Reife Lebenserfüllung (Teil 2)

Frau von Reusach führte mich zu ihrem Arbeitsplatz. Einem sehr alten Kabinett entnahm sie einen Apparat, aus dem lange Wollfäden oder etwas Ähnliches heraushingen, und stellte ihn auf den großen Ateliertisch. Von einer Sekunde auf die andere schien sie verärgert. „Ich brauche ein Gerät, aus dem keine langen Wollfäden heraushängen!“ schimpfte sie. „Es tut mir leid, aber so kann ich nicht arbeiten..“
Damit endete meine erste Portraitsitzung bei Camilla von Reusach. Zu einer zweiten sollte es nicht kommen. Ein paar Tage später entdeckte ich im Kulturteil der Lokalzeitung die Notiz, die bekannte Plastikerin Camilla von Reusach sei plötzlich und unerwartet verstorben. Als Todesdatum wurde der Tag genannt, an dem ich bei ihr gewesen war. Von der städtischen Stelle, die für die Würdigung meiner Verdienste zuständig war, erhielt ich kurz darauf ein vorgefertigtes Standardschreiben, worin stand, meine fertige Portraitbüste sei mir inzwischen erfolgreich zugestellt worden und man wünsche mir viel Freude daran.


Manuskriptseite aus “Senkung des Mikrobenstandards”


Information: Umbenennung des Püppchenstudios vorerst auf Juni verschoben.