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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Ein Sinngeber

Dass die gegenwärtige Viruskrise das Kleingewerbe besonders trifft, sei mit Blick auf mein eigenes nicht zum Witz gemacht, besteht doch mein Problem bloß darin, wie in derart monothematischen Zeiten eine Kolumne zu bewirtschaften ist; oder ja sogar deren zwei; oder, rechnen wir die (übrigens sehr guete) in der (ebenfalls sehr gueten) „Wochenzeitung“ (Zürich) hinzu, drei, wobei da die lokalen, wunderbaren Kolleginnen und Kollegen helfen. Bei der Gelegenheit und weil grad Zeit ist möchte ich das Urheberrecht auf den WOZ-Kolumnenwitz vom vergangenen Donnerstag anmelden, falls ihn, was ich gar nicht glauben mag, nicht schon wer gemacht hat: „Das bayerische Abitur lässt sich letztlich ohne Hochschulabschluss gar nicht bewältigen“, und im letzten Jahr hat das sogar gestimmt.

Jasper von Altenbockum, ein sicherer Banker in Saure-Virus-Zeiten wie diesen, hat, das wird aus Wikipedia nicht recht klar, entweder ein achtbares rheinland-pfälzisches oder ein unschlagbares baden-württembergisches Abitur, was ihn zu allerlei berechtigt, etwa zu einer ungetrübten Spargelsaison: „Die Corona-Krise schreibt ihre ersten leicht widersinnigen Geschichten. Um doch noch die benötigten dreihunderttausend Saisonhelfer für die Gemüse-Ernte in Deutschland zu organisieren, wird es nicht ohne Improvisationskunst abgehen können – es sei denn, das Gemüse verdirbt auf den Feldern.“ Andersrum, Jasper: Das Gemüse wird auf den Feldern verderben, es sei denn, es gelingt ein Improvisationskunststück, das den Ausfall der ausländischen Erntehilfe kompensiert. Ein „Katastrophenfall de luxe“ ist nämlich eingetreten, und „der Katastrophenfall erlaubt es durchaus, inländische Arbeitskräfte dort einzusetzen, wo es dringend nötig ist, auch wenn sie davon nicht begeistert sind“.

Ihm wird doch nicht fad geworden sein in der Frankfurter Redaktion? Er wird sich doch nicht sehnen nach Sonnenschein, frischer Luft und Rückenschmerzen? Für einen Stundenlohn, der auf der Fressgass für einen Cappuccino reicht? „Aber schon wird bis in das Bundeslandwirtschaftsministerium vor der Rekrutierung von ,Zwangsarbeitern’ gewarnt, etwa Studenten. Das mag daran liegen, dass Julia Klöckner aus eigener Erfahrung weiß, dass sich Soziologie-Studenten für schwere Landarbeit einfach nicht eignen. Geschweige denn zum Spargelstechen.“

„Er war bei ihnen gesessen / In der Zeit ihres Kampfes / Wo sie jeden nahmen / Der ihnen half. / Später dann, in der Zeit nach dem Kampf / … Blieb er plötzlich aus.“ Brecht, 1933

Sowenig wie ehemalige solche der Geschichte, die auch gar keine Zeit hätten, den Spargel, den sie verzehren, auch noch selbst zu ernten, es wäre dies ja auch ein Verstoß gegen das eherne Frankfurter Prinzip von oben und unten: Sich von der harten Arbeit anderer ernähren, das ist soziale Marktwirtschaft oder, in „Notzeiten“ (Jasper), sogar „Solidarität“, die „einzufordern“ (deutsch: zu fordern) „nicht nur heiße Luft“ bedeuten darf, sondern auch, jawoll: „Zumutungen“.

Wenn auch nicht für einen Frankfurter Allgemeinen Zeitungsredakteur, für den die Grenzen der Zumutbarkeit bereits dann weit überschritten sind, wenn in der Kantine der Pudding alle ist oder ein Frühling ohne Spargelgericht stattfinden soll, was zu verhindern jede Zumutung wert ist; sofern sie bloß arme Schlucker oder potentielle Diversantinnen trifft, die, wo Solidarität und harte Arbeit nottäten, sich mit „irgendeiner Soziologie“ (Gunnar Homann) die Zeit vertreiben. Dass man nicht mal faule Hartzer zur Spargelernte pressen kann, wird Jasper da so bedauern wie die von Missgünstigen wie mir gezogene Parallele zum sog. Ernteeinsatz in der Deutschen Demokratischen Republik, deren Unrechtscharakter aber gerade hier sehr deutlich sichtbar wird, denn da fehlten die billigen Bulgaren halt immer. Mangelwirtschaft, widerlich.

Gemüsebauer, der Angst um seine Ernte hat, möchte man nicht sein; doch um wieviel weniger ein Erzähler allzu sinniger Geschichten, bei dem „Solidarität“ noch im Frühjahr klingt wie Winterhilfswerk.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Richtig falsch

Das einzige, was noch langsamer ist als eine Wochenkolumne, ist eine monatliche, und das Unbehagen, das der Virusnotstand im Feuilleton auslöst, lässt sich bis Ende April nicht konservieren. Es muss mithin schnell, umfassend und ggf. auch hart gehandelt werden, aber was ich hier treibe, bedroht die sog. offene Gesellschaft ja sowieso nicht.

Es ist also auch egal, ob mir das wer glaubt, dass ich es gesagt habe, bevor es z.B. im Morgenblatt stand: dass Corona der Herrschaft gerade recht kommt, weil sie hier exerzieren kann, was sie exekutieren müssen wird, wenn’s mal dicke kommt, ohne dass es aus China kommt, und sich etwa Unter- und erschöpfte Mittelschicht auf jene Barrikaden begeben, die sich per Ausgangssperre wertlos machen lassen. Dass die Bundeswehr bereitsteht, wie die Verteidigungsministerin wissen lässt, und zwar ausdrücklich auch, um „polizeiliche Aufgaben“ zu übernehmen, lässt die Erfüllung des alten Traums vom Armee-Einsatz im Inneren in jene Nähe rücken, die uns anderen verboten ist, und dass der Polizist, vom Fernsehen befragt, ganz arglos mitteilte, er müsse, gehe es um die Durchsetzung des Versammlungsverbots, auch „Widerstände brechen“, klang wie Zukunfts- und Vergangenheitsmusik zugleich.

Das Schlimme (oder, je nach Perspektive, Glückliche) daran ist, dass es wenig Anlass gibt zu glauben, dies alles sei unnötig, wenn sie in Italien die Leichen schon per Lastwagen aus der Stadt karren müssen. Der Rest ist Mathematik, und wer die Corona-Party steigen lässt, streitet vielleicht für das demokratische Recht auf Versammlungsfreiheit, tötet aber um sieben Ecken die Oma am Stadtrand, was, wer mag, als Metapher lesen kann dafür, dass das demokratische Recht auf Versammlungsfreiheit, als nämlich kapitalistisches, sowieso tötet, wenn auch anderswo. Möchte also sein, dass sich hier zwei Wahrheiten so überlagern, wie sie es in jenem Fall tun, der an dieser Stelle zuletzt verhandelt worden ist. Denn von dem, was ich zum Fall Allen gesagt habe, muss ich nichts wegnehmen, um nicht doch festzustellen, dass, wer mir zustimmte, sehr viel häufiger männlich als weiblich war, was die Kolumne nicht falsch macht, sondern Licht auf Verhältnisse wirft, in denen eine Vergewaltigung noch immer das annähernd perfekte Verbrechen ist. Es ist völlig richtig, auf dem ordentlichen Verfahren zu bestehen; es ist ebenso richtig, sich klarzumachen, wie selten es zu dem ordentlichen Verfahren kommt. Dem „Rechtsstaat so viel Ehre und Raum geben, wie er es für angemessen hielte, wenn er selbst beschuldigt würde, ein Monster zu sein“, verlangt auf Spiegel.de Richter Fischer von jedem, der seine Empörung ins Praktische verlängern will. Richtig wiederum; aber solange die Dunkelziffern so hoch sind, wie sie sind, und bei Verurteilungsquoten im einstelligen Prozentbereich ist auch das  (weibliche) Gefühl der Ohnmacht plausibel, wenn sich der Eindruck einstellt, es komme wieder einer davon.

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Adorno, 1944

Es ist nicht falsch, wenn die Armee Zelte für Schwerkranke aufstellt; falsch daran ist, dass es die Armee jenes Kapitals ist, das, beim geldzentrierten Gesundheitssystem angefangen, erst Verhältnisse schafft, in denen diese Zelte nötig werden. Es ist nicht falsch, Widerstände zu brechen, wo sie eine Gefahr für die Allgemeinheit sind; falsch ist, dass die Definitionsmacht, was eine solche Gefahr sei, die der (falschen) Herrschaft bleibt. Dass ein Land, dem die Alten, Kranken, Schwachen eher egal sind, jetzt näherungsweise stillsteht, um die Alten und Kranken zu schützen, ist vielleicht Ironie; aber die Fabriken stehen nicht still, um die Arbeiterinnen zu schützen, sondern weil gerade niemand den Quatsch kaufen mag. Falsche Gesellschaft wird nicht richtig dadurch, dass sie je und je das Richtige tut, und das Patriarchat ist nicht weniger im Unrecht, nur weil auch Männer manchmal recht haben.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Der Mob

Diese Kolumne hat sich vermutlich nicht den Ruf erworben, auf der Seite des alten weißen Mannes zu stehen, und deshalb wird man es nicht missverstehen, wenn sie den offenen Brief, den Autorinnen und Autoren an ihren Hausverlag Rowohlt geschrieben haben, als die Dummheit bucht, die er zweifellos ist; wenn nicht gar Schlimmeres.

„Wir sind enttäuscht über die Entscheidung des Rowohlt-Verlags, die Autobiographie von Woody Allen zu veröffentlichen. Wir haben keinen Grund, an den Aussagen von Woody Allens Tochter Dylan Farrow zu zweifeln. Ihr Bruder Ronan Farrow hat sich nachdrücklich gegen die Veröffentlichung im Verlag Hachette ausgesprochen, in dem auch seine eigenen Bücher erschienen sind … Unter anderem hat Farrow kritisiert, dass Allens Buch in den USA ohne Prüfung der darin enthaltenen Fakten erscheinen sollte. Nach gängiger Praxis müssen wir annehmen, dass ein ,fact checking’ des Buches auch in Deutschland nicht erfolgen wird. Wie Ronan Farrow sind wir der Ansicht, dass dieses Vorgehen unethisch ist und einen Mangel an Interesse für die Belange der Opfer sexueller Übergriffe zeigt … Es geht uns nicht darum, die Veröffentlichung grundsätzlich zu unterbinden. Allen mangelt es nicht an Möglichkeiten, sich mitzuteilen. Aber der Rowohlt Verlag muss ihn darin nicht unterstützen.“

Man weiß schlicht nicht, wo beginnen; beginnen wir also von vorn.

Der Streit um den Vorwurf, Woody Allen habe seine Adoptivtochter Dylan missbraucht, währt nun bald dreißig Jahre, und es ist keine obskure Auffassung, dass sich die Wahrheit nicht mehr wird ermitteln lassen. Allen, der juristisch unbelangt und durch zwei Untersuchungen entlastet ist, hat stets beteuert, seine Expartnerin Mia Farrow habe das Kind aus Sorgerechts- und Eifersuchtsgründen aufgehetzt, ähnlich (und noch deutlicher) äußert sich beider Adoptivsohn Moses, der seine Mutter für „extrem manipulativ“ hält. Ronan Farrow hält dagegen streng zur Mutter und seiner Schwester, die ihre Vorwürfe nach „Me Too“ erneuert hat. Sie war zum Zeitpunkt der Tat, die sie Allen vorwirft, sieben Jahre alt.

Dass 15 (mittlerweile: 13) deutsche Schriftsteller und Schriftstellerinnen keinen Grund sehen, an Dylans Aussage zu zweifeln, wird die Erwachsene freuen, aber die Gerichtspsychologie wird gern bestätigen, dass Aussagen (oder Erinnerungen) von Kindern nicht eben ein Vorbild an Gerichtsfestigkeit sind. Vor ein paar Jahren schloss eine Mainzer Kindertagesstätte nach angeblichen schweren sexuellen Übergriffen; später stellte sich heraus, dass nichts davon stimmte, sondern bloß aus Hysterie und Suggestivfragen zusammengesetzt war. Das heißt nicht, dass das Stereotyp der hysterischen Mutter/Frau nicht nach wie vor gern genommen wird, wenn es darum geht, Vorwürfe von Gewalt gegen Frauen zu diskreditieren; das heißt bloß, dass Verdacht und Urteil grundsätzlich zweierlei sein sollten. Das ist keine Parteinahme für Allen, sondern eine gegen den Mob, der sich, geht’s um Kindsmissbrauch, besonders leicht zusammenfindet.

„Vor allem kein Gedanke! Nichts ist kompromittierender als ein Gedanke!“ Nietzsche, 1888

Dass eine Autobiographie sich einem Faktencheck unterziehen müsse, ist mir ebenfalls neu. Eine Autobiographie ist vielleicht nicht notwendig Literatur, aber auch kein Sachbuch, und wenn ich in meine schreibe, ich sei der Don Juan der Oberstufe gewesen, kann mich das Feuilleton gern auslachen; aber es ist meine Sache, wie mindestens Profis (selbst wenn sie „enttäuscht über“ etwas sind) ja mal davon gehört haben könnten, dass autobiographische Texte nicht plan als non-fiction gebucht werden dürfen, falls das Verhältnis zu Fiktion allgemein nicht mittlerweile derart gestört ist, dass sich derlei propädeutische Hinweise erübrigen. Im übrigen darf einen doch gerade in solch unentschiedenen Fällen die Aussage des Angeklagten interessieren; wenn das Urteil nicht schon feststeht.

Dass Allen schreiben dürfe, was er wolle, aber nicht im Verlag der Unterzeichneten, berührte das Feld der Infamie selbst dann, wenn das Buch in den USA denn noch erscheinen könnte, wonach es nicht aussieht. Denn wenn er seinen unethischen Kinderschänderschund (falls es im Buch denn darum gehen sollte) anderswo veröffentlichen darf, ist der ja nicht aus der Welt; und falls er ihn, außer vielleicht bei Facebook, besser nirgends veröffentlichen soll, lautet die Übersetzung: Das Schwein, verurteilt oder nicht, soll keinen Fuß mehr auf den Boden kriegen. Das ist, ganz formal betrachtet, Selbstjustiz. Ob Allen in den USA für seine Filme noch mal einen Verleih findet, ist ja bereits fraglich, und Schauspieler und Schauspielerinnen, die sich eilfertig für ihre Zusammenarbeit entschuldigt haben, interessieren sich mehr für ihren Marktwert als dafür, wie schuldig der Beschuldigte wirklich sei. Sie kapitulieren vorauseilend vor jenem Teil des Internets, der seine Meinung immer schon hat.

Auf Ruhrbarone.de, wo sich einer der Unterzeichneten vorsichtig und teils mit den Argumenten, die ja nun wirklich auf der Hand liegen, vom Brief distanziert (er hat seine Unterschrift mittlerweile zurückgezogen), fragen sie schon: „Das Prinzip ,im Zweifel für den Angeklagten’ ist ja zunächst eines der Rechtsprechung. Es bedeutet nicht, dass nicht jeder persönlich seine Konsequenzen ziehen kann, wenn er selbst von der Schuld einer Person überzeugt ist. Denken Sie, dass dieses Prinzip im öffentlichen Diskurs überbewertet wird? Sollte es leichter sein, auch ohne Beweise oder rechtskräftige Verurteilung gesellschaftliche Konsequenzen für mutmaßliche Straftäter durchzusetzen, etwa durch Ächtung oder Boykott?“ Diese Kolumne hat sich vermutlich nicht den Ruf erworben, auf der Seite derer zu stehen, die vor linker Moraldiktatur warnen. Sie warnt aber gern vorm Größenwahn derer, die sich für links halten.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Von der Graswurzel

Diese Kolumne ist ja durchaus dafür da, das Gras wachsen zu hören, und durchaus nicht immer muss sie dafür das Ohr an den Boden legen: „Viele Eltern sind unsicher, wie sie ihre Kinder am besten beim Sprechenlernen unterstützen. Zu Unrecht, sagen Experten. Denn das Wichtigste machen sie meist intuitiv richtig“ – so wie ich es jetzt intuitiv richtig mache, wenn ich sage, dass für eine Welt, die scheint’s genügend Zeit und Ressourcen für derart groben Schwachsinn, für solch ebenenübergreifend schamlosen Scheißkram hat, die eine oder andere Extramillion Flüchtlinge doch überhaupt gar kein Problem sein sollte. Zufall, dass das Morgenblatt ein paar Tage später ein Buch der Stunde rezensiert und den darin umhergeisternden Millennials vorsichtig „ein paar Kinder“ empfiehlt, „damit sie es mal mit Problemen zu tun bekommen, die nicht alle unmittelbar mit ihrer eigenen Empfindsamkeit zu tun haben“. Sieht aber so aus, dass auch die Leute mit Kindern keine Probleme mehr haben, oder nur die völlig falschen. Mit abermals dem Freund und Kollegen Gunnar Homann zu seufzen: „Eltern, furchtbare Leut’.“

Mitunter bedarf es aber auch eines feineren Ohres, eines wacheren Auges: „Ramelow am Ziel“, überschrieb mein alter Siezfreund Jasper von Altenkirchen in seiner FAZ seinen Aufmacherkommentar zur Thüringer Lage, und ich sah’s am Bahnhofskiosk, machte, ganz empfindsamer Prä-Millennial, ein schnelles Foto und dachte: So geht also Missgunst. Missgunst in einem Augenblick, wo sich in einem ostdeutschen Bundesland die sog. Demokraten doch noch auf einen demokratischen Ministerpräsidenten haben einigen können, nachdem nicht wenige der sog. Demokraten kein Problem damit gehabt hatten, einen sog. bürgerlichen Ministerpräsidenten mit den Stimmen von Nazis zu wählen, also mit Leuten, die diesen sog. Demokraten, wie es aussieht, allemal näher sind als linke Sozialdemokraten mit realsozialistischer Vergangenheit. Nach all dem darf nicht einmal die bürgerliche FAZ durchatmen: Schön, ein MP, der sich nicht dem rechten Rand verdankt, aber um welchen Preis! „Ramelow am Ziel“, denn darum, man darf es nicht übersehen, geht es den Kommunisten doch, die Macht, „reine Macht“ (Orwell, „1984“), und nun ist einer ihrer Obersten am Ziel, hat es geschafft, hat sich durchgebissen, und die bürgerlichen Kräfte der mehr oder minder radikalen Mitte, die sich weißgott alle Mühe gegeben haben, das zu verhindern, müssen zusehen, wie der Bolschewismus unsere Kinder vergiftet.

„Jedes Wort, jeder Gedanke will nur in seiner Gesellschaft leben: das ist die Moral des gewählten Stils.“ Nietzsche, 1880

Möchte sogar sein, uns’ Jasper ist ebenfalls erleichtert, ich hab den Quatsch, der drunterstand, nicht gelesen und denke nicht mal dran; aber Jasper hat es nicht und nicht über sich gebracht zu schreiben: „Ministerpräsident Ramelow“ oder „Erleichterung in Thüringen“ oder wenigstens „Viel Lärm um nichts“, nein, er muss sich und der Kundschaft bestätigen, was sie weiß und was die Polizei und der Verfassungsschutz wissen und was man aber in diesem linksgrünen Siffland nicht laut sagen darf: dass der Feind immer noch links steht. Links, links, links! Und dass er, wenn wir uns nicht vorsehen und über den Höckes und Gaulands die Stalins vergessen, plötzlich am Ziel ist. Nie wieder, ruft es da in uns, nie wieder!

Dann doch lieber Graswachsen in Zimmerlautstärke: „In der gut besuchten U-Bahn saßen sie nebeneinander und küssten sich mit geschlossenen Augen … darin erkannte sie ein strukturelles Problem, das eng mit der globalen Ökonomie verwoben war“ (Leif Randt, „Allegro Pastell“, lt. SZ „das Dokument einer ästhetischen Zeitenwende“). Wenn mal wieder wo Skins die U-Bahn besuchen, werde ich darüber nachdenken, wie eng verwoben die FAZ mit ihnen ist. Und überhaupt alles mit allem.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Die Korrektur

Mit dem fortschreitenden Erwachsensein setzt ja die sog. Lebenserfahrung ein, und eine meiner Lebenserfahrungen lautet, dass Dienstag ein sehr guter Arzttag ist. Montag ist ein schlechter Arzttag, weil am Wochenende alle merken, dass sie krank sind, am Freitag gehen sie noch einmal, damit sie das Wochenende gut überstehen, aber am Dienstag sitze ich selbst als Kassenpatient und beim Facharzt nur genau so lange im Wartezimmer, wie es braucht, um zwei Ausgaben der „Bunten“ durchzublättern. Das ist genau die richtige Länge, denn mein Friseur ist einer von denen, die statt der „Bunten“ „Lucky Lucke“ ausliegen haben, und wenn man wissen will, was an dieser Welt falsch ist, ist die „Bunte“, „Burdas gruseliges Schmodderblatt“ (Gerhard Henschel), ja nun genau das Richtige.

Meine Lieblingsgeschichte war die eines jungen Prominenten, der sich ein Öko-Tiny-House aufs von der Oma geerbte Grundstück gebaut hat, weil wir uns, sagt er, nämlich alle ändern müssen, und sein nächster Plan, sagt er, ist „ein Elektroauto, am liebsten von Porsche“. Ich hab sogar noch mal zurückgeblättert, ob ich da ein Ironiesignal übersehen hätte („und lacht“), aber nix, zum Öko-Tiny-House gehört ein Elektroporsche wie die „Bunte“ ins Wartezimmer. Dass im Vermischten (also: im Vermischten vom Vermischten, vermischt ist in der „Bunten“ ja nun alles) plötzlich Jonathan Franzen auftauchte, war erst mal weniger plausibel, aber das muss er als Anführer der „Spiegel“-Bestsellerliste Sachbuch („Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen? Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können“) nun einmal aushalten; wie er es ebenfalls aushalten muss, zum Kaufobjekt von „Bunte“- und „Spiegel“-Kundschaft zu werden, die es gern liest, dass Nichtstun letztlich dasselbe ist wie nicht Nichtstun, auch wenn Franzen das nicht schreibt, sondern dafür plädiert, nicht quasireligiös die Weltrettung zu betreiben, sondern lieber den einen oder anderen Apfelbaum zu pflanzen und die Welt bis zu ihrem sicheren Untergang zu einem besseren Ort zu machen. Bzw. gerade deswegen.

Wäre Franzen nun nicht in der „Bunten“ aufgetaucht, ich hätte es nicht wieder ausgegraben: wie ich vor Monaten noch einmal „Die Korrekturen“ in der Hand hatte und gar nicht mehr verstehen konnte, was ich daran, wie alle Welt, mal gefunden habe, so quälend akribisch ausgemalt war das alles, ein All-inclusive-Angebot aus Psychologie und Detailbesessenheit, das zum ächzenden Querlesen geradezu einlud. Als wär’ Literatur nicht Kondensat, sondern bloß jener Positivismus, den Spezialbeobachtungen wie „Das Licht hatte die Farbe von Reiseübelkeit“ weniger unterlaufen denn verstärken.

„Waldmann saß und hat hinaufgesehn, / und er sah die Welt wie sie verdorrte. / Plötzlich spürte er die Macht der Worte. / Später ist dann gar nichts mehr geschehn.“ Ror Wolf, 2015

Nee, da soll, auch wenn die Dialoge in Ordnung sind, von Lovenberg mit glücklich werden, ich finde ja Philip Roth schon überschätzt. Aber das macht auch nichts; Franzen ist natürlich immer noch viel besser als Neu-Star und Gurkenkönigin Raphaela Edelbauer („Das Loch übte eine mesmerisierende Gewalt aus, ein kollektives Begehren, das das wirtschaftliche Hymen zu durchbrechen strebte, welches das Land von seiner Bevölkerung getrennt hatte“), der Kollege Michael Ziegelwagner im Januarheft ihren mesmerisierenden Murks gerechterweise um die Ohren hat fliegen lassen. Aber weshalb ich überhaupt darauf komme: Mir ist ein altes Franzen-Interview in Erinnerung, in dem der passionierte Vogelfreund sinngemäß sagte, gewiss lasse er sich das passionierte Vogelbeobachten in aller Welt nicht ausreden („Sie wollen jetzt sicher von mir hören, dass ich in kein Flugzeug mehr steige“), und nun also: think local, act local. Und klar, wenn sein Agent oder seine Agentin sagt, komm, wir lassen deinen im New Yorker erschienenen Aufsatz in Deutschland als Buch binden, gibt noch mal was extra, sagt er natürlich nicht nein. Ich finde trotzdem, dass man nie schreiben soll, was die Leute hören wollen, schon gar nicht die falschen, und dass es einen unter Qualitätsgesichtspunkten noch heikleren Platz gibt als auf der „Spiegel“-Bestsellerliste: auf der „Spiegel“-Sachbuch-Bestsellerliste.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Deutsche, wehrt Euch!

Ich habe, ich muss es gestehen, mich mitschuldig gemacht, als ich vor Wochen, beim Warten auf die U-Bahn vorm Fahrgastfernsehen, mich nicht einmischte, als die zwei freundlichen Kleinbürger drei Sitze weiter sich so über die Schlagzeile „16jähriger greift 19jährigen mit dem Messer an“ freuten, weil sie nämlich genau wussten, wie absichtsvoll hier die Migrationshintergründe verschwiegen worden seien; und natürlich war es in erster Linie Feigheit, in zweiter aber das Wissen, dass Alltagsrassismus so heißt, weil er Alltag ist, und wie und zu welchem Ende wehrt man sich gegen Alltag?

Dass wir uns jetzt aber wirklich mal langsam wehren müssten, war die einhellige Überzeugung der Medienarbeit in den Stunden und Tagen nach Hanau, und Rainald Becker, dieser verlässliche CDU-Esel in Diensten des SWR, schoss in den Tagesthemen so furchtlos gegen die spalterische Hetze der AfD, wie es Altenbockum, auch ein sehr Verlässlicher, in seiner FAZ gegen das schlimme Internet tat, in dessen „Darkroom“ (erstaunlich, wie sicher der aufrechte Heteromann Altenbockum nach den passenden Metaphern fasst) sich „Verschwörungstheorien, Verfolgungswahn und Menschenverachtung“ verbänden; wie, die Weisheit des Weltgeistes ist eo ipso unerreicht, amerikanische Untersuchungen lt. SZ schon am Tag vor Hanau herausgefunden hatten, dass rechte Propaganda vom schnellen Internet profitiere. Geradezu in die Mangel nahm Caren Miosga, vor Beckern, den hessischen CDU-Innenminister, die Polizei müsse doch unsere migrantischen Nachbarn schützen, und was mit den NSU-Akten sei, die die Hessen nicht herausrückten, und zum zweiten fiel dem Minister freilich wenig, zum ersten aber füglich ein (ich übersetze), die Polizei könne ja nun nicht vor jeder Shishabar und jedem türkischen Imbiss Posten beziehen. Was, bedenkt man die Nazis in der Polizei selbst, die vom Faxgerät des Reviers Opferanwältinnen Drohbriefe schicken, vielleicht auch kontraproduktiv wäre.

„Wäre es da / Nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und /
Wählte ein anderes?“ Brecht, 1953

Hanau, das sind wieder mal die sog. Versäumnisse: das sind die Waffen, die Tobias R. als Sportschütze legalerweise hatte; das sind seine Youtube-Botschaften, die im großen weiten Internet für niemanden, der nicht gezielt danach suchte, auffindlich waren; das ist ein Verfassungsschutzpräsident, dessen rechtsnationale Sympathien jahrelang kein Problem waren. Könnte freilich sein, dass der Eifer, mit dem sich Presse und Funk auf all das stürzen, nicht nur damit zu tun hat, dass Presse und Funk die sog. Ausländerpolitik in diesem Land, vom widerwärtigen „Asylkompromiss“ nach den Pogromen der Neunziger bis zur europäischen Frontex- und Hopp-Politik heute, so gut wie immer mitgetragen haben und eine Kraft wie Becker, die sich jetzt gegen die Gleichsetzung von links und rechts ins Zeug legt, für genau diese Gleichsetzung mit „DDR light“-Gerede in Richtung Linkspartei jahrzehntelang einstand. Nein, sie ahnen auch, dass das Problem nicht die Nazis in der Polizei und die Nazis als V-Leute und die Nazis in den Parlamenten sind, sondern die freundlichen Nachbarn in der U-Bahn, die einen guten Döner zwar schätzen, Türken aber nach wie vor für natural born Messerstecher halten und deshalb auch gar nicht verstehen, was alle gegen Sarrazin haben.

Georg Mascolo, der in den Tagesthemen als „ARD-Terrorexperte“ firmierte, wünschte sich fromm die Lichterketten zurück; doch so hell kann es gar nicht werden, dass es Licht ins Dunkel jener Köpfe brächte, die die Nazis in die Parlamente wählen oder den Nazis in den Parlamenten mit Heimat- oder homophober oder Leitkulturscheiße (ja, Frau Dorn, auch Sie sind gemeint) vorarbeiten und mit Nazis allzeit reden wollen; wobei der Hang zum Selbstgespräch ja verbreitet ist. „Dass die pathische Meinung der sogenannten normalen immanent ist“, hat Adorno vermutet. „Unterm Bann der zähen Irrationalität des Ganzen ist normal auch die Irrationalität der Menschen“, und wenn sich sogar die Vormacht der westlichen Welt einen faschistischen Gauner als Präsidenten leistet, ist gar nicht recht einzusehen, warum ausgerechnet die Hiesigen stillhalten sollten und dem Hass, der zum System gehört wie das Gift zur Mamba, nicht immer wieder und immer gewalttätiger Ausdruck verleihen.

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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Feindes Land

Heute morgen lag das „Zeit“-Magazin im Altpapierkorb, der im Treppenhaus die Prospekte aufbewahrt, bis sie wer entsorgt oder eben nicht entsorgt, und ich habe es (das Magazin) mit spitzen Fingern herausgezogen, so wie Alfred Biolek, nach eigener Aussage, immer das Feuilleton aus der FAZ zieht oder jedenfalls zog, er ist ja alt und krank, und ob er da wirklich noch Tag für Tag das Feuilleton aus der FAZ zieht, will ich gern bezweifeln. Meine Finger waren aber darum so spitz, weil ich gar nicht glaube, dass der „Zeit“-Abonnent im Hause als erstes, wenn er seine „Zeit“ aus dem Kasten holt, das Magazin wegschmeißt, wegen der Werbung vielleicht oder Martenstein, ich meine, wenn er Martenstein nicht mag, warum soll er dann die „Zeit“ abonnieren?

Nein, ich lege das Magazin nachher zurück, es wird aus dem „Zeit“-Packen herausgerutscht sein, ich wollte zum Frühstück nur was über den „Aufklärer, der nicht aufklären darf, S. 34“ erfahren, es geht da um NSU-Ermittlungen, oder sollen wir sagen: die einschlägigen Nichtermittlungen, und dass da in Thüringen ein Exermittler in seiner Waldhütte hockt und krankgeschrieben ist, weil er glaubt oder wissen will, dass da noch viel mehr falschgelaufen bzw. unterlassen bzw., wie das dann hinterher immer heißt, „versäumt“ worden ist, als man weiß, und er aber vor keinem Untersuchungsausschuss mehr sagen darf als das Allermindeste, Quellenschutz. Es geht in der (etwas wirren) Geschichte auch noch um zwei tote Kühe, von denen der Exermittler glaubt, sie seien ihm von Nazibauern vors Fenster gelegt worden und darum, dass vor der Hütte seit dem AfD-Triumph in Thüringen jetzt „Feindesland“ sei.

In der Morgenzeitung, derentwegen ich heute morgen überhaupt im Treppenhaus war, war dann zu lesen, ein Ingenieur habe der AfD sein gesamtes Vermögen in Höhe von sieben Millionen Euro vermacht. Hitler ist ja noch von der Großindustrie finanziert worden, seine Nachfolger kriegen’s jetzt von den Ingenieuren, und wenn ich an anderer Stelle die Einschätzung gewagt habe, die Welt, wie sie ist, sei ein einziger Triumph des Kleinbürgerlichen, so hab’ ich damit am Ende genauso sturheil recht wie mit der Voraussage, Annegret Kramp-Karrenbauer habe keine Chance und sie nie gehabt.

„die Mehrheit denkt wie wir und darf es nur geheim / Auch wenn sie das Gegenteil behaupten / sie sind doch alle Nationalsozialisten / das siehst du doch auf Schritt und Tritt / aber sie geben es nicht zu / ich kenne niemanden der nicht so denkt wie wir / … Das ist das Schreckliche … / dass wir der Welt nicht zeigen wer wir sind / wir zeigen es nicht / anstatt es zu zeigen ganz offen zu zeigen“ Thomas Bernhard, 1979

Nach dem Anschlag auf die Synagoge von Halle, den von einem Blutbad bekanntlich nur eine dicke Holztür getrennt hat, haben sich die Einsatzkräfte (oder vielleicht besser Nichteinsatzkräfte), berichten u.a. die „Süddeutsche“ und tagesschau.de, übrigens kein Bein ausgerissen. Wollte man es dem Anlass unangemessen humorisieren, so muss, während beim Anruf aus der belagerten Synagoge die Schüsse durchs Telefon knallten, der oder die Zuständige mit sehr viel Seelenruhe den Finger aus dem Popo gezogen haben, um dann nicht das SEK, sondern einen Streifenwagen vorbeizuschicken, dem eine Beamtin entstiegen sei, die weder Schutzkleidung angelegt noch sich um die vom Attentäter ermordete Passantin auf dem Gehsteig gekümmert, auch keinen Notarzt gerufen habe. Die Beamtin, sieht man wohl auf den Überwachungsbändern der Synagoge, spaziert ein wenig herum, bis dann nicht nur ein zweiter Streifenwagen erscheint, sondern auch der zwischenzeitlich mit dem Auto verschwundene Attentäter im selben, immerhin zur Fahndung ausgeschriebenen Auto zurückgekehrt und an den Beamten vorbeigondelt. Besonders bewacht war die Synagoge am höchsten jüdischen Feiertag sowieso nicht.

Derweil legt Bundespräsident Steinmeier am Dresden-Gedenktag Wert darauf, dass die Deutschen angefangen hätten, und freut sich das Morgenblatt im Feuilleton, dass in Hamburg die „von den Nazis“ zerstörte Synagoge wieder aufgebaut werden soll. Dass der deutsche Ingenieur sein Vermögen nicht der jüdischen Gemeinde vermacht hat, leuchtet ein, wenn man sich klarmacht, dass die Juden ja sowieso das ganze Geld haben, und während oben fürs gute Deutschland geworben wird und in der Zeitung fürs gute Deutschland gelogen wird, bleibt Deutschland, sind wir ehrlich, so nicht so gut, wie wir es kennen.

Aktuelle Cartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Hallo, Allos-Brotaufstriche!

»Leckere Linsen mit ausgewählten Gewürzen und Gemüse machen den Allos-Linsenaufstrich so besonders lecker« – ist das nicht ein bisschen halbherzig? Macht neben den leckeren Linsen nicht auch das leckere Gemüse Deinen leckeren Linsenaufstrich so besonders lecker? Ja? Nein?

Schluck’s runter.

Darum bittet Titanic

 Huhu, »Süddeutsche«!

Unter der Überschrift »Lauter Millionäre« gabst Du Arbeitnehmern in Deutschland sieben Tipps, wie sie im Lauf ihres Berufslebens eher 2,8 Millionen als 900 000 Euro brutto verdienen könnten. Neben wertvollen Ratschlägen wie »Berufswahl stellt Weichen«, »Lücken im Lebenslauf kosten«, »Bildung zahlt sich aus«, »Gehalt wächst mit dem Alter« und »Auf die Region kommt es an« heißt es unter »Führungsposten lohnen sich«: »Reichwerden klappt am ehesten, wenn man einen Chefposten ergattert.«

Echt, SZ? Bisher waren wir immer davon ausgegangen, dass man reich wird, wenn man möglichst lange einen subalternen Posten innehat, an dem einem alle anderen sagen, was man zu tun hat: Titanic

 Kennen, Hagen Hultzsch (FDP Thüringen),

muss Sie natürlich niemand, dennoch hat es uns beeindruckt, dass Sie auf einem Wahlplakat, über das wir im Weimarer Straßendreck gestolpert sind, gewissermaßen prophetisch gefordert haben, den Menschen mehr zuzutrauen. Völlig daneben lagen Sie allerdings mit Ihrem Gruß »Hallo übermorgen«. Das hätte doch wohl treffender heißen müssen: »Hallo vorgestern«!

Kann sich das auch gut als künftigen Gruß an Ihre Partei vorstellen: Titanic

 Scusi, Kellerei Settevetro (Italien)!

Scusi, Kellerei Settevetro (Italien)!

Wegen eines technischen Fehlers ist Dein Lambrusco in die Wasserleitungen des Örtchens Castelvetro di Modena gelangt und sodann hellrot und schäumend in einigen Häusern aus den Wasserhähnen geperlt. Der Unfall sei aber »nicht mit hygienischen oder gesundheitlichen Risiken verbunden« gewesen, teiltest Du mit.

So begrüßenswert natürlich im allgemeinen eine Alkoholversorgung aus dem Wasserhahn sein mag, müssen wir doch fragen: Hast Du noch alle Spaghetti im Topf, Kellerei Settevetro? Lambrusco zu verabreichen ist nach Recherchen in unserer famiglia sogar der Mafia zu eklig!

Es grüßt mit einem kühlen Konterbier: Titanic

 Platsch, Bestsellerautor Frank Schätzing!

Wie hörten wir Sie jüngst aus dem Radio rausraunen? »Wenn Sie sich einmal in die Politik reinbegeben, verlieren Sie Ihre Freiheit – auch die Freiheit, Dinge auszusprechen. Die Parteistrukturen, in denen Politiker sich von der Pike auf hocharbeiten, sind wie Flüsse, und Sie sind der Kiesel. Sie werden rund geschliffen, ob Sie das wollen oder nicht. Andernfalls kommen Sie ja gar nicht oben an!«

Au weia. Was also, Frank Schätzing, tun? Flusskiesel künftig ungeschliffen lassen, damit sie besser oben ankommen und auf der Wasseroberfläche schwimmen? Strukturen entwässern, damit sie aufhören, wie Flüsse zu sein? Die Pike aus dieser feuchten Metapher nehmen, bevor sie rostet? Ja? Und wenn Politiker dann endlich die Freiheit haben, »Dinge auszusprechen« – was schätzen Sie: Wird das dann so eloquent und bildstark klingen, als hätte es ein gelernter Schriftsteller formuliert?

Übt noch die flüssige Aussprache: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Offener Widerstand

Ohne mein Wissen ist aus der Telefonzelle im Dorf ein beschissener offener Bücherschrank geworden. Aus Trotz gehe ich dort jetzt immer telefonieren.

Ronnie Zumbühl

 Es gibt nur Innen

Großstädte haben keinen Stadtrand. Es kommt immer noch ein Imbiss, noch eine Baustelle, eine Industriehalle, ein Depot. Geografinnen, Immobilienmakler und Raumplaner starteten Expeditionen, um an den Rand einer Großstadt zu gelangen. Nie sind welche zurückgekommen.

Miriam Wurster

 Pragmatismus

Die Oma einer Freundin pflegte in der Nachkriegszeit, als es nichts zu essen gab, ihren hungrigen Kindern einen pfiffigen Ausweg aufzuzeigen, wie sich die Lust aufs Essen leicht vergessen lasse: »Jetz hauma uns halt as Maul am Tischeck an!« Und tatsächlich ist kaum etwas besser geeignet, den knurrenden Magen zu übertönen, als der Schmerzensschrei nach einer an der Tischkante blutig geschlagenen Lippe.

Tibor Rácskai

 Frage nach dem Sinn des Lebens

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es eine Handvoll auserwählter Menschen gibt, denen eine höhere Macht den allgemeinen Sinn des Lebens bereits erläutert hat, aber leider sind das wahrscheinlich allesamt solche »Mich fragt ja niemand!«-Typen.

Cornelius W.M. Oettle

 Wesentlich werden

Neulich im Café bildete ich mir ein, am Nebentisch die Schriftstellerin Karen Duve zu sehen, um dann auf den zweiten Blick zu bemerken, dass es sich in Wahrheit um die Schauspielerin Catherine Deneuve handelte. Meine Hoffnung, es könne sich bei mir in Wahrheit um den Maler Jasper Johns handeln, erfüllte sich allerdings nicht.

Jasper Nicolaisen

Vermischtes

Serdar Somuncu: "H2 Universe: Die Machtergreifung", DVD
Er ist der selbsternannte Hassias – viel wichtiger aber noch: der designierte Kanzlerkandidat für Die PARTEI. Holen Sie sich jetzt die neue DVD von Merkel-Nachfolger Serdar Somuncu als Gratisprämie und stehen Sie damit schon vor der Machtergreifung auf der richtigen Seite. Ihre Kinder werden es Ihnen danken!
Zweijahres-Abo: 98,60 EURKamagurka & Herr Seele: "Cowboy Henk"
Er ist Belgier, Kamagurka. Belgier! Wissen Sie, was der Mann alles durchgemacht hat in letzter Zeit? Eben, er ist Belgier. Und hat trotzdem in einem Finger mehr Witz als Sie im ganzen Leib! Und Heldenmut! Glauben Sie nicht? Dann lassen Sie sich von Cowboy Henk überzeugen, dem einzigen Helden, der wirklich jeden Tag eine gute Tat begeht.
Zweijahres-Abo: 98,60 EURSonneborn/Gsella/Schmitt:  "Titanic BoyGroup Greatest Hits"
20 Jahre Krawall für Deutschland
Sie bringen zusammen gut 150 Jahre auf die Waage und seit zwanzig Jahren die Bühnen der Republik zum Beben: Thomas Gsella, Oliver Maria Schmitt und Martin Sonneborn sind die TITANIC BoyGroup. In diesem Jubiläumswälzer können Sie die Höhepunkte aus dem Schaffen der umtriebigen Ex-Chefredakteure noch einmal nachlesen. Die schonungslosesten Aktionsberichte, die mitgeschnittensten Terrortelefonate, die nachdenklichsten Gedichte und die intimsten Einblicke in den SMS-Speicher der drei Satire-Zombies – das und mehr auf 333 Seiten (z.T. in Großschrift)! 
Zweijahres-Abo: 98,60 EURElias Hauck (Hrsg.): "Alles Spargel oder was?"
Endlich ist ganzjährig Spargelsaison! Elias Hauck, die eine Hälfte von Hauck & Bauer und Herausgeber des Frauenmagazins "Sonja", serviert die reifsten Spargelwitze der Welt – gezeichnet und erzählt von dutzenden gemüseliebenden Cartoonisten und Autoren. Lachen Sie unter anderem über: den mit den polnischen Erntehelfern, den mit dem kaputten Spargelschäler und den mit der Fliege in der Hollandaise.Wenzel Storch: "Die Filme" (gebundene Ausgabe)
Renommierte Filmkritiker beschreiben ihn als "Terry Gilliam auf Speed", als "Buñuel ohne Stützräder": Der Extremfilmer Wenzel Storch macht extrem irre Streifen mit extrem kleinen Budget, die er in extrem kurzer Zeit abdreht – sein letzter Film wurde in nur zwölf Jahren sendefähig. Storchs abendfüllende Blockbuster "Der Glanz dieser Tage", "Sommer der Liebe" und "Die Reise ins Glück" können beim unvorbereiteten Publikum Persönlichkeitstörungen, Kopfschmerz und spontane Erleuchtung hervorrufen. In diesem liebevoll gestalteten Prachtband wird das cineastische Gesamtwerk von "Deutschlands bestem Regisseur" (TITANIC) in unzähligen Interviews, Fotos und Textschnipseln aufbereitet.
Zweijahres-Abo: 98,60 EURDie PARTEI-Wahlwerbungs-DVD mit allen vier Wahlwerbespots aus dem Bundestagswahlkampf 2005: Höhepunkte der Politpropaganda, die von Otto Schily mit dem Prädikat "ein Skandal" ausgezeichnet wurden. Besser aufgelöst als auf Youtube und noch dazu mit einer praktischen, farbechten Hülle drumrum - das ist doch was, was?
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Das schreiben die anderen

  • 31.03.:

    Der "Spiegel" befragt TITANIC-Chefredakteur zu Corona als Gegenstand von Satire. 

     

  • 30.03.:

    "Der kleine Herr Tod" von Christian Y. Schmidt ist Buchtipp bei radioeins, die erste Lesung dazu gibt es hier. Auch MDR-ARTOUR stellt das Buch vor. Einen weiteren Livestream gibt es ab dem 1.4. jeden Mittwoch um 19 Uhr.