Geschäftssinn

“Nein zur Kletterwand”

Gideon ist 17 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 5 und 13 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre “Mütersöhnchen”.

Mein Mann ist aus Neuseeland zurückgekehrt. “Es ist, als ob ich nach langer Zeit wieder atmen könnte”, ist Gideons Meinung dazu. Mich wundert seine übertriebene Freude nicht. Gideon und sein Vater pflegen eine enge Beziehung. Wahrscheinlich, weil sie viele Gemeinsamkeiten haben. Sie sind beide sehr eitel, selbstgerecht und haben ein Faible für Bügelfalten in ihren Unterhosen.

Nun wollen sie ein gemeinsames Projekt starten: Mein Mann möchte ein Wettbüro mit integriertem veganen Café eröffnen. Gideon soll sich um die Inneneinrichtung kümmern. “Es wird Zeit, dass Wettbüros den Stempel des Unseriösen verlieren”, findet mein Mann. Ich finde die Idee schlecht. Menschen, die ihre letzten drei Nettogehälter auf Fußballspiele der dritten japanischen Liga wetten, essen nicht gerne Quinoa-Schnitzel. Von der Zusammenarbeit halte ich auch nichts. Was Vater und Sohn nämlich auch gemeinsam haben, ist ein fehlender Geschäftssinn.

Wenn ich nicht irgendetwas verpasst habe, bleibt Gideons Erfolg als Künstler bisher aus. Das war vorherzusehen – wer möchte schon 1500 Euro für erotische Zeichnungen von Robert Habeck als Drachen ausgeben? Sein fehlendes Gespür für erfolgversprechende business ideas ist aber nicht das einzige Problem. Gideon lässt sich auch sehr einfach über den Tisch ziehen. Schon als Kind ist ihm nie aufgefallen, wenn ich Geld aus seiner Spardose gestohlen habe. Oder dass ich ihm zu mehreren Geburtstagen Schmetterlinge aus den Zehn-Euro-Scheinen gebastelt habe, die er zur Kommunion geschenkt bekommen hatte.

Dass mein Mann keinen Geschäftssinn hat, weiß ich, seit er es im Fuerteventura-Urlaub nicht geschafft hat, eine gefälschte Louis-Vuitton-Tasche um zwei Euro runterzuhandeln. Ich finde es sehr attraktiv, wenn Männer gute Deals aushandeln können. Deswegen habe ich meinen Mann auch den Rest des Urlaubs ignoriert und dafür offensiv mit dem attraktiven Herrn geflirtet, der für die Tretbootausleihe zuständig war.

So wundert es mich nicht, dass wohl auch der Neuseeland-Urlaub meines Mannes und unserer gemeinsamen Freundin Birgit ein abruptes Ende gefunden hat, weil seine Geschäftsidee gescheitert ist. Damit meine ich nicht, dass sie eine Beziehung geführt haben. “Wir haben nur für die Vision gelebt“, erzählt mein Mann und meint mit “Vision” ihr Hostel, das nur für kletterbegeisterte Reisende gedacht war. Selbst schuld, denke ich. Hätten sie mich eingeladen, hätte ich sie vorwarnen können, dass es eher schlecht fürs Geschäft ist, wenn sich ein Hostel auf einem Berg befindet und nur mit Sicherheitsgeschirr zu erreichen ist. Oder dass man zur Rezeption bouldern muss, um überhaupt einchecken zu können.

Drei Reservierungen habe es in den ersten Wochen gegeben, davon sei leider nur eine Person angekommen. “Ein Boulderer aus Köln-Ehrenfeld“, spezifiziert mein Mann und verschweigt, dass Birgit heute mit dem Boulderer eine glückliche Beziehung führt, so entnehme ich es jedenfalls ihren Youtube-Vlogs. “Nein also zur Kletterwand”, sagt Gideon und streicht eine Notiz durch. Ich erschrecke mich. Ich hatte ganz vergessen, dass es in dieser Kolumne eigentlich um ihn gehen sollte.