Eugen Egners »Gift gibt Kraft«

Seelischer Eingriff (3. Teil)
“Machen Sie sich keine Sorgen“, erwiderte der Mann, „Sie brauchen überhaupt nichts Besonderes zu tun. Hauptsache, Sie bleiben vierzehn Tage am Ort.“ Das konnte ich nicht glauben: „Ich muss nichts tun?“ – „Ach, woher!“ – „Nicht einmal fasten? Oder viel laufen?“ Er lachte und sagte: „Wenn es Ihnen Freude macht.“
Empört wollte ich wissen, weshalb ich dann nicht auch nach Hause fahren könne. „Die Abtrennung des Seelenteils könnte doch auch fernmündlich oder schriftlich erledigt werden“, schlug ich vor. „Nein“, informierte mich der Assistent, „die Krankenkasse übernimmt die Kosten nur, wenn Sie hierbleiben.“
Damit war alles gesagt. Ich konnte mich nun ganz auf die Fernsteuerung meiner privaten und beruflichen Belange konzentrieren. Das ließ die Telephonrechnung meiner Verwandten gewaltig ansteigen, so dass meine Schulden bei ihnen täglich wuchsen. Wahrscheinlich um mir finanziell etwas entgegenzukommen, gaben sie mir nichts zu essen. So vergingen die zwei Wochen, und der Tag des Eingriffs kam. Pünktlich zum verabredeten Termin fand ich mich bei der Heilerin ein. Ihr Assistent sah mich entgeistert an, so dass ich ihm erst einmal erklären musste, wer ich war und worum es ging. „Meine Meisterin hat das längst vergessen“, sagte er. Widerwillig holte er sie, und sie konnte sich tatsächlich an nichts erinnern. Doch weil sie das Geld brauchte, war sie bereit, den inkriminierten Seelenteil zu entfernen, verwechselte diesen aber leider mit dem, der bleiben sollte.