Humorkritik | Mai 2008

Mai 2008

Aufrechter Martin

Steve Martins letzter gelungener Film liegt schon einige Zeit zurück. Sein Stil der unsentimentalen, klassisch konstruierten Holly­woodkomödie hat einigermaßen Staub angesetzt, und doch wäre es falsch, Martin seinen Status als großer Komödiant abzusprechen. Trotz seines Hangs zu Slapstick und Albernheit hat er immer auch das intellektuelle Publikum erreicht: Neben Romanen veröffentlichte er auch Texte im New Yorker. Dies bedeutet zwar nicht zwangsläufig komische Qualität, belegt aber Variabilität und handwerkliche Professionalität. Ein Mann also, der Interessantes über Komikherstellung mitteilen könnte.

 

Dies tut Martin im kürzlich erschienenen, per Import bestellbaren Buch mit dem leicht prätentiösen Titel »Born Standing Up. A Comic’s Life« (B&T), in dem er seinen Aufstieg zum erfolgreichsten Stand-Up-Comedian Ende der Siebziger erzählt. Den auto­biographischen Ansatz läßt er dabei zum Glück schnell außer acht, weil ihm bewußt ist, daß seine Geschichte wenig spektakulär ist und der vieler anderer berühmter Bühnen­künstler ähnelt: schwieriges Elternhaus, Begeisterung für und Mimese von Radio- und Fernsehgrößen der Zeit, Hoch­arbeiten vom Verwandtschaftspublikum über ­Kleinst­bühnen bis in die großen Hallen.

 

Also konzentiert sich Martin auf die Momente, die dem Erlernen seiner Kunstfertigkeit dienten. Dabei bleibt er trocken und präzise, z.B. mit Informationen wie der, wann und wie ihm bewußt wurde, daß Witz auch durch Auslassung entstehen kann. Da das Nacherzählen jahrzehntealter Stand-Up-Nummern nur sehr bedingt komisch ist, verzichtet Martin angenehmerweise darauf; dafür berichtet er von der komikbuchhalterischen Tätigkeit, die Grade des Publikums­gelächters über einzelne Witze zu notieren.

 

Im Vergleich mit ähnlichen Büchern von berühmteren amerikanischen Filmkomikern wie Groucho Marx’ oder Charles Chaplins Lebenserinnerungen kommt Martins Buch insgesamt erfreulich ehrlich und fast wie ein Lehrwerk für aufstrebende Bühnen­komiker daher.

  

Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Eine Frage, »Redaktionsnetzwerk Deutschland« …

»Manche Abiturienten in Hessen machen womöglich absichtlich einige Rechtschreibfehler. Sie wollen beim Gendern ein Statement zu setzen« – und Du, RND? Wofür willst Du Dein Statement zu setzen?

Fragt absichtlich Titanic

 Ach so, Jella Haase!

Ach so, Jella Haase!

Auf das Thema patriarchale Strukturen in der Filmbranche angesprochen, sagten Sie: »Frauen sind Teil meiner Filmfamilie geworden.«

Wir freuen uns schon auf Ihre nächsten Interviews mit ähnlich aussagekräftigen Zitaten wie: »Stühle sind Teil meiner Einrichtung geworden«, »Kohlenhydrate sind Teil meiner Ernährung geworden« oder »Dämliche Statements rauszuhauen, ist Teil meiner Tätigkeit als Schauspielerin geworden«!

Grüßt erwartungsvoll: Ihr Briefeteil der Redaktionsfamilie Titanic

 Waaaas, Klaas Heufer-Umlauf?

Waaaas, Klaas Heufer-Umlauf?

»Nirgendwo, auf keiner Demo der Welt, ist die Stimme so laut wie in der Wahlkabine!« haben Sie zum Thema Europawahl im Podcast von Anne Will behauptet. Haben Sie Ihre Wahlstimme denn schon immer mündlich abgegeben? Und das auch Ihren Fans ans Herz gelegt? Das würde zumindest die niedrige deutsche Wahlbeteiligung auf EU-Ebene erklären!

Lauthals grüßt Titanic

 Sie, Alexandra Popp,

warnen davor, weibliche Fußballprofis ähnlich zu verhätscheln wie die männlichen. Spielerinnen sollten Behördengänge alleine erledigen. Aber ist es nicht viel zu umständlich, wenn die jeden Pass erst mal selbst beantragen müssen?

Wort- und Ballspielgrüße von

Ihrer Titanic

 Etwas misstrauisch, Claus-Christian Carbon,

Psychologieprofessor, stimmt es uns, wenn Sie im Spiegel fordern, dass Politik und E-Auto-Hersteller für mehr bezahlbare Elektromodelle sorgen. Wo ist der Haken? Wollen Sie die mit Strom aus fossilen Brennstoffen betreiben? Oder wandert vielleicht Kohle von der E-Auto-Lobby in Ihre Taschen?

Interessiert sich brennend für die Antwort:

Ihre Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Grausiger Befund

Als Angstpatientin weiß ich den Smalltalk zu schätzen, den meine Zahnärztin vor der Behandlung mit mir führt, aber ihre beiläufige Bemerkung, dass sie True-Crime-Fan sei, während sie die Instrumente sortierte, war für unsere Vertrauensbasis eher kontraproduktiv.

Loreen Bauer

 Energievampir

Wie groß doch der Unterschied zwischen dem Leben in der Stadt und dem auf dem Land ist, fiel mir wieder auf, als ich mit meiner Tante vom Hof telefonierte und wir uns über unsere Erschöpfung austauschten: Ich erklärte mir meine große Müdigkeit damit, dass ich den Tag zuvor in der Therapie eine neue Erkenntnis gewonnen hatte, gegen die ich mich aber noch sperre. Das verbrauche natürlich schon viel Energie, außerdem wolle sich mein Gehirn so wenig mit der neuen Erkenntnis beschäftigen, dass es lieber in die Schläfrigkeit flüchte. Sie wiederum begründete ihre Mattheit mit den Worten: »Ich glaube, mich hat was gebissen, das müde macht.«

Laura Brinkmann

 Gute Aussichten

Für mich ist es ganz wichtig, auch im Alter neugierig zu bleiben. Darum habe ich mir ein neues Kissen für mein Fensterbrett geleistet.

Uwe Becker

 Sicher ist sicher

Geschäftemachen über das Portal Kleinanzeigen ist eine sehr geheime Sache. Natürlich mailt man nur mit Spezialadresse, unter Pseudonym, am besten ohne Anrede und Gruß, denn das lässt zu viele Rückschlüsse zu. Ich bin nun dazu übergegangen, für den Transport der Ware das Nummernschild des Autos zu überkleben, außerdem trage ich eine venezianische Halbmaske und einen schwarzen Umhang, den ich nach der Übergabe verbrenne.

Miriam Wurster

 Verrücktes Kapitalismus-Experiment

Was würde wohl passieren, müssten alle Soldaten ihre Munition selbst bezahlen?

Katharina Greve

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

Titanic unterwegs
18.06.2024 Düsseldorf, Goethe-Museum Hans Traxler: »Traxler zeichnet Goethe«
21.06.2024 Husum, Speicher Max Goldt
23.06.2024 Kiel, Schauspielhaus Max Goldt
18.08.2024 Aschaffenburg, Kunsthalle Jesuitenkirche Greser & Lenz: »Homo sapiens raus!«