Vom Fachmann für Kenner | November 2017


Kulturelle Aneignung

Wenn Menschen aus anderen Nationen Sandalen und Tennissocken kombinieren und anfangen, rechts zu wählen, zählt das auch als cultural appropriation?

Fabian Navarro

Das wäre geklärt

Als ich kürzlich auf meine Verabredung wartete, ging ein Pärchen an mir vorbei. Ich kriegte gerade noch so den Satzfetzen mit, den er währenddessen in sein Mobiltelefon sprach: »… sorry, ich kann nicht vorbeikommen, ich muß nachher leider noch babysitten …«; woraufhin sie sich von ihm losriß und zischte: »Man sagt nicht ›babysitten‹, wenn es um die eigenen Kinder geht!«

Matthias Stangel

Ekel Oettle

Ich hatte gestern eine Schlange auf dem Arm und es war so eklig, daß sie sich zwei Stunden später häuten mußte.

Cornelius W.M. Oettle

Szene aus Paris

Die Tauben auf dem Eiffelturm sehen krank aus, gerupft. Ihnen wird inzwischen nahezu seriell blaues Aluminium auf die Federn gebacken, sie schwanken. Eine Zehe fehlt vielen, manchen gar Fuß oder Kopf. Sie sitzen auf mit scharfem Draht gespicktem Stahl, der unter ihnen rostet vom eignen Urin, während sie langsam und in aller Ruhe sterben. Manchmal gelingt es drei noch etwas rüstigeren, einen Müllsack nach oben zu schleudern – zum Preis von sieben Federn. Doch haben die Viecher sogar schon vergessen, wie man guten Müll von schlechtem unterscheidet. Überfressen mit halbleeren Batterien, drehen sich die Tauben schließlich wie lebende Überraschungsei-Geschenke vor lauter Energie sitzend im Kreis, angetrieben von der Ladungsdifferenz.

Adrian Schulz

Anrede im Alter

Wirst du (45, gefühlt: 28) trotz Duzangebots von Mittzwanzigern weiter gesiezt, ist eine enttäuschte Replik mit »Du« genauso doof wie eine mit »Sie«. Die Mischung »Du darfst mich gerne siezen!« ist jedoch zu empfehlen. Damit zeigst du einem jungen Menschen zwar nicht deine innere Jugend, aber immerhin altersgemäße Herablassung.

Michael Höfler

Flotter Käfer

Eines muß man Gregor Samsa ja lassen: Im Bett war er ein Tier.

Ringo Trutschke

Anleitung zum Unglücklichsein

Als meine Freundin verträumt lächelnd meinen aus ihrer Sicht recht hübsch anzusehenden Körper pries, habe ich noch einmal zähneknirschend darüber hinweggesehen. Als sie daraufhin unter Singen und Pfeifen mein Lieblingsgericht zubereitete, konnte ich mich nur mit Mühe beherrschen. Nachdem sie schließlich jedoch den Wein und die Konzerttickets auf den kerzenbeschienenen Eßtisch drapiert hatte und mich mit strahlenden Augen ansah, bekam ich einen fürchterlichen Anfall und machte sie so richtig zur Schnecke. Was glaubte sie eigentlich, wer ich war!

Wanja Lindenthal

Medienhure

Als freischaffender Autor kann man sich seine Arbeit oft nicht aussuchen. Momentan bestreite ich meinen Lebensunterhalt mit der Realisierung obszön-ekliger Klappentexte für pornografische E-Books wie »Endstation Eros-Center« oder »Bumsfidel im Bahnhofsklo«. Das ist zwar nicht befriedigend, aber immerhin sind mit solchen Sauereien 15 Euro die Stunde schnell zusammengeschrubbelt. Ganz ohne Schreiben.

Daniel Sibbe, z.Zt. Frankfurt (Main) Hbf

Can’t touch this

Positiver Nebeneffekt eines neurotischen Charakters: Die Menschen halten einen für freundlich, wenn man ihnen in der U-Bahn – auch noch feist lächelnd – den Vortritt läßt, die Bahntüre mit dem scheußlich verkeimten Knopf zu öffnen und als erstes hindurchzuschreiten.

Fabian Lichter

Definition unerwünscht

Es gibt ein Wort, dessen volle Bedeutung ich niemals wissen möchte. Dieses Wort ist »Frauenmanteltee«. Wenngleich Kräutertee selten sexy ist, so scheint mir doch beim Frauenmanteltee eine leise erotische Komponente mitzuschwingen. Ich will nicht wissen, wieso die Pflanze Frauenmantel heißt, und gegen welche weiblichen Beschwerden sie vielleicht von »Alternativmedizinern« empfohlen wird. Ich will davon nichts hören. Da es sich beim »Frauenmantel« auf keinen Fall um ein Kleidungsstück handelt, seine Bedeutung daher noch rätselhafter wird, male ich mir ein uraltes geheimes Wissen über die weibliche Physiologie aus, das sein Mysterium durch die sexuelle Revolution und durch alle emanzipatorischen Bewegungen hindurch retten konnte. Und so bleibt mir bei »Frauenmanteltee« weniger der Gedanke an ein phytotherapeutisch wirksames Medikament als vielmehr an einen Trunk der Liebe, der von weisen Schamaninnen an junge Frauen ausgegeben wird, um ihn dem Auserwählten zu später Stunde dem Nachtmahl beizumischen. Ich werde niemals recherchieren, was »Frauenmantel« für eine Pflanze ist. Auch, daß mir ein Bekannter erklärte, »Frauenmanteltee« würde beim »Scrabble« von einer Seite des Brettes bis zur anderen reichen und könnte mit etwas Glück, richtig aufgebaut, dem Spieler auf einen Schlag 180 Punkte bringen, interessiert mich nicht. Lieber stelle ich mir vor, ich wäre Musiker und könnte meine Gefühle für das Wort in einer Sinfonie zum Ausdruck bringen. Frauenmanteltee …

Karsten Wollny

Blanker Horror

Neulich ging ich in der Mittagspause Milch kaufen, um sie später mit nach Hause zu nehmen. In der folgenden Nacht wachte ich schweißgebadet auf. Ich hatte geträumt, daß ich die Milch im Büro vergessen hätte. Ich eilte in die Küche, wo sie zu meiner großen Erleichterung im Kühlschrank lag. Als ich am nächsten Morgen beim Frühstück die Milchtüte öffnete, wurde mir bewußt, daß ich in der vergangenen Nacht den womöglich langweiligsten Albtraum aller Zeiten gehabt hatte.

Leo Riegel

Echt nervig

Schon mal aufgefallen? Die Leute beschweren sich immer früher darüber, daß die typischen Weihnachtswaren immer früher im Regal stehen.

Tanja Schmid

Starlight Express

Neulich fuhr ich mit dem Zug von Da nach Dort. An einem Bahnhof irgendwo dazwischen stand ich einen Augenblick in der offenen Tür, um ein wenig Luft zu schnappen, was das Beste ist, das man dort tun kann. Da trat vom Bahnsteig unvermittelt ein Mann auf mich zu und fragte: »Sind Sie schon der ICE nach Bochum?« Ich verneinte, bestätigte aber, daß der Zug nach Bochum fahre. Der Mann wich ein paar Schritte zurück, sichtlich irritiert ob meiner Antwort. Was hatte er erwartet?

Tibor Rácskai

Hoch hinaus

Im Park kommt mir ein Jogger entgegen. An seinem mächtigen Hals prangt unübersehbar ein Tattoo. Auf der rechten Seite lese ich »Fuck«, »all« steht auf der linken. Ich finde es gut, wenn sich junge Leute hohe Ziele stecken.

Christian Y. Schmidt

Skyscrapercity

Wenn man von der jährlichen Reise nach Frankfurt am Main zurückkehrend über die Autobahn Richtung Hauptstadt fährt und irgendwann das Schild entdeckt, auf dem steht: »Delitzsch – Stadt der Türme«, dann weiß man, daß man jetzt im Osten ist.

Gregor Mothes

Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Warum, Heroin Chic?

Du hättest Dir einen schönen Lebensabend machen können, aber nein, Du wolltest es anders! Und so sehen wir nun im Jahre 2022 das Comeback extrem ausgemergelter Körper, sich abzeichnender Knochen, blasser Haut und dunkler Augenringe. In den Neunzigern hast Du als Modetrend Erfolge gefeiert, hingst mit Kate Moss ab, danach gingst Du in Rente.

Doch auch bei Dir scheint der monatliche staatliche Rentenobulus nicht allzu hoch zu sein. Warum sonst bist Du jetzt wieder zurück? Aus Spaß an der Freude kann’s wohl nicht sein. Sonst würde irgendeines Deiner Models ja mal lachen. Oder hast Du die Millionen verprasst? Dich mit Telekom-Aktien verzockt? Dir eine Luxuszucht Zwergspitze zugelegt, die jetzt nicht mehr zu vermitteln ist? Heroin Chic, mach nicht denselben Fehler wie Thomas Gottschalk! Deine Zeit ist vorbei. Der kalorienfreie Drops gelutscht. Entspann Dich.

Empfehlen Dir Deine Hot-Stone-Masseur/innen von Titanic

 Bitte bedenke, »Tagesspiegel«,

dass nicht jeder, der Dich am Morgen liest, seine Auffassungsgabe schon mit Hilfe von Kaffee stimuliert hat. Und dann sind Überschriften wie diese einfach zu hoch: »Nicht einmal jeder Zwanzigste nutzt kein Internet.«

Nach dem ersten Kaffee und der Lektüre des Artikels wussten wir aber, was Du zu sagen versuchtest: 3,6 Prozent der Menschen in Deutschland verzichten aufs Internet. Deine Überschrift war also gleichermaßen verquer wie unpräzise, denn genau genommen heißt das ja: Noch nicht einmal jeder Fünfundzwanzigste nutzt kein Internet. Aber egal, denn den Text haben ja nicht allzu viele Menschen gelesen. Oder wie Du eine Auflage von knapp 100 000 in Worte fassen würdest: Nicht ganz jeder Deutsche nutzt keinen Tagesspiegel.

Gelegentlich schwer von Kapee: Deine Titanic

 Guten Appetit, Nachhaltigkeitswebsite »Utopia«!

Du schreibst, Haselnüsse seien gesund und schmeckten gut, hätten aber auch eine »dunkle Seite«. Da wollten wir mal nachfragen: Was werden denn bei Dir so für Haselnüsse gegessen? Denn bei uns sind die meistens von allen Seiten dunkel!

Kann diese harte Nuss nicht knacken:

Deine Titanic

 Muss das sein, Kebabhäuser?

»Preis-Explosion beim Döner« (Tagesspiegel) – als würde man sich nicht schon genug einsauen beim Dönerverzehr!

Besucht Euch natürlich trotzdem: Titanic

 Sie, Markus Ferber (CSU),

Sie, Markus Ferber (CSU),

sind Mitglied des Europäischen Parlaments und schreiben zum Wechsel der Blackrock-Managerin Elga Bartsch ins deutsche Wirtschaftsministerium: »Die Grünen sind sonst immer die ersten, die Interessenkonflikte kritisieren – hier werden beide Augen zugedrückt und dem Großkapital der rote Teppich ausgerollt.«

Das verdammte Großkapital hat in der Politik nichts zu suchen, da haben Sie völlig recht! Aber wie würden Sie als Unionsmitglied wohl erst reagieren, wenn die Grünen, sagen wir mal, den Aufsichtsratsvorsitzenden von Blackrock zum Parteichef gemacht hätten?

Fragen sich die Merzianer von Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Lief richtig gut

Mein erstes Natursekt-Erlebnis war so überwältigend – ich hatte Pipi in den Augen!

Andreas Maier

 Spur des Erfolgs

Ramengenähte Schuhe sind unter Neureichen sehr angesagt; ich hatte mir kürzlich in einem erstaunlichen Anfall von Luxuslaune welche zugelegt. Aber ich warne euch, Leute: Da suppt es ganz schön raus, und sie sind letztlich die ganze Brühe nicht wert.

Mark-Stefan Tietze

 In Frankreich gelernt:

Die große Kunst im Marketing lokal produzierter Kulinarik ist, frische Butter-Croissants so zu fotografieren, dass sie nicht wie Stielwarzen aussehen.

Theobald Fuchs

 Hochzeitsverplaner

Ein gut gemeinter Rat, wenn Sie noch nach einem schönen Spruch für das Gästebuch bei einer Hochzeit suchen: »Super Party, gerne wieder« kommt nicht so gut an.

Loreen Bauer

 Eine Naturburschin

Ich liebe die Flora und Fauna, und damit meine ich meine 3,99€-Zimmerpflanzen von Aldi und eine inzwischen nicht zu vernachlässigende Anzahl an Trauermücken in meiner Wohnung.

Melanie Manthey

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

  • 10.01.: "Der Teufel vom Dachboden" – Eine persönliche Pardon-Geschichte in der Jungen Welt von Christian Y. Schmidt.
  • 13.12.:

    Anlässlich des 85. Geburtstages Robert Gernhardts erinnert Christian Y. Schmidt in der Jungen Welt an den Satiriker und Vermieter.

  • 26.10.:

    Chefredakteurin Julia Mateus spricht über ihren neuen Posten im Deutschlandfunk, definiert für die Berliner-Zeitung ein letztes Mal den Satirebegriff und gibt Auskunft über ihre Ziele bei WDR5 (Audio). 

  • 26.10.:

    Julia Mateus erklärt dem Tagesspiegel, was Satire darf, schildert bei kress.de ihre Arbeitsweise als Chefredakteurin und berichtet der jungen Welt ein allerletztes Mal, was Satire darf. 

  • 26.10.:

    Ex-Chef-Schinder Moritz Hürtgen wird von Knut Cordsen für die Hessenschau über seinen neuen Roman "Der Boulevard des Schreckens" interviewt (Video) und liest auf der TAZ-Bühne der Buchmesse Frankfurt aus seiner viel gelobten Schauergeschichte vor (Video). 

Titanic unterwegs
29.01.2023 Hagen im Bremischen, Burg zu Hagen Miriam Wurster: »Gute Manieren«
01.02.2023 Berlin, Pfefferberg Theater Hauck & Bauer, Schilling & Blum und Hannes Richert
02.02.2023 Halle, Objekt 5 Max Goldt
02.02.2023 Nürnberg, Z-Bau Moritz Hürtgen