Offenbacher Anthologie (25) THOMAS GSELLA ALLES IST SCHEITEL Was sind wir Menschen doch! Ein Wohnhaus dummer Haare, Flanellig schlappt das Hemd, die Couch wie nie bestellt. Wie kummersgram der Blick! So jung und schon zerschelltAm Fels der Traurigkeit – ein Abbild falscher Jahre. Das Lächeln steinern tot. Der Mund ist seine BahreUnd trägt es stumm umher, ein Nichts in leerer Welt.Die Fotoecken, ach!, ein Hohn aufs Himmelszelt, Und dieses Augenglas: ja gleichfalls nicht das Wahre. Ihr Brillenfirmas all: Was baut ihr solche WichseAus Haß und aus Kalkül, der Schönheit Leichenschmaus? Beim Hoeneß, gibt’s denn das! Welch teuflisches Gemixe! So traget ihr die Schuld, daß Jugend letztlich fixe. O kruzitürken eins, wie schau’ ich schaurig aus –Und trüg’ ich Zöpfe noch: Ich gölt’ auch gar als Schickse… Scheinbar nichts stimmt in diesem Frühwerk des schlesischen Nationaldichters Thomas Gsella. Ungelenke Gryphius-Tümelei wie „kummersgram“, „ach!“ oder „gölt’“ steht neben exklusiv modernen Worten wie „flanellig“, „Fotoecken“, „Wichse“ und „Hoeneß“, wobei unklar bleibt, welcher der zwei schon damals berühmten Fußballbrüder angerufen werden soll, der Uli oder der Gerd; und warum überhaupt: Geht es dem 1958 Geborenen doch vielmehr um eine in den 1970er Jahren gängige Brillenbauweise, die sich durch dünne Rähmchen, bizarre Bügelkonstruktionen und eklatant übergroße Gläser auszeichnete, deren Gesamt auf Heranwichsenden in der Tat scheußlich aussah. In solcherlei Gemeinheit, ja Nickeligkeit der Mode das ewige Verhängnis der Pubertät und in ihr die (Sch)Eitelkeit allen Lebens zu erkennen, ist das bleibende Verdienst dieser Strophen, bei deren Lektüre wir Alternde die alte Scham neu spüren, denn wie Schicksen sahen wir doch alle aus in diesen schrecklichen Jahren. HEINZ STRUNK Beitragsnavigation In einem (angrenzenden) Paralleluniversum aufgeschnappt Die Bundesregierung ist eine Wucht!