Briefe an die Leser | Juli 2007


Berliner!

Mit wachsendem Widerwillen ­lesen wir v. a. in der feuilletonismusverarbeitenden Industrie immer wieder ­Loblieder auf Eure charmante Kodderschnauze, Euren verschmitzten Lakonismus etc., und Ihr lest es und glaubt es und fühlt Euch im Recht. Aaaber: Wenn Ihr z.B. als Fahrkartenverkäufer schon auf die harmlose Erkundigung »Ich möchte mit meinen Freunden gern ein Wochenende durch Berlin gondeln« mit »Ich auch, ich auch« antwortet, so hat das mit Kodderschnauze, Lakonismus usf. gar nicht mehr viel zu tun; eher schon mit Arschkrampigkeit.

Also damit aufhören, ja?

Befiehlt:

Titanic

Ikea!

Deine Klobürste »Viren«: müßte die nicht genaugenommen – »Bakterien« heißen?

Hihi!

Titanic

»Eine attraktive Mischung«, Philipp Stölzl,

»aus Zeitgeschichte und melodramatischem Abenteuer« nennen Sie Ihr neuestes Filmprojekt »Nordwand«, dessen Story sich, wie die Süddeutsche berichtet, am angebl. tragischen, tatsächlich aber bloß tödlichen Erstbesteigungsversuch der ­Eiger Nordwand 1936 orientiert. Damit die derart desorientierte Story nicht gleichfalls am Berg den Tod findet, lesen Sie abends die Klettererinnerungen von Riefenstahls Leni und gucken deren Filme weg; und wissen hinterher, daß man bei der Beurteilung des Dritten Reiches den sportlichen Aspekt nicht vernachlässigen dürfe: »Die Lust am Risiko war damals eindeutig größer.«

Ja. Hm. Dochdoch. Das kann man so sagen!

Trotzdem lieber risikofrei:

Titanic

Brandauer, Klaus Maria!

Dem Tagesspiegel erzählten Sie neulich, was Sie an der Zusammenarbeit mit jungen Schauspielern so reizt: »Ich habe es gern, wenn ich in einem Ensemble arbeiten kann, in dem alle Altersstufen vertreten sind: sehr alte Hasen, weniger alte Hasen und ganz junge Anfänger. Das ist auch ästhetisch sehr angenehm. Jüngere Leute sehen einfach besser aus als Alte. (Brandauer stampft wütend auf.) Das bedeutet nicht, daß junge Leute interessanter sind – davon kann keine Rede sein. Aber sie sind einfach schöner. Sie sind erotisch zugänglicher als ältere Herrschaften.«

Und gerade letzteres, lieber Klaus Maria, möchten wir bezweifeln – zumindest, wenn sich ältere Herrschaften wie Sie diesen jungen Hasen ganz interesselos nähern. Sie sind nämlich inzwischen auch sehr alt und sehen dementsprechend einfach schlechter aus, das ist ästhetisch sehr unangenehm. Da können Sie noch so wütend aufstampfen!

Ihre alten Anfänger auf der

Titanic

Und worum, Möhrchen,

ging’s diesmal auf Deiner Improvisationsbühne namens Spiegel online? Um den Gipfel, logo: »Die Burgherren samt Fräuleins in der militärisch gesicherten Festung, Pech und Schwefel gut gebunkert, draußen die anstürmenden Volksmassen mit modernen Mistgabeln, die – mangels Wassergraben – am Zaun rütteln und kriegerische Verwünschungen ausstoßen. Symbolische Politik, hilflose Gesten auf beiden Seiten. Die einen kommen nicht rein, die anderen nicht raus. Die drinnen produzieren heiße Luft, die draußen lassen Dampf ab. Pffft pfffft, puff puff. Oder doch knallknall pengpeng?«

Wenn Du uns, Möhrchen, fragst: Knallknall pengpeng!

Bis gleich:

Titanic

Claus Strunz!

Daß Ihnen und Ihrer BamS die Proteste gegen den G8-Gipfel nicht gefallen haben, wundert uns wenig; ebensowenig, daß Sie klare, fettgedruckte Worte dafür gefunden haben: »Die Massenproteste gegen den G8-Gipfel sind zynisch, falsch und gefährlich … Die Demonstranten verstehen sich als ›Globalisierungsgegner‹ – ein Begriff, der mit naiv noch charmant beschrieben ist … In Heiligendamm treffen sich Politiker, die es in der Hand haben, die Lebensverhältnisse ganzer Kontinente zu verbessern. Für Millionen Menschen in Afrika und Asien ist das G8-Treffen eine Konferenz der Hoffnung. Wer diese Konferenz verhindern will, versündigt sich an denen, für deren Zukunft er angeblich kämpft.«

Aber sehen Sie, Claus Strunz: Wenn wir Ihre zynischen, falschen und gefährlichen Kommentare lesen, die mit naiv noch charmant beschrieben sind, dann müssen wir auch Ihren einleitenden Worten widersprechen: »Es ist angenehm, in einem Land zu leben, in dem jeder seine Meinung frei äußern darf.« Das ist es manchmal eben nun wahrlich nicht.

Jedenfalls nicht für immer noch ein bißchen weniger Ihre

Titanic

Glückwunsch, Dieter Hildebrandt (SPD)!

Zu Ihrem Achtzigsten wurden Sie ja mal wieder hübsch mit Lob beworfen und vielkehlig zur großen alten Dame desjenigen Klamauks ernannt, der sich politisches Kabarett nennt; und nachdem Ihnen eine Schar von Gratulanten aus der herrschenden Klasse die Ehre gegeben hatte, ­durfte dann Ihr kongenialer Nachfolger Bruno Jonas im Radio gestehen, daß Sie ihm im Alter sogar noch »bissiger, unversöhnlicher und schärfer« erschienen als früher.

Mensch, Dieter: Wo soll das denn noch hinführen? Immer noch bissiger und schärfer und unversöhnlicher werden – vielleicht gelingt Ihnen dann sogar mal eine echte Kritik an den bestehenden Verhältnissen. Bis dahin aber bitte gesund und immer schön kritisch bleiben! Ohne Sie würden die da oben nämlich bestimmt machen, was sie wollen, und das fürchtet niemand mehr als Ihre

Titanic

Abermals, n-tv!

Im Kampf um die Gunst der jungen Zuschauer gehst Du ja ganz schön weit: »Putin disst Merkel«, so lautete jüngst Deine Schlagzeile, damit auch die Kids Deine coolen Facts ganz easy checken. Wir freuen uns schon auf Deine kommenden Headlines: »Endgeile Revanche: Merkel kackt Putin an«, »Fetter Mindfuck für Madeleines Eltern« und ­»Krasse Scheiße: Deutsche Soldaten hat’s gefetzt«.

Yo:

Titanic

Radrennfans,

die Ihr derzeit so irritiert auf ­Eure ehemals großen Vorbilder blickt – jetzt mal unter uns: Es war doch völlig offensichtlich, daß im Radrennsport die letzten Jahrzehnte auf Biegen und Brechen gedopt wurde. Denn, schaut mal: Woher hätten die Radfahrer denn sonst immer genauso schnell fahren können sollen wie die Motorräder?

Titanic

Es ist, Dirk Peitz,

doof, aber leider wahr: Wie ein Popjournalist aussieht, erkennt man meistens daran, wie er über Mädchen schreibt: »Es ist doof, aber leider wahr: Wie eine Band ist, erkennt man meistens daran, wie die Mädchen beim Konzert in der ersten Reihe aus­schauen. Es gibt Dicke-und-häßliche-Mädchen-Bands (Tokio Hotel), Dicke-und-traurige-Mädchen-Bands (Coldplay), Dünne-und-häßliche-Mädchen-Bands (alles mit Rock’n’Roll). Und es gibt Bands wie Rooney«, deren erste Reihe derart atemberaubend besetzt sei, daß Sie, wenn wir Ihr trübes Textlein in der Wochenend-SZ richtig verstanden haben, beim nächsten Konzert der Band dort ebenfalls zum Schieben, Drängeln und Drücken bereitstünden. Was aber machen Sie, Peitz, wenn diese Spitzenweiber keine Lust darauf haben, sich von einem Popjournalisten des Typs Dicker-und-hornbrilletragender- Glatzkopf (Süddeutsche Zeitung) nach Junggesellenstammtischart durchkategorisieren und anschließend die Hucke vollschwitzen zu lassen? Die wenigen Resthaare ausraufen? Eine dickere Hornbrille kaufen? Oder noch mehr essen?

Leider wahr:

Titanic

»Tagesspiegel«!

Daß wir angesichts der ja quasi wöchentlichen Funde von verwahrlosten Kindern und gefrosteten Baby­leichen in Deinem weiteren Einzugsgebiet nun nicht ständig nur mit vor das Gesicht geschlagenen Händen durch die Gegend laufen können, das sehen wir ja ein. Aber ist ­es nicht doch ein bißchen viel Pragmatismus, auf der Titelseite in der Rubrik »Matthies meint« gleich in der Überschrift zu fordern: »Kinder? Nur mit neuem Kühlschrank«?

Fröstelnd:

Titanic

Wenn, Nachrichtenjournalisten,

hr Fatah-Kämpfer in Eurem Online-Schreib oder Sende-Sprech neuerdings gern auch mal »Fatah-Bewaffnete« nennt, ist dann damit zu rechnen, daß beispielsweise Soldaten zur See bei Euch künftig Marine-Besegelte heißen, jemand, der von seinem Arzt zum Zweck der Prophylaxe eine Spritze bekommt, ein Arzt-Geimpfter wird und einer, der entweder Doofmist produziert oder ihn von Kollegen abschreibt, demnächst als Arschquatsch-Behämmerter in einem Satiremagazin steht?

Überlegt’s Euch halt mal.

Ende der Durchsage:

Titanic

Michel Friedman!

»Es widert mich an! Erik Zabel und Aldag, der Sportdirektor von T-Mobile: Sie machen weiter, als wäre nichts geschehen.«

Sie kennen den alten Spruch vom Glashaus und der Panzerfaust?

Jedenfalls bitte weiter »so«:

Titanic

Frank Pagelsdorf!

Mit dem FC Hansa Rostock sind Sie jetzt wieder Erstligatrainer, und wo Werner Lorant, Trainer Ihres letzten Zweitligagegners Unterhaching, großspurig angekündigt hatte, sich im ­Falle des Klassenerhalts eine Glatze zu scheren, liebäugelten Sie lt. Presse und im Aufstiegsfall mit derselben Maßnahme. Da eine Glatze in Rostock nun wirklich nicht auffällt: Wär’s da nicht mutiger, sich mit einem bunten Iro in die heimische Fankurve zu begeben?

Viel Glück!

Titanic

Ulf Poschardt!

In einem Ihrer wie immer schwer staatstragenden Vanity-Fair-Editorials widmeten Sie sich unter dem Titel »Keine Zukunft für Schlaue?« dem Umstand, daß immer mehr Deutsche Deutschland verlassen, und im Kern lief Ihre Analyse darauf hinaus, daß Dumme und Faule nach Deutschland strömen, während die Klugen und Fleißigen gehen.

Wenn uns unsere Erinnerung nicht täuscht, kamen Sie von der Zürcher Weltwoche zu Ihrem Metropolenmagazin, das niemand braucht. Weshalb wir Ihrer These teils sogar zustimmen.

Bleibt aber die Ausnahme!

Verspricht

Titanic

Sie, stets verehrte Lisa Fitz,

ob Ihres messerscharfen Verstandes auch als die Paris Hilton des deutschen Kabaretts bekannt, ließen uns während einer Klimadiskussion diese Erkenntnis zuteil werden: »Der 11. September war unser schlimmstes Jahr.« Da Sie das so persönlich äußerten, möchten wir Ihnen nicht widersprechen. Aber doch tröstend ergänzen: auch eines der kürzesten.

Ihre Zeitforscher von der

Titanic

Deutsche Popsänger!

Nachdem wir einer Ankündigung des Diogenes-Verlages entnahmen, daß das neue Album des Schweizer Sängers Stephan Eicher nicht nur – wie üblich – Lieder aus der Feder seines Kumpels Philippe Djian enthält, sondern auch drei Songtexte von Martin Suter, fragen wir uns, ob dieses Beispiel nicht auch bei Euch Schule machen sollte: »Wolfgang Petrys Comeback-Album mit Lyrics von Martin Walser und Günter Grass«, »Elfriede Jelinek schreibt neue Hitsingle für Xavier Naidoo« oder »Grönemeyer macht seltsame Geräusche aus Texten der Nobelpreisträger Orhan Pamuk, Imre Kertész, Gao Xingjian und José Saramago« – wäre das nicht ein vielversprechender Weg aus der Krise Eures Marktes? Hochliteratur geht schließlich immer, wie niemand besser weiß als die Bestsellertypen von

Titanic

Sie wiederum, Susanne Fröhlich,

wurden von der Frankfurter Rundschau als »B-Prominenz« tituliert, kündigten daraufhin umstandslos Ihr Rundschau-Abo und verlangten brieflich eine Richtigstellung dahingehend, Sie seien bei Gott keine B-Prominenz, sondern A-Prominenz durch und durch. Und genau so reagieren ja A-Prominente auf Presseanwürfe, nicht wahr: beleidigt, trotzig, notfalls mit dem Rechtsanwalt. Haben Sie auch mit dem Fuß aufgestampft und geheult: »Ich will aber keine B-Prominenz sein! Ich will A-Prominenz sein! A-ha-ha-ha-haaaa!!«?

Das hätte zu gerne gesehen:

Titanic

Gewohnt eloquent, Ildikó von Kürthy,

haben Sie im wie nichts notwendigen Brigitte-Dossier »Hauptsache schön?« festgestellt: »Das hast du davon, wenn du mit einem Supermodel auf ’nen Drink gehst. Die sieht sogar von hinten noch besser aus als du von vorn.« Und abgesehen davon, daß wir es fast bewundernswert finden, wie Sie mit solchen immer und immer wieder variierten Weisheiten die Emanzipation der Frau im Alleingang und gegen Millionengage in Grund und Boden schreiben – es gibt auch Sätze, die sogar von hinten noch besser sind als Ihre von vorn. Gucken Sie mal: »Dabei schaut er mir ausgerechnet in die Augen und ich frage mich, ob die Straffung von Schlupflidern wohl von meiner Krankenkasse übernommen werden würde.« Wie klug, elegant und anmutig sich dagegen selbst noch ».trewsnegalkeb tsi dnatsuZ neuarF reD« ausnimmt!

Unnachgiebig:

Titanic

Monika Harms!

Für eine Generalbundesanwältin zeigten Sie jüngst im Spiegel-Interview erstaunlich viel Augenmaß, was das sog. Sicherheitspaket der Bundesregierung betrifft: »Deshalb bin ich überzeugt davon, daß die Online-Durchsuchung notwendig ist – nicht, um etwa Wirtschaftsstraftaten aufzuklären, sondern in einem engumgrenzten Deliktfeld« – na, dann sind wir ja beruhigt! Wir fürchteten nämlich schon, daß ­unsere zahlreichen geheimen Milliardendeals, unsere Riesenabfindungen für zwielichtige Ex-Mitarbeiter, unsere schwarzen Konten in Übersee, unsere kleinen Geldgeschenke an ausgesuchte Parlamentarier, unsere geheimen Monopolbildungen und all unsere illegalen Börsenabsprachen jetzt unter verschärfter Beobachtung stünden. Wie gut also, daß die Bundesanwaltschaft die richtige Balance nicht verliert, den Kernbereich privater Lebensgestaltung weiter schützt! Und genau dorthin tritt, wo’s weh tut: nach unten nämlich.

Äußerst engumgrenzte Grüße:

Titanic

Das neue Buch, Alice Schwarzer,

ist da, die PR-Maschine läuft, und Sie wissen, was Ihr Publikum verlangt: Vorwürfe gegen »die Linke«, wie Sie und Ihre Interviewerinnen von der Zeit die rot-grüne Ex-Regierung nennen. So sei u.v.a. auch das Prostitutionsgesetz von 2002 falsch gewesen, weil es den Bordellbetreibern, aber nicht den Prostituierten helfe: »Die einzige prostituiertenfreundliche Politik wäre: keine Diskriminierung von Prostituierten, aber Verfolgung des Systems Prostitution; also der Menschenhändler, Zuhälter, Bordellbetreiber, Freier. Denn sie profitieren von der Prostitution, die Prostituierten aber enden fast immer im Elend.«

Ihre Aufzählung, Frau Schwarzer, ist unvollständig: Es fehlt die Journalistin und Zeitschriftenherausgeberin, die davon profitiert, daß sie nach eigener Aussage schon lange »keine Berührungsängste« mehr hat gegenüber Diekmanns elendem Drecksblatt, das an Bordellanzeigen so schön verdient; und die es sich überhaupt in dieser Gesellschaft, in der sich die meisten fast immer verkaufen müssen, mit einer gutdotierten Lebensstellung als Rebellin inkl. Bundesverdienstkreuz und Vorabdruck in der FAZ sehr gemütlich eingerichtet hat.

Die Geschäftsfreunde meiner Geschäftsfreunde sind meine Geschäftsfreunde:

Titanic

Westerwelle!

Das Autowrack in Rostock war noch warm, der agent provocateur noch nicht enttarnt, die Zahlen der verletzten Polizisten geisterten noch um eine Größenordnung zu hoch durch die Krawallpresse, da geiferten Sie bereits über das Ihrer Meinung nach zu lasche Zukloppen und zu milde Tränengas, denn » wer Beton­brocken auf diese Polizisten wirft, ist ein versuchter Totschläger«.

Ihnen als versuchtem Liberalen raten wir: Wenn die Versuchung zu plärren wieder zu groß wird, versuchen Sie’s mal mit ’ner kalten Dusche vom Wasserwerfer.

Titanic

Hoho, »Penthouse«!

Wie Deine Trendforscher herausgefunden haben, damit Du’s groß auf Deinen Titel drucken kannst, ist »der neue Frauentrend: Sex mit einem Macho!« Dickes Ding, na klar. Und der dadurch wie ’ne laue Kartoffel flink abservierte Trend? »Petting mit dem Ex, der Heulsuse«? Und sag nur, Penthouse, was erspähst und weißt Du nächsten Monat? »Der neue Frauen­trend: Sex mit jedem«? Oder ist’s von Dir am Ende mehr kritisch-emanzipatorisch, ja schockiert gemeint gewesen? Nö?

Dann sei der neue Frauentrend schon bald:

Titanic

Da spielen, Julia Jentsch,

Sie im Sat.1-Spitzenmovie »Frühstück mit einer Unbekannten« also das aufrichtige einfache Mädchen, das sich in einen G8-Politiker verliebt und ihn zum Gipfeltreffen begleiten darf, das sich ebenda mit unerschütterlicher Herzensgüte für die Hungernden der Welt starkmacht, das zwar die großen Zusammenhänge nicht durchschaut, das aber doch so viel mehr verstanden hat als all die bösen mächtigen Politiker, von denen, das muß auch gesagt sein, viele eigentlich in ihrem Innersten doch gute Menschen sind, die das alles so gar nicht wollen –

und schämen sich nicht? Nein? Dann müssen wir das wohl für Sie tun und uns schon vor Ihren nächsten 1a verantwortungsvollen Rollen gruseln: Vielleicht als junge Soldatin, die mutig die Menschenrechte in Afghanistan verteidigt, sich dabei in einen Taliban verliebt und auf dem Marktplatz von Kabul »Alle Menschen werden Brüder« singt? Oder als junge Tippse, die sich in ihren Chef verliebt und dann Massenentlassungen verhindert, weil das Herz halt mächtiger ist als jede Bilanz? Oder lieber die Hauptrolle in »Sophie Scholl 2 – die Rückkehr« übernehmen und sich in einen Sturmbannführer verlieben, woraufhin Dachau dichtgemacht und Hitler abgewählt wird?

Längst nicht mehr neugierig:

Titanic

»Bild«

Kaum war noch der letzte Zweitgeländewagen für den Einkauf zwischendurch mit einem Deiner »Rettet unsere Erde – Ich mache mit«-Aufkleber bestückt, startetest Du auch schon die Fortsetzung der Kampagne: »Große Aktion von Bild: 100 000 Liter Gratis-Benzin zu gewinnen!«

Und für soviel Konsequenz wollten wir Dich einfach mal loben.

Macht nicht mit:

Titanic

Gefreut, Zonis,

hat uns das Ergebnis einer ­neuen Demographiestudie, daß Euch nämlich die Frauen weglaufen, daß ein großer Teil der jungen Mädchen nach Abschluß der Schule sich in den Westen absetzt und allenfalls noch zu Besuchen zurückkehrt. Denn hier wächst bzw. wichst doch wirklich mal zusammen, was zusammengehört: Nationalsozialismus und Männerwohnheim.

Selbst ist der deutsche Mann!

Titanic

Aktuelle Cartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Wie viele Achtundsechziger, Udo Knapp,

bist auch Du, je älter Du wurdest, politisch immer weiter von links nach rechts marschiert: Du warst der letzte Vorsitzende des SDS, anschließend in einem Verein namens »Proletarische Linke«, um dann in den Achtzigern auf dem rechten Flügel der Grünen zu landen und schließlich bei der SPD, und zwar eigentlich nur, damit Du was in den Kolonien werden konntest, am Ende stellvertretender Landrat. Heute kritisierst Du die Gewerkschaften dafür, dass sie nur immer wieder Lohn fordern, wie man das als einer, der nichts gelernt hat bis aufs Lamentieren, halt so macht.

Dieser Weg verbindet Dich mit dem wohl dümmsten deutschen Sänger, Wolf Biermann, weshalb Du dem »alten weisen Mann« (Dein O-Ton) auch neulich so kenntnisfrei wie pathetisch zum Geburtstag gratuliertest: »Biermann hat den größten Teil seines Lebens in zwei furchtbaren deutschen Diktaturen verbracht. In beiden hat er gelitten, aber beide hat er mutig streitend und widerstehend überlebt.«

Wie man nun aber jeder Biermann-Bio entnehmen kann, hat der walrossbärtige Dödelbarde nur acht Jahre unter den Nazis und 23 Jahre in der DDR gelebt; die restlichen 53 jedoch im goldenen Westen (britische Besatzungszone, BRD und Gesamtdeutschland). Daher nun unsere Frage: Bist Du Dir, Udo Knapp, sicher, dass Du auf Deine alten Tage die Bundesrepublik Deutschland, in der Du so schöne Posten innehattest, wirklich als furchtbare Diktatur bezeichnen willst?

Wie meinen? Es stand doch bloß in der Taz, und in keiner richtigen Zeitung? Und rechnen konntest Du noch nie? Na dann, weitermachen, Udo, aber vielleicht demnächst doch ein bisschen, he, he, knapper.

Kurz angebunden: Titanic

 Liebe Alte,

»Drogenhandel und Abzocke von Senioren« titelte kürzlich die Braunschweiger Zeitung. Also, dass Ihr abgezockt werdet, finden wir natürlich echt doof, aber: Wie läuft es denn so mit der Rentenaufbesserung durch den Drogenhandel?

Fragt schon mal prophylaktisch: Titanic

 Sylt Marketing Gesellschaft!

Du machst auf dem Festland mit dem Slogan »Sylt macht sychtig« auf die umrissbekannte Nordseeinsel aufmerksam. Und ja, sie hat noch mehr negative Eigenschaften! Sylt ist syndhaft teuer, das Publikum dort verhält sich dynkelhaft. Ja, die ganze Ynsel ist bei genauerer Betrachtung das reinste Shythole, ein Besuch dort kompletter Unsynn!

Steht fürs nächste Brainstorming gerne bereit: Titanic

 Was ist da los, deutsche Medien?

»Die radikalen Impfgegner vom Alpthal« besuchte der Spiegel und fragte dazu mit brennendem Reporterehrgeiz bereits im Teaser: »Nun verweigerte ein Dorf gar dem Impfbus die Einfahrt. Was ist da los?« Gute Frage. Der auch die Taz nachgeht: »Im Schwarzwaldkreis Rottweil sorgen Impfgegner für gereizte Stimmung. Was ist da los?« Womöglich Ähnliches wie im Nordosten. Die B.Z.: »Was ist da los? Corona-Lage in Brandenburg doppelt so schlimm wie in Berlin«. Aber nicht nur im Zuge der Pandemie verlangt überraschender Tumult nach unverzüglicher Aufklärung: »Was ist da los? Bei Bella Hadid fließen Tränen« (N-TV); »Was ist da los? Anouar wurde bei The Voice disqualifiziert« (Berliner Kurier); »Was ist da los? NFL-Superstar schon wieder verletzt«. Gut, dass Bild sich der Sache annimmt, denn die FAZ ist gerade mit Wichtigerem beschäftigt: »Die neue Apple Watch 7 ist angekündigt, aber Garmin hält sich bei seinem Top-Produkt zurück. Was ist da los?«

Der, die, das, / wer, wie, was / wieso, weshalb warum? / Wer nicht fragt, bleibt dumm – sicherlich. Wer allerdings immer dasselbe fragt, auch.

Überfragt: Titanic

 Sänger Max Mutzke!

Sänger Max Mutzke!

Zum Thema Klimawandel und Verkehr klagten Sie im Interview: »Es gibt bei uns eine Verbindung, da fahr ich 10-12 Minuten mit dem Auto hin. Weil der Ort aber auf dem Berg liegt, fährt der Bus mehrere Stationen an und es dauert fast zwei Stunden. Aber da arbeiten Leute.«

Wir wissen nicht, wie der Berg, auf dem Sie wohnen, beschaffen ist und wer dort die Busrouten plant. Aber mal angenommen, Sie würden wegen der langen Busfahrt den einen oder anderen Auftritt verpassen, wäre das nicht ein weiterer Grund für die »Öffis«?

In diesem Sinne: Go green!

Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Notgedrungen einfallsreich

Mein Nachbar vergisst seit einigen Jahren regelmäßig seine Bank-Pin. Auf die Karte kann er die Pin natürlich nicht schreiben. Wie er mir vor Kurzem berichtete, hat er eine clevere Lösung für sein Problem gefunden: Um sich die Pin nicht mehr merken zu müssen, aber trotzdem nicht sein Geld zu riskieren, hat er seine Pin einfach auf den einzigen von ihm genutzten Bankautomaten geschrieben.

Karl Franz

 Alles richtich

Jüngst wurde ich darauf angesprochen, dass das Wort »richtig« aus logopädischer Sicht korrekterweise »richtich« ausgesprochen werden muss. Um mir meine Verwunderung darüber gar nicht erst anmerken zu lassen, entgegnete ich nur ein lässiges »selbstverständlig«.

Fabian Lichter

 Trost vom Statistiker

Wenn du wieder einmal frustriert bist und denkst, du bist nur durchschnittlich begabt und mittelmäßig erfolgreich, dann wechsele doch einfach in eine andere Stichprobe!

Theobald Fuchs

 Schicksalhafte Wendung

Brüche im Leben gibt es bei allen Menschen. Öfter ist es so, dass jemand nach überstandener schwerer Krankheit das bisherige Streben nach Geld und Ruhm infrage stellt und beschließt, den sinnentleerten Job im Reisebüro, in der PR-Agentur (sehr viel seltener vielleicht auch im Schlachthof) hinzuschmeißen, um nur noch zu malen, zu töpfern, zu fotografieren, einen Gemüsegarten anzulegen oder zu schreiben. Es erfolgt allerdings nicht zwangsläufig eine Neuausrichtung zum Kontemplativen, Musischen. In meiner Bekanntschaft gibt es einen Fall, in dem der genesene junge Künstler seine Erfüllung als skrupelloser Miethai fand.

Miriam Wurster

 Fünfzehn Zeichen Ruhm

Es hat wohl niemand je den Wunsch, um jeden Preis berühmt zu werden, heftiger kritisiert als meine Urgroßmutter. Ich kann mich gut erinnern, dass mein Vater einmal beim Lesen der Zeitung aufschreckte und Uroma ihn fragte: »Was ist denn?« – »Der Franz ist gestorben. Ich habe gerade seine Todesanzeige gelesen.« Sie schüttelte bloß genervt den Kopf und sagte: »Die Leute machen heutzutage wirklich schon alles, um in die Zeitung zu kommen.«

Jürgen Miedl

Vermischtes

Kamagurka & Herr Seele: "Cowboy Henk"
Er ist Belgier, Kamagurka. Belgier! Wissen Sie, was der Mann alles durchgemacht hat in letzter Zeit? Eben, er ist Belgier. Und hat trotzdem in einem Finger mehr Witz als Sie im ganzen Leib! Und Heldenmut! Glauben Sie nicht? Dann lassen Sie sich von Cowboy Henk überzeugen, dem einzigen Helden, der wirklich jeden Tag eine gute Tat begeht.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURWenzel Storch: "Die Filme" (gebundene Ausgabe)
Renommierte Filmkritiker beschreiben ihn als "Terry Gilliam auf Speed", als "Buñuel ohne Stützräder": Der Extremfilmer Wenzel Storch macht extrem irre Streifen mit extrem kleinen Budget, die er in extrem kurzer Zeit abdreht – sein letzter Film wurde in nur zwölf Jahren sendefähig. Storchs abendfüllende Blockbuster "Der Glanz dieser Tage", "Sommer der Liebe" und "Die Reise ins Glück" können beim unvorbereiteten Publikum Persönlichkeitstörungen, Kopfschmerz und spontane Erleuchtung hervorrufen. In diesem liebevoll gestalteten Prachtband wird das cineastische Gesamtwerk von "Deutschlands bestem Regisseur" (TITANIC) in unzähligen Interviews, Fotos und Textschnipseln aufbereitet.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURKatz & Goldt: "Lust auf etwas Perkussion, mein kleiner Wuschel?"
Stephan Katz und Max Goldt: Ihr monatlicher Comic ist der einzige Bestandteil von TITANIC, an dem nie jemand etwas auszusetzen hat. In diesem Prachtband findet sich also das Beste aus dem endgültigen Satiremagazin und noch besseres, das bisher zurückgehalten wurde. Gewicht: schwer. Anmutung: hochwertig. Preis: zu gering. Bewertung: alle Sterne.
Zweijahres-Abo: 117,80 EUR
Erweitern

Das schreiben die anderen

  • 02.11.:

    "Keinmal um die ganze Welt - Ein Pauschalreiseabend für Zurückgebliebene" - so heißt das WDR-5-Spezial mit Thomas Gsella, Oliver Maria Schmitt und Hans Zippert.

  • 29.10.:

    Das Bornheimer Wochenblatt berichtet vom TITANIC-Normalitätswettbewerb.

  • 28.09.:

    Oliver Maria Schmitt hat versucht, mit der Kraftradgruppe Frohsinn die Demokratie zu retten – zumindest in der FAS.

  • 28.09.:

    Das "Medienmagazin" vom BR hat mit Martina Werner (und anderen) über Satire, Journalismus und Politik gesprochen.

  • 25.09.:

    TITANIC-Herausgeber Martin Sonneborn spricht mit der Taz über Frauen in der Redaktion und erinnert sich an die beste Zeit für Satire.

Titanic unterwegs
17.01.2022 Mannheim, Alte Feuerwache Max Goldt
21.01.2022 Braunschweig, Staatstheater Max Goldt
26.01.2022 Dresden, Staatsschauspiel Max Goldt
26.01.2022 Hamburg, Polittbüro Thomas Gsella