Newsticker

Bestien in Demokratengestalt

Warum dieser Wahlkampf sehr wohl sehr spannend war und ist

Von Oliver Maria Schmitt

Alle meckern über den angeblich stinklangweiligen Wahlkampf. Ich aber nicht, ich beobachte und bestaune eine der aufregendsten Kampagnen, die wir jemals erleben durften. Erster Beweis: Die Bundeskanzlerin hat in eigener Person und auf Befragen ausdrücklich mitgeteilt, daß sie diesen Wahlkampf nicht langweilig findet. Na also! Außerdem war bis zuletzt völlig unklar, ob überhaupt gewählt werden, ob die Kanzlerin tatsächlich eine Wahl ansetzen würde. Wozu noch? Schließlich regiert Merkel schon seit 2005, gefühlt sogar seit 1985, und das auch noch ununterbrochen – so daß sich eine neuerliche und mit absehbarem Ergebnis veranstaltete Wahl, also praktisch eine Scheinwahl, ziemlich erübrigte. Vielleicht will die Kanzlerin ja einfach ganz gerne noch mal eine Amtszeit haben, in der sie wenigstens einen Berliner Großflughafen eröffnen kann. Das darf sie, die in ihrer erfreulich unaufgeregten Art die Verwaltung, wo nicht Verwesung der eigenen Dauerpräsenz längst zur eigentlichen Chefinnensache gemacht hat, jederzeit von uns verlangen.

Dennoch regt sich Widerstand im Land. Martin "Ich strebe an, Bundeskanzler zu werden" Chulz ist ein erprobter Kämpfer, ein Fighter, ja im Prinzip ein Tier. Er hat sich von ganz unten nach ganz oben gerackert, von Würselen nach Brüssel (145 km), hat sich vom einfachen Buchhändler ohne Abitur, nur mit einem SPD-Parteibuch bewaffnet, bis zum Alkoholiker hochgearbeitet, vom Provinzbürgermeister bis zum (quasi) Weltenherrscher im Parlament unseres gemeinsamen Hauses Europa. Klar, daß so einer jederzeit Kanzler werden kann, wenn er das nur will. Und der Wähler nicht blöd dazwischenfunkt.

Genialerweise ließ Chulz bis zuletzt offen, ob er nun, im tobenden Endkampf, eher der CDU/CSU Paroli bieten will – oder ob er in einen viel spannenderen und völlig offenen Kampf um Platz drei einsteigen wird, vulgo gegen Grüne, Linke, AfD, FDP und die als Geheimtip gehandelte Veganer-Vegetarierpartei V-Partei³.

Bis zuletzt beschäftigte uns auch die Frage, ob sich der Posterboy der FDP irgendwann doch noch ganz ausziehen würde – ob Christian "Digital first" Lindner uns also nicht nur im kleinen Weißen, sondern, bis auf die an höherer Stelle sprießenden Schamhaare, konsequent textilfrei gegenübertreten würde. Bedenken second! Alle elf Minuten verliebt sich der FDP-Chef in sich selbst, witzelt das Internet und verweist so augenzwinkernd auf die Tatsache, dass Lindners Botschaft auch in diesem Wahlkampf ganz er selbst ist. Falls er es mit seiner fortschrittlich-liberalen Trümmerpartei tatsächlich ins Parlament schafft, wird er Merkel (oder wem auch immer, Zwinkersmiley) ohne jeden Zweifel das Amt des Bundeslindnerministers abschwatzen können.

Nächste Frage, die Wahllokale öffnen ja schon bald: Werden die Grünen, die FDP des kleinen dummen Mannes, erneut in die Opposition gehen? Oder wird die Fraktion geschlossen den Reichstag verlassen und ins gelobte grüne Ländle, nach Baden-Württemberg remigrieren, um sich von Papa Kretsche in genau die Vorstands- und Aufsichtsratsposten hieven zu lassen, in denen grüne Politik "wirklich gelebt" (C. Roth) werden kann?

Und wie viele Rechtsradikale werden im nächsten Bundestag sitzen, wenn man die CSU nicht mitzählt? Wird dieser dann auch wieder offiziell "Reichstag" heißen, so wie das um ihn herumstehende Gebäude? Wird Gauland als Gauleiter entsorgt, wird Alice "Ich gehe jetzt" Weidel im Falle einer AfD-Regierungsbeteiligung das Amt der Reichsaußenministerin erhalten? Doch selbst wenn sie es nur zur Reichspropagandistin im Range eines Staatssekretärs bringen sollte – ihr Amt will sie in jedem Fall vorzeitig verlassen, wahrscheinlich schon nach dreißig Minuten oder der ersten Fake-Frage eines Journalisten der linksversifften Lügenpresse.

Die spannendsten Fragen werden sowieso erst nach der Schließung der Wahllokale gestellt werden: Wurde auch dieser Wahlkampf aus dem russischen Ausland gesteuert? Wie lange wird es dauern, bis rauskommt, daß der CDU-Paladin Jens Spahn in Wirklichkeit ein von den Russen gesteuerter Social Bot ist, der nur darauf programmiert wurde, auf die Hashtags #parallelgesellschaft, #talkgerman, und #muttimußweg zu reagieren?

Und wenn wir schon bei den unbequemen Fragen sind: Wird die Demokratie tatsächlich an der erschütternden Tatsache zugrunde gehen, dass auch Die PARTEI auf den Wahlzetteln steht – wie dies zuletzt von praktisch allen Wahlkommentatoren festgestellt wurde? Wobei die größte Gefahr für die Demokratie gar nicht der PARTEI- oder gar Nichtwähler ist, sondern der Wechselwähler. Diese Bestie in Demokratengestalt degradiert letztlich die postwestdeutsche Demokratie Merkelscher Prägung zum schieren Experiment, zum Vabanquespiel, ja zur – sprechen wir’s aus – zur Anarchie. Alle Statistiker hassen den Wechselwähler. Er ist undurchschaubar, unberechenbar, unsympathisch und eine fundamentale Bedrohung jeder ordentlichen Wahlprognose.

Ohne Wahltrends und Umfragen jedoch bräche der Demokratiemarkt zusammen, die Statistiker könnten einpacken, Studios stünden leer, ganze Umfrageteams würden in die Wüste geschickt; Wahlbeobachter hätten nichts zum Angucken, ein Lumpenheer von Leitartiklern, Kommentatoren und Internettrollen irrte durch dieses unser Land, in dem wir doch alle "gut und gerne" leben sollen.

Wer ist dieser Wechselwähler überhaupt, diese stinkende Dieselversion des sauberen Nicht-, Protest- oder Dennochwählers? Helmut Kohl sprach in schlecht gespielter Ehrfurcht immer vom "obersten Souverän" – einer mächtigen Institution, der man mit Respekt und Ehrlichkeit begegnen solle. An Ehrlichkeit zumindest ließ es Kohls politischer Großvater Konrad Adenauer nicht mangeln, als er nach der ersten Bundestagswahl 1949 das geheimnisvolle Wesen des Souveräns näher beschrieb: "Der Durchschnittswähler denkt primitiv, und er urteilt auch primitiv."

Der Wahlkampf ist ein zermürbender, aber heftiger Liebesakt der Politik mit dem Volk: Auf ein endloses Werben, Bezirzen und Umgarnen folgt ein kurzer, in seinem nüchternen mathematischen Resultat oft genug enttäuschender Höhepunkt. Jedenfalls ist der Orgasmus in Relation zu dem ziemlich langen und klebrigen Vorspiel von rund sechs Monaten erschütternd kurz. Er dauert von der ersten Prognose um zehn nach Sechs bis ca. 18.25 Uhr, dann steht meist schon alles fest. Bis dahin aber bleibt es spannend wie noch nie.

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Briefe an die Leser

 Herrschaftszeiten, Wladimir Putin!

Herrschaftszeiten, Wladimir Putin!

Offenbar als einen der letzten Versuche, im über Dein marodes Reich reinbrechenden Embargo- und Sanktions-Tsunami noch irgendwie Haltung zu wahren, hast Du zum Beginn des Monats die Verträge für russische Gaslieferungen auf Rubel umstellen lassen. Konkret heißt das, wie wir dem Handelsblatt entnehmen, dass die Abnehmenden (also die nicht befreundeten Staaten) »zwei Konten – ein Fremdwährungskonto und ein Rubel-Konto – bei der Gazprombank unterhalten … Gazprom-Kunden überweisen dann ihre Zahlungen in ausländischer Währung auf das entsprechende Konto, woraufhin die Bank an der Moskauer Börse Rubel dafür kauft. Diese werden dem Rubel-Konto des Käufers gutgeschrieben und auf ein Konto des Lieferanten Gazprom nach Russland überwiesen.«

Pff, wie langweilig! Bist Du statt eiskalter Auto- jetzt auch Bürokrat? Wir hatten uns das so vorgestellt, dass Robert Habeck einen Sack mit Euroscheinen zum Roten Platz schleift, den Inhalt in der nächsten Wechselstube (Operatsionnaya Kassa) zum Tageskurs in Rubel umtauscht, diese dann zum Kreml rollt und dafür unter den strengen Augen einer Deiner Apparatschiks persönlich für ein paar Minuten den Gashahn aufdrehen darf. Das wäre eines Superschurken würdig! Und krumme Geschäfte tätigt man in unserem Kulturkreis noch immer mit großen, unmarkierten Banknoten; frag mal Briederchen Gerd.

Den Witz mit der IWAN-Nummer spart sich diesmal: Titanic

 Du, »Focus Online«,

lieferst in Deiner Rubrik »Praxistipps« sicherlich viele brauchbare Ratschläge. In erster Linie versuchst Du Dich dort aber freilich im Clickbaiting. Mit folgender Schlagzeile bist Du allerdings bei uns abgeblitzt: »Katze gurrt: Das steckt dahinter«. Zu eindeutig liegt hier auf der Hand, was dahintersteckt: eine verschluckte Taube. Taube Ohren für Dich hat stets: Titanic

 Huhu, »Süddeutsche Zeitung«,

unter der Überschrift »So sparen Urlauber Geld« notiertest Du die »zehn wichtigsten Tipps für einen günstigen Urlaub«. Die lauten beispielsweise: »Frühzeitig buchen«, »Preiswerte Reiseländer und Regionen aussuchen«, »Günstige Unterkünfte auswählen«, »Schnäppchenportale nutzen«, »Günstig an- und abreisen«. Danke, Süddeutsche! Wir dachten bisher immer, dass man als Urlauber Geld spart, wenn man kostspielig an- und abreist, teure Reiseländer, Regionen und Unterkünfte aussucht und um Schnäppchenportale einen großen Bogen macht. Baff: Titanic

 Mit Ihren Buchtiteln, Peter Hahne,

haben wir uns zugegebenermaßen immer ein bisschen schwergetan. Sie heißen »Nicht auf unsere Kosten!«, »Seid ihr noch ganz bei Trost!«, »Schluss mit euren ewigen Mogelpackungen!«, »Finger weg von unserem Bargeld!«, »Niemals aufgeben!« Anders steht es um den Ihres neuen Buches: »Das Maß ist voll« (ohne Ausrufungszeichen!) bzw. genau genommen um den Untertitel: »In Krisenzeiten hilft keine Volksverdummung«. Denn da, Hahne, müssen wir Ihnen ausnahmsweise vollumfänglich zustimmen: Auch wir sind der Meinung, dass Volksverdummung in Krisenzeiten rein gar nichts bringt. In normalen Zeiten dagegen? Erklären Sie's uns! In Sachen Verdummung sind Sie schließlich Experte. Maßvoll wie immer: Titanic

 Sind Sie, Landwirtschaftsminister Cem Özdemir,

Sind Sie, Landwirtschaftsminister Cem Özdemir,

gerade ein bisschen schlecht drauf? Auf die Frage der Taz jedenfalls, ob es vorstellbar sei, dass Sie im Alter zurück aufs Land gehen würden, sagten Sie: »Ich weiß es nicht. Meine Eltern sind beide in meinem Geburtsort Bad Urach beerdigt worden.« Und weiter: »Ich habe das für mich noch nicht entschieden, wo ich mal beigesetzt werden möchte. Aber ich würde jetzt nicht ausschließen, dass das am Ende auch der Ort wird, wo ich geboren bin und auch sehr schöne Jahre meines Lebens verbracht habe.« Aufs Land gehen ist für Sie demnach mehr ein ins bzw. sogar unter Land gehen. Für einen Landwirtschaftsminister ist das zwar recht konsequent, aber wie schön Ihre auf dem Land verbrachten Jahre tatsächlich waren, dass Sie sich das dann lieber von unten anschauen, will am Ende echt nicht wissen: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Entwarnung

Ich habe neulich zum ersten Mal eine Vorsorgeuntersuchung beim Urologen gemacht. Ergebnis: Alles bestens, der Mann ist kerngesund.

Cornelius WM Oettle

 Zusammenhalt & Freundschaft

Haben siamesische Zwillinge eigentlich auch immer eine bessere Hälfte?

Nick Hertzberg

 Alte Weisheit (aktualisiert)

Gib einem Hungernden einen Fisch und er wird einmal satt, lehre ihn Phishing, und er wird nie mehr hungern.

Ronnie Zumbühl

 Versöhnt mit dem Ich

Im Rahmen eines TV-Interviews hat Papst Franziskus neulich verraten, dass er als Kind, statt sich zum Priester weihen zu lassen, eigentlich den Beruf des Metzgers ergreifen wollte. Schön für ihn, dass es am Ende doch noch »irgendwas mit Fleischeslust« geworden ist.

Patric Hemgesberg

 Schlecht gealtert

Bin mit 32 beim Alkoholkauf nach dem Ausweis gefragt worden. Begründung der Kassiererin: »Ja, mit der Maske kann man Ihr Alter wirklich schlecht einschätzen.« Was glaubt sie denn? Dass ich darunter ’nen Schnuller im Mund haben könnte?

Loreen Bauer

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

  • 11.05.: Der Falter mit einer kleinen Blattkritik zur Maiausgabe
  • 02.03.: TITANIC-Herausgeber Tim Wolff bei Übermedien über Satire in Kriegszeiten
  • 03.02.: Der hr präsentiert den üppigen Humor-und-Satire-Dreiteiler "Radikal Komisch" mit Ella Carina Werner, Oliver Maria Schmitt, Martin Sonneborn u. v. v. a. m., mit 100 schönen TITANIC-Titeln – und in Teil 3 tauchen auch noch Hintner, Burmeier, Eilert und Martina Werner auf – live in der ARD-Mediathek.
  • 01.02.: Bei der Taz versucht sich Moritz Hürtgen am Olympischen Gedanken.
  • 20.01.: In Göttingen eröffnete die große Eugen-Egner-Ausstellung im Alten Rathaus. Bilder vom Event zeigt das Göttinger Tageblatt und die Stadt Göttingen hat alles aufgezeichnet.
Titanic unterwegs
18.05.2022 Dresden, Staatsschauspiel Max Goldt
18.05.2022 Berlin, Mehringhof-Theater Heiko Werning mit Ulrike Sterblich
19.05.2022 Bamberg, Dr. Pfleger Stiftung Max Goldt
20.05.2022 Nürnberg, Hubertussaal Max Goldt