[17.01.2016]
Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Polnische Wirtschaft

Selten genug, daß ein Kommentar in den „Tagesthemen“ etwas Substantielles mitteilt, statt bloß in dümmstem Phrasendeutsch das Allererwartbarste zu stapeln. Aber da Ausnahmen die Regel bestätigen, fiel dem Brüsseler Korrespondenten Krause – auch sonst, soweit ich sehe, keiner der üblichen Verdächtigen – zur polnischen Freiheitsrolle rückwärts der schöne Merksatz ein, Demokratie sei, wenn die Öffentlichkeit stets Bescheid wisse und alles im Rahmen der Verfassung geschehe. Also gehe das, was die polnische Rechts-Regierung gerade veranstalte, gegen den demokratischen Geist Europas usf.

Tatsächlich benahmen sich die Damen und Herren in Warschau bislang lehrbuchhaft, wenn sie sich Angriffe linker ausländischer Volksfeinde auf die nationale Souveränität verbaten und erst einmal die Europafahnen hinterm Pult der Pressekonferenz durch polnische ersetzten; und auch wenn man weiß, wie wenig weit her es diesseits der Oder mit Kontrolle von Macht und Geld (bekanntlich dasselbe) ist, so funktioniert die Herrschaftssicherung durchs gemeinsame Klasseninteresse doch so geräuschlos, daß man Handstreiche wie den polnischen wider die Verfassungsgerichtsbarkeit und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schon aus ästhetischen Gründen für degoutant zu halten geneigt ist.

„Noch ist Polen nicht verloren, / Solange wir leben. / Das, was fremde Übermacht uns raubte, / Werden wir mit dem Schwert wiedergewinnen.“ Józef Wybicki, 1797 

Freilich herrscht die Klasse, um zum Hasen im Pfeffer vorzudringen, in Polen nicht ganz so unumschränkt wie hierzulande und stellte im vergangenen Frühjahr sogar die Welt fest, „daß die polnische Wirtschaft im wesentlichen Werkbank des Westens ist, und zwar gerade Deutschlands. Große Konzerne wie Volkswagen haben Werke in Polen, Automobilzulieferer wie Bosch oder der Chemieriese BASF produzieren ebenfalls. Polen ist einer der größten Standorte für die Fertigung von Kühlschränken und Waschmaschinen. Insgesamt 6000 deutsche Unternehmen sind dort ansässig. So groß ist die Abhängigkeit, daß die polnischen Exporte nach Deutschland stocken, sobald die deutschen Ausfuhren nach China mal nicht so gut laufen.“

Und die Karawane ist im Begriff weiterzuziehen: „Allmählich sind die Löhne so stark gestiegen, daß sich die Verlagerung aus Deutschland kaum noch lohnt. Seit 2000 haben sich die Arbeitskosten in Polen verdoppelt. Sie sind zwar immer noch günstiger als im Durchschnitt der Währungsunion, aber doch deutlich teurer als in Rumänien, Ungarn oder Bulgarien. Arbeitsintensive Fertigungszweige, etwa die Herstellung von Kabelbäumen, sind daher in diese Länder abgewandert.“ Deshalb, so Springers Fazit, müsse sich Polen „neu erfinden“ und nämlich, nachdem 70 Milliarden Euro aus Brüsseler Töpfen ins Land geflossen seien, endlich die nötigen „Reformen“ auf den Weg bringen: „Sowohl die Fluglinie Lot als auch die staatlichen Bergbaugesellschaften schreiben Verluste. ,Doch viele Menschen“, wird der Chef der Deutschen Bank in Polen zitiert, „sind nach den Zeiten des Umbruchs reformmüde und wollen nicht mehr so viele Veränderungen.’“

Und wählen, wo Abhängigkeit besteht und Veränderung als so bedrohlich empfunden wird wie in den wankenden Mittelschichten des Westens auch, dann eben AfD oder das katholische polnische Pendant, und daß die PiS, wie der Demokratiefreund und runde Optimist Krause formulierte, sich die Wahl „erschlichen“ habe, stimmt sowenig, wie daß die AfD-Kundschaft bloß zu Protestzwecken abstimmt. Faschismus – und z.B. das geht in der so vorschriftsmäßig laufenden, prima kontrollierten fdGO regelmäßig unter – ist Kapitalismus, der in der Krise autoritär wird. Im dominanten Westteil von Deutsch-Europa stört es die Mehrheit ja schon, wenn Habenichtse ins Land kommen; und was aber wäre, gehörte die Deutsche Bank den Polen und produzierte ein polnischer Konzern ein paar zehntausend deutsche Arbeitslose, weil Fertigungszweige nach Kambodscha wandern, wäre bloß dann eine schöne Phantasie, wenn’s, nach den Lehren der Geschichte, nicht eine so unschöne wäre.




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Briefe an die Leser

 Grüß Gott & hühott, Bayerischer Rundfunk!

Grüß Gott & hühott, Bayerischer Rundfunk!

»Obwohl die Signatur als ›Kowalski‹ zu entziffern ist, wurde diese Rastszene mit Pferden nicht von ihm gemalt«, steht es im Online-Archiv der für ihren Sachverstand geschätzten Sendung »Kunst & Krempel« über das »qualitätsvolle Kabinettstück« aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. So weit, so gewohnt gediegen. Aber was hat Dich denn bitteschön geritten, den mit 1500 Euro taxierten Dachbodenfund wie folgt zu übertiteln:

Fragt als Liebhaber prächtiger Schinken: Titanic

 Werter Andreas Scheuer!

»Dort, wo Millionen von Deutschen Urlaub machen, da geh ich davon aus, daß es sich um sichere Herkunftsstaaten handelt!« Im Bierzelt des Schierlinger Volksfestes erhielten Sie für diesen Satz Beifall. Doch wir wären uns da nicht so sicher. Als CSU-Generalsekretär ist es zwar nachgerade Ihre Pflicht, holzschnittartig zu vereinfachen. Nur … nein, wir wollen jetzt nicht auf das bei den Deutschen so beliebte Urlaubsland Türkei hinaus, dessen Rechtsstaatsdefizite niemand schärfer anprangert als die CSU. Wir meinen vielmehr die 43 Millionen Übernachtungen, die Bayern im Sommerhalbjahr 2015 aus anderen deutschen Bundesländern verzeichnet hat. Demnach wäre Bayern: ein sicheres Herkunftsland! Und das können Sie ja wohl nicht im Ernst gemeint haben! Titanic

 Kuckuck, Eckart von Hirschhausen!

Groß war unsere Erleichterung, als wir neulich auf Stern.de den Satz »Eckart von Hirschhausen zieht ins Altenheim« lasen, noch größer die Enttäuschung, als sich dann herausstellte, daß Ihr Heimaufenthalt schon wieder vorbei war und doch nur der Recherche diente. Im besten Reportagestil (»Irgendwo klingelt ein Wecker«) berichten Sie über Demenz und das Abenteuer Altenheim, stellen erfrischend ehrliche Reflexionen an (»Hirnabbau kommt nicht über Nacht«) und schwärmen nach einem Tänzchen mit einer Heimbewohnerin von »Musik als Medikament«, das man einfach – Schmerz laß nach! – »ohr-al« zu verabreichen brauche. Schließlich stellen Sie voll Lob auf das so facettenreiche Leben fest: »Unfreiwillig komisch sind Menschen, die mit 60 immer noch die gleichen Ziele verfolgen wie mit 20 – in den gleichen Klamotten.«

Und auch wenn Sie das sicher schon oft gehört haben: Hätten Sie mal lieber Ihren Arztkittel anbehalten und wären gut versteckt in irgendeinem Krankenhaus geblieben, dann hätte vielleicht sogar noch etwas halbwegs Unterhaltsames aus Ihnen werden können, denn »unfreiwillig komisch« ist halt doch immerhin irgendwie komisch.

Ihr Pflegepersonal von Titanic

 Andrea Berg, Teuerste!

Andrea Berg, Teuerste!

Anläßlich Ihrer neuen Platte »Spesen fehlen«, nein: »Besenheben«, nein: »Seelenbeben« luden Sie, na klar, zur Homestory die Bunte ein, die dann auch gleich zur Stelle war. Und so berichteten Sie also von Songs, die »Sternenträumer« heißen, von Ihrem neuen Plattenlabel Bergrecords, von Ihren Fans, die auf Ihren Konzerten »lachen, weinen, Party machen« sollen, und auch von Ihrer 17jährigen Tochter. 17 Jahr’, blondes Haar … und ein schwieriges Alter, nicht wahr? Gerade deswegen möchten Sie Ihre Tochter »auch beschützen und ihr möglichen Kummer ersparen«, sie habe nämlich ab und an durchaus unter Ihrem Beruf als Schlagersängerin zu leiden.

Klar, Frau Berg, auf dem Schulhof ist derzeit nämlich viel eher Helene Fischer angesagt und nicht eine alte Schlagernudel wie Sie. Dennoch dürfe man seine »Kinder nicht in Watte packen«, weswegen Sie der Bunten auch gleich eifrig steckten, daß Ihre Tochter derzeit »frisch verliebt« sei. So ist’s richtig: »Eigene Erfahrungen« müssen die Teens machen, wie Sie sagen. Wer nicht lernt, wie es sich anfühlt, wenn in Klatschmagazinen von den eigenen Liebschaften berichtet wird, der kann später kein tiefsinniges »Seelenbeben« schaffen und für die Fans damit Momente, »in denen sich ihre Seele ausruhen kann«. Rabenmutter! Titanic

 Wenn Ihr, Veranstalter des »Luxury Business Day«,

Euch fragt, warum wir auch dieses Jahr wieder nicht an »Deutschlands Luxuskonferenz« teilgenommen haben und nun also auch nicht wissen, wie Ihr »Luxus erfahrbar machen und Kunden emotional berühren« möchtet, müßt Ihr einfach mal einen Blick auf Eure Eintrittspreise werfen. 590 Euro für ein Ticket?

Wir sind doch nicht der allerniederste Pöbel, sondern die unangenehm berührten Snobs von der Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Dreieckshoroskopisches

Astrologie ist eine höchst subjektive Angelegenheit. Die Ansicht zum Beispiel, daß Stier und Skorpion sich aufs vorzüglichste ergänzen, teilen meine Frau (Stier) und meine Geliebte (Skorpion) auf keinen Fall. Ich hingegen schon.

Karsten Wollny

 Selbstverwirklichung

Wenn einer ein Trottel ist, gebe ich ihm die Chance, es zu zeigen. Das gilt auch und in erster Linie für mich selbst.

Tibor Rácskai

 Kundenrezension

Heute zum ersten Mal die »Steinofen-Pizza Hawaii« von Tegut gekauft. Konnte es überhaupt nicht fassen, wie fade die Pizza schmeckte! Erst beim vorletzten Stück fiel mir ein, daß ich ja immer noch Schnupfen habe. Testnote: weiß nicht.

Dominik Bauer

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Unter den vielen Talenten, die mir nur geringfügig gegeben sind, ist die Schlagfertigkeit am geringsten ausgeprägt. Beispiel: Seit guten 16 Jahren nehme ich mir vor, wenigstens ein einziges Mal mit »Danke, ich trinke nicht!« zu antworten, wenn mir irgend jemand ein Glas Wasser anbietet. Es ist mir bis heute nicht gelungen.

Teja Fischer

 In tiefer Trauer

Mit meinen Haustieren hatte ich bisher außergewöhnlich viel Pech. Erst mein süßer Dackel Larry, dann meine verschmuste Dänische Dogge Doyle, kurz darauf die wilde, wilde Perserkatze Layla und letzte Woche auch noch mein geliebter Wellensittich Ulf – sie alle sind in ihrem Aquarium ertrunken.

Andreas Maier