Das endgültige Anschlußmagazin

Pflichtblatt für Matthias Platzeck


Pastor Grebers Geisterkirche auf der Fahrt zur Hölle


 

Jesus war Immobilienhändler, die Jungfrau Maria samt Dreifaltigkeit ein kirchlicher Herrschaftsschwindel, und wer sich in Trance mit Wodka reinigt, den schwängert der Heilige Geist: Selten kam engagierte Neuoffenbarung so anfänglich zart und schließlich allesverschlingend daher wie im Koblenzer Spätherbst des Jahres 1923.

 

Von Christian Meurer

 

Just dort wurde der damalige katholische Pfarrer Greber eines Tages zu einer spiritistischen Sitzung gebeten. Der Einladende, tief gläubig, pflege jetzt wöchentlich mit ­einem kleinen Kreis zu einer Art Gottesdienst zusammenzukommen. Man bete, lese in der heiligen Schrift und bespreche das Gelesene. Unter den Anwesenden befinde sich auch Erich Zimmermann, ein Junge von 15 ­Jahren. Er gehöre einer einfachen Familie an und sei Lehrling in einem Privatbetrieb. Bei den Zusammenkünften pflege er plötzlich wie tot vornüber zu fallen, werde aber sofort wieder, wie von einer unsichtbaren Kraft, ruckweise aufgerichtet, ­sitze da mit geschlossenen Augen und ­erteile den Anwesenden wunderbare Belehrungen. Am Schluß seiner Belehrungen falle er wieder vornüber und komme sofort zu sich. Von dem, was vorgegangen und was er gesprochen, wisse er nicht das Geringste. Wie ­Greber ausführt,* bestand der Besucher auf seinem Kommen. Mißmutig sagte der Pfarrer zu, nicht ahnend, daß ihn dies zum Verlust des Priesteramts, zum Aufbruch in die New Yorker Suburbia und zur Gründung einer eigenen Kirche führen sollte. Und ­deren ­bizarrem Untergang nach seinem Tod.

 

Nach der nächsten Sonntagsmesse kritzelte er sich einen Fragenzettel und ging zur vereinbarten Wohnung. Beim Eröffnungs­gebet verhielt sich Erich dann wie angekündigt. In Trance fragte er Greber, ­warum er an Gott glaube, hieß ihn seinen Zettel vorlegen (den Greber vorher nicht erwähnt ­hatte) und befahl ihm schließlich, sich am nächsten Tag allein mit ihm, Erich, zu treffen. Greber erfuhr, daß der Lehrling seine ­Gebete schon als Kleinkind seltsam ergänzt hatte. Über den Koblenzer Lehrherrn war dies zum evangelisch-pietistischen Ehepaar Ulrich und seinem Hausandachtskreis gedrungen. In dieser Runde stellten sich die Visionen erstmals ein. Herr Ulrich mußte zum nächsten Treffen einen katholischen Kollegen einladen, mit weiteren Aspiranten wuchs Erichs Urgemeinde auf dreißig Personen an.

 

Allerdings observierte der hohe Geist das Privatleben seiner Zuhörer die ganze Woche hindurch, berichtet ein Glaubensveteran: Der Hochengel blieb bei seiner Forderung nach der sittlichen Hebung der Gemeinde derart konsequent, daß die Personenzahl bei den Andachten von etwa dreißig auf zwölf bis vierzehn Personen zusammenschrumpfte. Erst jetzt durfte Ulrichs katholischer ­Kollege zum Pfarrer Greber, der im damaligen Koblenz für öffentliches Engagement bekannt vor.

 

Als junger Kaplan um 1904 in eine Hunsrücker Elendsgemeinde versetzt, hatte er ­eine eigene regionale Krankenpflege-Genossenschaft aufgezogen, finanzierte Lebensmittelgutscheine und erfand ein erfolgreiches Sparmarkensystem. Im Weltkrieg begründete er den »Hilfsbund«, der Zehntausende hungernder Stadtkinder bei Bauern hochpäppelte. Die letzten Monate vor der Novemberrevolution saß er als Nachrücker der konservativen Zentrumspartei sogar auf Reichstagsbänken und führte danach, trotz Krachs mit dem Bischof, die neun Koblenzer Stadtverordneten der »Bürgerliste Pfarrer Greber« an.

 

Inzwischen predigte er in Kell bei Andernach, betrieb den »Hilfsbund« aber weiter. Die Wohltaten verdankten sich mystischer Introspektion: Die Krankenkassenvision ­hatte er in der Nacht des 1. Mai 1905 auf dem Heimweg von einer sterbenden Wöchnerin. Da durchrieselte ihn ein Feuerstrom; schwankend an einen Baum geklammert, sah er das seiner Gemeinde zugehörige Mädchen Anna Maria Liesenfeld in Schwesterntracht vor sich und hörte – den exakten Genossenschaftsbeitrag. Die »Hilfsbund«-Idee wiederum hatte sich seiner auf einer Gondershausener Friedhofsbank bemächtigt, ­just am Mobilmachungstag 1914.

 

Und nun saß er übernächtigt bei Erich Zimmermann, wo sich dann schnell ein guter Geist Gottes, und zwar einer der höchsten einfand und erklärte: Die Vorgänge bei den Gottesdiensten der ersten Christen, die ihr euch heute nicht mehr erklären könnt, ­waren nichts anderes als ein Kommen und Gehen der Geisterwelt. ­Greber müsse sich entscheiden, ob er zum Künder dieser Wahrheiten werden wolle oder nicht. Aus seinem Pfarrdörfchen würden ihm geeignete Mitstreiter zugeführt; nach ­Tagen am Rande des Nerven­zusammenbruchs fügte sich Greber der Berufung.

 





Nachdem Greber sein eigenes Kirchlein mißbraucht hatte, trieb er sein Werk im New Yorker Tophotel McAlpin weiter

 

 

Der angekündigte Kreis rundete sich dank eines Krankenbesuchs bei einer gelähmten Frau. Deren Schwester erschien mit Tochter und drei Söhnen. Einer von ihnen, Carl ­Gasber, befragte Greber zur letzten Sonntagspredigt, kam nach Grebers Aus­legungen ins Zittern und sagte: Ich kann nicht anders. Ich muß Ihnen mitteilen, daß Ihre Erklärung falsch ist. Ich werde gezwungen, die richtige Auslegung zu sagen. Er bat um Papier und Bleistift (Eine un­widerstehliche Gewalt zwingt mich dazu), beschrieb ein Folioblatt und signierte mit Celsior. Bei der nächsten Sitzung begann dann Carls Bruder Heinrich, mit dem Kopf zu wackeln. Erichs Geist bestätigte Greber in Koblenz, an dem Jungen werde medial geknetet, er werde gerade Sprechmedium.

 

Das Schreibmedium Carl plagten die ­Geister mit seltsamem Timing: Einmal wurde er in den frühesten Morgenstunden geweckt und aufgefordert, aufzustehen und sich zum Schreiben hinzusetzen. Er leistete dieser Aufforderung nicht Folge, da er dachte, es sei noch viel zu früh zum Aufstehen. Da fühlte er, wie er mit Gewalt aus dem Bett gezogen und auf den Boden gelegt wurde. Von Angst ergriffen, sprang er auf und setzte sich zum Schreiben hin. Zustande kamen Abhandlungen wie »Die Vergeistigung der Seele«, »Was hat dein Erlöser für dich getan?«, »Frühling, Sommer, Herbst und Winter«, »Der Tod des Sterblichen« und geistliche Gedichte.

 

Über all dem ging Grebers Existenz perdu. Weil er auch öffentlich missionierte, wurde er 1925, kurz nach seinem 25jährigen Priester­jubiläum, vom Trierer Bischof unbefristet suspendiert. Politisch lief es ähnlich. Gleichzeitig mit den ersten spiritistischen Erfahrungen hatte er im November ’23 an der Spitze von drei Dutzend Bauern noch franzosenfreundliche Rheinrepublik-Separatisten aus dem Dorf geprügelt. Zwei ­Jahre später, in Hirtenbriefen verdammt, sah seine »Pfarrer-Greber-Partei« kein Land mehr. Ihm blieben der »Hilfsbund« und ein Ehren­direktoramt beim Mittelrheinisch-Nassauischen Bauernverein.

 

Derart gestutzt, strebte der auch ­finanziell knapsende Greber nach Größerem. Mitte der zwanziger Jahre machte er sich zu ­ersten Sondierungstrips in die USA auf, Ende 1929 zog er nach New York, kam bei der deutschen Familie Niemann unter und ­klapperte Gemeinden für den »Hilfsbund« ab. Herr und Frau Niemann erwiesen sich als ­medial vollwertiger Ersatz und prophezeiten ­Greber u.a. den baldigen Tod eines Freundes. Im Januar 1930 lernte er überdies die aus Deutschland eingereiste Elisabeth Boos kennen und heiratete sie ein Jahr später. Auch sie war außer­weltlich begabt. Sie ist dein Gewissen, auf sie sollst du hören! hatte der entrückte Herr Niemann ausgerufen. Das Paar zog in den Vorort Teaneck, N.J., und während zwei ­Söhne größer wurden, predigte Greber jeden Sonntag im East Room des damals größten New Yorker Hotels, des 27stöckigen ­»McAlpin«, und wertete die Mitschriften von Zimmermann-, Gasber- und Niemann-­Botschaften für seine Erlösungsschrift »Der Verkehr mit der Geisterwelt Gottes« aus.

 

Gemäß dieser ergreifenden Theodizee entstand das Diesseits durch die von Luzifer angezettelte Revolte in der vormals harmonischen Geisterwelt. Wirklich von Gott geschaffen war nur Christus, der die Erzengel Luzifer, Raphael, Gabriel etc. aus sich erzeugte, bei Greber als je »duale« Paarwesen mit weiblicher Gefährtin. Abgefallene Engel verbannte Gott in gräßliche Sphären, Mitläufer kamen ins Paradies, wo  Bewährungskandidaten verschiedene Seins­stufen vom ­Mineral bis zum Mensch durchlaufen und bei Erfolg Gott wieder näher­rücken konnten. Mit dem Sündenfall sanken aber alle in die Verdammnis; nur wenn ein mächtiger Gutgeist alle Qual auf sich nehme, könne man den Teufel zur Freigabe erlösbarer Menschen zwingen. Christus, so Grebers Kon­fidenten, habe sich für die Aufgabe sofort gemeldet. Um Mensch zu werden, habe er sich des Mediums Josef bemächtigt und sich mit seiner Mutter Maria selbst gezeugt, um dann vor der Geburt in den Säugling Jesus zu ­schlüpfen.

 


Foppgeister ruinierten die Greber-Kirche

 

Und noch mehr Wissenswertes fiel ab. So habe Jesus vor Antritt seines messianischen Auftrags drei Häuser besessen, die er günstig verkauft habe. Derart inspiriert, übersetzte Greber gleich auch die Evangelien neu und ­korrigierte den Hauptfehler: Nicht der ­Heilige Geist, sondern ein heiliger Geist müsse es heißen; bewußt habe die büro­kratisch verkommene Kirche die Gottes­boten zum ­Bestandteil ihres Herrschaftskonstrukts »Dreifaltigkeit« verfälscht. Auch Moses’ »Toten­befragungs«-Verbote seien kein chistliches Spiritismus-Tabu, denn die gute Geister­welt müsse allemal befragt werden, habe sich aber durch einen von ­Greber konzipierten Schwur zu legitimieren: Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen, dem Schöpfer des Himmels und der Hölle, dessen schwerste Strafe mich treffen soll, wenn ich nicht die Wahrheit ­sage, daß ich ein guter Geist bin, gesandt durch Jesus Christus.

 

Zur Verbreitung der Formel reiste Greber 1937 zum Spiritistenkongreß nach Glasgow. Seine Rede ging im lauten Murren unter, ­viele Hörer sahen durch solcherlei Parolenzauber die feinstoffliche Gegenseite unnütz pro­voziert und buhten ihn vom Podest. Anhängig blieb dann lange auch ein weiland Koblenzer Zentral­problem: Als sich Erichs Hochengel da über die Dualität der Geisterpaare aus­gelassen hatte, hatte eine Anwesende lauthals nachgefragt. Greber faltete die Störerin zwar sofort zusammen, aber ob Christus gleichfalls weiblich sei, war hinterher nicht zu ermitteln. Der Hochgeist wollte es zur ­Strafe auch in der nächsten Sitzung nur Greber allein in einem fernen Land stecken. Grebers US-Medien erklärten sich allerdings für unzuständig, für die Erst­auflage seiner »guten Geisterwelt« behalf sich Greber daher mit vagen Umschreibungen. Zum Glück zog Ende 1937 Erich Zimmermann auf Grebers Bitten nach Teaneck. Noch am Tag der Ankunft ging man in Klausur, und siehe: Nur Gott hatte kein Dual! Die zweite Auflage konnte zum Druck.


Irmgard Römer

„Der hohe Jenseitige hat sich mir offenbart und durch seinen Lichtboten gesagt, ich solle es tun.“ Mit dieser Behauptung versuchte die frühere Sekretärin im Auswärtigen Amt den Bundesrichtern zu erklären, warum sie zur Spionin geworden ist. berichtete die SZ am 14. Januar 1959 aus Karlsruhe. Der Antrag der Angeklagten, während der Verhandlung eine spiritistische Sitzung zu veranstalten, damit „der Lichtbote“ seinen Befehl zu ihrer Rechtfertigung wiederhole, wurde von den Bundesrichtern abgelehnt. Irmgard Römer war am 17. März des Vorjahres auf der Bonner Rheinbrücke verhaftet worden. Die ehemalige Magdeburger Ost-CDU-Vorsitzende war 1948 aus der DDR zu den Eltern ins Sauerland geflohen. Sie hatte im Ministerium für gesamtdeutsche Fragen gearbeitet und war mit einem Strickwarengeschäft Pleite gegangen, ehe sie als Stenotypistin einer Industriebeteiligungsgesellschaft mit dem Kaufmann und DDR-Agenten Carl Helfmann aus ihrer tristen Zwei-Kinder-Ehe ausbrach. Zum Rendezvous brachte sie Dokumente mit, die Helfmann angeblich geschäftlich brauchte. 1956 wurde sie im Auswärtigen Amt angestellt, fortan lieferte sie Material aus Botschaften und Behörden. Gleichzeitig gehörte Frau Römer zum okkulten Zirkel des Kölner Schriftstellers Altmüller und seines Haushälterinnen-Mediums Irmgard Gibson. Daß der „hohe Jenseitige“ Frau Römer garantiert habe, Helfmann sei kein Spion, bestritten beide energisch: Die WELT vom 15. Januar 1959: Altmüller und sein Medium sagten übereinstimmend aus, Irmgard Römer habe sich dem Zirkel mit dem Wunsch angeschlossen, den Mann in blassgrünen VW wiederzusehen, der ihr an der Kölner Autobahnausfahrt begegnet sei. Die Angeklagte hatte am ersten Verhandlungstag angegeben, sie habe sich Helfmann nur angeschlossen, weil sie den Autofahrer nicht wiederfand. Laut Altmüller habe Frau Römer Bürgermeisterin von Bonn werden wollen, Frau Gibson erschien sie „stark von sexuellen Komponenten beeinflußt.“ Nach dreitägiger Verhandlung verurteilte sie der 3. Strafsenat wegen fortgesetzten Landesverrates in Tateinheit mit Diebstahl, Verwahrungsbruch, Geheimnisbruch und passiver Bestechung zu 3 Jahren Zuchthaus.


 

 

Ein Jahr später allerdings umgarnte Mrs. Strong, ein 45jähriges Teilzeit-Medium, den zwanzig Jahre jüngeren Erich und ­machte, ein paar Straßen weiter, mit ihm eine eigene »New Early Christian Church« auf. Grebers letzte Lebensjahre überschattete so ein ­zehrender Vorstadtglaubenskrieg, der bis ­Koblenz reichte: Dorthin schrieb Zimmermann, Frau Greber habe ihren Mann abtrünnig gemacht und sich an der Gemeinde bereichert; ­Greber-­Getreue konterten, Zimmermann habe ­Greber viel Kummer bereitet und sei von Foppgeistern beherrscht. Den transatlantischen Wirrwarr unterbrach erst der zweite Weltkrieg. Die Gemeinde, eine winzige Trutz- und Wagenburg entwurzelter Deutscher, zankte sich zu dieser Zeit höchstens intern ein bißchen, und Greber, mit Plautze, Hosenträgern und Kurzschlips ein humorfreies Abbild Oliver ­Hardys, trieb weiter seinen Slapstick, legte heilende ­Hände auf und predigte sonntags im McAlpin. Im Dezember 1944 klingelte ein Beamter. Akten­kontrollen hatten ergeben, daß der Pastor immer noch nicht eingebürgert war. Der ­Beamte kam zu spät. Am 31. März 1944, am Karfreitag, war Greber kurz nach dem McAlpin-Auftritt verstorben.

 

Nach ein paar Stunden meldete Greber dem Schreibmedium Hans A. Stechel: Der Übergang in diese Welt ist eine Kleinigkeit. Ich bin glücklich und zufrieden hier. Sie sind berufen, mein Werk fortzuführen. Der hauptberufliche Ingenieur erklärte sich daraufhin zum neuen Pastor; Spannungen mit Frau Greber, die Stechel nicht ausstehen konnte, hielten bis zu ihrem Tod 1961 an, wie der Ravensburger Elektronik-Professor Werner Schiebeler weiß, der fünfzig Jahre nach ­Grebers Tod die erste Lebens- und Wirkungsbilanz zog. Aus zahllosen Briefen und Gesprächen puzzelte der gläubige Gefolgsmann zusammen, was sich in den USA im ­weiteren abspielte. Ihm blieb nur das Fazit, Sabotageaktionen gottfeindlicher Foppgeister hätten das Vermächtnis in übelster Weise ramponiert.

 





Medien in den Medien: Grebers legendäre Gasber-Brüder auf einem ihrer schillernden Presseempfänge

 

 

Der Mann hat recht. Im April 1963 saß die Greber Foundation einer frisch aus Deutschland gekommenen Dame auf, die sich Irmgard Lincoln nannte und Himmelsdepeschen der Grebers übermittelte. ­Professor ­Schiebeler: Von sich behauptete die Irmgard Lincoln, daß der ehemalige amerikanische Präsident ihr Dual sei, und dieser wiederum sei mit dem Stammvater Abraham identisch. Abraham Lincoln berichtete aus dem Jenseits, daß er am 22. Oktober 1964 mit V­enus- und Marsbewohnern in Teaneck landen und bei Haffners einen Imbiß nehmen werde, um dann mit dem Medium »Lincoln« nach ­Washington weiterzufliegen. Diese sollte dann Robert Kennedy als Präsidenten vorstellen, während Abraham Lincoln von Gott zum König der Erde ernannt werden sollte. Auf die UFO-Landung warteten Haffners und weitere Freunde am 22.10.1964 stunden­lang vergebens. Schreibmedium Pastor ­Stechel war mißtrauischer gewesen. Schon nach den ersten zehn Minuten der Unterhaltung mußte ich feststellen, daß sie mit niederen Geistern zu tun hat. Er ließ deutsche Brieffreunde nachforschen: Irmgard Römer hatte im Bonner Auswärtigen Amt spioniert und deswegen im Januar 1959 in Karlsruhe vor Gericht gestanden.

 

Weiterer Glaubensfrevel geschah Mitte der 70er. Um die ehemalige Näh­studiobetreiberin Berta Brunner war im Nachkriegszürich die »Geistige Loge« entstanden. Frau Brunner nannte sich Beatrice und gab Ansichten ­diverser Geistwesen wieder; bis 1973 Greber-konform, dann aber dementierte ein Geistwesen den weiblichen Jesus-Dual. Auf Druck der Zürcher, mit 2000 Mitgliedern Haupt­abnehmer der Greber-Bibeln, wurde die Änderung der 2. Auflage nun in allen weiteren ausgemerzt, bis die Loge 1987 wegen Unterschlag­ungen im Vorstand auseinanderflog. Außerdem sollte zu Grebers Neuem Testament noch ein unfertiger ­Anmerkungsband existieren. 600 Blatt Bürstenabzüge wollte Pastor ­Stechel im Keller haben, ebenso Steno-Urschriften alter Gei­ster­protokolle. Nichts war nach dem Tod des 93jährigen im Jahre 1989 mehr auffindbar, und Schiebeler konnte nicht feststellen, ob der Glaubensschatz nun beim Altpapier gelandet war oder evtl. nie existiert hatte.

 

In New York bildeten derweil ca. fünfzig Greber-Gläubige zwei ­Organisationen, die »Church of Believers in God« mit ihrem neuen Pastor John Dimpfl­meyer und die ­»Johannes Greber Memorial Foundation«, die die »Geisterwelt«-Auflagen vertrieb. Grebers jüngerer Sohn Joseph amtierte in diesen Gremien als »Präsident« bzw. »Vizepräsident« und ­führte ansonsten als ­Redakteur ein unstetes Leben (Schiebeler). ­Rigoros verscheucht wurde Joseph ab 1985 dann von einer Frau, in der Schiebeler die schlimmste Verderberin sieht: die deutschamerikanische Vizepräsidentin der Founda­tion, LaFolette ­Becker, ebenfalls als Medium zur Gemeinschaft gekommen. Und in der Tat ging dann alles sehr schnell.

 

In jener Zeit trat in der Foundation eine Ina Troensegaard in Erscheinung. Sie war eine Montessorilehrerin, um die 50, Freundin von LaFolette Becker. Obwohl erstere Alkoholikerin war, bildete Frau Becker sie zum Medium aus, so sagte sie jedenfalls. Ehe sie in Trance oder Halbtrance fiel, oder auch während der Trance, trank sie immer reichlich Wodka. Das sei erforderlich, um sich innerlich zu reinigen, sagte sie Besuchern aus Deutschland. Und nun geschah das Ungeheuerliche. Beide ließen um 1992, angeblich im Auftrag höherer Geistwesen, den gesamten Vorrat an Greber-Büchern einstampfen, d.h. vernichten, insgesamt um die 37 000 Exemplare. Greberbücher konnten nicht mehr geliefert werden. Weiterhin verkündete im April 1994 LaFolette Becker Besuchern aus Deutschland, daß Ina ­Troensegaard demnächst vom Heiligen Geist geschwängert werde und den Messias ge­bären werde (mit über 50 Jahren). Dieser werde dann unter der Führung von Frau Becker seinen Siegeszug durch alle Länder der Welt halten. Das, was sich jetzt Johannes Greber Foundation nennt, bestehe wahrscheinlich nur noch aus Frau Becker und Frau Troensegard, faßte Schiebeler 1998 den Stand der Dinge zusammen. Hier hat ein raffinierter Angriff der gottfeindlichen Welt stattgefunden und zunächst vollen Erfolg gehabt.

 


An Carl wurde medial geknetet

 

Bis zur 2. Auflage seiner Biographie 2002 gab es daran nichts zu revidieren, Interessenten konnte er nur auf private Greber-Hauskreise in Siegen, Münstereifel, Bergheim, Braunschweig, Itzehoe, Wassernach und Kell verweisen, außerdem hatte ein ­Oskar Bareuther, Leiter der »Spirituellen Kirche e.V.« Göppingen, kleine »Geisterwelt«-Auflagen schwarz in Ungarn drucken lassen. Bareuther verstarb 2005, Schiebeler 2006, beide wurden der positiven Umschwünge des letzten Jahres also nur noch als Foppgeister gewahr: Grebers letztes ­lebendes ­Patenkind, Frau Dr. Elsa ­Lattey, Dozentin am Anglistik-Seminar der Universität ­Tübingen, präsentierte Ende 2006 eine gemeinsam mit Joseph Greber korrigierte englische Neufassung der »Geisterwelt« und stellte sie zum Download ins Internet (http://www.johannesgreber.org /Download.html). Noch schöner: Im pfälzischen Weindorf Kindenheim betreibt Gerhard Krause, in der Hauptstraße 85 und im Rahmen seiner Vorstandstätigkeit für die Geist-christliche Kirche e.V., ein Be­ratungssekretariat zur Gründung von Greber-Gemeinden (06359/40022). ­Bitte nicht samstags anrufen; sonst gerne.

 


* Zitate, wenn nicht anders angegeben, nach Johannes Greber: Der Verkehr mit der Geisterwelt Gottes – seine Gesetze und sein Zweck, Teaneck, New Jersey, 1991


 
Titanic unterwegs
02.09.2010 CH-Basel, Cartoonmuseum
  Rudi Hurzlmeier und Oliver Maria Schmitt
03.09.2010 Berlin, Z-Bar
  Hauck&Bauer
03.09.2010 Frankfurt, Romanfabrik
  Anna Poth, Fischer, Gsella und Zippert
07.09.2010 Frankfurt am Main, Club Voltaire
  TITANIC-Peak-Preview

 Hans-Werner Sinn!

Als prominenter Gesichtspulloverträger und Präsident des Ifo-Wirtschaftsforschungsinstitutes erklärten Sie uns im Hörfunk-Interview ein weiteres Mal die unberechenbaren Kapriolen des Kapitals: »Das Kapital hat mittlerweile Angst, in Länder wie Portugal, Spanien, Irland zu gehen und dort zu investieren. Gut daran ist für uns, daß das Kapital bei uns bleibt. Statt daß wir Geld exportieren, damit andere unsere Autos und Maschinen kaufen, können wir jetzt selbst unsere Autos – äh, Autos haben wir schon genug – und Maschinen kaufen.«
Sinn, das ergibt aber nur dann einen solchen, wenn wir nicht auch schon genug Maschinen haben, oder?
Kleiner Hinweis: An Sprechmaschinen wie Ihnen mangelt’s uns keinesfalls.

Titanic

 Durs Grünbein!

Ihr jüngstes Werk (»Aroma. Ein römisches Zeichenbuch«) scheint es in sich zu haben, wenn man der Ankündigung des Verlagshauses Suhrkamp glauben darf: »Einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter der Gegenwart stellt sich in Vers und Prosa der Ewigen Stadt.« Und zwar so: »Aufblühen wird man hier, auch als kraut sich gern überlassen / dem wohligen Phototropismus. Der man im Norden war, / Dieser Eisblock Identität, Psyches Schneemann ist bald zerronnen« usw. usf.; Sie wissen ja selbst am besten, was Ihnen da wieder einmal von irgendwoher in die Feder geflossen ist. Bei aller Bewunderung für die Kühnheit, mit der Sie den zwar nicht wohlklingenden, aber doch »wohligen Phototropismus« in die deutsche Dichtkunst einführen, und bei allem Respekt vor der sportlichen Leistung, sich in Vers und Prosa einer Ewigen Stadt zu stellen, an der sich schon viele Eroberer von ganz anderem Format die Zähne ausgebissen haben – kurzum: Bei aller geheuchelten Hochachtung vor Ihrer lachhaften Großmannssucht läßt uns die Frage nicht los, was Sie als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter der Gegenwart wohl täten, wenn es keine Ewigen Städte zu bedichten gäbe, sondern nur, sagen wir mal: Pritzwalk. Oder Neu-Isenburg. Oder Hamm in Westfalen.
Städten dieses Kleinkalibers – es tut uns leid, Ihnen das so deutlich sagen zu müssen – wären Sie als Dichter nicht gewachsen. Aber dafür – kleiner Trost – können Sie immerhin so possierlich mit Riesengewichten aus Pappmaché jonglieren, daß es für Ihren Lebensunterhalt reicht. Und das ist ja auch was wert.
Weiterhin einen wohligen Phototropismus wünscht

Titanic

 Verehrte Nachrichtenagentur AP!

In der Bewertung von Sachverhalten müssen wir ja nicht immer übereinstimmen. Aber semantisch in Ordnung sollten Deine Meldungen doch sein. Bei Meinungsverschiedenheiten auf der Hamburger Schanze schriebst Du kürzlich: »Bei den Krawallen wurden zwölf Beamte von Flaschen getroffen und verletzt.« Das kann schon mal gar nicht stimmen, denn wenn die Demonstranten getroffen haben, dann können sie keine Flaschen sein.
Außerdem wäre ja mal interessant gewesen: Womit haben die eigentlich geworfen?
Immer genug Zielwasser an Bord:

Titanic

 Jungministerin Schröder!

Nun durften Sie also den berühmten Focus-Fragebogen ausfüllen und dort erklären, man könne Sie »so schnell in keine Schublade stecken« – was Ihre erstaunlich ausgefallenen Antworten auch beweisen: Sie werden angetrieben von der »Freude, etwas zu gestalten«, sehen gern die »Lindenstraße«, zappen weg bei »langweiligen politischen Talkshows«, und Ihre Lieblingsfigur in der Geschichte ist »Sophie Scholl«. Sie haben recht, Frau Schröder, solche Antworten liegen nicht in irgendeiner Schublade – die bekommt man direkt von der Stange. Aber dann, auf die Frage »Mit wem würden Sie gern einen Monat lang tauschen?«, sagen Sie doch etwas Interessantes: »Mit Frau Reich-Ranicki, damit ich mich mal richtig mit ihrem Mann unterhalten kann.« Und wissen Sie was, Kristina Schröder? Genau diesen alten Chauvi und cholerischen Mundverbieter wünschen wir uns manchmal ebenfalls herbei, wenn Sie das Wort ergreifen!
Grüße aus der unteren Schublade:

Titanic

 Huhu, Julia Roberts!

Allenfalls mäßig originell ist es, daß Sie sich nicht wie andere Prominente mit Kabbala, Pilates oder Scientology beschäftigen, sondern sich laut der amerikanischen Elle »dem hinduistischen Glauben angeschlossen« haben.
»Regelmäßig«, so erfahren wir dort, bewegen Sie also Ihre fünfköpfige Familie zum Singen und Beten zu einem hinduistischen Tempel, um im nächsten Leben »als ein ruhigeres und leiseres Wesen wiedergeboren zu werden«. Das ist zweifelsohne ehrenwert – aber warum warten und nicht einfach gleich zu Hause bleiben und die Schnüß halten?
Simplify your life c/o

Titanic

 Last man standing

Wenn ich wieder einmal meinen Schlüssel in der Wohnung vergessen habe, die Liebste in ebendieser Wohnung wieder einmal so tief schläft, daß sie mein Sturmläuten nicht hört, und ich, um das Unglück zu komplettieren, keine Übernachtungsalternative aufstellen kann, weshalb ich mir eine Nacht lang vor der Haustür die Beine in den Bauch stehe, dann ist das meine höchstpersönliche Art eines One-Night-Stands. Ist aber weniger aufregend, als es sich anhört.

Sebastian Klug

 My generation

»Hast du mal Ibsen gelesen?« – »Nö, dieses Känguruh fand ich total bescheuert. Und die Gimmicks waren eh nur was für Jungs.«

Tibor Rácskai

 Produktidentifikation

Nicht ungern schaue ich fremden Menschen in den Einkaufswagen und bilde mir Vorurteile über Wesen und Lebensweise dieser Menschen. Manchmal schweifen meine Gedanken beim Anblick des Kaufguts ins Philosophische. So wurde die alte Frage in mir wach, ob nun das Sein das Bewußtsein bestimme oder andersrum, als eine deutlich adipöse Frau neben zwei 1,5-Liter-Sixpacks Cola auch Küchenrollen der Marke »Dick&Durstig« dabeihatte.

Karsten Stölzgen

 Im Sportfernsehen

Freund zappt sich durch das nächtliche Programm, landet bei den »Sexy Sport Clips« auf DSF. Freundin neben ihm wird wach, im TV räkelt sich gerade eine halbnackte Blondine in einer Turnhalle unter einem Tennisnetz. Freundin: »Oh, sind schon wieder Paralympics?«

Ina Zone

 Meine Aura

Über diese modischen Yogi Tees mit ihren raunenden Klappentexten und fehlenden Bindestrichen schmunzle ich, aber sie schmecken gut. Neulich probierte ich den Aura Tee. Schon am der Tasse folgenden Tag trat eine Frau mit Esoterik-Hintergrund auf mich zu und teilte mir mit, sie betrachte gerade meine klar umrissene Aura – die im übrigen ziemlich gut aussähe. Jetzt denke ich darüber nach, doch auch mal den Frauen Fitness Tee zu probieren.

Tina Manske