Humorkritik | Januar 2012

Januar 2012

Auf dem Weg zur Gruft

Da las ich unlängst ganz arglos Georg Kreislers Satirenband »Wien. Die einzige Stadt der Welt, in der ich geboren bin«, ein Werk, das laut Autorenvorwort 1987 »von einem Wiener Verlag veröffentlicht und schnell wieder fallengelassen« wurde, das nun aber der Atrium-Verlag »aus dem Donaukanal geholt hat, in den es geworfen worden war« – und kurz darauf untersteht sich Kreisler, Salzburg zur einzigen Stadt der Welt zu machen, in der er gestorben ist. Soll ich deshalb mein Vorhaben, mal nebenbei zu prüfen, wie sich Kreisler heute noch so liest, fallenlassen und am Ende einen Nachruf schreiben? Lieber nicht. Kreislers Verdienste wie auch sein ahasverischer Lebensweg wurden schon von anderen zur Genüge geschildert.

Bei der »Wien«-Lektüre werde, so Kreisler, »vielleicht auffallen, daß manches nicht mehr zutreffend ist, daß die letzten dreißig Jahre Wien verändert haben«. Wie wahr. Die Jüngeren unter uns werden zum Beispiel kaum noch wissen, wer Heinz Conrads war (ein im österreichischen TV einst dauerpräsenter Conférencier). Doch hat sich nicht nur Wien verändert (ob zum Besseren, lasse ich mal dahingestellt), sondern auch das, was man als Satire durchgehen läßt. Die Kreislersche wirkt auf mich heute eher als leicht angegrantelte Humoreske: Unermüdlich arbeitet sich Kreisler an den klischierten Eigenschaften »des Wieners« ab, von der überflüssigen Frage, ob Wien überflüssig sei, über die gängige Kulturfeindlichkeit und Korruptionsfreundlichkeit bis hin zum leidigen Wiener Selbsthaß.

Dazu kommen noch einige krude Absurditäten der Art, daß ein Wiener das U-Boot erfand, leider aber »bei einem Zusammenstoß mit einem Donaukarpfen ertrank«, bevor er seine Erfindung publik machen konnte. Nur gelegentlich findet sich Pointiertes zu den Wienern, »friedliche und freundliche Leute. Sie zeigen den Amerikanern den Weg zur Kapuzinergruft. Sie sprechen Englisch, Französisch und Antisemitisch.« Es ist eine Komik, die eher angestrengt und bemüht wirkt. Vermutlich war die Prosa, im Gegensatz zum Liedermachen, einfach nicht Kreislers Stärke.

  

Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Dass gerade bei Dir, »ARD One«,

die Schweizer Miniserie »Doppelleben« läuft, macht das Zuschauen nur halb so unterhaltsam.

Ein (!) Beitrag von der Arbeitsgemeinschaft der Titanic-Rundfunkanstalten

 Lange nichts von Ihnen gehört, Sigmar Gabriel!

In einem Stern-Interview, das mit Ihrem zauberhaften Zitat »Wir müssen Putin den Eisenfuß entgegenstellen« überschrieben war, sagten Sie noch allerlei anderes Zauberhaftes, unter anderem: »Krieg hat immer die Gefahr der Eskalation.«

Da hätten wir aber schon gerne das ein oder andere Beispiel erfahren. Zu was kann Krieg denn eskalieren? Zu diplomatischen Verstimmungen? Gegenseitigen Sanktionen? Peinlichem Anschweigen auf internationalen Kongressen? Sagen Sie’s uns, und vor allem Putin!

Eskaliert sonst vor Aufregung: Titanic

 Vroom-vroom, Schauspieler Vu Dinh!

Die allerliebste Bunte fragte Sie nach Ihrem »schönsten Autoerlebnis«, und Sie hatten eins: »Auf dem Weg zum Snowboarden. Als ich über den Pass fuhr, erstreckte sich das Inntal wundervoll bestrahlt von der Sonne. Die Musik im Radio – perfekt. Ich dachte nur: Das Leben ist gut.«

Um nicht zu sagen: perfekt. Und was die ekelhafte Bunte für eine Idee vom guten Leben hat, hätten wir nicht greller ins Licht gekriegt.

Lieber zu Fuß im Regen auf dem Weg zur Trinkhalle: Titanic

 Danke, Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach,

für Deinen Gesetzesentwurf, der dem Apothekensterben mit »Apotheken light« begegnen will. Das Fehlen von Fachkräften durch Quereinsteiger/innen und ungelerntes Personal auszugleichen, ist eine klasse Idee. Das klappt bei unserem Schulsystem ja auch schon hervorragend!

Einschätzung Deiner Schmerzmittelexpert/innen von Titanic

 Sauber, Annalena Baerbock!

Sauber, Annalena Baerbock!

»Wenn ich nicht wählen gehe, dann stinkt es. Dann wird es braun«, werden Sie von der Bild zitiert. Weiter: »Wer überlegt, welches Waschmittel er kauft, kommt auch nicht auf die Idee, die Wäsche gar nicht mehr zu waschen – weil wir verstanden haben, dann wird es dreckig, und dann stinkt’s. Und genauso ist es in der Demokratie.«

Ein Vergleich, der sich gewaschen hat – porentiefreine Poesie! Bei dem Talent sollten Sie ernsthaft in Erwägung ziehen, es dem Kollegen Habeck gleichzutun und sich an Ihren ersten Roman zu setzen.

Meint und grüßt beeindruckt

Ihre Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Große Schmerzen

Nachdem ich in den letzten Wochen für eine Hausarbeit historische Handschriften aufarbeiten musste, kann ich kleine Schnörkelschriften echt nicht mehr sehen. Ich habe ganz offensichtlich einen Minuskelkater.

Karl Franz

 Rhetorischer Todesstern

Anstatt vor der Reise nach Irland mühsam meine eingerosteten Conversation-Skills aufzufrischen, hatte ich mich dazu entschlossen, einfach ein paar cool klingende Star-Wars-Zitate auf Englisch auswendig zu lernen. Beim abendlichen Guinness wollte ich in der dunkelsten Ecke des Pubs sitzen, die langen Beine mit den Wanderstiefeln entspannt auf dem Tisch abgelegt, und – sollte mich jemand etwas fragen – mit einer lässig dahingerotzten Antwort aus »Das Imperium schlägt zurück« geheimnisvoll und verwegen wirken. Obwohl ich mich dabei genau an das Skript hielt, wurde ich bereits ab dem zweiten Tag von den Locals wie ein Irrer behandelt und während des kompletten Urlaubs weiträumig gemieden. Ich glaube zwar nicht, dass es an mir lag, aber wenn ich einen Kritikpunkt nennen müsste, dann diesen: Ausschließlich Sätze in Wookie-Sprache zu verwenden, war möglicherweise ein Fehler.

Patric Hemgesberg

 Helmut Kohls Erbe

Endlich beginnen auch in unserem Viertel die Bauarbeiten für den Glasfaseranschluss. Bis es soweit ist, lässt die Leis ung des urzeitlich n Kupfe k bels a l rdi gs m hr de n je z wü sc n übr

Teresa Habild

 Morning Routine

Obst zum Frühstück ermöglicht einen gesunden Start in den Tag, aber wer keine Lust hat, sich schon morgens in die Küche zu stellen und Früchte zu schnippeln, dem empfehle ich stattdessen Snoozies.

Loreen Bauer

 Vorteil Mensch

In der Süddeutschen lese ich »Scholz will sich einschalten« und denke: Das kann die Künstliche Intelligenz noch nicht.

Jürgen Simon

Vermischtes

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Das schreiben die anderen

Titanic unterwegs
04.08.2024 Frankfurt/M., Museum für Komische Kunst Die Dünen der Dänen – Das Neueste von Hans Traxler
04.08.2024 Frankfurt/M., Museum für Komische Kunst »F. W. Bernstein – Postkarten vom ICH«
18.08.2024 Aschaffenburg, Kunsthalle Jesuitenkirche Greser & Lenz: »Homo sapiens raus!«
01.09.2024 Frankfurt, Museum für Komische Kunst »POLO«