Newsticker

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Inside TITANIC (20)

Indiskrete Einblicke in das Innere der Redaktion und ihrer Mitglieder. Heute: Paula Irmschler brainstormt über Brainstorming.

"Schreib doch darüber, wie es ist, kein Thema zu finden, ahahahaha, kotz", schwallen mir Freundinnen oft des Nachts vor, wenn ich erzähle, dass ich bis gleich eine Kolumne geschrieben haben muss. Das ist diesmal gar nicht so, vielmehr habe ich rechtzeitig angefangen, wirklich, echt, schon letztens im Zug. Aus dem Fenster geschaut, an meinem Wasser genippt, zarte Indiemusik aufgelegt, über uns als Redaktion nachgedacht, was uns eint und trennt und antreibt. Aber ich erinnere mich jetzt trotzdem mal an diese Worte der Freundinnen, weil sie so schön an den Anfang passen. Auch ein schöner Anfang ist: Es sind herrliche Zeiten für Satire. Die Themen liegen ja derzeit auf der Straße. Corona, Hamsterkäufe, Thüringen, Geisterspiele, der Dax, Rechtsterror, Woody-Allen-Fans und die Buschfeuer in Australien. Ach, nee, die sind rum oder egal, aber wen interessiert das schon in dieser schnelllebigen Zeit.
Wie finden wir also unsere Themen? Einige von uns surfen viel im Internet. Klick, Klick, und schon ist was notiert. Wiederum andere regen sich bei Zigaretten und Kaffee und noch mehr Zigaretten und noch mehr Kaffee darüber auf, was andere im Internet geschrieben haben, und dann ist auch schon Feierabend. Dann gibt es noch Leute, die richtig Nachrichten gucken, abends mit dem Partner, schön kuschelig, dann wird geknutscht und sich gestreichelt ... Seufz. Entschuldigung. Es gibt außerdem die, die unterwegs schnell die Nachrichten-Podcasts abklappern, dabei Käse-Ei-Brot im Maul und der starke Wille, gleich was zu pitchen. Der eine ist immer auf Twitter. Die Pendlerinnen befragen die Menschen in den DB-Lounges. Nur wenige lesen noch Zeitung. Deswegen wurde gestern auch mal heftig auf den Tisch gehauen (so dass einige Zeitungen runterfielen) und gesagt, dass wieder mehr Zeitung gelesen werden muss. Nicht immer hier schnelle Mark mit dem schnellen Witz. Was wird das für unser Heft bedeuten? Werden wir wieder genial?

Unlängst wurde ich in einem Interview gefragt, woran wir gerade fürs neueste Heft arbeiten würden. "Äh", stammelte ich, "lustige Fotos, dings, Kostüme!" Die Wahrheit ist, wir wussten es natürlich noch nicht. Wir sammeln jetzt erst mal ganz in Ruhe. Bei eurer Hysterie machen wir nicht mit! Auch mal wieder was fühlen, sich rantasten, etwas aushalten. Hamsterkäufe, haha!

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Meditation und Markt mit Dax Werner

Corona im Kopf

Liebe Leser*innen,

die Ereignisse des vergangenen Monats hätten früher für ein ganzes Jahr gereicht: Am 5. Februar wählen CDU und AfD gemeinsam einen völlig unbekannten FDP-Landtagsabgeordneten zum neuen Ministerpräsidenten von Thüringen (von dem man seither nichts mehr gehört hat), AKK kündigt als Reaktion darauf ihren Rückzug vom CDU-Parteivorsitz an, Mitte Februar werden ein Dutzend Rechtsterroristen mit konkreten Anschlagsplänen um einen Trödelhändler namens "Teutonico" festgenommen (auch darüber hört man nichts mehr) und einige Tage später ereignet sich in Hanau der zweitgrößte rechtsextreme Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik.

So richtig Luft, mal auch nur irgendeines dieser Themen in Ruhe einzuordnen, blieb jedoch leider nicht, weil zeitgleich Karnevals-Session war, oder wie wir in der TITANIC-Redaktion sagen: "Deutsche Spring Break!" Für jede der ARD-Landesrundfunkanstalten muss jeweils eine sechsstündige Fastnachtssitzung übertragen werden, so will es der Jecken-Paragraph im Rundfunkstaatsvertrag. Und wenn zu Hanau und Teutonico erst einmal alles valide ausrecherchiert ist, werden wir in der nahen Zukunft ohnehin noch mal eine breite mediale Debatte dazu führen, daran lassen zahlreiche ähnliche Beispiele aus der Vergangenheit jedenfalls keinen Zweifel.

Einen Vorgeschmack gab es ja ohnehin schon bei "Mainz bleibt Mainz", als die im breiten Rheinhessisch gehaltene Rede des Obermessdieners Andreas Schmitt viral die Runde machte: "Hanau war ein Angriff auf uns alle!" Gänsehaut im Festsaal und am Smartphone! "Auf uns alle" klingt zwar wunderbar demokratisch, blendet aber schon aus, dass Andreas Schmitt in seinem Alltag wahrscheinlich weniger beeinträchtigt bleibt als direkt Betroffene. Sperriger Gedanke, ich weiß, weil man dazu den Betroffenen ja überhaupt erst einmal zuhören müsste.

Und auch in einem anderen Punkt ist die bierselige Rede von Schmitt in den eineinhalb Wochen nach Veröffentlichung nicht besonders gut gealtert, denn was vermutlich als (etwas weirder) Verweis auf den 2. Weltkrieg gemeint war ("Unsere Kinder werden nicht mehr für euch erfrieren"), ist in dieser Sekunde Realität für Zehntausende Flüchtende an der Grenze zwischen der Türkei und Griechenland.

Klar, in der Rückschau ist man immer schlauer. Doch was "Sea Watch" aktuell zu Recht als "vollständige Auflösung der Europäischen Union als sogenannte Verteidigerin der Menschenrechte" bezeichnet, ist für den marktradikalen Lindner – der vor nicht mal vier Wochen noch gemeinsame Sache mit der Höcke-AfD in Thüringen machte – nicht mehr als ein Stichwort, "Frau Merkel" via Twitter an ihr Versprechen, dass es keinen "#Kontrollverlust bei der Zuwanderung wie 2015" mehr geben dürfe, zu erinnern. Erstaunlich frech für einen, der streng genommen gar nicht mehr im Amt sein dürfte!
Und gerade in dem Augenblick, in dem man sich ernsthaft fragt, ob es überhaupt noch kaputter geht, spawnt er plötzlich doch noch aus dem Nichts auf, der langersehnte gesellschaftliche Konsens gegen Gewalt, denn: Ein Milliardär aus Sinsheim wurde bei einem Fußballspiel als "Hurensohn" bezeichnet. Man spürt's: Hier wurde dann doch eine Grenze zu viel überschritten, wenn's hart auf hart kommt, steht man gesellschaftlich zusammen gegen Hass und Gewalt. United we stand. Ein Zeichen, das Mut macht.

Was mir auch Mut macht: Dass man von Tom Buhrow seit seinem Video-Statement zu #Omagate Ende Dezember 2019 – in unserer Familien-Whatsappgruppe übrigens liebevoll als Outsider-Art gelabelt – nicht mehr so wirklich was gehört hat. Das kann für mich nur heißen, dass Buhrow gerade fleißig an der Verwirklichung seines vollmundig angekündigten neuen "Klima des Miteinanders" arbeitet. Ich freue mich darauf!

Bleibt sauber und wascht Euch zwischendurch mal die Hände, Euer: Dax Werner ...

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Inside TITANIC (19)

Indiskrete Einblicke in das Innere der Redaktion und ihrer Mitglieder. Heute hat Redaktionspraktikantin Julia Mateus für Sie im Materiallager herumgestöbert.

Betritt man den TITANIC-Fundus, stellt man zunächst einmal fest: Hier sieht es recht ordentlich aus. Die meisten Gegenstände befinden sich in Ikea-Umzugskartons. Und das nicht etwa, weil der Bezug der neuen Redaktionsräume noch nicht lange her ist, sondern weil Weißraumfreund Tom Hintner hier aufräumt – und zwar fortlaufend. Alle Kartons sind ausführlich beschriftet. Manche geben sogar zusätzlich Auskunft darüber, was sich nicht in ihnen befindet: Wolle, Seide, Kordel, "Sex", Nähzeug steht auf einem. Ein anderer bietet Platz für Hosen, Damenröcke "Petry", zwei weitere etwas allgemeiner für WAFFEN und Arzt.

Wirft man allerdings einen Blick hinter die Kulissen bzw. Kartonwände, wird der propere erste Eindruck schnell gestört. In der Militär-Helme-Kiste befindet sich auch ein Umschlag mit Friedensfähnchen. Muss man wissen! Auf eine nähere Untersuchung der Gegenstände im rosa "Sex"-Korb verzichtet hingegen lieber, wer die Bilder aus jenem Fotoroman, in dem diese zum Einsatz kamen, noch im Kopf hat.

Trotz intensiver Nachforschung bleiben einige Fundus-Phänomene am Ende mysteriös: Warum enthält die redaktionseigene Werkzeugkiste fünf verschiedene Hämmer (aber keinen aus Holz)? Und was hat es mit den 1,5 kg Kaffeesatz auf sich, die in einer Glasschale aufbewahrt werden? Ich habe leider keine Antworten auf diese Fragen, aber vielleicht ja Sie? Mailen Sie sie mir gern an crowdfundus@titanic-magazin.de.

Vielen Dank!

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Meditation und Markt mit Dax Werner

Heldengeschichten

Liebe Leser*innen,

2009 veröffentlichte Norbert Röttgen seinen Grundsatztext "Deutschlands beste Jahre kommen noch: Warum wir keine Angst vor der Zukunft haben müssen". Das Cover zeigt eine herrlich weiße Gießkanne von der alten Sorte, die einen Fleckchen Erde bewässert. Alles in allem eine gelungene Visualisierung der sozialpolitischen Maxime vom "Fördern und Fordern".

Und Röttgen sollte Recht behalten: Schon ein Jahr später meldete die ARD den Talkshow-Coup des Jahrzehnts, als Günther Jauch himself den Sonntagabend-Talkshow-Slot übernahm. Noch mal vier Jahre später holten Jogis Jungs das Ding im Maracanã-Stadion nach Hause.

Doch Norbert ist niemand, der seine Leser*innen nur besoffen zukunftsgeil schreibt, sondern einer, der auch nüchtern Bilanz ziehen kann, wenn es sein muss. Oder wie es der Klappentext verspricht: "Eine klare Analyse ohne Scheuklappen." Und in der Rückschau muss man es nun vielleicht so klar sagen: Das waren sie, die besten Jahre. Die WM 2014 zählt offenbar zu den Ereignissen, die mich besonders nachhaltig beschäftigen, denn vor einiger Zeit habe ich den Moment des WM-Gewinns hier an dieser Stelle schon einmal beschrieben: "Ich erinnere mich, wie Claus und ich minutenlang stumm auf einen 20-Zoll-HD-Ready-Flatscreen am Brüsseler Platz starrten, und an dieses unwirkliche Momentum, wo Fips Lahm das Dingen in den Nachthimmel von Rio streckte." Das "unwirkliche Momentum" war vielleicht eine Vorahnung, dass nach diesem Abend erst einmal nichts mehr besser werden würde. Und vielleicht, nein: sogar sehr sicher hat das an diesem Abend noch ein anderer Vordenker aus NRW deutlich gespürt. Norbert Röttgen.

Möglich, dass in ihm in diesen Moment der Entschluss reifte, es irgendwann noch mal zu versuchen, noch ein letztes Mal anzugreifen. Norbert Röttgens Geschichte ist die Geschichte eines Fighters, die Story von einem, der immer einmal mehr aufsteht, als er hinfällt. Einer, der weiß: Nur unter Druck entstehen Diamanten. Wir in NRW lieben solche Geschichten. 2012, die Schmach von Düsseldorf: Röttgen, damals noch Bundesumweltminister mit lausbubenhaftem Harry-Potter-Charme, verzockt sich bei der nordrhein-westfälischen Landtagswahl, will ohne klares Bekenntnis zu seinem Bundesland Ministerpräsident werden und scheitert krachend gegen Hannelore Kraft. Ich selbst arbeite zu dieser Zeit noch als kleiner Bub mit großen Träumen bei einem Fernsehsender unweit des Landtags, erinnere mich an einsame Feierabend-Biere mit Blick auf den Rhein. Nicht unwahrscheinlich, dass Norbert in diesen Momenten ratlos auf denselben Rhein blickte.

Nun hat er als vierter Nordrhein-Westfale nach Laschet, Merz und Spahn seinen Hut in den Ring für CDU-Vorsitz und Kanzlerkandidatur geworfen. Viele werden diesen Move belächeln, ihm keine Chance einräumen, Fahrradrennen-Analogien wie "zu früh aus dem Windschatten gefahren" bemühen. Röttgen muss das nicht kümmern. Ja, die große Politik in Berlin wirkt immer technokratischer, steriler, doch ganz vielleicht ist ja noch einmal Platz für eine kleine Heldengeschichte. Oder, wie es bei "Volker Bouffier. Lebensgeschichte und Politik" im Kapitel "Leitgedanken des Politikers Volker Bouffier. Aus den Reden 2010 bis 2013" heißt: "Ich bin Hesse und trotzdem begeisterter Europäer."

Tut mir einen Gefallen und kommt gut durch die Woche.

Euer: Dax Werner

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Inside TITANIC (18)

Moritz Hürtgen über die Kühlschränke der Redaktion.

Wie viel ein Kühlschrank über das Haus verrät, in dem er lebt! Bei TITANIC gibt es nach offizieller Zählung fünf dieser Geräte. Ein Eisfach hat nur einer! Nämlich der "große Kühlschrank", ein Koloss mit Edelstahlanmutung, der einst im Konferenzraum gepflanzt wurde. Sekt und Bier werden ihm ebenso gerne anvertraut wie Grillsaucen und Ketchup, seit die Redaktion vor knapp zwei Jahren einmal grillen wollte. Auch ein paar Tetrapaks abgelaufener Vanillemilch finden sich in seiner Tür – sie wurden irgendwann mal für ein Artikelfoto gekauft. Im Eisfach: Eis, Eis, Eis und die Frosta-Fertiggerichte des Chefredakteurs (meine also).

Die kleinen Kühlschränke Numero 2 & 3 wohnen unter den Schreibtischen der TITANIC-Legenden Martina Werner und Thomas Hintner. Bei "Maddina" weiß ich nie so genau, was sie darin hütet; ich vermute aber: Frischkäse und ein paar "Ladungen" Morphium o.ä. Kollege Tom – und das darf nun wirklich keinen überraschen – lagert seine liebsten Spezialbiere in seiner Minifridge. Außerdem hat er immer kühl: ein paar Würste und eine Tube guten Senf. Diesen mopse ich mir oft heimlich.

Auch in der Redaktionsküche findet sich ein Kühlschrank: ein normal großer Einbaukühlschrank, um genau zu sein. Hier legen die Macher/innen von TITANIC alles rein, was sie gerne vergessen möchten. Es schimmelt und ist offen gesprochen einfach nur pervers ekelhaft. Reinigen nützt nichts, nach zwei Wochen sieht er aus wie immer. Pfui!

Und schließlich: mein Kühlschrank, der Kühlschrank im Büro des Chefredakteurs, den ich von meinem Vorgänger Tim Wolff übernahm. Was sich darin befindet, überlasse ich Ihrer Fantasie, liebe Leserinnen und Leser. Wer alles über sich verrät, bleibt nicht interessant und verliert Abonnent/innen.

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Meditation und Markt mit Dax Werner

Brigitte Büscher und die MS Deutschland

Liebe Leser*innen,

wer dieses Blog hier bereits länger verfolgt, wird's wohl schon wissen: Ja, ich bin talkshowsüchtig. Ich bekenne: Pro Woche arbeite ich locker fünf bis acht Talkshows weg, am Wochenende plane ich mit Stabilo-Textmarker, TV-Programmzeitschrift und einer schönen Retro-Folge Sabine Christiansen auf Youtube die kommende Talk-KW: Wie organisiere ich mein sonstiges Berufs- und Privatleben um die kommenden Aufreger-Ausgaben von Maischberger, Will und Lanz herum? Zeitmanagement am Limit. Weiß Gott nicht einfach, aber jemand (ich) muss den Job machen. Und ich mache mir Sorgen.

Früher sagte man einmal: Die Inuit kennen 100 Worte für Schnee und die Deutschen kennen eine Talkshow für jede Uhrzeit an jedem Tag der Woche. Beides stimmt nicht mehr. Wie in so vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen geht auch hier, im weiten Feld des gepflegten politischen Disputs vor Bewegtbildaufzeichnungs-Geräten, langsam der Kitt flöten, der den Laden noch bis gestern zusammenhielt. Lässt sich zum Beispiel auch daran ablesen, dass es nach der "Hart aber fair"-Auszeit von Frank Plasberg (Gute Besserung & liebe Grüße nach Köln!) eigentlich endlich einmal Zeit für Internet-Expertin Brigitte Büscher gewesen wäre, die Produktion stattdessen jedoch eine externe Nachwuchshoffnung aus dem ARD-Morgenmagazin eingekauft hat. Während wir "Hart aber fair"-Fans uns schon seit Jahren mit Demos vor dem WDR-Gebäude für eine Spin-off-Talkshow für Büscher starkmachen, treibt ihre Unsichtbarmachung selbst auf der objektiven Wissensplattform Wikipedia ungeahnte Blüten: Da, wo von findigen Autor*innen noch jeder 200-Zeichen-Blogpost von 2009 als eigenständige Veröffentlichung aufgeführt wird, finden sich aufgrund unklarer Quellenlage gleich zwei verschiedene Geburtsjahre für Büscher. Welch bittere Ironie.

Doch es gibt sie noch, die guten Nachrichten. In der neuen Internetsendung "Echte Meinungen aus Deutschland – Hier spricht das Volk" von "Bild" fährt Chefredakteur Julian Reichelt einen komplett naturalistischen Approach und haspelt sich 44 Minuten vor einem Publikum von 15 Menschen, die gleichzeitig seine Talkgäste sind, durchs neue Format. Alle 15 sitzen an auf einer Eichenbank, davor hat Reichelt (vielleicht eigenhändig?) ein Schiffssteuerrad drapiert. Die Sub-Message könnte klarer nicht sein: Hier sitzen die eigentlichen Kapitäne der MS Deutschland! Und jetzt nehmen wir uns mal ganz in Ruhe eine Dreiviertelstunde Zeit für Corona, Flüchtlinge und linken Terror!

Das minimalistische, fast karg gestaltete Intro mit aufeinandergestapelten Röhrenfernsehern thematisiert nicht nur noch einmal kunstvoll das inzwischen auch schon zehn Jahre zurückliegende Ende des Röhrenfernsehers, sondern weckt in seiner Visualität gleichzeitig Erinnerungen an die Anfänge des Privatfernsehens in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Es ist deutlich zu spüren: Hier meint es einer sehr ernst. Dass die Youtube-Version von "Hier spricht das Volk" nur 24 Stunden nach Upload schon sagenhafte 3739 Aufrufe verzeichnet, freut sicher nicht nur den neuen Springer-Investor KKR, sondern ist ein Hoffnungsschimmer für uns alle: Vielleicht ist das Genre Talkshow doch noch nicht an sein Ende gekommen.

Vielleicht gibt es doch noch eine Zukunft.

Euer Dax Werner

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Meditation und Markt mit Dax Werner

Dorfkinder

Gerne würde ich die heutige Kolumne mit ein paar Fakten beginnen, die den gefürchteten Internet-Kosmopoliten in Aachen, Heidelberg und Regensburg wahrscheinlich nicht besonders gut schmecken werden: Wusstet Ihr, dass über 90 Prozent der Fläche Deutschlands ländlich geprägt ist und dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung auf dem sogenannten "Land" lebt? Astonishing facts, die auch mich beim Googeln so unvorbereitet getroffen haben wie weiland ein abrupter Jab von Ex-Boxprofi Sven Ottke aus Berlin-Tempelhof.

Facts jedoch, die es ermöglichen, mit ein paar Mythen und Vorurteilen aufzuräumen, die seit gestern die Diskussionen rund um das Thema Dorf bestimmen. Und wer hätte überhaupt gedacht, dass die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft im IV. Kabinett Merkel, Julia Klöckner, die erste große gesellschaftliche Debatte im neuen Jahrzehnt anstößt? Ich für meinen Teil hätte da eher auf Friedrich Merz und/oder Karl-Theodor zu Guttenberg gesetzt. So schön kann man sich irren.

"Dorfkinder haben den Dreh raus!" – Mit diesem schön gearbeiteten Claim launchte Klöckner gestern Morgen ihre Kampagne, die von sauber gearbeiteten High-Resolution-Fotografien begleitet wurde, die das Leben und die Gemeinschaft auf dem Land zeigten, wie es ist: Unverstellt, authentisch, fast neorealistisch. Und wie immer, wenn in Deutschland jemand eine Sache mal ein bisschen anders denkt als die gesellschaftliche Norm es vorsieht, lässt der Shitstorm nicht lange auf sich warten: Viele User zwitscherten sich unter dem Hashtag #Dorfkinder auf diversen Blogging-Plattformen die Finger heiß, empört wurde auf angeblich schlechtes Internet und fehlende Busverbindungen auf dem Land hingewiesen. Interessant, dachte ich, das sind ja genau die ausgedachten infrastrukturellen Probleme, mit denen die restliche Zeit des Jahres der Erfolg der AfD und andere Neonazis wegerklärt werden! Doch wenn die Landwirtschaftsministerin auf Twitter zum politischen Abschuss freigegeben wird, ist der vom Dorf in die Stadt gezogenen globalistischen Klasse noch jedes "Argument" recht, peinlich!

Disclaimer: Das folgende hübsche Thinkpiece verbloggte ich gestern schon auf meiner Jimdo-Homepage, möchte es aufgrund der Relevanz und Originalität auch den Titanic-Leser*innen nicht vorenthalten: "Wenn ich ans 'Dorf' denke, denke ich an Weber Grill, Carport und ,- real Future Store. Aber ich denke auch an kleine und mittlere Unternehmen, Mittelstand, Handwerk, Länderfinanzausgleich, kurz: die Basis." Anders gesagt: Der Milliarden-Überschuss im Bund rührt sicher nicht daher, dass wir jedes Mal, wenn wir traurig sind, ein neues Apple-Produkt von unserer Amazon-Wishlist bestellen, sondern wohl eher von der tagein, tagaus hart arbeitenden Landbevölkerung. Menschen, die mit ein paar Minuten ZDF-Morgenmagazin um halb sieben in der Früh ausreichend informiert in den Tag starten, um dann fleißig das Bruttoinlandsprodukt in neue Sphären zu pushen.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich empfinde tiefe Dankbarkeit.

Euer Dax Werner

Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Nichts für ungut, Tasmanischer Tiger!

Nachdem wir Menschen Dich vor circa 100 Jahren absichtlich ein bisschen ausgerottet haben, um unsere Schafe zu schützen, machen wir den Fehltritt jetzt sofort wieder gut, versprochen! Du hast uns glücklicherweise etwas in Alkohol eingelegtes Erbgut zurückgelassen, und das dröseln wir nun auf, lassen Dich dann von einer Dickschwänzigen Schmalfußbeutelmaus in Melbourne austragen, wildern Dich in Australien aus und fangen dann ziemlich sicher an, Dich wieder abzuknallen, wie wir es mit den mühsam wiederangesiedelten Wölfen ja auch machen. Irgendjemand muss ja auch an die Schafe denken.

Aber trotzdem alles wieder vergeben und vergessen, gell?

Finden zumindest Deine dünnschwänzigen Breitfußjournalist/innen von der Titanic

 Helfen Sie uns weiter, Innenministerin Nancy Faeser!

Auf Ihrem Twitter-Kanal haben Sie angemerkt, wir seien alle gemeinsam in der Verantwortung, »illegale Einreisen zu stoppen, damit wir weiter den Menschen helfen können, die dringend unsere Unterstützung brauchen«. Das wirft bei uns einige Fragen auf: Zunächst ist uns unklar, wie genau Sie sich vorstellen, dass Bürgerinnen und Bürger illegale Einreisen stoppen. Etwa mit der Flinte, wie es einst Ihre Bundestagskollegin von Storch forderte? Das können Sie als selbsternannte Antifaschistin ja sicher nicht gemeint haben, oder? Außerdem ist uns der Zusammenhang zwischen dem Stoppen illegaler Einreisen und der Hilfe für notleidende Menschen schleierhaft.

Außer natürlich Sie meinen damit, dass die von Ihrem Amtsvorgänger und der EU vorangetriebene Kriminalisierung von Flucht gestoppt werden müsse, damit Menschen, die dringend unsere Unterstützung brauchen, geholfen wird.

Kann sich Ihre Aussage nicht anders erklären: Titanic

 Sicher, Matthew Healy,

dass Sie, Sänger der britischen Band The 1975, die Dinge einigermaßen korrekt zusammenkriegen? Der Süddeutschen Zeitung sagten Sie einerseits: »Ich habe ›Krieg und Frieden‹ gelesen, weil ich die Person sein wollte, die ›Krieg und Frieden‹ gelesen hat.« Und andererseits: »Wir sind vielleicht die journalistischste Band da draußen.« Kein Journalist und keine Journalistin da draußen hat »Krieg und Frieden« gelesen, wollten mal gesagt haben:

Ihre Bücherwürmer von der Titanic

 Guten Appetit, TV-Koch Alfons Schuhbeck!

Guten Appetit, TV-Koch Alfons Schuhbeck!

Nichts läge uns ferner, als über Ihren Steuerhinterziehungsprozess zu scherzen, der für Sie mit drei Jahren und zwei Monaten Freiheitsstrafe geendet hat. Etwas ganz anderes möchten wir ansprechen, nämlich Ihre Einlassung am zweiten von insgesamt vier Verhandlungstagen, während der Sie laut Handelsblatt »lang und breit über die Vorzüge« von Ingwer palaverten, »aber auch über Knoblauch, Kardamom oder Rosmarin«, bis Sie schließlich einsahen: »Ich könnte stundenlang über Gewürze reden, aber das ist wohl der falsche Zeitpunkt.«

Und ob das der falsche Zeitpunkt war! Mensch, Schuhbeck, die gute alte Gewürz-Verteidigung, die hebt man sich doch für ganz zum Schluss auf, die pfeffert man dem Gericht (!) nach den Kreuzkümmelverhören prisenweise entgegen. Wozu zahlen Sie denn gleich zwei Anwälten gesalzene Stundensätze? Bleibt zu hoffen, dass Sie bei der Revision die Safranfäden in der Hand behalten!

Die Gewürzmühlen der Justiz mahlen langsam, weiß Titanic

 Stillgestanden, »Spiegel«!

»Macht sich in den USA Kriegsmüdigkeit breit?« fragst Du in einer Artikelüberschrift. Ja, wo kämen wir hin, wenn die USA die Ukraine nur nüchtern-rational, aus Verantwortungsbewusstsein oder gar zögerlich mit Kriegsgerät unterstützten und nicht euphorisch und mit Schaum vor dem Mund, wie es sich für eine anständige Kriegspartei gehört?

Spiegel-müde grüßt Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Schwimmbäder

Eine chlorreiche Erfindung.

Alice Brücher-Herpel

 Vom Kunstfreund

Erst neulich war es, als ich, anlässlich des Besuchs einer Vernissage zeitgenössischer Kunst, während der Eröffnungsrede den Sinn des alten Sprichworts erfasste: Ein paar tausend Worte sagen eben doch mehr als nur ein Bild.

Theobald Fuchs

 Heimatgrüße

Neulich hatte ich einen Flyer im Briefkasten: »Neu: Dezember Special! Alle Champions-League-Spiele auf 15 Flatscreens!!!« Traurig, zu welchen Methoden Mutter greift, damit ich öfter zu Besuch komme.

Leo Riegel

 Sprichwörter im Zoonosen-Zeitalter

Wer nichts wird, wird Fehlwirt.

Julia Mateus

 Auf dem Markt

– Oh, Ihr Doldenblütler verkauft sich aber gut!
– Ja, das ist unser Bestsellerie!

Cornelius W.M. Oettle

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

  • 26.10.:

    Chefredakteurin Julia Mateus spricht über ihren neuen Posten im Deutschlandfunk, definiert für die Berliner-Zeitung ein letztes Mal den Satirebegriff und gibt Auskunft über ihre Ziele bei WDR5 (Audio). 

  • 26.10.:

    Julia Mateus erklärt dem Tagesspiegel, was Satire darf, schildert bei kress.de ihre Arbeitsweise als Chefredakteurin und berichtet der jungen Welt ein allerletztes Mal, was Satire darf. 

  • 26.10.:

    Ex-Chef-Schinder Moritz Hürtgen wird von Knut Cordsen für die Hessenschau über seinen neuen Roman "Der Boulevard des Schreckens" interviewt (Video) und liest auf der TAZ-Bühne der Buchmesse Frankfurt aus seiner viel gelobten Schauergeschichte vor (Video). 

  • 19.10.:

    Stefan Gärtner bespricht in der Buchmessenbeilage der Jungen Welt Moritz Hürtgens Roman "Der Boulevard des Schreckens".

  • 12.10.: Der Tagesspiegel informiert über den anstehenden Chefredaktionswechsel bei TITANIC.
Titanic unterwegs
04.12.2022 Enkenbach-Alsenborn, Klangwerkstatt Thomas Gsella mit den Untieren
06.12.2022 Kassel, Staatstheater Hauck & Bauer mit Kristof Magnusson
06.12.2022 Frankfurt am Main, Club Voltaire TITANIC-Nikolaus-Lesung
08.12.2022 Köln, Senftöpfchentheater Moritz Hürtgen