Briefe an die Leser | April 2009


Walter Jens!

Sollten Sie in einem Ihrer lichten Momente diese Zeilen lesen und sich wundern, weshalb manche Leute von Ihrem Sohn reden: Hören Sie nicht hin. Sie haben keinen Sohn. Und der Typ, der sich dafür ausgibt, den können Sie vergessen.

Auf Umwegen dann doch wieder Ihre

Titanic

Hallo, Clowns!

Daß Euch praktisch niemand lustig findet, ist ja beinahe eine Binse, und auch die Tatsache, daß Ihr ein »internationales Clownsparlament« unterhaltet und dafür ausgerechnet in Dresden tagt, der Hauptstadt eines Bundeslandes, in dem ausländische Gäste eher selten was zu lachen haben, ist kaum dazu geeignet, Euch zu rehabilitieren. Aber als wir dann hörten, daß Ihr u.a. Wim Wenders zum »Ehrenclown« ernannt habt, waren wir doch erstaunt: So ganz witzlos seid Ihr dann offensichtlich doch nicht!

Die Clowns unter Tränen auf der

Titanic

Bayern 2!

Ist ja schon ein feiner Zug von Dir, daß Du dem sympathischen Fußballrentner Mehmet Scholl eine Nebenbeschäftigung verschaffst und er bei Dir seine Lieblingsmusik in einer eigenen Radiosendung mit dem Titel »Mehmets Schollplatten« präsentieren darf. Dürfen wir da auf eine Serie hoffen? Wie wär’s mit südamerikanischen Rhythmen und »Zé-Ds von Zé Roberto« oder italienischem Liedgut und »Lucas Ton(i)trägern«? Und die Vorstellung hipper Chartzugänge unter »Bastis Neuschweinsteiger« sollte doch genauso drin sein wie Aznavour und MC Solaar unter »Francks Ribérhythmen«!

Gespannt wie Scholle:

Titanic

Marianne & Michael!

Anläßlich Eurer bevorstehenden Steinernen Hochzeit (67 1/2 Jahre) antwortetet Ihr auf die Frage der Bild am Sonntag nach der sexuellen Situation so: Marianne: »Hmm.« Michael: »Na, kuscheln tun wir schon noch gern.« Marianne: »Es wird alles ruhiger, das ist klar. Aber es findet tatsächlich immer noch statt. So ist das nicht!« Michael: »Ja, wir schaffen’s, wir schaffen’s noch.« Marianne: »Und wie, das sagen wir nicht.« Michael: »Aber es ist wunderbar.« Als Beweis für den möglicherweise skeptischen Leser war ein doppelseitiges Farbfoto beigefügt, auf dem Ihr auf einer österreichischen Alm im Heubett liegt und den Betrachter so gespenstisch lebensecht angrinst wie eh und je.

Schön, einerseits, daß Ihr uns so zwanglos an Eurer Privatheit teilhaben laßt; andererseits ist »hmm« und »kuscheln« und »grad noch so« nicht unbedingt das, was der erwartungsvolle BamS-Leser so unter wunderbar bumsen und richtig wild einen zusammenrammeln versteht. Weswegen Ihr Euch nicht wundern solltet, wenn die Interview-Anfragen von Springer demnächst ausbleiben; und das ist aber mehr Glück, als der beste Fick zu bieten imstande ist.

In diesem Sinne Glückwunsch:

Titanic

Spiegel-Feuilleton!

Gemütlich bei Dir, nicht? Den ganzen Tag Verlagsprospekte blättern, den Milchschaum aus der Tasse kratzen und nonchalant Top-Essays wie den der Neuberliner Suhrkamp-Chefhenne Berkéwicz abnicken: »Woher du kommst oder ob du schon lange hier warst, interessiert in Berlin nicht … Was Brecht mit ein paar Laptops in seiner Gruppe gemacht hätte, kann man nur erahnen … Wer nur an seinem Ort bleiben will, wird den Halt verlieren. Die Orte sind mehr vorgegeben. Sie müssen erarbeitet werden. Das Zuhause, das wir uns schaffen, wird provisorisch, diasporisch sein« – bis auf, Spiegel-Feuilleton, die Altbauwohnungen, die Deine Redakteure mit dem Durchwinken solch übergeschnappt-inferioren Geblökes zusammenverdienen.

Durchaus diasporische Grüße:

Titanic

Wolfgang Büscher!

Weil wir 2009 schreiben und es zufällig in der Historie Deutschlands eine vage Affinität zwischen Großereignissen und der Zahl neun gibt, durften Sie, als Wandervogel und Journalist, in der Zeit zwei Seiten unter der Überschrift »Ein Land kommt zu sich« über 1919, ’39, ’49 und ’89 vollsülzen und uns schon mal das Fürchten lehren angesichts dessen, was uns in diesem an Schicksalsjubiläen nicht eben armen Jahr noch alles erwartet; gemessen an der feuilletonistischen Aufbereitung Ihrer Reise »von Versailles über Herrenchiemsee nach Berlin« v.a. Aufsätze, geschaffen wie für einen Schülerwettbewerb des Innenministeriums. Und wer da eine Eins mit Sternchen will, braucht mindestens einen schicken Aufhänger, und den haben Sie mit einem prima Euphemismus für Krieg und Vernichtung auch gefunden: der Deutschen »Formsuche«.

Also sinnieren Sie sich von der Urkatastrophe der Versailler Verträge bis zur »Erlösung« 1989: »Endlich ein Land mit einem einfachen Namen: Deutschland. Mit einleuchtenden Grenzen und einer irgendwie heilen Gestalt auf der Karte. Keine behelfsmäßigen Kürzel mehr: BRD, DDR.« Doch um zu diesem paradiesischen Zustand zu gelangen, muß man bei einer Deutschlandreise, egal ob durch Raum oder Zeit, notgedrungen durch eine No-Go-Area. Oder besser um sie herum: »Man kann 1939 nicht besuchen, es ist begraben, verweht«, denn: »Hitler pervertiert die deutsche Formsuche. In seinem Anfang als radikalisierter Landser ihr Produkt, in seinem Aufstieg ihr Verführer, steht er am Ende da als ihr Verräter.« Wobei man ja sagen könnte, er sei der größte Formsucher von allen gewesen, als Sucher nach Deutschlands Riesenform; nein? »Wie ein Medium hat Hitler auf seiner polnischen Zugreise allen Ekel und Haß gegen den östlichen, namentlich jüdischen ›Untermenschen‹ in sich gesogen und potenziert.«

Und genau da kommt er halt her, der Haß und Ekel Hitlers, mit dem er als saugendes Medium das bloß formsuchende Volk zum Massenmord verführte: aus Polen – wie auch anders, wenn man sich Untermenschen aus der Nähe anschauen muß!

Sie, Büscher, sind ja wirklich in Topform: metaphorisch, historisch, insgesamt.

Mit potenziertem Ekel:

Titanic

Ottfried Fischer!

Bei Sat.1 war die Trauer groß, als Ihre Serienpartnerin Ruth Drexel starb. Nur Sie – verzogen mal wieder keine Miene.

Sorry, aber der mußte raus!

Titanic

Und so, Veronica Ferres,

schleimen Sie sich bei Bild ein: »Ich kann leider nicht jeden Tag Theater machen – Ihr schon!« Freilich hinkt Ihr kumpelhafter Vergleich bei näherem Hinsehen gewaltig: Was Bild jeden Tag macht, nennt man nicht Theater, sondern Preßbanditentum; und ob man in Ihrem Falle von Können im engeren Sinne sprechen soll, ist halt auch so eine Frage.

Gestellt von Ihrer allerbesten Freundin

Titanic

»Focus«, altes Fachblatt!

Nachdem Du die 100 besten Fachärzte, Unis, Gymnasien, Eigenheimfinanzierer, Aktiendepots und Eiersalate durchgenudelt hast, hieß es auf Deiner abwaschbaren Titelseite nun untergangskompatibel: »Job in Gefahr – Ihre Strategien in der Krise«; und da wir Dich nicht lesen, können wir nur raten, welche das wohl sind: »Analysieren Sie nach Erhalt der außerplanmäßigen Hausmitteilung die Lage im Großraumbüro und teilen Sie dem Chef mit, was Sie alles über Maier wissen, der (noch) den Fensterplatz hat. Vergessen Sie die Fotos aus Ihrer Schublade nicht!« / »Erkundigen Sie sich, welche der Gesichter morgens im Fahrstuhl der Rechtsabteilung gehören, und bringen Sie denen dann mal Pralinen, Blumen oder einen guten Tropfen mit – das könnte sich in wenigen Tagen bezahlt machen« / »Vergleichen Sie am besten heute noch online – das kann ruhig vom Arbeitsplatz aus geschehen, gekündigt wird Ihnen ja eh – die Preise für Abschleppseile, Wäscheleinen oder Handfeuerwaffen. Auf die Bewertungen der Verkäufer durch die bisherigen Kunden achten!«

Stimmt’s, Focus, oder haben wir recht?

Strategische Grüße:

Titanic

Bayern!

Daß Du auch Deinen östlichen Metropolen Landshut (»unversehrtes Altstadtensemble«), Straubing (»würdevolle Romantik«) und Passau (»Charme und Flair«) ein paar Besucher zuführen willst, sei Dir unbenommen; aber »Kuschelfieber in Niederbayern«? »›Kuschelkissen-Voucher‹ anfordern, Wunschhotel auswählen, ›Kuschelkissen‹ in Empfang nehmen … und zehn Prozent auf den Zimmerpreis wegkuscheln!«? Wären, Bayern, da mit regelrechtem Wegvögeln, ja -pimpern nicht noch ein paar Prozentpunkte mehr drin?

Dann kämen sogar mal nach Weiden (»Weiden ist so vieles«)

Deine Touristen von der

Titanic

Jan-Eric Peters!

Als Chef der Axel-Springer-Akademie ist Ihnen der gute, saubere Journalismus selbstverständlich ein Herzensanliegen. Da mußten Sie ja regelrecht in die Luft gehen, als Zeit-Feuilletonchef Jens Jessen jüngst die »Gelfrisur mit den straff nach hinten gekämmten Haaren«, wie sie der neue Wirtschaftsminister von Guttenberg trägt, mit mildem Spott übergoß und im »Ursprungsmilieu der Boulevardjournalisten, Türsteher und nahöstlichen Bonvivants« verortete.

Dieses Verbrechen gegen Menschlichkeit und journalistische Ethik konnten Sie nicht ungesühnt lassen: »Jessen bemüht alle Vorurteile, die man bei einem Glas Rotwein in einer scheinliberalen Redaktionsstube so an den Haaren herbeiziehen könnte«, zeterten Sie in Ihrem Blog und warfen dem »selbstgefälligen Autor« im weiteren »Dünkel«, Einfalls- und Erfolglosigkeit, »Intoleranz« und fürchterliches Spießertum vor. Was wiederum wir nicht ganz verstanden haben: Gerade Sie als ehemaliger Boulevardjournalist müßten sich doch in der Gesellschaft von Türstehern und nahöstlichen Bonvivants eher aufgewertet fühlen!

Aber, Peters, davon einmal abgesehen: Ob Gel, Lack oder Spray – im Karrieremännerhaar sieht es halt auch immer mordsmäßig scheiße aus. Schauen Sie doch Ihren alten Kumpel Kai Diekmann mal mit der gebotenen journalistischen Objektivität an – oder einfach in den Badezimmerspiegel.

Ihre ungekämmten Style-Berater von der

Titanic

Judith Hermann!

Sie standen dem Zeit-Magazin für ein Zigaretten-Interview zur Verfügung, das sinnigerweise unter dem Titel »Die allerletzte Zigarette mit Judith Hermann« geführt wurde, obschon Sie schon seit zweieinhalb Jahren nicht mehr rauchen – was hart gewesen ist, v.a. »beim Schreiben, am Anfang war ich fast hilflos. Ich hatte für jeden Satz drei Zigaretten gebraucht – eine fürs Denken, eine fürs Aufschreiben und die dritte fürs Ansehen des Satzes.« Das können wir uns vorstellen, wie Sie am Schreibtisch saßen, Ihre Lebenstraurigkeit und Verlorenheit vor sich hinschoben und für einen Absatz in Länge dieses Briefs an die Leser zwei Schachteln verkasematuckeln mußten. Doch jetzt: »Der Atem des Textes ist anders. Ohne Zigarette scheint mir alles knapper, lakonischer, sachlicher vielleicht auch. Ich habe einfach weniger Nerven für lange, elegische Sätze.«

Je nun, Frau Hermann: Wir Nicht-mehr-Raucher auch nicht. Deswegen an dieser Stelle nur knapp und lakonisch, sachlicher vielleicht auch:

Klappe!

Titanic

Deutschlandfunk!

Da hat Deine Sprecherin am 4.3. bei der morgendlichen Nachrichtenlektüre doch einen Augenblick gestutzt: Ist Erika Steinbach noch »umstrittene Vertriebenen-Präsidentin« oder u.U. schon »vertriebene Umstrittenen-Präsidentin«?

Puh!

Titanic

Sie hingegen, Christian Gottwalt,

führten den Lesern des SZ-Magazins vor, wie kritischer Journalismus geht: Aus der Nullmeldung, daß Audi statt des sog. Q7 nun einen sog. Q5 als Hybridfahrzeug baut, strickten Sie munter eine dreiseitige Werbekampagne für die Autoindustrie, halluzinierten eine »Zeitenwende« und erhoben die Käufer dieser ressourcenfressenden Quatschkisten zu Weltrettern. Denn dank »BlueMotion«, »TrueBlueSolutions« und weiterer ultragrüner Features sei ein »unschlagbarer« Verbrauch von 5,1 Litern möglich usw.

Unschlagbar, Kollege Gottwalt, allerdings auch, wie blind begeisterter, wo nicht gar willfähriger Servicejournalismus immer wieder Dividenden sichert; am Ende sogar Ihre eigene!

Unschlagbar:

Titanic

Auf ein Wort, Guttenberg!

Als Sie als jungdynamischer Streber auf dem Stuhl des Bundeswirtschaftsministers landeten, überschlugen sich die Medien vor Begeisterung, nicht allein weil Sie von Adel sind (von dem das gemeine Volk nicht erst seit Ferfried von Hohenzollern und Gloria von Thurn und Taxis Spitzenleistungen erwarten darf). Auch Ihre Eloquenz beeindrucke, jedes Wort sitze bei Ihnen wie ein Schlag des Prügelprinzen von Hannover. Dann gaben Sie der Bild am Sonntag ein Interview, einem Blatt, das Ihnen von Haus aus nahesteht und mit dessen Chefredakteur Sie die Leidenschaft für ölige Tollen teilen. Da sollte es sich entspannt parlieren lassen; statt dessen klingen Ihre Antworten, als hätte ein halbes Dutzend Referenten Wortdurchfall gehabt: »Gleichzeitig verlasse ich mich in erster Linie auf meinen eigenen Verstand. Der kann einen auch mal verlassen. Aber das war bisher nicht inflationär häufig der Fall.«

Wenn Sie, Guttenberg, Sätze wie diese bei voller Klarheit von sich geben, möchten wir nicht wissen, wie es sich anhört, wenn das Oberstübchen mal Urlaub hat. Deshalb eine Eilmeldung an Sie und die Ihnen angeschlossenen Kreise: Nur weil einer seine Vornamen auswendig weiß, ist er noch lange nicht eloquent.

Eloquent:

Titanic

Bernd Merbitz!

Als sächsischer Landespolizeipräsident durften Sie in ein Radiomikrophon hineinsprechen, um der Welt kund und zu wissen zu tun, daß Ihre Beamten kaum ein halbes Jahr nach dem Mord an einem achtjährigen Mädchen den Täter gefunden hatten. Zur näheren Charakterisierung des Mörders entrang sich Ihren Sprechwerkzeugen dabei der folgende Satz: »Also er ist noch in der Ausbildung als Sozialassistent, er lebt mit seiner Mutter allein, und man kann ihn eigentlich als eine Person bezeichnen, was wenig Kontakt hatte.«

Puh! Bzw. Sie, Bernd Merbitz, sind wohl auch noch in der der Ausbildung als Spuck- und Stotterassistent, Sie leben mit Ihren Beamten allein, also, da kann man man Sie wohl als eine Landespolizeipräsidentenperson bezeichnen, was wenig Kontakt mit deutsches Sprak hat – aber das ist ja in Sachsen vielleicht auch kein Wunder!

Das Magazin, was gut ist:

Titanic

Geschätzter »Stern« (mal wieder)!

Erst einen wie üblich hochinvestigativen, ausdrucksstark bebilderten Beitrag über Puffs in Deutschland zu drucken und grad anschließend einen Text über die Tücken des neuen Unterhaltsrechts folgen zu lassen, was ist das: Zufall? Oder sprechen da Redakteure aus Erfahrung?

Will’s lieber nicht wissen:

Titanic

Alle Achtung, Bono!

Was macht eine Rock-Ikone, wenn sie in die Jahre kommt und ihr nichts mehr einfällt? Sie kehrt zu den Wurzeln zurück und hofft, mit gefällig aufbereiteter Altware genug Feuilleton-Redakteure hinterm Joshua Tree hervorzulocken, wobei ein paar kritische Kommentare zum Business natürlich nicht fehlen dürfen: »Musik ist wie eine Ware.«

Diese Mitteilung, Bono, hat uns erschüttert. Wir dachten immer, das Problem der Musikindustrie sei, daß Musik eben immer weniger Ware ist, weil die Leute so arg downloaden und tauschbörsen! Weshalb Sie gezwungen waren, zwecks Medienpräsenz Ihr Herz für Afrika zu entdecken und mit G. Bush, A. Merkel und anderen Unangepaßten über Lösungen für Probleme zu reden, von denen Sie gleichfalls nichts verstehen.

Aber geben Sie nicht auf; vielleicht gelingt Ihnen ja eines Tages mal was Neues. Oder werweiß sogar Wahres!

Something you can’t leave behind:

Titanic

Zum vierzigsten Geburtstag, Zweitausendeins,

von Herzen nur das Beste – aber sag: Damit niemand mehr glaubt, daß Dich »am 15. März vor genau 40 Jahren zwei langhaarige Menschen in einer Frankfurter Studenten-Kellerwohnung bei Tütensuppe, billigem Chianti (aus der Korbflasche wurde später ein Kerzenhalter) und selbstgedrehten Zigaretten« gegründet und dabei etwa folgende Konversation geführt haben: »›Wir machen einen total duften Versand! Mit astreinen billigen Büchern und Stereo-Beat-Schallplatten zu knorken Preisen!‹ ›Gebongt! Und wie nennen wir den Schuppen?‹ ›Warum nicht Zweitausendeins, wie der Film, den wir gestern gesehen haben?‹ ›Venceremos!‹« – damit mit diesem Ursprungsmythos endlich aufgeräumt werde – warum eigentlich? –, hast Du das Bändchen »Zweitausendeins. 40 Jahre danach« in Auftrag gegeben.

Aber wieso hast Du von allen, die diese Aufgabe bestimmt gern übernommen hätten, ausgerechnet den Mathias Bröckers genommen? »Der hat recherchiert, wie es damals wirklich war, und scheidet Wahrheiten von Halbwahrheiten und Gerüchten« und macht aus letzteren bekanntlich Bücher und Verschwörungsblogs. »Bröckers sorgt als Wissenschaftsjournalist für eine Versachlichung des Themas« – mal ehrlich, Zweitausendeins: Hast Du nicht vielleicht doch ein bißchen viel gebongt? Und welche Wahrheit über 3/15 wird Bröckers wohl aufdecken? Etwa daß die beiden Frankfurter Kellerbewohner von der CIA bezahlt waren und das Startkapital zum ersten Laden von Ignatz Bubis stammte?

Fragen sich Deine Kerzenhalter der Aufklärung auf der

Titanic

Atomkraft!

»Willst Du wirklich mit mir Schluß machen?« läßt Du Dein Deutsches Atomforum neuerdings auf einer knallroten Postkarte fragen und kannst es auf der Rückseite einfach nicht fassen: »Seit fast fünfzig Jahren versorgt die deutsche Kernenergie die Republik sicher mit CO2-freiem Strom. Ein deutsches Kraftwerk erzeugt jährlich genug Strom, um im Schnitt 2,5 Millionen Haushalte oder 4 500 Krankenhäuser oder 22 000 Hallenbäder am Laufen zu halten. Und nun soll einfach so Schluß sein?« Sicher, Atomkraft, Verlassenwerden ist nicht schön. Aber Du bringst nun mal Deinen Müll nicht weg – und wir haben Angst, daß Du irgendeiner Kleinigkeit wegen explodierst!

Ruf uns bitte nicht mehr an.

Titanic

Volker Panzer (ZDF)!

»Heraklit, der antike Philosoph, soll gesagt haben, der Vater aller Dinge sei der Krieg. Nun – wenn wir nur die letzten 200 Jahre hier in Europa betrachten, müßte man ihm vielleicht sogar Recht geben. Es ist nämlich erst 64 Jahre her, daß alles, was mal war, in vollständiger Zerstörung dalag. Nicht nur die Mauern, sondern auch die Ideologien, in Deutschland sogar die schlimmste. Und was ist daraus geworden. In Deutschland die Demokratie, die soziale Marktwirtschaft, das sogenannte Wirtschaftswunder, und für Europa aus der Montan- die ›Europäische Union‹« – Mensch, Panzer, alter Kulturwindbeutel: So gesehen hat sich der Weltkrieg ja richtig gelohnt!

Ihr Nachname ist kein Zufall, oder?

Titanic

Liebe Jasmin Felgentreff!

Wir freuen uns ja, auf Ihrer Website autodiva.de zu lesen, daß Sie mit Ihrem »frauengeführten Kfz-Meisterin-Betrieb in Hamburg/St. Pauli« etwas dafür tun, das Gender Mainstreaming auch in klassischen Männerdomänen zu etablieren. Aber ist es nicht ein bißchen inkonsequent, gemeinsam mit so schnöden Kolleginnen wie Katrin Schade oder Berit Ehmke an den Karren rumzuschrauben? Wir würden unser Tuning jedenfalls lieber von Conny Kolbenfresser besorgen lassen; oder wenigstens Uschi Achsenbruch!

Ihre Hubraumfetischisten von der

Titanic

Kerner!

Eben quallte aus unserem Fernseh ein Spot der neuen Bild-Kampagne, und wissen Sie, wer mit dabei war? Sie. Immer wieder Sie. Egal wie schmutzig, egal wie eklig: Sie, »Journalist« (Selbstauskunft), machen Werbung dafür, in diesem Fall nur notdürftig verhohlen durch den Wunsch nach »mehr Bildung und weniger Meinung«.

Sehr gut. Wie wär’s denn, Kerner, alter Abgreifer, mal mit einer Anzeige für Sturmgewehre, so spitzenpseudokritisch à la »Menschen töten, nicht Waffen«? Oder einem Engagement für die Immobilienwirtschaft? Wie? Die gab’s doch schon?

Dann will nichts gesagt haben:

Titanic

Prof. Dr. Hans-Ulrich Wiemer!

Das dramatische achte Kapitel ­Ihrer Monographie über Alexander den Großen lassen Sie mit bemerkenswerter Präzision ausklingen: »… als er am 10. Juni 323 im Alter von nur 32 Jahren verstarb.« Bewundernswert, die Akribie des Althistorikers, diese Wucht der Daten: Wie viele ­Kalendersysteme mußten hier durchmessen werden, um den Transfer von der babylonischen Zeitrechnung ins Jetzt zu schaffen? Womöglich hat es Dekaden erbitterten Wissenschaftsstreits gebraucht, bis man sich auf exakt dieses Datum hat einigen können! Ganze Theoriegebäude über den Verlauf der darauffolgenden Diadochenkriege fußen auf diesem Datum –
Ihr, Prof. Wiener, neuntes Kapitel aber scheint’s nicht: »Als Alexander am 26. Juni 323 im Alter von nur 32 Jahren starb« – da trug er eine Armbanduhr mit defekter Datums­anzeige?
Sagen Sie’s rechtzeitig Ihrer

Titanic

Christian Wernicke!

Ihre Süddeutsche ließ Sie vor dem ersten Auftritt Obamas vor dem US-Kongreß mal was richtig Sensationelles berichten: »Alles steht und fällt mit diesem Mann, mit diesem Schlacks im dunklen Anzug und der rot-weiß-gestreiften Krawatte, der vor einem Monat erst ins Weiße Haus eingezogen ist und der sich dort regelmäßig wundert, in welche Welt er da hineingeraten ist. Der 47jährige Novize, der dennoch den Nerv hat, sich acht Stunden vor seinem Auftritt für ein paar Minuten hinzulegen und auf dem Sofa des Oval Office einen kurzen Mittagsschlaf zu halten.« Und da fragen wir uns doch, was sich dieser Teufelskerl als nächstes traut: Wird er sich zwei Wochen vor dem G8-Gipfel am Automaten vor dem Oval Office ein Snickers kaufen? Oder wird sich der Schlacks noch mal umdrehen, wenn er drei Stunden vor dem Klingeln des Weckers aufgewacht ist?
Ist halt schon ein Leben am ­Limit, so als Präsident!
Legt sich für ein paar Minuten hin:

Titanic

Und Sie, Markus Lüpertz (Kunst),

haben was als »Hauptproblem der heutigen Zeit« erkannt? Den Ennui: »Der Friede ist nichts für Werte. Wir haben schon zu lange Frieden gehabt. Das macht die Leute fix und fertig.« So isses. Bzw. dem aberhundertsten Künstler dabei zuhören zu müssen, der meint, originell zu sein, wenn er verbal den Kraftkerl gibt, während er zu Düsseldorf als Malerfürst mit Professorengehalt residiert, das ist so derart langweilig, daß es uns wirklich fix und fertig macht. Wenn Ihnen, Lüpertz, das jetzt zu lange Frieden gewesen ist, dann lassen Sie sich doch einfach über einem der aktuellen Kriegsgebiete abwerfen. Das Angebot ist groß, Sie können da ganz nach landschaftlichen oder klimatischen Vorlieben buchen. Dort kommen Ihnen dann bestimmt Soldaten, die vor dem Vergewaltigen noch formvollendet einen Handkuß geben, und andere Vertreter humanistischer Werte als hübsche Motive vor den Einfaltspinsel.
Gell?

Titanic

Sie, Georg Paul Hefty (»FAZ«),

erklärten Ihrer noblen Leserschaft, was den neuen Wirtschaftsminister Guttenberg für sein Amt zur Idealbesetzung mache: »Vieles, was der bisherige CSU-Generalsekretär als Befähigungsnachweis für das Staatsamt aufzuweisen hat, wurzelt in seiner Familie. Wer sich über Jahrhunderte halten und dann noch ein gewisses Vermögen vorweisen kann, versteht überdurchschnittlich viel von Wirtschaft.« Ebensogut ließe sich behaupten, wer über Jahrhunderte einem alten Adelsgeschlecht angehört, verstehe überdurchschnittlich viel von ursprünglicher Akkumulation und Bauernlegen; jedenfalls mehr als, Hefty, Sie. Womit sich unweigerlich die Frage stellt, wie es eigentlich mit Ihrem Befähigungsnachweis aussieht!
Ihr gemeines Volk auf der

Titanic

Bild.de!

Toll, wie Du »die kranke Welt des Killers« Tim K. ausgemalt hast: Im Schützenverein war er, spielte sogar Tischtennis und Fußball. Zu allem Überfluß liebte er seine Katze! Wir ekeln uns mit Dir über so viel Widerlichkeit und befürchten neue Abartigkeiten: Am Ende hatte der Amokläufer gar das »Best of« von DJ Ötzi im Schrank, guckte regelmäßig »Wetten daß …?«, oder war, noch schlimmer: Bild-Leser!
Angewidert:

Titanic

Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Nichts für ungut, Tasmanischer Tiger!

Nachdem wir Menschen Dich vor circa 100 Jahren absichtlich ein bisschen ausgerottet haben, um unsere Schafe zu schützen, machen wir den Fehltritt jetzt sofort wieder gut, versprochen! Du hast uns glücklicherweise etwas in Alkohol eingelegtes Erbgut zurückgelassen, und das dröseln wir nun auf, lassen Dich dann von einer Dickschwänzigen Schmalfußbeutelmaus in Melbourne austragen, wildern Dich in Australien aus und fangen dann ziemlich sicher an, Dich wieder abzuknallen, wie wir es mit den mühsam wiederangesiedelten Wölfen ja auch machen. Irgendjemand muss ja auch an die Schafe denken.

Aber trotzdem alles wieder vergeben und vergessen, gell?

Finden zumindest Deine dünnschwänzigen Breitfußjournalist/innen von der Titanic

 Guten Appetit, TV-Koch Alfons Schuhbeck!

Guten Appetit, TV-Koch Alfons Schuhbeck!

Nichts läge uns ferner, als über Ihren Steuerhinterziehungsprozess zu scherzen, der für Sie mit drei Jahren und zwei Monaten Freiheitsstrafe geendet hat. Etwas ganz anderes möchten wir ansprechen, nämlich Ihre Einlassung am zweiten von insgesamt vier Verhandlungstagen, während der Sie laut Handelsblatt »lang und breit über die Vorzüge« von Ingwer palaverten, »aber auch über Knoblauch, Kardamom oder Rosmarin«, bis Sie schließlich einsahen: »Ich könnte stundenlang über Gewürze reden, aber das ist wohl der falsche Zeitpunkt.«

Und ob das der falsche Zeitpunkt war! Mensch, Schuhbeck, die gute alte Gewürz-Verteidigung, die hebt man sich doch für ganz zum Schluss auf, die pfeffert man dem Gericht (!) nach den Kreuzkümmelverhören prisenweise entgegen. Wozu zahlen Sie denn gleich zwei Anwälten gesalzene Stundensätze? Bleibt zu hoffen, dass Sie bei der Revision die Safranfäden in der Hand behalten!

Die Gewürzmühlen der Justiz mahlen langsam, weiß Titanic

 Helfen Sie uns weiter, Innenministerin Nancy Faeser!

Auf Ihrem Twitter-Kanal haben Sie angemerkt, wir seien alle gemeinsam in der Verantwortung, »illegale Einreisen zu stoppen, damit wir weiter den Menschen helfen können, die dringend unsere Unterstützung brauchen«. Das wirft bei uns einige Fragen auf: Zunächst ist uns unklar, wie genau Sie sich vorstellen, dass Bürgerinnen und Bürger illegale Einreisen stoppen. Etwa mit der Flinte, wie es einst Ihre Bundestagskollegin von Storch forderte? Das können Sie als selbsternannte Antifaschistin ja sicher nicht gemeint haben, oder? Außerdem ist uns der Zusammenhang zwischen dem Stoppen illegaler Einreisen und der Hilfe für notleidende Menschen schleierhaft.

Außer natürlich Sie meinen damit, dass die von Ihrem Amtsvorgänger und der EU vorangetriebene Kriminalisierung von Flucht gestoppt werden müsse, damit Menschen, die dringend unsere Unterstützung brauchen, geholfen wird.

Kann sich Ihre Aussage nicht anders erklären: Titanic

 Stillgestanden, »Spiegel«!

»Macht sich in den USA Kriegsmüdigkeit breit?« fragst Du in einer Artikelüberschrift. Ja, wo kämen wir hin, wenn die USA die Ukraine nur nüchtern-rational, aus Verantwortungsbewusstsein oder gar zögerlich mit Kriegsgerät unterstützten und nicht euphorisch und mit Schaum vor dem Mund, wie es sich für eine anständige Kriegspartei gehört?

Spiegel-müde grüßt Titanic

 Sicher, Matthew Healy,

dass Sie, Sänger der britischen Band The 1975, die Dinge einigermaßen korrekt zusammenkriegen? Der Süddeutschen Zeitung sagten Sie einerseits: »Ich habe ›Krieg und Frieden‹ gelesen, weil ich die Person sein wollte, die ›Krieg und Frieden‹ gelesen hat.« Und andererseits: »Wir sind vielleicht die journalistischste Band da draußen.« Kein Journalist und keine Journalistin da draußen hat »Krieg und Frieden« gelesen, wollten mal gesagt haben:

Ihre Bücherwürmer von der Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Schwimmbäder

Eine chlorreiche Erfindung.

Alice Brücher-Herpel

 Sprichwörter im Zoonosen-Zeitalter

Wer nichts wird, wird Fehlwirt.

Julia Mateus

 Vom Kunstfreund

Erst neulich war es, als ich, anlässlich des Besuchs einer Vernissage zeitgenössischer Kunst, während der Eröffnungsrede den Sinn des alten Sprichworts erfasste: Ein paar tausend Worte sagen eben doch mehr als nur ein Bild.

Theobald Fuchs

 Auf dem Markt

– Oh, Ihr Doldenblütler verkauft sich aber gut!
– Ja, das ist unser Bestsellerie!

Cornelius W.M. Oettle

 Heimatgrüße

Neulich hatte ich einen Flyer im Briefkasten: »Neu: Dezember Special! Alle Champions-League-Spiele auf 15 Flatscreens!!!« Traurig, zu welchen Methoden Mutter greift, damit ich öfter zu Besuch komme.

Leo Riegel

Vermischtes

Wenzel Storch: "Die Filme" (gebundene Ausgabe)
Renommierte Filmkritiker beschreiben ihn als "Terry Gilliam auf Speed", als "Buñuel ohne Stützräder": Der Extremfilmer Wenzel Storch macht extrem irre Streifen mit extrem kleinen Budget, die er in extrem kurzer Zeit abdreht – sein letzter Film wurde in nur zwölf Jahren sendefähig. Storchs abendfüllende Blockbuster "Der Glanz dieser Tage", "Sommer der Liebe" und "Die Reise ins Glück" können beim unvorbereiteten Publikum Persönlichkeitstörungen, Kopfschmerz und spontane Erleuchtung hervorrufen. In diesem liebevoll gestalteten Prachtband wird das cineastische Gesamtwerk von "Deutschlands bestem Regisseur" (TITANIC) in unzähligen Interviews, Fotos und Textschnipseln aufbereitet.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURFriedemann Weise: "Die Welt aus der Sicht von schräg hinten"
Laut seiner Homepage ist er der "King of Understatement" und der "lustigste Mensch im deutschsprachigen Internet". Er ist aber auch Gitarrenmann, Viralblogger (15000 Follower!), Gagautor und Promiexperte mit Diplom. Die Rede ist von Friedemann Weise, dem Mann mit dem Namen! Der Mann, der den "Satiropop" erfand. Und jetzt auch noch ein Buch vorlegt. Ob das gutgeht? Ordern Sie diese Prämie und teilen Sie Ihr vernichtendes Urteil bitte zeitnah der TITANIC-Redaktion mit.
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Das schreiben die anderen

  • 26.10.:

    Chefredakteurin Julia Mateus spricht über ihren neuen Posten im Deutschlandfunk, definiert für die Berliner-Zeitung ein letztes Mal den Satirebegriff und gibt Auskunft über ihre Ziele bei WDR5 (Audio). 

  • 26.10.:

    Julia Mateus erklärt dem Tagesspiegel, was Satire darf, schildert bei kress.de ihre Arbeitsweise als Chefredakteurin und berichtet der jungen Welt ein allerletztes Mal, was Satire darf. 

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    Ex-Chef-Schinder Moritz Hürtgen wird von Knut Cordsen für die Hessenschau über seinen neuen Roman "Der Boulevard des Schreckens" interviewt (Video) und liest auf der TAZ-Bühne der Buchmesse Frankfurt aus seiner viel gelobten Schauergeschichte vor (Video). 

  • 19.10.:

    Stefan Gärtner bespricht in der Buchmessenbeilage der Jungen Welt Moritz Hürtgens Roman "Der Boulevard des Schreckens".

  • 12.10.: Der Tagesspiegel informiert über den anstehenden Chefredaktionswechsel bei TITANIC.
Titanic unterwegs
30.11.2022 Köln, Bumann & Sohn Martin Sonneborn
01.12.2022 Hamburg, Ernst-Deutsch-Theater Max Goldt
02.12.2022 Nartum, Haus Kreienhoop Gerhard Henschel
04.12.2022 Enkenbach-Alsenborn, Klangwerkstatt Thomas Gsella mit den Untieren