Eugen Egners »Gift gibt Kraft«

Erstveröffentlichung in hoher Wiedergabequalität anlässlich des Erscheinens von „Als die Erlkönige sich Freiheiten herausnahmen“ vor nunmehr 40 Jahren. Anmerkung: Dieses Motiv ist im Buch nicht enthalten.
Seelischer Eingriff (2. Teil)
Bis dahin hatte ich an Ort und Stelle zu bleiben, was alles erheblich erschwerte. Mein ursprünglich auf zwei Tage berechneter Aufenthalt verlängerte sich sich dementsprechend. Es wäre mir lieber gewesen, auch die zusätzlichen Tage im Hotel verbringen zu können, doch konnte ich mir das keinesfalls leisten.
Freundlicherweise boten mir meine Verwandten an, bei ihnen zu logieren. Mir war nicht wohl bei der Vorstellung, zwei Wochen lang Gast dieser Fremden zu sein. Ich musste fernmündlich alle möglichen Menschen informieren und um Verständnis bitten, Termine verschieben, Aufschübe erbitten, Arbeiten delegieren, Verbindungen aufrechterhalten und pflegen. Parallel dazu sollte ich mich auf die Entfernung des verdorbenen Seelenteils vorbereiten. Gleich nachdem ich das Gästezimmer meiner Verwandten bezogen hatte, nahm ich das Anweisungsblatt zur Hand, das zu meiner Überraschung aber vollkommen leer war. Ich wollte mein Mobiltelephon aus der Tasche ziehen, um die Heilerin anzurufen, aber es gab überhaupt keine Mobiltelephone. Wahrscheinlich ging die Wahnidee, es gebe welche, auf den madig gewordenen Seelenteil zurück. Zum Telephonieren benutzte ich daher den alten Festnetzapparat in der Diele. Aus dem Örtlichen Fernsprechbuch, das neben dem Apparat lag, suchte ich die Rufnummer der Heilerin heraus und wählte sie. Der Assistent meldete sich. Ich berichtete ihm von dem Malheur mit dem leeren Blatt.
(Fortsetzung/Zuspitzung folgt.)