[20.03.2016]
Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Die Reihen fest geschlossen

Jetzt, nach den Septemberwahlen, die umständehalber im März gewesen sind, haben wir ja einen sog. Rechtsruck; aber um die linksliberale Verfaßtheit unseres Staates ist mir nicht bang, solang unsere sich als linksliberal verstehende Tagespresse aus lauter wehrhaften Demokraten besteht.

Der Erlanger „Verein für Sprachpflege e.V“ hat nämlich seine „Sprachwahrer des Jahres“ gekürt, und Marc Felix Serrao hat das, ohne erkennbare Ironie, in seiner Süddeutschen sehr gefreut, dieweil dieser Verein nämlich „wertvolle Arbeit“ leiste: „Platz eins geht an einen Studenten, der trotz angedrohten Notenabzugs auf ,gendersensible’ Sprache verzichtet hat, also Binnen-Is und Gendersterne. Platz zwei geht an den Nigerianer Andrew Onuegbu, der sich bis heute weigert, sein Kieler Lokal ,Zum Mohrenkopf’ umzutaufen. Anders als die meisten autochthonen Experten empfindet er den Begriff ,Mohr’ nicht als rassistisch – was nebenbei die interessante Frage aufwirft, wer eigentlich und mit welcher Legitimation in diesem Land die Grenzen des Sagbaren zieht. Schließlich Platz drei: Sarah Connor. Die Sängerin hat ihr erstes Album auf deutsch veröffentlicht, ,Muttersprache’, was nach ,Sexy as Hell’ und ,Naughty but Nice’ ein echter Stilwechsel ist. Ein mutiger dazu.“ Folgt der erwartbare Verweis auf Connors Hymnenunfall („Brüh im Glanze“ usw.), aber Häme ist nicht angebracht: „Elf Jahre später beweist Sarah Connors Ehrung, daß man Sprache noch so sehr malträtieren, gendern oder korrigieren kann: Wer sich besinnt und wieder gut zu ihr ist, dem empfängt sie mit offenen Armen.“ So wie die Volksgemeinschaft eben auch, der sich auch der (hoffentlich nicht allzu artfremde) Serrao mit der Blindheit andient, den Connorschen Stilwechsel für etwas anderes zu halten als bereits eine Reaktion auf die mehr oder mindere fröhliche Faschisierung gerade in der Populärkultur.

„Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“ Klemperer, 1947

Derlei ist ja eben nicht völkische Avantgarde, sondern Mainstream, der mit einem Riefenstahlschen Albumtitel wie „Muttersprache“ bereits bedient sein will. Derselbe Mainstream, der sich von Frauen, Lesben und anderen Juden nicht mehr die Grenze des Sagbaren diktieren lassen mag, und wenn irgendein Kohn sein Lokal gern „Brunnenvergifter“ nennt, dann ist das in einem Land, das die Grenzen des Sag- als auch Machbaren dereinst in unerhörter Weise neu gezogen hat, natürlich Privatsache und jedenfalls beispielhaft.

Ich möchte nicht „IdiotInnen“ schreiben müssen. Das ist aber nicht sowohl ein politischer als ein ästhetischer Vorbehalt, und noch weniger möchte ich von Sprachwahrern belobigt werden, die das unstillbare Ressentiment der Mehrheit gegenüber dem Fremden bedienen. Da lachen mich so überlegene, „moderne Patrioten“ (die SZ neulich) wie der Serrao natürlich aus, aber trotzdem: So fängt das an, genau so. Und wenn es irgendwann wieder einmal soweit gewesen sein wird, machen genau diese Biedermänner große Augen: Gezündelt? Wir? Von dem Aberwitz abgesehen, daß sich ausgerechnet in der Phrasenorgel SZ einer für die malträtierte Muttersprache verwendet: hier bringt sich die Mehrheit in Stellung. Und es ist tatsächlich die Mehrheit, denn die Sprachpreise werden nicht von irgendeiner Jury vergeben, sondern von den Lesern der Vereinszeitung Deutsche Sprachwelt. Und nicht allein im Süden ist man einverstanden: „Ebenfalls ausgezeichnet wurden der Berliner Student Sebastian Zidek – er kämpft gegen Genderwahn – und Sängerin Sarah Connor. Sie begeistert mit deutschen Texten auf ihrem neuen Album“ (shz.de, „Nachrichten aus Schleswig-Holstein und der Welt“).

Und so es des Kieler Gastronomen Onuegbu gutes Recht ist, „Mohr“ für harmlos (oder selbstironisch) zu halten, gibt es eine halbe Million Afrodeutsche, die lieber Menschen als Mohren sind und es vermutlich präferieren, daß Leute wie ich, wenn es schon sonst keiner tut, die Grenze des Sagbaren ziehen, als daß es der nächstbeste „Beistrichjunge“ (Gremliza) tut, der für das legitime Recht der Mehrheit streitet, die Minderheit so zu nennen, wie es der Mehrheit paßt.

Auf gut muttersprachlich: fürs Recht auf Gewalt.




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