lang arretierten, ihn dem obligatorischen Speicheltest unterwarfen und streng verhörten: da geschah das keineswegs, um mit ­A-Bomben herumdokternde Terroristen, die Mafia oder gar den Porsche-Vorstand zu verhaften. Sondern, haha: ad maiorem Dei gloriam! War doch zwei Tage zuvor im Nachbarort Marktl am Inn das Geburtshaus Ihro Heiligkeit mit blauer Farbe bespritzt worden, und gegen besagten Herrn bestand ein ganz konkreter Anfangsverdacht, weil er im Wartezimmer einer Arztpraxis zu einem anderen Patienten gesagt hatte, daß die 40 Millionen, die der Papstbesuch koste, besser hätten verwendet werden können – und also durchaus des Landesverrats schuldig war.

Daß Sie, Ratzinger, als ehemaliger Vorsitzender der vglw. zahmen Inquisitions-Nachfolgeorganisation »Kongregation für die Glaubenslehre« nun doch noch ein paar hauseigene Häretikerjäger bekommen und Zeuge einer geradezu polnischen Rechristianisierung werden dürfen – hätten Sie’s gedacht?

Soviel Anfang war nie:

Titanic

Da hat also, Amy Winehouse,

Dein Manager Thom Stone gekündigt, weil er im Tourbus immer passiv das von Dir konsumierte Heroin rauchen mußte. Ja: hättest Du ihm nicht wenigstens ein bißchen was abgeben können?

Stets »aktiv«:

Titanic

Und sag noch mal, »Süddeutsche«!

Ist es nicht ein bißchen schäbig und unverschämt anspielungsreich, ein Interview mit dem frischgebackenen Arbeits- und Sozialminister folgendermaßen einzuleiten: »Das Ministerzimmer ist frisch gestrichen, die Bilder und Fußbälle von Vorgänger Müntefering sind verschwunden – etwas kahl wirkt das neue Büro von Olaf Scholz noch«?

Gutgekämmte Grüße aus gutfrisierten Büros!

Titanic

Und apropos Scientology, Will Smith!

Sie haben also von Tom Cruise »viel Interessantes« über die geist­reichen Lehren der Scientologen erfahren und überlegen nun »ernsthaft«, dieser Truppe beizutreten. Warum auch nicht – des Menschen Wille ist sein Himmelreich, nicht wahr? Schön aber Ihre Zurückweisung der öffentlichen Kritik an Hubbards Spinnerverein: Die verstünden Sie, Smith, nicht, denn »98 Prozent der Grundsätze von Scientology sind identisch mit den Grundsätzen der Bibel«. Aber sehen Sie’s mal so: Ein besseres Argument gegen Sciento­logy gibt es doch gar nicht!

Ihre Sektierer auf der

Titanic

Hochverehrter Olaf Scholz!

Als Arbeits- und Sozialminister spielen Sie jetzt endlich wieder die Rolle, die Ihnen gebührt. Kurz vor Ihrer Vereidigung wurden Sie von Spiegel online gefragt, ob die sog. Sozialdemokratisierung des politischen Systems nicht eine Bedrohung für die SPD sei, und Sie antworteten: »Wir werden jetzt nicht den Fehler machen und hektisch auf die anderen reagieren, die sich auf uns ­zubewegen. CDU fängt mit C an, Camouflage auch – das wissen die meisten Menschen.«

Abgesehen davon, daß die meisten Menschen das Wort »Camouflage« nicht mal buchstabieren könnten: Wußten Sie denn nicht, daß ­schiefe Vergleiche, Schönfärberei und Schwach­sinn allesamt mit Sch anfangen?

Schön, daß Sie wieder da sind!

Titanic

Max.de!

So hast Du neulich Werbung für Heidi Klum gemacht: »In einem neuen Victoria’s-Secret-Video setzt sich das deutsche Topmodel intensiv mit seinem Busen auseinander« – wie interessant! Und das Beispiel macht hoffentlich Schule: »In Ihrem neuen Hardcorevideo setzt sich Ivana Geilova intensiv mit diversen Penissen auseinander« –

so machen Auseinandersetzungen Spaß!

Deine Topmodels auf der

Titanic

Tom Cruise!

Spätestens seit Ihrem grandiosen Auftritt bei der Bambi-Verleihung sind wir vollkommen davon überzeugt, daß Sie wie kein anderer geeignet sind, der Deutschen liebsten Widerstandskämpfer, den gescheiterten Hitler-Attentäter und deutschnationalen Trottel Stauffenberg zu geben: Sie erschienen mit ordentlich gescheiteltem Haar, ließen sich von Frank Schirrmacher einen »Courage-Bambi« verleihen und für die deutsche PR einspannen: »Durch seine Entscheidung, Graf Stauffenberg sein Gesicht zu leihen, wird Tom Cruise das Bild, das die Welt sich von uns Deutschen macht, verändern« und hielten anschließend Ihrerseits eine viertelstündige Rede über Tapferkeit, Mut und Leistungsbereitschaft, welche Sie selbstverständlich mit den berühmten letzten Worten Stauffenbergs beendeten: »Es lebe das heilige Deutschland!«

Dem einen oder anderen älteren FAZ-Abonnenten werden die Tränen gekommen sein; und auch in uns stieg etwas hoch, von ganz tief drinnen. Aber Tränen, nein, Tränen waren’s nicht.

Ihre supergeheimen Deutschen von

Titanic

Und wehe, Journalisten,

auch nur einer von Euch kommt auf die Idee, auch nur einen einzigen weiteren Artikel über allfällig geänderte Meinungen in Sachen Klimaschutz zu überschreiben mit »Klimawandel in Bali« bzw. »Klimawandel bei Merkel«, denn dann ... ja dann! Gibt’s einen Satz furchtbar heiße Ohren von

Titanic

Und noch was, Aminati:

Wie geht es eigentlich zusammen, daß Sie einerseits in Pro Sieben-Spots namens »Gib CO2ntra« dazu auffordern, den CO2-Ausstoß zu senken, andererseits in einem anderen Spot für ein Wintersportgewinnspiel den Gewinn eines »Hummer«-Geländemonsters im Wert von 49 000 Euro anpreisen, das etwa die CO2-Bilanz eines afrikanischen Kleinstaates hat?

Verraten Sie’s beizeiten Ihren Lieblingsschülern auf der

Titanic

Sie nun, Daniel Aminati,

sind ehemaliges Model, Ex-Mitglied der mit »Bed & Breakfast« dämlichstmöglich benamsten Boygroup des gesamten Sonnensystems und außerdem gewesener Schauspieler in diversen verbraucherflachen TV-Movies. Mit solch einer Biographie kann man nur noch eins werden: ­Moderatorendarsteller des ­Pro-Sieben-Wissensmagazins »Galileo«. Laut Interview auf der Homepage des Unterföhringer Unterhaltungskanals reizt Sie konkret an »Galileo«, »daß man hier abends nach Hause geht und etwas dazugelernt hat«, und das sind dann so Sachen wie Gebraucht­wagenverkauf, Herstellung von Sandwiches mit den Füßen, ­Waffel-Wett­essen, Schrottmopeds bauen, das perfekte Frühstücks­ei, Grubenkäse selbermachen und was Sie und »Galileo« eben noch so tagein, tagaus in die Wohnzimmer der Käsesüchtigen senden. Die, Daniel Aminati, leider sehr viel weniger dazulernen, als Sie glauben.

Nach Diktat nach Hause:

Titanic

Wenig verehrter Hans-Werner Sinn!

Ehrlich gesagt wissen wir nicht, was gräßlicher ist: Ihr alberner Gesichtspullover oder doch Ihre armselige neoliberale Litanei: »Mit Ungerechtigkeit lebt es sich besser.« Eine interessante Idee. Sollte man Sie als Präsident des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung unter einem Vorwand Ihrer Wahl entlassen und Sie nach Jahresfrist als Hartz-IV-Empfänger nachts von S-Bahn-Bänken kratzen lassen, was anderen Menschen so durch den Kopf gegangen ist, dann wäre das ein doch nur gerechter Lohn für Ihre jahrelange Maulhurerei – und damit lebte aber wer viel besser?

Stets zu Diensten:

Titanic

Hallo, Bon Jovi!

Tatsächlich geistert Ihr noch in der Weltgeschichte rum und tretet mit Eurer neuen Trash-Hit-Sammlung »Lost Highway« u.a. am 29. Mai in der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg auf, was jetzt schon großartig beworben wird: »The lost highway leeds to Stuttgart« – Ihr wißt ja gar nicht, wie recht Ihr habt!

Jedenfalls ausnahmsweise.

Titanic

Claudia Roth!

Auf Spiegel-TV durften Sie eine geschlagene Minute für die Türkei schwärmen, wobei Ihre Begeisterung selbst die Grammatik erschütterte: »Türkei ist für mich zweite Heimat. Ich mache seit 20 Jahren Türkei-Politik. Das ist viele Jahre. Und ich liebe die Menschen in der Türkei, und ich liebe die Konflikte in der Türkei. Es gibt immer wieder Probleme, immer wieder Konflikte. Mir gefällt Sonne, Mond und Sterne. Mir gefällt Wasser, Wind; mir gefallen Börek – ich kann gute Börek machen...« Tja, wer verliebt sich nicht gern in Konflikte, aber geht’s nicht eine Spur konkreter? »Ich liebe die Kurdenfrage, und ich liebe den islamischen Fundamentalismus. Mir gefällt Armut, mir gefällt Ehrenmord. Es gibt immer wieder Armut, immer wieder Ehrenmord.« Da man sieht, wie schnell sich bei Ihnen, Claudia Roth, Erfahrung in Befähigung niederschlägt, haben Sie bitte Verständnis dafür, daß wir, auch wenn Sie evtl. schon seit 20 Jahren Börek machen und das viele Jahre ist, lieber nicht probieren.

Bleibt diesmal beim Döner:

Titanic

Weltgeist!

Läßt Du etwa nach? Daß, wie dem Tagesspiegel zu entnehmen war, zwei jugendliche Komasäufer, nämlich zwei Mädchen von 13 und 14 Jahren nach einer zünftigen Zecherei »hilflos auf dem Rasen im Wermuthweg lagen« – dann aber eben nicht mit der Limo ins Krankenhaus Seltersstraße gefahren wurden: das ist schon eine vergleichsweise schwache Vorstellung. Wirst Du allmählich alt?

Mit einem Wermuthströpfchen:

Titanic

Campino!

Wie wir hörten, hadern Sie schwer mit Ihren deutschen Wurzeln und gestehen zerknirscht, daß Sie deutscher wären, als Sie früher je zugeben wollten, denn Deutschsein, das ist: »Eine gewisse Schwere, ein Sich-Gedanken-Machen über zu viele Dinge.« Also, Campino, in diesem Punkt können wir Sie beruhigen: Sie sind, Ihre Definition zugrundegelegt, derart undeutsch, daß es selbst Gremliza freuen würde!

Ding-dong:

Titanic

»Zeit Leben«!

Neulich, als uns einmal langweilig war, griffen wir uns Deine Ausgabe Nr. 49, blätterten, stutzten, begannen zu rechnen: zwei, drunter tust Du es ja nicht, Titelbilder zum Thema Uhr plus eine Cartier-Uhrenanzeige plus eine Doppelseite Anzeige für Patek-Philippe-Uhren plus eine Seite Anzeige für »die Welt des Schmucks« in Pforzheim (gesponsert von Chopard, Fabergé u.a.) plus eine Seite Anzeige von Maurice-Lacroix-Uhren, eine von Chopard, vier redaktionelle Seiten über Uhren als Wertanlage, fünf redaktionelle Seiten über Uhrmacherinnen (»Wenn beim Glashütter Luxusuhrenhersteller Lange & Söhne etwas technisch Anspruchsvolles entwickelt werden soll, ist das eine Aufgabe für Annegret Fleischer«), darin eine Seite Anzeige für Omega-Uhren, eine Seite Anzeige für Wempe-Schmuck, sechs redaktionelle Seiten über den Schmuck der Hollywood-Diven (»Die junge Bardot brilliert mit Ohrringen von Chanel für 1460 Euro«), eine und zwei Drittel Seiten Anzeigen für Schmuck von Tchibo und auf der Rückseite eine Seite Anzeige für Nomos Glashütte-Uhren, macht summa summarum sieben Seiten Uhrenanzeigen, elf redaktionelle Seiten über Uhren, fast vier Seiten Schmuckanzeigen und sechs redaktionelle über Schmuck. Von dem Hinweis auf Deine Online-Dépendance im Inhaltsverzeichnis (»Uhren: Wo liegt das ›Tal der Uhrmacher‹? Testen Sie Ihr Wissen!«) mal ganz zu schweigen.

Da haben wir mal ein Quiz für Dich, Zeit »Leben«: Was ist das? Es macht nicht mehr ganz richtig tick-tack, und wenn es runterfällt, dann weil wir nicht anders können, als eine solchermaßen vorbildliche Vermischung von redaktionellem und Anzeigenteil diretissima ins Altpapier zu befördern?

Antwort bitte keinesfalls an

Titanic

Und apropos, Olle Wagner!

Man sollte ja meinen, daß Sie, Franz Josef Wagner, mit Ihrem Job als Bild-Kolumnist aus Ihrer Sicht ein reichlich großes Los gezogen hätten, denn die finanziell schlechter als Sie gestellten Analphabeten könnte man an den Fingern eines Elefanten im Porzellanladen abzählen. Und dennoch quält Sie der Neid auf mögliche Lottogewinner: »Ich bin übellaunig. Was ich denke in der Schlange der Tipper ist nicht druckfähig. Mein Charakter verschlechtert sich von Jackpot zu Jackpot. War ich noch bei 30 Millionen eine sanfte ­Seele, wünsche ich jedem Tipper heute die Pest, er ist ein Störungsfaktor zu meinem Glück.«

Zu Ihrem Glück, Wagner, läuft in der Unterschicht unserer Gesellschaft eine Verlegerin frei herum, die Ihren Gedankenschrott trotzdem für druckfähig hält, und zu Ihrem noch größeren Glück werden Sie niemals begreifen, weshalb sich unsereinem bei der Lektüre Ihrer kühnsten Formulierungen (»er ist ein Störungsfaktor zu meinem Glück«) die Plomben lockern und die Zehennägel einwärts aufstellen.

Sie wissen wirklich nicht, wie gut Sie’s haben.

Weiterträumen!

Titanic

Wenn es, Benjamin von Stuckrad-Barre,

schon etwas länger her ist, daß man von einem etwas gehört hat, der seine Karriere als Popjournalisten­autor o. s. ä. schwer geräuschvoll begonnen hat, dann ist es geradewegs eine heiße Agenturmeldung, daß derjenige – also Sie – ab pünktlich Neujahr 2008 exklusiv für die Axel Springer AG tätig sein wird. Und zwar »vor allem für B.Z., Die Welt und Welt am Sonntag«.

Schön, Sie haben Ihr neues Stammblatt mal »das Berliner Pittbullblatt B.Z.« genannt und schrieben über Figuren wie F. J. Wagner und dessen »perfide Artikelform Brief«, diese »moralischen Erektionen«, sowie »Bilds Rampendichterin Hier-klatscht-Katja-Kessler«, der wir »viele herzerfrischend menschenfeindliche Neologismen« wie z.B. das »Spindluder« zu verdanken hätten sowie den »Text unter den Frauen«, »diesen täglichen Irrsinn«. Und Sie haben zu Recht gefragt, wie es denn sein könne, daß eine Zahnärztin so schreibt wie ein »verschwitzter Koloß, der es im Auftrag der Leserschaft nötig hat … Wer hat dich so versaut, Katja?«

Aber schon in diesen Texten fand sich, bei aller Ablehnung, auch Faszination fürs Schmuddelige. Und wenn man dann noch strikt nach der modernisierten Falcoschen Lebensregel »Wer sich an die 90er erinnern kann, ist nicht dabeigewesen« lebt, was schert einen dann sein Geschreibe von gestern? Und was den Gestank im Hause Springer angeht: Dank des schlechten Zustands Ihrer, Stucki, Nasenschleimhaut wird der Ihnen bestimmt gar nicht auffallen.

Viel Spaß mit der Rohrpost von Wagner wünscht

Titanic

Udo Jürgens!

Sie haben also »nicht mehr Lust wie früher, ständig in irgendeiner Form Körperlichkeit zu erleben«, erklärten Sie der Welt am Sonntag: Die Leidenschaft lasse mit 73 nach. Tröstlich stimmt aber, daß Sie wenigstens noch vom »Aufstehen mit steifen Gliedern« zu berichten wußten –

und also noch nicht alles verloren ist.

Heut’ mal pubertär:

Titanic

Aktuelle Cartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Sylt Marketing Gesellschaft!

Du machst auf dem Festland mit dem Slogan »Sylt macht sychtig« auf die umrissbekannte Nordseeinsel aufmerksam. Und ja, sie hat noch mehr negative Eigenschaften! Sylt ist syndhaft teuer, das Publikum dort verhält sich dynkelhaft. Ja, die ganze Ynsel ist bei genauerer Betrachtung das reinste Shythole, ein Besuch dort kompletter Unsynn!

Steht fürs nächste Brainstorming gerne bereit: Titanic

 Sänger Max Mutzke!

Sänger Max Mutzke!

Zum Thema Klimawandel und Verkehr klagten Sie im Interview: »Es gibt bei uns eine Verbindung, da fahr ich 10-12 Minuten mit dem Auto hin. Weil der Ort aber auf dem Berg liegt, fährt der Bus mehrere Stationen an und es dauert fast zwei Stunden. Aber da arbeiten Leute.«

Wir wissen nicht, wie der Berg, auf dem Sie wohnen, beschaffen ist und wer dort die Busrouten plant. Aber mal angenommen, Sie würden wegen der langen Busfahrt den einen oder anderen Auftritt verpassen, wäre das nicht ein weiterer Grund für die »Öffis«?

In diesem Sinne: Go green!

Titanic

 Was ist da los, deutsche Medien?

»Die radikalen Impfgegner vom Alpthal« besuchte der Spiegel und fragte dazu mit brennendem Reporterehrgeiz bereits im Teaser: »Nun verweigerte ein Dorf gar dem Impfbus die Einfahrt. Was ist da los?« Gute Frage. Der auch die Taz nachgeht: »Im Schwarzwaldkreis Rottweil sorgen Impfgegner für gereizte Stimmung. Was ist da los?« Womöglich Ähnliches wie im Nordosten. Die B.Z.: »Was ist da los? Corona-Lage in Brandenburg doppelt so schlimm wie in Berlin«. Aber nicht nur im Zuge der Pandemie verlangt überraschender Tumult nach unverzüglicher Aufklärung: »Was ist da los? Bei Bella Hadid fließen Tränen« (N-TV); »Was ist da los? Anouar wurde bei The Voice disqualifiziert« (Berliner Kurier); »Was ist da los? NFL-Superstar schon wieder verletzt«. Gut, dass Bild sich der Sache annimmt, denn die FAZ ist gerade mit Wichtigerem beschäftigt: »Die neue Apple Watch 7 ist angekündigt, aber Garmin hält sich bei seinem Top-Produkt zurück. Was ist da los?«

Der, die, das, / wer, wie, was / wieso, weshalb warum? / Wer nicht fragt, bleibt dumm – sicherlich. Wer allerdings immer dasselbe fragt, auch.

Überfragt: Titanic

 Liebe Alte,

»Drogenhandel und Abzocke von Senioren« titelte kürzlich die Braunschweiger Zeitung. Also, dass Ihr abgezockt werdet, finden wir natürlich echt doof, aber: Wie läuft es denn so mit der Rentenaufbesserung durch den Drogenhandel?

Fragt schon mal prophylaktisch: Titanic

 Wie viele Achtundsechziger, Udo Knapp,

bist auch Du, je älter Du wurdest, politisch immer weiter von links nach rechts marschiert: Du warst der letzte Vorsitzende des SDS, anschließend in einem Verein namens »Proletarische Linke«, um dann in den Achtzigern auf dem rechten Flügel der Grünen zu landen und schließlich bei der SPD, und zwar eigentlich nur, damit Du was in den Kolonien werden konntest, am Ende stellvertretender Landrat. Heute kritisierst Du die Gewerkschaften dafür, dass sie nur immer wieder Lohn fordern, wie man das als einer, der nichts gelernt hat bis aufs Lamentieren, halt so macht.

Dieser Weg verbindet Dich mit dem wohl dümmsten deutschen Sänger, Wolf Biermann, weshalb Du dem »alten weisen Mann« (Dein O-Ton) auch neulich so kenntnisfrei wie pathetisch zum Geburtstag gratuliertest: »Biermann hat den größten Teil seines Lebens in zwei furchtbaren deutschen Diktaturen verbracht. In beiden hat er gelitten, aber beide hat er mutig streitend und widerstehend überlebt.«

Wie man nun aber jeder Biermann-Bio entnehmen kann, hat der walrossbärtige Dödelbarde nur acht Jahre unter den Nazis und 23 Jahre in der DDR gelebt; die restlichen 53 jedoch im goldenen Westen (britische Besatzungszone, BRD und Gesamtdeutschland). Daher nun unsere Frage: Bist Du Dir, Udo Knapp, sicher, dass Du auf Deine alten Tage die Bundesrepublik Deutschland, in der Du so schöne Posten innehattest, wirklich als furchtbare Diktatur bezeichnen willst?

Wie meinen? Es stand doch bloß in der Taz, und in keiner richtigen Zeitung? Und rechnen konntest Du noch nie? Na dann, weitermachen, Udo, aber vielleicht demnächst doch ein bisschen, he, he, knapper.

Kurz angebunden: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Notgedrungen einfallsreich

Mein Nachbar vergisst seit einigen Jahren regelmäßig seine Bank-Pin. Auf die Karte kann er die Pin natürlich nicht schreiben. Wie er mir vor Kurzem berichtete, hat er eine clevere Lösung für sein Problem gefunden: Um sich die Pin nicht mehr merken zu müssen, aber trotzdem nicht sein Geld zu riskieren, hat er seine Pin einfach auf den einzigen von ihm genutzten Bankautomaten geschrieben.

Karl Franz

 Schicksalhafte Wendung

Brüche im Leben gibt es bei allen Menschen. Öfter ist es so, dass jemand nach überstandener schwerer Krankheit das bisherige Streben nach Geld und Ruhm infrage stellt und beschließt, den sinnentleerten Job im Reisebüro, in der PR-Agentur (sehr viel seltener vielleicht auch im Schlachthof) hinzuschmeißen, um nur noch zu malen, zu töpfern, zu fotografieren, einen Gemüsegarten anzulegen oder zu schreiben. Es erfolgt allerdings nicht zwangsläufig eine Neuausrichtung zum Kontemplativen, Musischen. In meiner Bekanntschaft gibt es einen Fall, in dem der genesene junge Künstler seine Erfüllung als skrupelloser Miethai fand.

Miriam Wurster

 Trost vom Statistiker

Wenn du wieder einmal frustriert bist und denkst, du bist nur durchschnittlich begabt und mittelmäßig erfolgreich, dann wechsele doch einfach in eine andere Stichprobe!

Theobald Fuchs

 Fünfzehn Zeichen Ruhm

Es hat wohl niemand je den Wunsch, um jeden Preis berühmt zu werden, heftiger kritisiert als meine Urgroßmutter. Ich kann mich gut erinnern, dass mein Vater einmal beim Lesen der Zeitung aufschreckte und Uroma ihn fragte: »Was ist denn?« – »Der Franz ist gestorben. Ich habe gerade seine Todesanzeige gelesen.« Sie schüttelte bloß genervt den Kopf und sagte: »Die Leute machen heutzutage wirklich schon alles, um in die Zeitung zu kommen.«

Jürgen Miedl

 Alles richtich

Jüngst wurde ich darauf angesprochen, dass das Wort »richtig« aus logopädischer Sicht korrekterweise »richtich« ausgesprochen werden muss. Um mir meine Verwunderung darüber gar nicht erst anmerken zu lassen, entgegnete ich nur ein lässiges »selbstverständlig«.

Fabian Lichter

Vermischtes

Wenzel Storch: "Die Filme" (gebundene Ausgabe)
Renommierte Filmkritiker beschreiben ihn als "Terry Gilliam auf Speed", als "Buñuel ohne Stützräder": Der Extremfilmer Wenzel Storch macht extrem irre Streifen mit extrem kleinen Budget, die er in extrem kurzer Zeit abdreht – sein letzter Film wurde in nur zwölf Jahren sendefähig. Storchs abendfüllende Blockbuster "Der Glanz dieser Tage", "Sommer der Liebe" und "Die Reise ins Glück" können beim unvorbereiteten Publikum Persönlichkeitstörungen, Kopfschmerz und spontane Erleuchtung hervorrufen. In diesem liebevoll gestalteten Prachtband wird das cineastische Gesamtwerk von "Deutschlands bestem Regisseur" (TITANIC) in unzähligen Interviews, Fotos und Textschnipseln aufbereitet.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURKamagurka & Herr Seele: "Cowboy Henk"
Er ist Belgier, Kamagurka. Belgier! Wissen Sie, was der Mann alles durchgemacht hat in letzter Zeit? Eben, er ist Belgier. Und hat trotzdem in einem Finger mehr Witz als Sie im ganzen Leib! Und Heldenmut! Glauben Sie nicht? Dann lassen Sie sich von Cowboy Henk überzeugen, dem einzigen Helden, der wirklich jeden Tag eine gute Tat begeht.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURKatz & Goldt: "Lust auf etwas Perkussion, mein kleiner Wuschel?"
Stephan Katz und Max Goldt: Ihr monatlicher Comic ist der einzige Bestandteil von TITANIC, an dem nie jemand etwas auszusetzen hat. In diesem Prachtband findet sich also das Beste aus dem endgültigen Satiremagazin und noch besseres, das bisher zurückgehalten wurde. Gewicht: schwer. Anmutung: hochwertig. Preis: zu gering. Bewertung: alle Sterne.
Zweijahres-Abo: 117,80 EUR
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Das schreiben die anderen

  • 02.11.:

    "Keinmal um die ganze Welt - Ein Pauschalreiseabend für Zurückgebliebene" - so heißt das WDR-5-Spezial mit Thomas Gsella, Oliver Maria Schmitt und Hans Zippert.

  • 29.10.:

    Das Bornheimer Wochenblatt berichtet vom TITANIC-Normalitätswettbewerb.

  • 28.09.:

    Oliver Maria Schmitt hat versucht, mit der Kraftradgruppe Frohsinn die Demokratie zu retten – zumindest in der FAS.

  • 28.09.:

    Das "Medienmagazin" vom BR hat mit Martina Werner (und anderen) über Satire, Journalismus und Politik gesprochen.

  • 25.09.:

    TITANIC-Herausgeber Martin Sonneborn spricht mit der Taz über Frauen in der Redaktion und erinnert sich an die beste Zeit für Satire.

Titanic unterwegs
17.01.2022 Mannheim, Alte Feuerwache Max Goldt
21.01.2022 Braunschweig, Staatstheater Max Goldt
26.01.2022 Dresden, Staatsschauspiel Max Goldt
26.01.2022 Hamburg, Polittbüro Thomas Gsella