Ein schwerer Fall von Reisen (3. Teil)

Wenig später klopft es. Der Arzt tritt ein, ein älterer, vornehmer Herr mit einer ähnlich beruhigenden Ausstrahlung wie die Dame an der Rezeption. Er begrüßt mich höflich, stellt sich auch vor, doch ich vergesse seinen Namen sofort. „Ja, die Scheißreiserei“, meint er dann, „ist fürwahr ein Grundübel. Was der Welt am meisten not tut, ist ein starkes Zuhausebleiben der Menschen.“ Meinen Widerspruch erregt er damit nicht. Nach einem Blick in meine Krankenakte sagt er: „Für Sie besteht Hoffnung. Ich verordne Ihnen strenge Bettruhe. Die Mahlzeiten werden Ihnen gebracht. Teilen Sie Ihre Wünsche bitte dem Personal mit. Gute Besserung!“
Und schon ist er fort. Ich bleibe allein mit meinen Problemen. Das dem Reisen nächstgrößte ist, daß ich mich durch den Vorgang des Schlafens ganz furchtbar zu verändern pflege. Während der ersten Stunde nach dem Aufwachen am Morgen darf mich niemand sehen, denn mein Körper hat größte Schwierigkeiten, sein richtiges Aussehen wiederzufinden. Es laufen zahllose Metamorphosen mit hoher Geschwindigkeit ab (schneller Suchlauf). In diesem Zustand könnte ich unerkannt die schlimmsten Untaten begehen, doch vor Müdigkeit bin ich zu gar nichts in der Lage. Nur die motorischen Funktionen meiner Physis sind notdürftig in Betrieb. Den Blick in den Spiegel muß ich dann um meines Seelenheils willen meiden. Das deshalb unbedingt allein einzunehmende Frühstück gibt mir nach und nach Kraft und Haltbarkeit, so daß sich mein Äußeres eine Stunde später stabilisiert hat. Nicht, daß ich vom Ergebnis begeistert wäre, aber es ist wenigstens etwas Konkretes. Dieser leidige Umstand verwehrt mir prinzipiell jedes Übernachten in der Fremde. Beim Ausfüllen der Anmeldung hätte ich darauf hinweisen müssen, spätestens jedoch im Gespräch mit dem Arzt. Ich höre schon die Schreie, wenn mir jemand am nächsten Morgen das Frühstück bringt.