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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Taxi

Man wird im Leben ja viel häufiger bestellt als abgeholt, und wohl deshalb sehnen sich die Leute so sehr danach, abgeholt zu werden. Und darum lesen sie auch den Robert Seethaler, der seinen Riesenerfolgsroman „Der Trafikant“ (Christine Westermann: „Großartig!“, Spon: „wunderbar erzählt“, FAZ: „wohltuend“) also beginnen lässt: „An einem Sonntag im Spätsommer des Jahres 1937 zog ein ungewöhnlich heftiges Gewitter über das Salzkammergut, das dem bislang eher ereignislosen Leben Franz Huchels eine ebenso jähe wie folgenschwere Wendung geben sollte.“ Das Salzkammergut, das eine Wendung gibt, die ohne Folgen gar keine richtige wäre – lesen wir solch exquisiten Murks, wissen wir sofort: Gottseidank keine Literatur, gottlob nix, was vorgäbe, irgend klüger zu sein, und dann geht’s auch rasant stiluninteressiert mit zunehmend und nachvollziehbar (im Jahr 1937!) weiter, so dass niemand fürchten muss, etwa zurückgelassen zu werden.

Das liegt auch dem Tobias Haberl vom SZ-Magazin fern, der eine Meinung zu Margarete Stokowski loswerden musste in Zeiten, wo sich „fast alle … tiefe Gedanken über das Binnen-I (machen) und überhaupt keine darüber, wie man den sechs Millionen Analphabeten in unserem Land das Lesen und Schreiben beibringen könnte“, außer im SZ-Magazin natürlich, das regelrecht dafür auf der Welt ist, sich zwischen Anzeigen für 20 000 Euro-Möbel und 30 000 Euro-Uhren um die Nöte der sechs Millionen Analphabeten zu besorgen. „Tatsächlich hat sie“, die einen Auftritt in einer Buchhandlung hatte platzen lassen, die Bücher der sog. Neuen Rechten anbietet, „nichts dagegen, wenn ihre Bücher auf Amazon einen Mausklick von rechter Propaganda entfernt sind. Tatsächlich liest sie in der Roten Flora in Hamburg, einem autonomen Kulturzentrum, von dem auch gewalttätige Aktionen ausgehen.“ Widersprüche, wie sie nur knallharter Wahrheitsjournalismus ans Licht zu zerren vermag, der weiß, wie das geht mit dem Abholen, nämlich mittels jener halben Wahrheiten, die schon Lichtenberg für so viel gefährlicher hielt als die glatten Lügen. Und überhaupt schön, wie das werbefreundliche Umfeld, das da „Magazin“ heißt, immer gleich schmallippig wird, wenn eine „exzellente Autorin“ mit links Geld verdient, denn Geld verdienen, das darf man nur, wenn man die Ordnung der Geldverdiener aus vollem Herzen unterstützt, sonst ist es nämlich ein Widerspruch, und das ist der gewaltigste Vorteil an der Konformität, dass sie die eigenen Widersprüche so gut aushält, weil sie weiß (und schätzt), dass alles immer bloß ein Riesenkompromiss ist.

„Come as you are“ Nirvana, 1992

Drum müsste Stokowski, zitiert Haberl gern den verwandten Esel Fleischhauer, weniger kompromisslos sein und „unabhängiger von der Meinung ihres Herkunftsmilieus denken“, und das wäre dann der Vorwurf aller Vorwürfe: dass hier eine ihre Leute bloß abholt, ein Vorwurf, vorgetragen von Leuten, die im Leben nichts anderes gemacht haben. Haberl: „Zu viele Männer sind sich ihrer Privilegien nicht mal bewusst oder ahnen nicht, was in Frauen vorgeht, wenn sie nachts allein am Bahnsteig stehen“, Disclaimer; „zu viele Frauen verstehen nicht, dass es Männer nicht nur nerven, sondern auch verstummen lassen kann“, sagen sie keinen Mucks mehr, die Männer, „wenn sämtliche Großbaustellen vom Klimawandel über den Rechtsruck bis zur Krise der westlichen Welt jeden Tag und auf sämtlichen Kanälen“, SZ, FAZ, „Heute Journal“, „den ,alten, weißen, heterosexuellen Männern’ in die Budapester geschoben werden, wo die doch längst von einer aufgeschlossenen Generation junger Männer abgelöst werden“, nämlich vom Haberl oder seinem Kollegen Scharnigg, der vor zwei Wochen eine ganze Zeitungsseite mit der Halluzination vollmalen durfte, Großstadtbewohner könnten vor lauter Korrektheits-„Frömmelei“ weder Fleisch mehr essen noch Auto fahren, oder nur in blanker Angst.

Wir dagegen fahren Taxi, am liebsten mit Haberl und Kollegen; denn die kennen nicht nur das Ziel, die kennen auch den Weg. Nicht dass man am Ende falsch abbiegt; oder überhaupt. 

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Gärtners kritisches Pfingstsonntagsfrühstück: Ein kurzer Brief zum langen Abschied

Ich bin, was Entscheidungen betrifft, eher unlustig und nur ausnahmsweise in der Lage, ohne weiteres eine Präferenz zu äußern: Beim Zahnarzt lieber mit Betäubung, lieber einkehren als weiterwandern, diese Liga. Müsste ich’s aber wissen, wäre ich lieber Wulf Schmiese (ZDF) als Claus Kleber (ebenfalls ZDF), denn erstens ist Schmiese ungleich besser angezogen, und zweitens steht er, als Redaktionsleiter des Heute-Journals, nur ausnahmsweise im Fernsehen herum, nämlich dann, wenn es einen Kommentar aufzusagen gibt. Dann steht Wulf Schmiese erst etwas unabgeholt am Nachrichtendesk, bis Claus Kleber sagt, dass jetzt Wulf Schmiese etwas kommentiert, und dann ist Wulf Schmiese richtig im Fernsehen. Unter diesem Gesichtspunkt wäre ich lieber ein Tagesthemen-Kommentator als Wulf Schmiese, weil die nicht so linkisch am Desk stehen müssen, bis sie dran sind, aber Tagesthemen-Kommentator will ich natürlich auf keinen Fall sein, und Wulf Schmiese ja auch nur dann, wenn ich andernfalls Claus Kleber sein müsste.

Wulf Schmiese hat sich jetzt bei Andrea Nahles bedankt, die uns nämlich die Große Koalition beschert habe, als es anders nicht weitergegangen wäre, und dass es weiter- und immer weitergeht, dafür steht Wulf Schmiese ja ein, auch wenn ihm vermutlich nie wer dafür dankt. Aber für ein Dankeschön kann man sich ja auch nicht viel kaufen, nicht wahr: „Dank half der SPD selten. Seit 100 Jahren ist sie immer wieder als Helfer in der Not eingesprungen, hat Vaterland vor Partei gestellt und musste dafür stets schwerste innerste Kämpfe aushalten. Nahles ging es da nicht besser als zig ihrer Vorgänger seit Friedrich Ebert.“ Wulf Schmiese ist klug, sonst wäre er nicht Redaktionsleiter beim ZDF, und also hat er gesagt: Seit 100 Jahren, und nicht etwa: Seit 105 Jahren, auch wenn die SPD da erstmals im ganz großen Rahmen Vaterland vor Partei gestellt hat. Aber vor 100 Jahren tat sie’s so, dass Wulf Schmiese und wir ohne weiteres dafür dankbar sein können, hätten wir doch ohne den Einsatz Friedrich Eberts den Bolschewismus bekommen und dann diese VEB-Anzüge anhaben müssen, wie sie Claus Kleber bis heute bevorzugt.

„Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen.“ Hegel, 1807

So klug ist Wulf Schmiese aber dann wieder nicht, darauf zu kommen, dass dieses ständige Vaterland-vor-Partei am Ende der Grund ist, weshalb die SPD ihrem Ende ins Gesicht sehen muss, denn eine sozialdemokratische Partei müsste ja die kleinen Leute vor dem Vaterland in Schutz nehmen, welches eine Veranstaltung und Erfindung der Bourgeoisie ist. Das aber hat die SPD nun wirklich in nahezu bewunderungswürdiger Sturheit falsch und im engen Sinn verkehrt gemacht: Kriegskredite, Ebert, Radikalenerlass, Nachrüstung, Jugoslawien, Hartz – wenn’s drauf ankam, ging es ums Vaterland und nicht um die, um derentwillen die SPD doch eigentlich auf der Welt war. Soviel sieht Wulf Schmiese richtig: Die SPD war immer da, wenn das Vaterland sie rief, und jetzt ist es aber so, dass das Vaterland die SPD nicht mehr recht benötigt, denn Bergleute gibt es bald nicht mehr, und die Interessen der anderen zu aggregieren gibt es genügend andere Angebote. Wäre Wulf Schmiese nicht Redaktionsleiter beim ZDF und bestünden also seine Kommentare nicht notwendig aus „Jetzt muss …“-Appellen, hätte er sagen (oder wenigstens nachsagen) können, dass das sozialdemokratische Zeitalter zu Ende ist, weil der Kapitalismus nichts mehr von jenem Bolschewismus zu fürchten hat, den Ebert aufzuhalten müssen glaubte, obwohl’s da gar nichts aufzuhalten gab.

Nennen wir’s Ironie der Geschichte; oder List der Vernunft.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Mein Ruin

Kritisches Kolumnieren ist gewiss anfällig für Selbstgerechtigkeit, denn es geht nun einmal darum, dass man wirklich der einzig Zurechnungsfähige in einer Welt voller Verrückter ist, und das ist solange schön und komfortabel, wie es nicht stimmt, denn wenn es stimmt, wirdʼs wirklich schlimm: „Weg mit den Bauklötzen! Eine Kita ohne Spielzeug – klingt widersinnig. Tatsächlich aber kann die fehlende Ablenkung Wunder wirken und wichtige Fähigkeiten für das spätere Leben ausbilden“, und mir fehlt leider die wichtige Fähigkeit, derlei Kram, der von der fähigkeitsaffinen „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ freilich gern berichtet wird, nicht zu lesen. „Was mit einem Kind passiert, das sich ohne Spielzeug beschäftigen muss, stärkt die Persönlichkeit und fördert damit die viel beschworene Resilienz, die psychische Widerstandskraft eines Kindes“, damit es später, wennʼs im Büro einmal hakt, gleichwohl fanatisch dranbleibt und nicht etwa das einzig Richtige tut, nämlich mit dem Saufen anfängt.

„Das Projekt ,Spielzeugfreier Kindergartenʼ wurde 1991 vom Jugendamt Weilheim-Schongau in Bayern entwickelt und kommt aus der Suchtprävention“, denn „der beste Schutz gegen problematische Entwicklungen seien gut entwickelte Lebenskompetenzen, und die Weichenstellung dafür finde in der frühen Kindheit statt“, wie ja die Weichenstellungen für schlechterdings alles; weshalb die FAZ-Bloggerin, die sich mit bloß halbem Augenzwinkern „Helikoptermutter“ nennt, von der ersten „Kita-Reise“ berichtet, weil der Planet auch in Zukunft Leute benötigt, die irgendwo hinfahren, ohne dass sie wüssten warum. Aber zurück in den Nichtschongau: „Das Projekt schafft durch einen zeitlich begrenzten Wegfall gewohnter Strukturen und Angebote den Rahmen, die eigenen Lebenskompetenzen und die der anderen wahrzunehmen, weiterzuentwickeln und zu erprobenʼ, erläutert Strick“, und den mag man nehmen wollen, wo die guten (oder nicht so guten) alten Bauklötze – noch einmal und gern kursiv: Bauklötze – dafür herhalten müssen, „dass man Fehler macht und Enttäuschung aushalten muss, ohne dass dies gleich von Erwachsenen ausgeglichen werde.“

„Mein Ruin ist weiterhin / Eine Arbeit ohne Sinn / Etwas, das man nie bereut / Eine Abgeschiedenheit“  Tocotronic, 2007

Genau. „Frustrationstoleranz, Herr Frevert!“ (Niels Frevert), und da lehne ich mich gern aus dem Fenster und behaupte: Je mehr Lebenskompetenz, desto weniger Leben oder allenfalls das, was im SZ-Magazin als solches verkauft wird, wo jetzt der Chef des „besten Restaurants der Welt“, ein Italiener, der gern Maserati fährt, zum Interview war und ein Dessert im Angebot hat, das so aussieht und so aussehen soll wie frisch vom Teller gefallen: „Der beste Koch der Welt serviert mit Absicht eine zerbrochene Tarte. Aber als perfekte Rekonstruktion des nicht Perfekten. Wir sind alle fehlbar, darum geht es. Grundschüler aus Sydney, die diese Nachspeise im Unterricht behandelten, haben mir hinreißende Briefe geschrieben: ,Du bist ein sehr inspirierender Mann. Ich liebe es, dass du Fehler machst, aber trotzdem nicht aufgibst!ʼ“

Wir sind alle fehlbar, darum geht es, aber wir dürfen es nur sein, sofern aus unserer Fehlbarkeit das Perfekte wächst, denn „letztlich geht es um den Kampf gegen die Alltäglichkeit – der Tod jeder Kreativität“, und das sollen halt Grundschüler schon begreifen, dass Alltäglichkeit das Letzte und Kreativität Trumpf ist. Und ich könnte jetzt natürlich wieder dumm fragen: Wie gelangt eine postmoderne Drei-Sterne-Nachspeise in den Unterricht australischer Grundschulen?, aber solche Fragen sind ganz nutzlos, denn hier lassen sie die Bauklötze weg und da gehtʼs um postmoderne Puddings, es wird etwas mit dem zeitlich begrenzten Wegfall gewohnter Strukturen und Angebote zu tun haben. Lieber frage ich Sachen, auf die ich eine Antwort weiß: Warum kann es, geht es um ein Dessert, nicht schlicht darum gehen, dass es prima schmeckt? Warum kommen Achtjährige angesichts einer Süßspeise darauf, diese „inspiriere“ sie, und zwar bloß zu den allerkaputtesten Konkurrenz- und Selbstoptimierungsgedanken? Und was hat sie alle bloß so ruiniert?

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Empört Euch

Es gab eine Zeit, da kiffte ich noch und hätte was darum gegeben, einen Kinofilm zu sehen, der nie die Kinos erreicht hat, weil ein „Big Brother“-Esel namens Zlatko wohl doch nicht so kinotauglich war, wie man gedacht hatte; und das Peinigende daran war, dass es den Film tatsächlich gab, aber gibt es einen Film, der nirgends zu sehen ist?

Das Video, in dem der junge CDU-Esel Philipp Amthor den jungen Youtuber Rezo zu stellen beabsichtigte, gibt es dagegen ganz physisch nicht, und das ist wiederum schade; denn auch ohne von der CDU-Zerstörung mehr zu kennen, als allüberall zu lesen war, wär’s doch zu schön gewesen, einen prototypisch unwilden Jungen den Anwürfen mit, natürlich, „Argumenten“ kommen zu sehen, damit alles im Talkshowsumpf aus Rede und Gegenrede versinke. Das sah im Morgenblatt ja sogar die Constanze v. Bullion, dass es sich hier um eine Polemik gehandelt habe, und da ist es nur recht, wenn aus Frankfurt Jasper von Altenbockum genauso scharf zurückschießt, der nämlich „die neue Form von Propaganda“ erkannte, „die der rechtspopulistische Drang nach ,Wahrheit’ und ,Freiheit’ geschaffen hat. Nur handelt es sich in diesem Fall um ein linkspopulistisches Machwerk – und schon heißt es, wie toll es doch sei, dass sich die Jugend in Deutschland mit Politik beschäftige. Aber ist es wirklich ,Recherche’, wie Rezo uns glauben machen will, oder auch nur ,Beschäftigung’ mit Politik, wenn Politiker pauschal als dumm, inkompetent, korrupt und verlogen dargestellt werden? Es ist pure Demagogie, die Methode der AfD, nur eben linksherum.“

Und nur eben so, dass es nicht darum geht, Grenzen zu schließen und Kopftuchmädchen zu hassen, sondern dass die Armut mit dem Reichtum wächst und ein 26jähriger, und sei’s einer aus dem Internet, die Phrase von der „sozialen Gerechtigkeit“ zu oft gehört hat, um nicht irgendwann das Kotzen zu kriegen und sinngemäß zu sagen: Am Arsch.

„Der Ton in den sozialen Netzwerken ist gnadenlos, unerbittlich, ohne Anstand und Hemmschwelle“, weiß Jasper, und da hat er sogar recht. „Mit ,Diskurs’ hat das alles nichts zu tun“, denn der findet hinten im Feuilleton statt oder beim Bundespräsidenten, wenn er, das Grundgesetz zu feiern, zu Kaffee und Kuchen lädt und sich ausgewählte Bürgerinnen und Bürger unter Moderation von Sandra Maischberger und Giovanni di Lorenzo über „Gesundheit, Pflege, Rente“ unterhalten dürfen, so die Gelegenheit erhaltend, Politik „nah zu erleben“ (SZ, 24.5.): „Die Distanz wurde überwunden. Das dürften insbesondere jene Gäste gespürt haben, die noch ein Selfie mit der Kanzlerin ergattern konnten.“ Und dann mit dem guten Gefühl nach Hause gehen, Politik sei weder dumm noch verlogen, sondern im Gegenteil eine zum Anfassen.

„Jedes Reden wiederholt das Schweigen.“ Luhmann/Fuchs, 1989

Dabei ist doch Distanz das, worum es zu gehen hätte – angefangen bei der Distanz zum dämlich-konformen Selfietum und zu bundespräsidentiellen PR-Terminen –, und ist die eiserne Linksliberalität auch längst dabei, die junge Wut zu vereinnahmen: „Es werden täglich Entscheidungen auf Kosten nachwachsender Generationen gefällt, im Privaten wie in der Politik. Sie betreffen nicht nur den rücksichtslosen Verschleiß des Planeten, sondern auch Renten, Bildung, globale Gerechtigkeit. Eine Jugend, die da ungemütlich wird, gehört nicht verächtlich gemacht. Das Land sollte stolz auf sie sein“ (Bullion) – dasselbe Land, in dem die Rede von der „sozialen Gerechtigkeit“ eine Phrase bleiben wird und das globale Gerechtigkeit, aus gut ökonomischen Gründen, überhaupt gar nicht nicht wollen kann. Da ist es, wieder einmal, nützlich, wenn sich die Illusion nähren lässt, durch etwas schön Ungefährliches wie „kommunikatives Handeln“ (Habermas) gerieten die Dinge in Bewegung, wenn, wie der liberale Leitartikel singt, die Jungen „nachdenken, mitfühlen, sich einmischen, wählen gehen. Was für politischen Nachwuchs kann sich eine Demokratie eigentlich wünschen, wenn nicht solchen?“

Nämlich die Demokratie von und für Constanze v. Bullion, die bitte nicht mit der Bouillon-Demokratie verwechselt sei, in welcher das Fett immer oben schwimmt, egal wie sehr man rührt.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Die groben Unterschiede

Keine Regel ohne Ausnahme, und der Einzelfall, wir wissen es, ist ohnehin nicht von Belang; weshalb man das Tattoo als Massenphänomen nicht begrüßen muss, um nicht doch finden zu können, dass das Slide vom Schuster (doch, heute haben Schuster Slides statt Lederschürzen, jedenfalls da, wo Doofis wie ich wohnen) von Geschmack zeugt: sehr aufgeräumt, sorgfältig bedachte Farben, viel eher arty als stumpf, und so lange und genau konnte ich da jetzt nicht hinsehen, aber wirklich vollkommen ausnahmsweise hatte ich nicht das Gefühl, da gäb’s auch nix zu sehen, oder nur was Deprimierendes.

Das ist ja immer das Problem mit dem Selbstausdruck, dass es so schwer ist, ihn vom schlechten Allgemeinen freizuhalten, und wenn es bspw. ein Rezept fürs massenwirksame Schriftstellern gibt, dann lautet es, der Kundschaft nach dem Mund zu schreiben, idealiter sogar genau diesen Mund zu haben. Ungünstigstenfalls klingt der Selbstausdruck nicht einmal nach Mainstream, sondern nach der Decke, die zu kurz ist, und wer im Fernsehen singt, obwohl er es nicht kann, findet sich bloßgestellt, und ob man nun gratulieren soll, falls er das gar nicht merkt, ist die Frage. Die vielleicht Zwanzigjährige im Hallenbad nun ist, auch wenn man über Geschmack nicht streiten soll, ein einziger Tätowierunfall: Ohne Sinn, Konzept oder Idee hat sie Tattoos, die in keiner erkennbaren Beziehung zueinander stehen, über sich verteilen lassen, dahin, wo gerade Platz war, und so genau konnte ich auch da nicht hinsehen, aber auf dem Oberschenkel ein riesiger schwarzer Fleck, vielleicht ein zu dunkel geratener Pferdekopf, sie tut mir leid, sie wird weitermachen, und es ist natürlich völlig klar: Wer so aussieht, hat keine Kanzlei und arbeitet auch in keiner.

„Ich bin außerordentlich empfindlich gegen alles Getöse, allein es verliert ganz seinen widrigen Eindruck, sobald es mit einem vernünftigen Zwecke verbunden ist.“ Lichtenberg, ca. 1793

Denn das ist das Fiese, dass der Tätowiertrend die feinen bis gröberen Unterschiede biologisiert und die Akzidenz so zur Substanz macht wie der gymnasiale Leserbriefschreiber das Schulversagen von erblich Asozialen. Mag sein, im Alltag ist es egal, ob sich die Kassiererin mit CD- vom veganen Taschendesigner mit Plattensammlung nun durch Klamotten und Sprache oder die Elaboriertheit der Tätowierungen unterscheidet; aber ein Stigma ist das, was nicht weggeht, was sich nicht ändern lässt, und das ist dann der Triumph der sog. freien Gesellschaft: dass die, die ihr angehören, es geradezu nicht erwarten können, sich ihre unveränderlichen Rangabzeichen einbrennen zu lassen und ihren Sozialstatus, den niedrigen zumal, nicht mal mehr trotzig, sondern bloß modisch auszustellen. Denn es ist ja Popkultur, und was da einmal Selbstbehauptungszeichen des Randständigen war (und ausnahmsweise noch ist: Die hemmungslos tätowierten „Trucker Babes“ auf D-Max müssen in einer Umgebung, in der Frauen Babes sind, die harten Mädels, genau: markieren), ist jetzt Kulturindustrie; und die schlägt zwar alles mit Ähnlichkeit, lässt aber noch genügend Raum für jene Unterschiede, die die Chancengesellschaft als eine auszeichnen, die keine Zweifel daran lässt, wer seine Chance genutzt hat.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Drum prüfe

Überraschungen sind im Kolumnistenberuf ja eher selten, denn „wie groß ist der soziale Horizont eines Menschen –? Er ist doch wohl viel kleiner, als man glaubt. Die große Menge der Urteile beruht auf Überlieferung“ (Tucholsky), und die geht bei der FAZ nun einmal so, dass, ist in der Schule was zu schwer, der Schüler zu doof sein muss, und zwar insonderheit der, der sowieso nicht Abitur ist: „Dass es aber offensichtlich eine enorme Diskrepanz zwischen dem Niveau der Abituraufgaben und jenem des Unterrichts gibt, gehört zu den verheerenden Folgen der Inflationierung der Allgemeinen Hochschulreife und der Abwertung niedriger Bildungsabschlüsse. Wenn jeder das Abitur erlangen soll, die Anforderungen im Unterricht dafür gesenkt, in den Abituraufgaben aber wieder hochgeschraubt werden, kann diese Rechnung nicht aufgehen“, weiß die Berliner Feuilletonkorrespondentin Bethke, deren Kinder garantiert keinen niedrigen Bildungsabschluss haben und deren vorzügliche Hochschulreife freilich ausschließt zu wissen, dass es verheerende Folgen außerhalb des Journalphrasenlands nicht gibt, allenfalls die Verheerung als Folge von etwas. Die SZ hat immerhin das Nächstliegende getan und einen Mathelehrer gebeten, das umstrittene Abi mal durchzurechnen, und er hat es zwar geschafft, aber nicht annähernd in der gegebenen Zeit.

Trotzdem wird man vermutlich nie wissen, was an dieser Prüfung nun zu schwer war oder nicht und ob an allem, wie ein Anwurf lautete, die Kompetenzbetrunkenheit modernen Unterrichts schuld hat, obwohl zu der doch gerade jene Texterfassungsfähigkeit gehört, die vor den als zu elaboriert inkriminierten Textaufgaben einmal nützlich gewesen wäre. Was man jedenfalls wissen kann, ist, dass die allermeisten Prüflinge das Allermeiste, was sie im Abi wissen müssen, schleunigst wieder vergessen, sofern sie’s in Studium oder Beruf nicht brauchen, und dass das Abitur ein formaler Bildungsabschluss ist und die Abiturnote die Leistungsfähigkeit beurteilt und nicht eine Bildung, die man mit 18 nicht hat.

„Das eine der Blätter, im halben Format, bescheinigte sachlich, dass der Schüler am heutigen Tag die Reifeprüfung bestanden habe. Unterschrift und Siegel. Ich barg es in der Brusttasche, denn das brauchte ich zum Studieren. – Das andere, große Blatt aber war das Zeugnis (…), und andächtig zerriss ich es in viele kleine Schnipsel, bis es Konfetti war, legte es in die hohle Hand und pustete es zum geöffneten Fenster hinaus.“ Alexander Spoerl, 1950

Dass diese Leistungsfähigkeit vom Elternhaus abhängt, ist immer noch wahr, und solange das wahr ist, ist der Vorwurf, das Abitur werde inflationiert, notwendig ein klassenpolitischer. Dass auf dem Gymnasium zu viele seien, die da nicht hingehörten, ist natürlicherweise die Beschwerde derer, die keinen Zweifel daran haben, ihre Kinder täten es, und dass das Abitur um so weniger wert ist, je mehr es machen, liegt weniger an sozialdemokratischen Lehrplänen denn in der Logik der Sache. Dass Kollegin Bethke, die nicht die banalste Nullstelle mehr wird ausrechnen können, ins Keifen gerät, wo doch der Nachwuchs, der die Logik der Sache verinnerlicht hat, nur auf fairen Wettbewerb besteht, ist nichts als die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, als das Abitur noch was wert war, und dass es heute weniger wert ist, müssen die bedauern, die es sich immer schon haben leisten können.

Dann sollen sie uns aber nicht damit in den Ohren liegen, Konkurrenz belebe das Geschäft. 

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: An der Grenze (2)

Fast das Schwierigste an dieser Kolumne ist, sich nicht zu wiederholen, und sei es nur in der Überschrift oder im Zitat: „Es ist ein Unglück, dass die SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands heißt. Hieße sie seit dem 1. August 1914 Reformistische Partei oder Partei des kleinern Übels oder Hier können Familien Kaffee kochen oder so etwas –: vielen Arbeitern hätte der neue Name die Augen geöffnet, und sie wären dahin gegangen, wohin sie gehören: zu einer Arbeiterpartei. So aber macht der Laden seine schlechten Geschäfte unter einem ehemals guten Namen.“ Aber vor 87 Jahren, als Tucholsky es schrieb, war’s halt so wahr wie vor sechs, als ich es hier zitiert habe, und heute ist es immer noch wahr. Es sei denn, wir erkennten, 60 Jahre nach Godesberg, Verjährung und akzeptierten die SPD so, wie sie sich selbst versteht: als Standort- und Facharbeiterpartei, die möchte, dass alle ein bisschen Kuchen bekommen, oder wenigstens die Fleißigen, oder wenigstens die, die am Standort leben und nicht in Afrika oder sonst einem Hinterhof.

Kaum will ein Juso-Vorsitzender das, was eine Partei der Werktätigen, eine Partei der kleinen Frau und der Männer ohne Erbschaft, wollen muss: nämlich Expropriation der größten Expropriateure und genossenschaftliches, kollektives, selbstverantwortliches Wirtschaften für den Menschen statt immer nur gegen ihn – auf dass bei BMW (Betriebsrat: „Für Arbeiter ist diese SPD nicht mehr wählbar“) keine Idiotenautos mehr produziert werden müssten –, kriegt die Partei des werweiß sogar größern Übels wo keine Gewissensbisse, so doch immerhin solche Panik, dass sie hyperventiliert und sich alle Mühe gibt, den Ton noch der schärfsten CSU-Granaten (Scheuer: „verschrobenes Retro-Weltbild eines verirrten Fantasten“) zu treffen: „absurd und abwegig“, „grober Unfug“, „linke Revolutionsrhetorik“.  Und was immer man nun von Kevin Kühnert halten mag, neuerdings fällt ihm immer nur das Richtige ein: „Die empörten Reaktionen zeigen doch, wie eng mittlerweile die Grenzen des Vorstellbaren geworden sind. Da haben 25 Jahre neoliberaler Beschallung ganz klar ihre Spuren hinterlassen.“

Haben sie; und da muss das liberale Feuilleton gar nicht jammern, dass „die Dystopie zum Mainstream geworden“ sei, „dabei ginge es auch ganz anders“, wenn wir uns bloß dazu verstünden, „die Erzählungen einer Welt, wie sie sein könnte, zur Analyse dessen (zu) nutzen, was ist. Damit die Katastrophe nicht zur einzigen Alternative wird.“ Denn was ist, interessiert so gut wie keinen, und die einzige Alternative zur Katastrophe ist grosso modo das, was (laut Spon-Zahlen) 70 Prozent der Deutschen und (laut meiner Schätzung) 90 Prozent ihrer Abgeordneten für absurd und irre halten; wenn auch, immerhin, bloß 60 Prozent der unverdrossenen SPD-Fans, eine Zahl, die sich bei aktuell 17 Prozent in den Umfragen freilich relativiert.

„Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muß anders werden, wenn es gut werden soll. “ Lichtenberg, 1796

Dass sich die SPD längst nicht mehr als Alternative, sondern als Katastrophe verkauft, hat freilich auch wieder seinen Charme, und möchte sein, es hat dies gar nichts mit dem Neoliberalismus als mit der Kaffeekoch-Partei selbst zu tun und dem Verrat, mit dem sie leben muss, aber augenscheinlich nicht leben kann. Im frühen Jahr 1981 beklagte sich der sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete Karl-Heinz Hansen über den Kanzler Schmidt, der auf- statt abrüste und immer nur Diktatoren helfe, und auch da übernahm es der eigene Laden gern, den Abgeordneten abzubügeln, der, wie die „Ungeheuerlichkeit“ seiner „Ausfälle“ voller „Anmaßung“ beweise, „nicht im Vollbesitz seiner Gesundheit“ sei und „ein groteskes Maß an Aufgeblasenheit“ zeige, und die Presse, auch die linksliberale, krähte mit: Hansen sei ein „Wirrkopf“ mit „Profilneurose“, Kennzeichen: „Humorlosigkeit“. Gremliza, der den Fall notierte, fasste zusammen: „Und das Volk zählte die Stimmen zusammen, und siehe, es erkannte den Abgeordneten als ein grotesk aufgeblasenes, im Kopf krankes, delinquentes Subjekt, hässlich und humorlos, deviant, kriminell und neurotisch. Genau den Typen, den Degenhardt vor 15 Jahren in seinem ,Väterchen Franz’ besang: ,Der schwule Kommunist mit Tbc und ohne Pass ...’“

Ich hoffe, Kevin Kühnert („Macht er die SPD zur SED?“, „Die Zeit“) ist gesund.

Aktuelle Cartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Otto Schenk! Otto Schenk!

Als 91jähriges Urgestein der deutschsprachigen Theaterlandschaft plauderten Sie in der TV-Sendung »Willkommen Österreich« über Ihre Tierliebe im Allgemeinen und zu Papageien im Besonderen. Einem von Ihnen so genannten »Leihpapagei« wollen Sie den Satz »Heut red’ i nix« beigebracht haben. Und wie nebenbei konstatierten Sie: »Nicht sprechende Papageien sind für mich keine Papageien.«

Aber aber, Herr Schenk, gehen Sie doch nicht so hart ins Gericht mit unseren kunterbunt gefiederten Freunden. Selbst der beredteste aller Papageien ist von Zeit zu Zeit unpässlich oder schlecht aufgelegt oder womöglich im Alter taub geworden. Denken Sie bitte noch mal darüber nach!

Will ’nen Keks: Titanic

 Roland Tichy, alter Einblicker!

Auch in zweiter Instanz haben Sie Ihre Klage gegen Claudia Roth verloren, die Ihnen zugeschrieben hatte, dass Ihr »Geschäftsmodell«, das in der Herausgabe des rechten Blogs »Tichys Einblick« besteht, »auf Hetze und Falschbehauptungen beruht«, was Sie als falsche Tatsachenbehauptung gewertet und untersagt wissen wollten.

Und ob Sie es glauben oder nicht, Tichy: Wir können Ihren Ärger verstehen. Wozu macht man sich schließlich die ganze Mühe? Weshalb wir also gegen Roths dreiste Ehrabschneiderei ein für alle Mal klarstellen wollen: Selbstverständlich beruht Ihr Geschäftsmodell nicht nur auf Hetze und Falschbehauptungen, sondern mindestens ebenso sehr auf Dummheit, Infamie, bewussten Lügen, Perfidie, Täuschung und nicht zu vergessen einem ordentlichen Schuss Narzissmus.

Mit ganz tiefem Einblick: Titanic

 Entlarvend, lieber Kapitalismus,

ist ausgerechnet die Arte-Doku »An den Ufern des Nil: Zwischen Assuan und Luxor«. Darin erklärt der Sprecher mit gewohnt sonorer Stimme: »Die losgesprengten Felsbrocken werden zum Nil geschleppt und auf Frachtkähne verladen. Eine Szene wie vor Jahrtausenden. Heute schultern keine Fronsklaven die zentnerschwere Last für die Tempel der Pharaonen. Die Männer arbeiten freiwillig und schuften für einen kargen Lohn.«

Einfach toll, was Du, Kapitalismus, in 4000 Jahren so geschafft hast. Nächste Revision dann in weiteren 4000 Jahren, vielleicht sogar zum Mindestlohn?

Glaubt aber eher nicht: Titanic

 »Spiegel«!

»Schwimmen im Freibad ist wie ein Besuch bei McDonald’s«, heißt es im Teaser einer Deiner Artikel. Weil man nie hundertprozentig weiß, ob nicht vielleicht irgendwo jemand reingespuckt hat, aber zumindest auf die Pommes immer Verlass ist?

Fragen Deine Freunde in Fett schwimmender Nahrungsmittel aus der Redaktion von Titanic

 Huhu, Frank Thelen!

Huhu, Frank Thelen!

Sie sind ein teiggesichtiger deutscher Unternehmer, Investor bei der strunzdummen Show »Höhle der Löwen« und außerdem noch Autor von Büchern, in denen ehrlich das Allerdämlichste steht, was man aus eh schon schwachsinnigen Wörtern wie »Mindset« im Jahr 2020 noch machen kann. Ihr neustes Schundwerk heißt »10xDNA«, und darin erklären Sie u.a., dass bald Flugtaxis durch unsere Städte sausen werden. Aber das wissen Sie ja alles selbst!

Warum wir Ihnen schreiben? Weil Sie der behämmerten Münchner »Abendzeitung« im Interview steckten, dass ein Start-up aus Ihrem »Portfolio« sich das »retronasale Riechen zunutze gemacht« habe und daher naturgemäß eine Flasche entwickeln musste, aus »der man pures Wasser trinkt und dennoch Geschmack über Geruch wahrnimmt«. Das habe es »bislang so noch nicht gegeben«.

Und hier möchten wir entschieden widersprechen! In unserer Gestaltungsabteilung sitzt nämlich ein Herr namens Thomas Hintner, und dieser hat das retronasale Riechen schon vor vielen Jahren so weit auf die Spitze getrieben, dass er herbes Pilsbier trinken kann – und dabei nichts als Wasser schmeckt. Dafür braucht er nicht mal Flaschen wie Sie! Und wenn Ihnen, Esel Thelen, dieser Brief zu frech ist, dann schickt Kollege Hintner Ihrem idiotischen Start-up eine Patentklage.

Gluck, gluck! Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Genusspunkte

Dass Umlautzeichen appetitanregend wirken können, wird einem so richtig bewusst, wenn man beim Lesen einer Speisekarte zum ersten Mal mit »Raucherlachs« konfrontiert wird.

Julia Mateus

 Metaphysik

Wahre Physiker sterben nicht, es reorganisieren sich nur ihre Teilchen.

Jürgen Miedl

 Revolte

Schon seit Jahrtausenden lassen sich die Bienen vom Menschen nach Strich und Faden ausbeuten und hinters Licht führen. Wilde Instinkte und Resistenz gegen Milben und Krankheiten wurden zugunsten von Zahmheit und ungesundem Fleiß weggezüchtet, hochwertiger Honig wurde immer wieder entwendet, im Tausch gegen billige Glukoselösung. Doch damit ist jetzt Schluss. Widerstand regt sich in den Bienenstöcken, zumindest bei meiner Nachbarin, deren Bienen dazu übergegangen sind, den Honig lieber gleich zu verputzen und die Waben mit dem lauen Zuckerwasser vollzupumpen.

Miriam Wurster

 Ohne Worte

Man kann das Wesen eines Menschen ja in vielem erkennen. Zum Beispiel darin, wie er über seine Badezimmertürschwelle stolpert. Oder darin, wie er ein Glas Wasser fallen lässt. Vielleicht auch darin, wie er auf sein Bett springt und wie er sich abrollt, wenn er hinunterfällt. Aber was für ein Wesen hat einer, frage ich mich, der, wie mein neuer Nachbar, all dies im selben Moment tut?

Teja Fischer

 Schlechter Werbeslogan

Mit Sagrotan läuft Sack rot an

Elias Hauck

Vermischtes

Die PARTEI-Wahlwerbungs-DVD mit allen vier Wahlwerbespots aus dem Bundestagswahlkampf 2005: Höhepunkte der Politpropaganda, die von Otto Schily mit dem Prädikat "ein Skandal" ausgezeichnet wurden. Besser aufgelöst als auf Youtube und noch dazu mit einer praktischen, farbechten Hülle drumrum - das ist doch was, was?Sonneborn/Gsella/Schmitt:  "Titanic BoyGroup Greatest Hits"
20 Jahre Krawall für Deutschland
Sie bringen zusammen gut 150 Jahre auf die Waage und seit zwanzig Jahren die Bühnen der Republik zum Beben: Thomas Gsella, Oliver Maria Schmitt und Martin Sonneborn sind die TITANIC BoyGroup. In diesem Jubiläumswälzer können Sie die Höhepunkte aus dem Schaffen der umtriebigen Ex-Chefredakteure noch einmal nachlesen. Die schonungslosesten Aktionsberichte, die mitgeschnittensten Terrortelefonate, die nachdenklichsten Gedichte und die intimsten Einblicke in den SMS-Speicher der drei Satire-Zombies – das und mehr auf 333 Seiten (z.T. in Großschrift)! 
Zweijahres-Abo: 98,60 EURHeiko Werning: "Vom Wedding verweht – Menschliches, Allzumenschliches"
Es ist dies Buch etwas ganz besonderes: Heiko Werning, renommierter  Forscher aus Berlin, lag jahrelang in seinem Kiez, dem Wedding, auf der  Lauer. Kein Ereignis entging ihm, der Wedding konnte ihm nichts,  aber auch gar nichts verheimlichen. Abgründe, tiefe Täler und  menschliche Katastrophen – erfreuen Sie sich an heiteren G’schichterl,  die Werning noch so einen Urenkeln erzählen wird.Gerhard Henschel: "Harry Piel sitzt am Nil"
Fuck, dieses Buch sollte man gelesen haben, wenn man  kein übelst versiffter Wichser sein will. Schmähungen und böse Wörter  machen das Leben echt oberarschmäßig zum Kotzen. Vielleicht kapieren Sie  Versager das endlich, wenn Sie Henschels neuesten Streich gelesen  haben. Können Sie überhaupt lesen? Wahrscheinlich nicht. Trollen Sie  sich, Sie Wicht! Aber trotzdem abonnieren und diese Top-Prämie wählen.Elias Hauck (Hrsg.): "Alles Spargel oder was?"
Endlich ist ganzjährig Spargelsaison! Elias Hauck, die eine Hälfte von Hauck & Bauer und Herausgeber des Frauenmagazins "Sonja", serviert die reifsten Spargelwitze der Welt – gezeichnet und erzählt von dutzenden gemüseliebenden Cartoonisten und Autoren. Lachen Sie unter anderem über: den mit den polnischen Erntehelfern, den mit dem kaputten Spargelschäler und den mit der Fliege in der Hollandaise.Wenzel Storch: "Die Filme" (gebundene Ausgabe)
Renommierte Filmkritiker beschreiben ihn als "Terry Gilliam auf Speed", als "Buñuel ohne Stützräder": Der Extremfilmer Wenzel Storch macht extrem irre Streifen mit extrem kleinen Budget, die er in extrem kurzer Zeit abdreht – sein letzter Film wurde in nur zwölf Jahren sendefähig. Storchs abendfüllende Blockbuster "Der Glanz dieser Tage", "Sommer der Liebe" und "Die Reise ins Glück" können beim unvorbereiteten Publikum Persönlichkeitstörungen, Kopfschmerz und spontane Erleuchtung hervorrufen. In diesem liebevoll gestalteten Prachtband wird das cineastische Gesamtwerk von "Deutschlands bestem Regisseur" (TITANIC) in unzähligen Interviews, Fotos und Textschnipseln aufbereitet.
Zweijahres-Abo: 98,60 EURSerdar Somuncu: "H2 Universe: Die Machtergreifung", DVD
Er ist der selbsternannte Hassias – viel wichtiger aber noch: der designierte Kanzlerkandidat für Die PARTEI. Holen Sie sich jetzt die neue DVD von Merkel-Nachfolger Serdar Somuncu als Gratisprämie und stehen Sie damit schon vor der Machtergreifung auf der richtigen Seite. Ihre Kinder werden es Ihnen danken!
Zweijahres-Abo: 98,60 EURHans Zippert: "Fernsehen ist wie Radio, nur ohne Würfel"
Die steile Karriere des Hans Zippert begann im Jahr 1967 mit einem  Schülerpraktikum beim Kulturmagazin "TV Spielfilm". Nach einem  Volontariat bei "TV Direkt" übernahm er das angesehene 20-Uhr-15-Ressort  bei "TV Okayokay", bevor er schließlich Programmchef der auflagestarken  "TV Superwoche" wurde. Nachdem er über einen Bestechungsskandal rund um  eine 3-Sterne-Empfehlung für "Rote Rosen" stolperte, sah sich Zippert  1990 gezwungen, Chefredakteur von TITANIC zu werden. Der Tiefpunkt war  erreicht. Das alles und noch mehr erfahren Sie in diesem Buch!Kamagurka & Herr Seele: "Cowboy Henk"
Er ist Belgier, Kamagurka. Belgier! Wissen Sie, was der Mann alles durchgemacht hat in letzter Zeit? Eben, er ist Belgier. Und hat trotzdem in einem Finger mehr Witz als Sie im ganzen Leib! Und Heldenmut! Glauben Sie nicht? Dann lassen Sie sich von Cowboy Henk überzeugen, dem einzigen Helden, der wirklich jeden Tag eine gute Tat begeht.
Zweijahres-Abo: 98,60 EURTorsten Gaitzsch/Sebastian Klug: "Akte D: Die Wahrheit über Deutschland"
Die Redaktion versichert: Torsten Gaitzsch und Sebastian Klug, die  Autoren dieses Buches, wissen Dinge – schreckliche Dinge! – von denen  Sie, die Leser, nicht einmal zu träumen wagen. Denn es wären Alpträume!  Wählen Sie diese Prämie und erhalten Sie Einblicke in die tiefsten  Abgründe Deutschlands, die Sie wahnsinnig lachend und mit Schaum vor dem  Mund zurücklassen werden. Bisher hat es kein Leser bis zur letzten  Seite geschafft…Hauck & Bauer: "Ich kann einfach nicht Wein sagen"
Die beste Zeit, einen Band des Zeichnerduos Hauck & Bauer zu kaufen – sie ist seit sicher zehn Jahren vorbei. Heute sind die Werke von Elias Hauck und Dominik Bauer kein Geheimtip mehr. Die zerstrittenen Künstler kommunizieren inzwischen ausschließlich per Fax, leben in luxussanierten Altbauwohnungen mit kugelsicheren Whirl- und Autorenpools, in denen hungernde Leiharbeiter Comics anfertigen müssen. Leider ist auch der neueste Band der beiden Ausbeuter sehr gut, bestellen Sie hier!Friedemann Weise: "Die Welt aus der Sicht von schräg hinten"
Laut seiner Homepage ist er der "King of Understatement" und der "lustigste Mensch im deutschsprachigen Internet". Er ist aber auch Gitarrenmann, Viralblogger (15000 Follower!), Gagautor und Promiexperte mit Diplom. Die Rede ist von Friedemann Weise, dem Mann mit dem Namen! Der Mann, der den "Satiropop" erfand. Und jetzt auch noch ein Buch vorlegt. Ob das gutgeht? Ordern Sie diese Prämie und teilen Sie Ihr vernichtendes Urteil bitte zeitnah der TITANIC-Redaktion mit.
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Das schreiben die anderen

  • 07.07.:

    Hans Zippert schreibt in der FAZ über 80 Jahre Ringo Starr.

  • 03.07.:

    Das Online-Magazin Bookster unterhält sich mit Pit Knorr über sein Alter Ego "Opa Corona".

     

  • 23.06.:

    Stefan Gärtner schreibt in der "Jungen Welt" über den Film "Übers Reck", der Clemens Meyers Rede zu den ausgefallenen Ruhrfestspielen 2020 zeigt. 

  • 15.06.:

    Christian Y. Schmidt erinnert im "Neuen Deutschland" an den Verleger und Autor Jörg Schröder.

  • 02.06.:

    Culturmag.de bespricht Christian Y. Schmidts "Der kleine Herr Tod".

Titanic unterwegs
15.07.2020 Berlin, Literaturforum im Brecht-Haus Oliver Maria Schmitt, Michael Sowa u.a.
17.07.2020 Falkensee-Finkenkrug, Privatgarten Thomas Gsella, Gartenlesung
19.07.2020 Schwarzenbach a. d. Saale, Erika-Fuchs-Haus Museum für Comic und Sprachkunst Katharina Greve: »Die dicke Prinzessin Petronia«
27.07.2020 Leipzig, Werk 2 Martin Sonneborn