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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Seid erschütterbar und widersteht

„König“ Zufall führte mich jetzt zweimal viertelstundenweise vor „Germany’s Next Topmodel“, und auf die Gefahr hin, mich sehr angreifbar zu machen, wunderte mich weniger die wunderhübsch unverhohlene Ausleseidee als der Pool, aus dem die Auslese erfolgte; wie soll ich das sagen. Sagen wir so: Man glaubt ja eine Vorstellung davon zu haben, wie so ein Supermodel aussieht, und die „Mädels“ (Heidi) bei „Heide Klump“ (Thomas Gsella) sehen partiell überhaupt nicht danach aus – wie soll ich das sagen. Sagen wir so: Ich hätte rein gar nichts gegen eine Welt, in der ambitionierte junge Frauen auch mit einer Körperhaltung, wie sie meiner liederlichen entspricht, und der zutiefst durchschnittlichen Aura durchschnittlich tätowierter Durchschnittsfräulein Topmodels werden können, aber dass die Welt, wie sie ist, so nicht ist, weiß Heidi freilich am besten. Es ist dies vermutlich eine zynische Mischung aus Identifikationsangebot einer- und der Gelegenheit andererseits, sich an fremder Durchschnittlichkeit zu weiden. Überdurchschnittlich war nämlich bloß der Satz einer Kombattantin: „Wenn ich nicht weiterkomm’, eskalier’ ich“, und der war die Viertelstunde aber wert.

Faszinierend jedenfalls die Lücke zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung, und weil das natürlich meine ranzige Altmännerwahrnehmung ist, erinnere ich hier „gerne“ an TITANIC Heft 7/2002, Seiten 12ff., wo direkt überm Knick der Eröffnungsseiten ein Mann in den „besten“ Jahren sein Hemd bis zum Platzen füllt und allerspätestens anschließend alle Träume an ein Leben als Topmodel aufgegeben hat. Damals ging es um einen „antisemitischen Spaßwahlkampf in der Zone“, wo wir mit einem gelben Golf und allerhand Wahlkampfmaterial („Deutsche! Wehrt Euch! Wählt FDP!“) in die Fußgängerzone geprescht waren, um, der FDP-Politiker Möllemann hatte gerade dem Judenbengel Friedman das Misstrauen ausgesprochen, der lokalen Bevölkerung wie letztlich dem Eisenacher FDP-Kreisvorsitzenden philosemitische Spitzen zu entlocken: „Also viele sind froh, dass er“, Mölli, „mal ausspricht, was sich hier keiner zu sagen traut. Viele sind hier doch zurückhaltend, weil man Angst hat, die Dinge beim Namen zu nennen. Wissen Sie, das ist ein ziemlich heikles Thema, und man braucht Mut, um das auszusprechen! (vertraulich) Ich meine aber fast, dass es uns Stimmen bringt!“ Und zwar mindestens soviele wie das Wahlplakat mit der Aufschrift „Die liberale SpaSS-Partei“, gegen das der liberale Spitzenpolitiker nichts einzuwenden hatte: „Das ist Verpackung, das gehört dazu!“

„Schön, wie sich die Sterblichen berühren – / Knüppel zielen schon auf Hirn und Nieren, / dass der Liebe gleich der Mut vergeh… / Wer geduckt steht, will auch andre biegen. / (Sorgen brauchst du dir nicht selber zuzufügen; / alles, was gefürchtet wird, wird wahr!) / Bleib erschütterbar. / Bleib erschütterbar – doch widersteh.“ Rühmkorf, 1979

Es wird fast 18 Jahre dauern, bis mir der nächste ostdeutsche FDP-Kreisvorsitzende begegnet, diesmal des thüringischen Ilm-Kreises. Der wünscht sich via „Tagesthemen“, FDP-Ministerpräsident Kemmerich hätte „nicht so schnell aufgegeben“, und er bürgt für seinen Kreisverband. Caren Miosgas Satz aus der Anmoderation, Deutschland sei insgesamt „erschüttert“, ist also bloß eingeschränkt richtig: Deutschland ist erschüttert, soweit es nichts dagegen hat, dass Faschisten einen Ministerpräsidenten mitwählen, und weißgott nicht alle haben was dagegen. Der Kreisvorsitzende sagt, das seien doch gewählte Leute, und da hat er natürlich recht: Von Faschistinnen gewählte Faschisten repräsentieren den Volkswillen wie alle anderen auch, und der Volkswille ist, je nach Region, bis zu einem Viertel offiziell faschistisch, nichts zu machen.

König Zufall, dessen Zepter ich mich heute besonders willfährig füge, drückt mir eine Gremliza-Kolumne vom März 1989 in die Hand: „Der Erfolg der ,Republikaner’ lehrt, dass Nationalisten und Rassisten durch die öffentliche Beachtung ihrer ,Themen’ nicht besänftigt, sondern ermutigt werden; dass die Prinzipien antiautoritärer Erziehung an ihnen verloren sind und sie nur eines verstehen: den Stock – gesellschaftliche Ächtung, Drohung mit Entzug des Arbeitsplatzes und, wo sie laut werden, eins auf die Gosch“. Auf die Gosch kriegt aber bis heute eher die Antifa, zumal die im Osten, und sowenig ich gegen eine Welt hätte, in der eine ambitionierte Demokratie wüsste, was sie zu tun hat (etwa keinen Nazi mehr ins Fernsehen einladen), weiß ich doch am besten, dass die Demokratie, wie sie ist, so nicht ist, die deutsche schon einmal gar nicht, da kann sie erschüttert tun, wie sie will. Dass die Wessis die Ossis nach wie vor nicht verstünden, übermittelt eine Korrespondentin die lokale Stimmung, und mit ihrem Selbstwahrnehmungsproblem sind Klums Aspirantinnen also nicht allein.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Die andere Möglichkeit

Eine Metastudie – also eine Studie über Studien – hat festgestellt, dass die alte Beobachtung, Mädchen spielten anders als Jungen, der Triftigkeit nicht entbehre: Der männliche Nachwuchs interessiere sich, das legten die untersuchten Untersuchungen nahe, für Bagger, der weibliche für Puppen, Max fürs Raufen und Mia fürs Rollenspiel. Das Morgenblatt berichtete mit unverhohlener Genugtuung und schloss, jetzt könnten die Kinder, unbehelligt von Genderkram, einfach wieder „ihr Ding“ machen, so wie sie es, den wohlmeinenden Einflussversuchen der Erwachsenenwelt zum Trotz, ja immer schon getan hätten.

Nehmen wir an, die Beobachtung stimme; es ist ja gar nicht einzusehen, warum der Mensch, der ja sonst auch weithin atavistisch und naturhaft funktioniert, es in dieser Beziehung nicht tun sollte. Tucholsky, weißgott kein Rechter, hat sich wiederholt skeptisch über den mechanistischen Marxismus geäußert, der alles aufs Materielle, den Einfluss der Umwelt schiebe. Im Menschen, ich paraphrasiere frei, sei Verkehrtes angelegt, und damit sei zu rechnen.

Unterstellen wir also ruhig, es sei etwas dran: Jungen folgen Bewegung, Mädchen Farben, dann folgt daraus, anders, als es der Esel vom Morgenblatt glaubt, gerade nicht, man dürfe Mädchen in Rosa tauchen und Jungen in Blau. Die freie Gesellschaft wäre nämlich eine, in der jeder und jede die Wahl hat, und das Spielzeugregal mit den Plastikschnellkochtöpfen schränkt diese Wahl ein. Gesellschaft, wie wir sie imaginieren, ist immer: die andere Möglichkeit, ist nie das, was andere für uns vorsehen (und zwar aus Gründen für uns vorsehen). Neoliberale Metaphorik der Art, Globalisierung sei wie Stuhlgang, da sei nichts zu machen, beruft sich ja nicht zufällig auf Natur, denn Natur, das ist das Unausweichliche. So wie Menschen gelernt haben, sich vor Regen, Kälte, Hunger zu schützen, so können sie sich vor dem schützen, was ihnen (naturhaft) geschieht, und wer krank ist, geht ins Krankenhaus. Der Neoliberalismus sagt hier: Kein Geld, kein Krankenhaus, und genau das ist es.

„Ich kenne nichts ärmers / Unter der Sonn’ als euch, Götter! … Hier sitz’ ich, forme Menschen / Nach meinem Bilde, / Ein Geschlecht, das mir gleich sey, / Zu leiden, zu weinen, / Zu genießen und zu freuen sich, / Und dein nicht zu achten, / Wie ich!“ Goethe, 1774

Bei einer Abendbrotdiskussion mit liberalen Privilegierten, in der es um ihr und mein Privileg ging, nahmen die Privilegierten, bedrängt von meiner Frage, wer oder was unser Privileg denn rechtfertige, wie selbstverständlich bei der Biologie Zuflucht: Manches im Leben sei eben Pech, so wie manche eine Disposition für Alkoholismus oder Krebs hätten und andere nicht. Dass jeder seines Glückes Schmied sei, ist viel weniger die Parole als die Umkehrung: Das Glück ist eines jeden Schmied.

Es gibt ein berühmtes Experiment aus den sechziger Jahren, das einen Jungen, dessen Penis bei einer Beschneidung irreparabel verletzt worden war, als Mädchen deklarierte. David Reimer, der als Pubertierender beschlossen hatte, wieder als Junge zu leben, beging mit 38 Jahren Selbstmord, über seinen Fall wird bis heute diskutiert. Es ließe sich freilich schlicht finden, es müsse, bevor es ums Geschlecht (sex) geht, um die Geschlechterrolle (gender) gehen, die Erwartung, das dumm Binäre, das letztlich bloß der dummen Dichotomie von oben und unten entspricht. Rosa ist nicht das Problem; das Problem ist, dass aus dem Rosa etwas Graues folgt. Die Welt, wie wir sie uns vorstellen, sei aber keine graue, und daraus folge alles andere.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Zum besseren Verständnis

Mein vornehmster elterlicher Ehrgeiz ist, keinen elterlichen Ehrgeiz zu entwickeln, und doch denke ich manchmal, dass „Rainer Werner“ sehr gute, distinktorisch wertvolle Vornamen gewesen wären, zumal bei einem zweisilbigen Familiennamen auf -er, und schließlich heißen deutsche Serienschauspielerinnen auch nicht Liv Fries, sondern Liv Lisa Fries, wenn sie, zum Staffelstart von „Babylon Hauptstadt“, über das „Interesse an der Vergangenheit“ reden: „Wenn ich zum Beispiel mit meiner Oma rede, versuche ich immer zu verstehen, warum sie so denkt, wie sie denkt. Das ist eine Generationenfrage. Ich glaube, es geht um Bewusstsein und Reflexion darüber, was Menschen schon erlebt haben und was unsere Gesellschaft zu dem macht, was sie ist.“

Ihr Film- und Interviewkollege heißt vorbildlich profan Volker Bruch und kommt von Oma auf Opa: „Das war früher auch sein ,Jetzt’, und alles war irgendwie normal. Und deswegen interessiert mich, wie das, was für mich Geschichte ist, für die Menschen damals Realität war. Wenn man überlegt, warum junge Menschen die Entscheidungen treffen, die sie eben treffen, sieht man: Es sind immer auch gesellschaftliche Umstände, die zu etwas führen. Ein gesellschaftlicher Umstand, eine gesellschaftliche Not, die sich ein Ventil sucht. … Auch wenn viele Menschen heute auf diese Zeit blicken und sagen: Wie konntet ihr damals nur!“ Der Interviewer vom Morgenblatt hat verstanden, grad weil er weiß, dass es sich bei Fries und Bruch um „politische Menschen“ handelt: „Ein Urteil aus unserer heutigen gesellschaftlichen Situation wirkt da schnell anmaßend, weil man einfach nicht in den Schuhen der Menschen damals steckt.“ Und Bruch so: „Ja, genau.“ Und Fries so: „Das finde ich immer so interessant, weil man sich selbst ja nie gesellschaftlich oder geschichtlich einordnet, sondern immer nur im Jetzt ist, alleine mit seinen Problemen. Man ordnet sich nie in einen gesellschaftlichen Zusammenhang ein. Weil man immer nur diese eine Person in diesem einen Moment ist.“

„You'll stumble in my footsteps / Keep the same appointments I kept /
If you try walking in my shoes / Try walking in my shoes“ Depeche Mode, 1993

Gern will ich Liv Lisa Fries gelegentlich ein Bier ausgeben dafür, diesen Umstand tatsächlich „interessant“ und nicht saudummdoof „spannend“ gefunden zu haben; aber wen meint sie so verständnisvoll mit „man“? Den Schwimmbadkursvater, der, während sein kleiner Sohn unter seiner Aufsicht duscht, das Handy in der Hand hat? Die Schwimmbadkurseltern, die jede Woche wieder die Notfallplastiksäcke über die Turnschuhe ziehen, weil sie keinen Bock auf Badelatschen haben? Alle anderen, die sich nicht gesellschaftlich einordnen, sondern im Ruheabteil quatschen, den Q7 auf die Sperrfläche stellen und ihre Köter den Bürgersteig vollscheißen lassen? Oder doch diese Personen in diesem einen Moment, die, weil sie ein Ventil brauchen, Trump oder Orbán oder Höcke oder Hitler wählen?

Um Gerhard Polts Jahrhundertsatz zu variieren: Wer ist „man“? Ich nicht; und aber jedenfalls triftig, dass sich Bundespräsident Steinmeier in Yad Vashem schon wieder ausführlich für deutsche Verbrechen entschuldigt hat. Das kann er auch, denn die Verbrecher sind tot, die Überlebenden beinah sämtlich auch, und die Jungen ordnen sich gesellschaftlich oder geschichtlich nicht ein, sind immer nur im Jetzt, alleine mit ihren Problemen, und wollen sich keine Urteile mehr anmaßen, es sei denn, einer ist nicht vegan, da hat sich des Veganers Bruch alte Sichtweise, „dass jeder es so machen soll, wie er will“, geändert, und das lesen wir dann auch gefettet („Da hat sich meine Sichtweise geändert“). Weil, sein Opa, der musste letztlich Hitler wählen, aber heute, da muss man nicht mehr müssen, sondern macht sein Ding, und Spätere werden hoffentlich nicht so anmaßend sein, kein Verständnis zu haben.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Hau rein

Da man, wie wir von Pippi Langstrumpf wissen, viel zu hören bekommt, bevor einem die Ohren abfallen, mir meine Ohren aber lieb sind, lese ich verdächtige Artikel („Viele Eltern verzweifeln, weil ihre Kinder nicht lesen“) mitunter nicht, sondern scanne sie auf Stellen, die mein Vorurteil bestätigen, ich bin da richtig gut drin: „Meine Zehnjährige … gehört zur Fraktion der Literaturbegeisterten … Bei uns zu Hause sind Bücher sehr präsent … Vor allem verstopfen sie das Kinderzimmer meiner jüngeren Tochter, die sich ihren Proviant bei ihrer älteren Schwester besorgt, aber auch in der Stadtbibliothek … Ja, es kann auch nerven, sie von den Büchern wegzerren zu müssen, wenn es Essen gibt … Schon in der vierten Klasse hatte meine Tochter alle Harry-Potter-Bücher durch“ – um einen alten Satz Oliver Maria Schmitts aus dem Zusammenhang zu reißen: Etwas Widerwärtigeres kriegt man selten aufgetischt.

Denn das musste ja nun raus, welch wunderbarem Bücherhaushalt der SZ-Mann Christian Mayer vorsteht und dass seine klugen Töchter nicht zu den dummen Smartphone- und Videogören gehören, sondern Bücher verschlingen, ja regelrecht „Proviant“ brauchen; und da Metaphern selten ganz unschuldig sind, weist der Umstand, dass man auf Bücher „Heißhunger“ hat, auf ebenjenes Konsum- und Binge-Prinzip, das später, läuft es schlecht, für den Verzehr von etwas so Superleckerem wie einer „Gebrauchsanweisung fürs Lesen“ sorgen wird.

Geschrieben hat’s, natürlich, die Literaturquaktasche und Piper-Vorsitzende v. Lovenberg, die uns die Spitzenkitschgeschichte serviert, wie sie als Kind „ihre Zeit am liebsten mit den Figuren ihrer Bücher“ verbrachte, „mit Pippi Langstrumpf, Tom Sawyer, Oliver Twist“ und darum jetzt ein besserer Mensch ist: „Lovenberg glaubt fest daran, dass Lesen zu einem glücklicheren Leben führt, zu mehr Empathie, Gelassenheit und innerem Gleichgewicht – vorausgesetzt, dass Bücher rechtzeitig zu einem finden“, und da müssen Eltern jetzt schon wieder aufmerken, dass sie’s nicht von neuem falsch machen. Denn was Adorno in seinen „Reflexionen zur Klassentheorie“ den „Doppelcharakter der Klasse“ nannte, ist, dass sich Klasse nicht nur im Gegensatz zum Außen, sondern auch durch Kontrolle nach innen statuiert, und da sind die Bürgersleut’, allwo zuhaus eine sog. Bildung herrscht, nun mal obenauf. Denn wer liest, ist gelassener und ausgeglichener, also geradezu resilienter, und arm und belesen zu sein wär’ immerhin Poesie, während dumm und arm das Klassenziel schon einigermaßen verfehlt.

„Viel hilft viel.“ Volks(wirtschafts)weisheit

Wer liest, kann dann später auch Sätze husten, die mit „Insofern ist es wenig zielführend“ beginnen, und wen solche Sätze sowenig stören wie das unvermeidliche „Jungs“ (die schon eo ipso lieber Minecraft spielen), der sorgt denn auch fürs Bestsellerregal, wo man immer gar nicht weiß, was man zuerst stehenlassen soll. Meine freundliche Quartiersbuchhandlung macht bald Inventur, und vielleicht sollte ich helfen und könnte dabei das Verhältnis von vorrätiger Literatur in einem etwas engeren Sinne und Lesefutter bestimmen, ein Verhältnis, das nach konservativer (meiner) Schätzung bei eins zu zwanzig liegt. Das ist nur marktgerecht: In den Erdgeschosswohnungen meines linksgrünbürgerlichen Quartiers hat der Durchschnittsfernseher eine Bildschirmdiagonale von einsfünfzig, in den USA entwickeln sie jetzt erste Serienfomate speziell fürs Smartphone, und in Deutschland kann jedes sechste bis fünfte Kind überhaupt nicht gescheit lesen.

Deutschland ist übrigens laut Mayer „das Land von Goethe und Schiller, von Saša Stanišić und Juli Zeh“ wie auch das von Mayer, Scheck und Elke Heidenreich; und wer da beim Lesen gelassener und glücklicher wird, der kann es, fragt man mich, der beim Lesen nicht Wellness, sondern Widerstand sucht, auch gleich bleiben lassen.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Schnipsel

„Es is halt, sagn wer mal, um diese Zeit, bei minus acht Grad mitm Bootsverleih, weniger turbulent. […] Schaun Sie, es is weit und breit niemand da. Und diese Ruhe. Ich hab mir jetzt eine Regensburger mitgebracht und a Essiggurkn, und … ich könnt mir’s nicht schöner vorstellen. Ich kann mer’s nicht, es ist doch … Da, schauns her, man kann zuschaun, wie des langsam zufriert, und … die Gewissheit, dass heute keiner mehr kommt und ein Boot will, is doch … verstehn Sie!“ (Polt, Youtube s.v. „Bootsverleih“)

Ich versteh’s; die junge Dame en passant, die ihrem Begleiter mehrmals hocherfreut mitteilt, wie „angenehm“ sie die märzhaften zehn Grad plus am 10. Januar findet, „was für ein wirklich angenehmes Wetter!“, versteht’s evendöll schon weniger. Denn der Vorteil ist, sie könnt’ ein Boot ausleihen, wenn ihr nach Bootausleihen wär’, und sich beim Bootfahren auf den baldigen Frühling freuen, dem der Sommer folgt, der, rechnen wir’s aus und hoch, gewiss weniger angenehm werden wird. Aber scheißegal; bzw. wär’ dies ein sog. Zusammenhang, und dass man den nicht herstellt, egal wie’s in Australien brennt, darum geht’s.

*

„Bildungsrepublik“ ist, wenn kein Anschreiben der Schule ohne zwei bis fünf Kommafehler auskommt. Das muss so sein, denn der Enkel der Freundin der Mutter hat in der Oberstufe eine Eins in Deutsch, soll aber, sagt die Lehrerin, erzählt die Oma arglos, bitte an seiner schlimmen Rechtschreibung arbeiten. – Früher war Form der höchste Inhalt, heute geht’s allein darum, was hinten rauskommt. Und was hinten rauskommt, wissen wir.

*

Es hat einen tiefen, schönen Sinn, dass Bruegels berühmtes Wintergemälde „Die Jäger im Schnee“ den Nebentitel „Heimkehr der Jäger“ trägt. Die Gewissheit, dass heute keiner mehr kommt, es sei denn zum Schlittschuhlaufen; diese Ruhe aus getanem Tagwerk, tiefem Schnee und der Regensburger zum Abendbrot. Schnee, das bedeutet Stille, Stillstand; dass es, wie wir „Hysteriker“ (Nuhr) fürchten, damit ein Ende hat, setzt genau die Raserei ins Bild, die ihn, den Schnee, jetzt abschafft.

*

„In Wintermonaten weniger Mofas. / Der Wasserkessel auf der Ofenplatte summt. / Wir kennen die kälteren Zeiten. / Näher zwei Krähen, die plötzlich, / vor dem Fenster, verschwunden sind. / Wir schließen die Läden, / horchen noch / und halten die Uhr an.“ (Jürgen Becker) „One must have a mind of winter“ (Wallace Stevens). „Sommerschnee und Winterhitze demonstrieren gegen den Materialismus, der das Dasein zum Prokrustesbett macht“ – dass Karl Kraus einmal bloß zur Hälfte recht hätte, wir hätten’s kaum für möglich gehalten.

„ … noch einmal und es taut: der Schnee.“ Blumfeld, 2006

Das „Jahr der Scham“, wie die „Süddeutsche“ das vergangene zu Silvester in immer wieder gleich dummer Halbironie resümierte dergestalt, dass zur Flugscham jetzt auch Fleisch-, Internet- und letztlich Ausatem-Scham getreten sei oder immerhin zu treten habe, wenn es nach den Hysterikern geht usw. – dass es diese Scham (oder überhaupt welche) hierzulande nicht gibt, belegen allerdings nicht nur alle Zahlen zu Flugverkehr, Großautokauf und Konsum. Sondern halt auch die stur vorgetragenen, schamlosen Propagandamätzchen der Qualitätsspitzenpresse, der es um nichts als ums angenehme Konsumklima geht. Da kann es draußen scheppern, wie es will.

*

Und auch wenn wir dialektischen Materialisten und gottweißwie kritischen Theoretiker wissen, wie die Eliten die Massen manipulieren und dass nichts, was geschieht, etwas anderes wäre als ein Ausdruck von Klassenkämpfen, die, kulturindustriell verbrämt und propagandistisch aufgehoben, außerhalb Frankreichs kaum wen mehr kümmern: Nach dem elenden Brexit-Gewürge, das ja nun, wie’s aussieht, ein Ende mit Schrecken nimmt, möchte ich, auch wenn’s letztlich falsch ist, stoßseufzend den Slogan der Spitzenfirma Congstar variieren: Ihr wollt es. Ihr kriegt es.

Und dann ist’s, bitte, auch „gut“.

*

Und schließlich apropos: Der Unterschied zwischen Humanität und Barbarei ist gar nicht schwer zu bestimmen. Es ist genau der zwischen Polts Bootsverleiher und den drei Vollidioten (m/w) aus der Congstar-Werbung.

Verstehn S’.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: In der Balance

Jetzt hat der Leser, hat die Leserin wieder ein Jahr Sonntagsfrühstück vor sich, und vielleicht sogar wieder eins ohne Sommerpause, und wer immer findet, dass ich mal eine hätte machen sollen, der wisse, dass mir meine Idiosynkrasien sogar im Schlaf erscheinen; und ich tatsächlich geträumt habe, ich hätte rote New Balance-Turnschuhe an, und zwei Gedanken parallel hatte: dass das gut aussieht und eigentlich nicht geht.

Dazu muss man wissen (und weiß man aber, wenn man allsonntäglich „dran“ geblieben ist), dass mir ein waches oder magsein paranoides Empfinden für zeitgenössische Uniformierungen eignet, weil nämlich die Individualität, um die die freie Welt und dieses wunderbar freie Land herumgebastelt sind, meistenteils darin besteht, dass alle ohne weiteres das machen, was alle machen, und das Nachmachen machen gerade die, die sich auf ihre Übersicht Gott weiß wieviel zugute halten.

In meinem Viertel tragen die Erwachsenen Turnschuhe. Das ist ein polemischer Satz, denn natürlich tragen nicht alle Erwachsenen Turnschuhe; viele tragen auch Wanderstiefel. Von den zehn oder allenfalls zwanzig Prozent, die weder Turn- noch Wanderschuhe tragen, trägt die Hälfte diese australischen Rinderzüchterboots, die ich selbst mal hatte und die in der Straßenbahn neulich eine komplette Wohlstandsfamilie auf dem gut versiegelten Boden hielt. (Es ist ja nicht richtiggehend „falsch“, wenn die Söhne so aussehen wie die Väter und die Mütter so aussehen wie die Töchter; aber ist es darum – richtig?)

„Ich lerne sehen – ja, ich fange an.“ Rilke, 1910

Das gilt auch für den Turnschuh, der einst Uniformferne ausdrücken sollte und heute, wenn der Augenschein etwas besagt, zur Uniform gehört. Junge Eltern, die ja heute nicht mehr ernstlich jung sind, tragen Jeans und New Balance (wg. nicht aus dem Sweatshop), falls sie nicht Wolfskin und Wanderstiefel tragen, die idealerweise „Renegade“ heißen; wie das evtl. Erstaunlichste an der Gegenwart ist, wie wenig sich die Leut’ für Ideologie interessieren noch dann, wenn sie ihnen mit dem Hintern ins Gesicht springt. Die jahrzehntelange Abrichtung darauf, Ideologie sei, wenn man für einen Stasi-Witz nach Bautzen muss, trägt dicke Früchte, wenn die Kälte des Kosmos aus Resilienz mal Beweglichkeit, SUV plus Waldkindergarten schlicht gar nicht mehr empfunden wird. Also stiefeln alle durch eine feindliche Welt, in der jeder allein und für sich selbst verantwortlich ist, weshalb Neonwesten und grelle Fahrradhelmüberzüge immer populärer werden, nicht obwohl, sondern weil sie so entsetzlich sind. („Aber Neon rettet doch Leben!“ Falsch: Was Neon rettet, ist bloß eine Schwundstufe, und nicht die erste.) Und falls sie nicht stiefeln, dann tragen sie Sport, denn Sport ist nicht Mord, sondern alles. (Deshalb fallen Chucks auch heraus, denn mit denen kann nur Sport treiben, wer nicht älter als zwölf ist. Klassiker werden Klassiker, wenn Ideologie aus ihnen verdunstet.)

Wiederum soll sich niemand grämen, weil ich anmaßenderweise dekretiere, welche Schuhe man tragen darf und welche nicht, der Einzelfall ist ja ganz uninteressant. Was ich bloß nicht verstehe, ist, dass nie mal wer was merkt; falls sie’s denn überhaupt merken wollen und nicht sogar eine Sehnsucht nach der Masse haben, nach dem Gleichschritt als rundum Neuer Balance, die ich nicht fanatisch nennen will, damit das Jahr nicht unversöhnlich anhebt. – „Versöhnlich“, ach was: Waldkindergärten sind neoliberale Nazischeiße (Draußen zuhause / Ein deutscher Junge friert nicht), und man soll als Passantin in Wanderstiefeln und Outdoorhose (mit Reflektorstreifen) nicht in sein dummes Telefon tippen und das füglich quengelnde Kind dabei mit „Alles gut“ abspeisen, weil ich sonst nämlich kotzen muss.

So. Bis gleich!

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Lotse, von Bord

Die Preisakte Handke ist ja nun fürs erste zu, und damit ich’s für mich und alle, die mit meiner Einlassung, den Fall betreffend, nicht einverstanden waren, auch abschließen kann: Nein, ich bin kein Handke-Fanboy. Ich bin ein Gremliza-Fanboy.

Hermann Ludwig Gremliza ist gestorben, und hätte ich’s, im Weihnachtsurlaub jottweedee im Bette liegend, nicht aus einer morgendlichen E-Mail, ich hätte es aus dem Morgenblatt erfahren, in dem Willi Winkler mitteilte, Gremlizas „Konkret“ sei längst für die Tonne, abgesehen von seinem „Express“, und daran ist natürlich bloß wahr, dass Gremlizas „Konkret“ ihre Daseinsberechtigung an solch windigem Feuilletonismus noch viel zwingender beweist als etwa daran, dass in der Januar-Ausgabe mein Urteil in obiger Sache wiederholt wird. (Akte hiermit wirklich zu.)

Denn „Konkret“, wie immer man zu Einzelnem stand und steht, ist eben der Widerstand, den bürgerliche Blätter nicht leisten wollen können, und Hermann L. Gremliza war dieser Widerstand in Person und Wort. Besonders Dumme nannten den, der „Konkret“ war, „Karlchen Kraus“, wie Winkler sich zu dem schönen Lob herabließ, der Jüngere sei mitunter nicht schlechter als der Ältere gewesen. Wahr ist, dass Gremliza der war, an dem sich orientierte, wer heute hasst, was Kraus schon gehasst hat; und dass Gremliza, wenn er wollte, ohne weiteres schreiben konnte wie Kraus, beweisen seine Karl-Kraus-Preisreden auf Wallraff und Raddatz.

„An die Freundin eines Freundes, die dem Moribunden zur Konsultation eines Naturheilkundigen rät: Ich sterbe lieber an Krebs als an Esoterik.“ Gremliza, 2016

Im übrigen konnte Gremliza so schreiben wie Gremliza, und was er Kraus sogar voraus gehabt haben mag, in dessen Riesenwerk ja auch allerlei Scharmützeliges steckt, ist, dass Gremliza in den Jahrzehnten, die ich überblicke, keine einzige fade oder wenigstens irrelevante Zeile unterlaufen ist. Gremliza war vieles und vor allem nie langweilig, und wer seine Textsammlungen in die Hand nimmt (und ich nehm’ sie immer wieder in die Hand), von „Was Gabriele Henkel alles mit der Hand macht“ über „Betrug dankend erhalten“ und „Gegen Deutschland“ bis hin zu den „Haupt- und Nebensätzen“, der wird sie nur schwer wieder aus der Hand kriegen. (Wer, bitte, besorgt die Gesamtausgabe?) Als Fan und Adept so schreiben zu wollen hatte zwar auch mit der Meinung zu tun, die man da las, aber vor allem mit der Form, die diese Meinung schon war. „Wer nicht denken und also nicht schreiben kann“, lautet ein ewiger Gremlizascher Halb- und Merksatz, und umgekehrt ist er sogar noch wahrer.

Als ich dem Verehrten das erste und zugleich letzte Mal begegnete, vor sechs Jahren bei einem Hamburger Diskussionsabend mit Leo Fischer und Lisa Politt, freute er sich. Die Freude dürfte meinerseits noch erheblich größer gewesen sein. Zum Du hat es damals nicht gelangt, und also:

Lieber Herr Gremliza: Der Kampf geht weiter; sie sollen uns nicht auskommen.

Aktuelle Cartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Scusi, Kellerei Settevetro (Italien)!

Scusi, Kellerei Settevetro (Italien)!

Wegen eines technischen Fehlers ist Dein Lambrusco in die Wasserleitungen des Örtchens Castelvetro di Modena gelangt und sodann hellrot und schäumend in einigen Häusern aus den Wasserhähnen geperlt. Der Unfall sei aber »nicht mit hygienischen oder gesundheitlichen Risiken verbunden« gewesen, teiltest Du mit.

So begrüßenswert natürlich im allgemeinen eine Alkoholversorgung aus dem Wasserhahn sein mag, müssen wir doch fragen: Hast Du noch alle Spaghetti im Topf, Kellerei Settevetro? Lambrusco zu verabreichen ist nach Recherchen in unserer famiglia sogar der Mafia zu eklig!

Es grüßt mit einem kühlen Konterbier: Titanic

 Huhu, »Süddeutsche«!

Unter der Überschrift »Lauter Millionäre« gabst Du Arbeitnehmern in Deutschland sieben Tipps, wie sie im Lauf ihres Berufslebens eher 2,8 Millionen als 900 000 Euro brutto verdienen könnten. Neben wertvollen Ratschlägen wie »Berufswahl stellt Weichen«, »Lücken im Lebenslauf kosten«, »Bildung zahlt sich aus«, »Gehalt wächst mit dem Alter« und »Auf die Region kommt es an« heißt es unter »Führungsposten lohnen sich«: »Reichwerden klappt am ehesten, wenn man einen Chefposten ergattert.«

Echt, SZ? Bisher waren wir immer davon ausgegangen, dass man reich wird, wenn man möglichst lange einen subalternen Posten innehat, an dem einem alle anderen sagen, was man zu tun hat: Titanic

 Hallo, Allos-Brotaufstriche!

»Leckere Linsen mit ausgewählten Gewürzen und Gemüse machen den Allos-Linsenaufstrich so besonders lecker« – ist das nicht ein bisschen halbherzig? Macht neben den leckeren Linsen nicht auch das leckere Gemüse Deinen leckeren Linsenaufstrich so besonders lecker? Ja? Nein?

Schluck’s runter.

Darum bittet Titanic

 Platsch, Bestsellerautor Frank Schätzing!

Wie hörten wir Sie jüngst aus dem Radio rausraunen? »Wenn Sie sich einmal in die Politik reinbegeben, verlieren Sie Ihre Freiheit – auch die Freiheit, Dinge auszusprechen. Die Parteistrukturen, in denen Politiker sich von der Pike auf hocharbeiten, sind wie Flüsse, und Sie sind der Kiesel. Sie werden rund geschliffen, ob Sie das wollen oder nicht. Andernfalls kommen Sie ja gar nicht oben an!«

Au weia. Was also, Frank Schätzing, tun? Flusskiesel künftig ungeschliffen lassen, damit sie besser oben ankommen und auf der Wasseroberfläche schwimmen? Strukturen entwässern, damit sie aufhören, wie Flüsse zu sein? Die Pike aus dieser feuchten Metapher nehmen, bevor sie rostet? Ja? Und wenn Politiker dann endlich die Freiheit haben, »Dinge auszusprechen« – was schätzen Sie: Wird das dann so eloquent und bildstark klingen, als hätte es ein gelernter Schriftsteller formuliert?

Übt noch die flüssige Aussprache: Titanic

 Kennen, Hagen Hultzsch (FDP Thüringen),

muss Sie natürlich niemand, dennoch hat es uns beeindruckt, dass Sie auf einem Wahlplakat, über das wir im Weimarer Straßendreck gestolpert sind, gewissermaßen prophetisch gefordert haben, den Menschen mehr zuzutrauen. Völlig daneben lagen Sie allerdings mit Ihrem Gruß »Hallo übermorgen«. Das hätte doch wohl treffender heißen müssen: »Hallo vorgestern«!

Kann sich das auch gut als künftigen Gruß an Ihre Partei vorstellen: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Pragmatismus

Die Oma einer Freundin pflegte in der Nachkriegszeit, als es nichts zu essen gab, ihren hungrigen Kindern einen pfiffigen Ausweg aufzuzeigen, wie sich die Lust aufs Essen leicht vergessen lasse: »Jetz hauma uns halt as Maul am Tischeck an!« Und tatsächlich ist kaum etwas besser geeignet, den knurrenden Magen zu übertönen, als der Schmerzensschrei nach einer an der Tischkante blutig geschlagenen Lippe.

Tibor Rácskai

 Wesentlich werden

Neulich im Café bildete ich mir ein, am Nebentisch die Schriftstellerin Karen Duve zu sehen, um dann auf den zweiten Blick zu bemerken, dass es sich in Wahrheit um die Schauspielerin Catherine Deneuve handelte. Meine Hoffnung, es könne sich bei mir in Wahrheit um den Maler Jasper Johns handeln, erfüllte sich allerdings nicht.

Jasper Nicolaisen

 Es gibt nur Innen

Großstädte haben keinen Stadtrand. Es kommt immer noch ein Imbiss, noch eine Baustelle, eine Industriehalle, ein Depot. Geografinnen, Immobilienmakler und Raumplaner starteten Expeditionen, um an den Rand einer Großstadt zu gelangen. Nie sind welche zurückgekommen.

Miriam Wurster

 Frage nach dem Sinn des Lebens

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es eine Handvoll auserwählter Menschen gibt, denen eine höhere Macht den allgemeinen Sinn des Lebens bereits erläutert hat, aber leider sind das wahrscheinlich allesamt solche »Mich fragt ja niemand!«-Typen.

Cornelius W.M. Oettle

 Offener Widerstand

Ohne mein Wissen ist aus der Telefonzelle im Dorf ein beschissener offener Bücherschrank geworden. Aus Trotz gehe ich dort jetzt immer telefonieren.

Ronnie Zumbühl

Vermischtes

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Er ist der selbsternannte Hassias – viel wichtiger aber noch: der designierte Kanzlerkandidat für Die PARTEI. Holen Sie sich jetzt die neue DVD von Merkel-Nachfolger Serdar Somuncu als Gratisprämie und stehen Sie damit schon vor der Machtergreifung auf der richtigen Seite. Ihre Kinder werden es Ihnen danken!
Zweijahres-Abo: 98,60 EURKamagurka & Herr Seele: "Cowboy Henk"
Er ist Belgier, Kamagurka. Belgier! Wissen Sie, was der Mann alles durchgemacht hat in letzter Zeit? Eben, er ist Belgier. Und hat trotzdem in einem Finger mehr Witz als Sie im ganzen Leib! Und Heldenmut! Glauben Sie nicht? Dann lassen Sie sich von Cowboy Henk überzeugen, dem einzigen Helden, der wirklich jeden Tag eine gute Tat begeht.
Zweijahres-Abo: 98,60 EURSonneborn/Gsella/Schmitt:  "Titanic BoyGroup Greatest Hits"
20 Jahre Krawall für Deutschland
Sie bringen zusammen gut 150 Jahre auf die Waage und seit zwanzig Jahren die Bühnen der Republik zum Beben: Thomas Gsella, Oliver Maria Schmitt und Martin Sonneborn sind die TITANIC BoyGroup. In diesem Jubiläumswälzer können Sie die Höhepunkte aus dem Schaffen der umtriebigen Ex-Chefredakteure noch einmal nachlesen. Die schonungslosesten Aktionsberichte, die mitgeschnittensten Terrortelefonate, die nachdenklichsten Gedichte und die intimsten Einblicke in den SMS-Speicher der drei Satire-Zombies – das und mehr auf 333 Seiten (z.T. in Großschrift)! 
Zweijahres-Abo: 98,60 EURElias Hauck (Hrsg.): "Alles Spargel oder was?"
Endlich ist ganzjährig Spargelsaison! Elias Hauck, die eine Hälfte von Hauck & Bauer und Herausgeber des Frauenmagazins "Sonja", serviert die reifsten Spargelwitze der Welt – gezeichnet und erzählt von dutzenden gemüseliebenden Cartoonisten und Autoren. Lachen Sie unter anderem über: den mit den polnischen Erntehelfern, den mit dem kaputten Spargelschäler und den mit der Fliege in der Hollandaise.Wenzel Storch: "Die Filme" (gebundene Ausgabe)
Renommierte Filmkritiker beschreiben ihn als "Terry Gilliam auf Speed", als "Buñuel ohne Stützräder": Der Extremfilmer Wenzel Storch macht extrem irre Streifen mit extrem kleinen Budget, die er in extrem kurzer Zeit abdreht – sein letzter Film wurde in nur zwölf Jahren sendefähig. Storchs abendfüllende Blockbuster "Der Glanz dieser Tage", "Sommer der Liebe" und "Die Reise ins Glück" können beim unvorbereiteten Publikum Persönlichkeitstörungen, Kopfschmerz und spontane Erleuchtung hervorrufen. In diesem liebevoll gestalteten Prachtband wird das cineastische Gesamtwerk von "Deutschlands bestem Regisseur" (TITANIC) in unzähligen Interviews, Fotos und Textschnipseln aufbereitet.
Zweijahres-Abo: 98,60 EURDie PARTEI-Wahlwerbungs-DVD mit allen vier Wahlwerbespots aus dem Bundestagswahlkampf 2005: Höhepunkte der Politpropaganda, die von Otto Schily mit dem Prädikat "ein Skandal" ausgezeichnet wurden. Besser aufgelöst als auf Youtube und noch dazu mit einer praktischen, farbechten Hülle drumrum - das ist doch was, was?
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Das schreiben die anderen

  • 31.03.:

    Der "Spiegel" befragt TITANIC-Chefredakteur Moritz Hürtgen zu Corona als Gegenstand von Satire. 

  • 30.03.:

    "Der kleine Herr Tod" von Christian Y. Schmidt ist Buchtipp bei radioeins, die erste Lesung dazu gibt es hier. Auch MDR-ARTOUR stellt das Buch vor. Einen weiteren Livestream gibt es ab dem 1.4. jeden Mittwoch um 19 Uhr.

  • 13.03.:

    Stefan Gärtner in der "Jungen Welt" über Lutz Seiler.

     

  • 07.03.:

    Über den internationalen Frauentag schreibt Mark-Stefan Tietze in der Taz.

  • 06.03.:

    Der "Focus" berichtet darüber, wie TITANIC als "Tesla-Europabüro" die Bürger von Grünheide über die geplante Giga-Factory von Elon Musk aufklärte.