Newsticker

Nur diese Kategorie anzeigen:Fabian Lichters Economy Class Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen

Fabian Lichters Economy Class

Das ist alles vom Polizeigesetz gedeckt

"Alle Bullen sind Schweine" – das sei natürlich leicht gesagt, heißt es gerne, wenn man nicht einmal einen, geschweige denn alle kenne, womit man übersieht, dass es meist einfacher wird, wenn man dann tatsächlich einmal Bekanntschaft mit ihnen macht. Sei es bei der Gegen-Demo zu beliebigem braunen Auflauf oder wenn gar das Grußkärtchen vom NSU 2.0 daheim hereingeflattert kommt. Da möchte man dann eben auch nicht mehr unbedingt gemeinsam Käffchen trinken.

Mag schon sein, dass es ohne sie scheußlich zugehen würde, nur mit ihnen eben auch. Da ist Racial Profiling nur eine Baustelle von vielen: "Im deutschen Rechtssystem kommt man nicht gegen die Polizei an", sagt der Hamburger Altenpfleger John H. der taz, der von drei Polizisten vom Rad gerissen und fixiert wurde, auf den bloßen Verdacht hin, er handle mit Drogen. Ein anonymer Tipp und die falsche Hautfarbe reichen dafür offensichtlich aus. Die drei Täter – muss man es erwähnen? – kommen straffrei davon.

Parolen hin oder her: Man gibt sich in Polizeikreisen reichlich Mühe, die Aussage mit den berühmten vier Buchstaben wasserdicht zu machen. "Hessens Innenminister löst SEK Frankfurt auf", konnte man beim Spiegel lesen, nachdem u.a. gleich 18 Nazis dummerweise durch den psychologischen Test zur Aufnahme in eine Spezialeinheit gerutscht sind – mit Erfolg, versteht sich. Denn wenn sich ein Nazi in Deutschland nicht gleich selbst als Nazi vorstellt, muss er sich schon sehr dumm anstellen, um nicht auch noch Karriere zu machen.

Mindestens ein wenig schlecht getimt ist es dann schon, wenn man am selben Tag an derselben Stelle liest, was sich in Sachen Überwachungsgesetz so tut. Dass nämlich Bundespolizei und Nachrichtendienste neuerdings im Verdachtsfall via Bundestrojaner auf Smartphone und Computer mitlesen dürfen, präventiv also. Und was soll da schon bitte schiefgehen?

Es reicht neuerdings aber auch schon, in der SPD zu sein, was Martin Dulig, SPD-Vorsitzender Sachsen, erfahren durfte. Dem nämlich radikales Gedankengut dergestalt durch den Kopf spukte, dass die CDU eventuell nicht ganz unschuldig am Naziproblem sei, immerhin habe man 25 Jahre lang verharmlost und relativiert. Das fand der Verfassungsschutz dann doch zu interessant, um sich nicht einzuschalten, man weiß ja um die radikale Sprengkraft der Sozialdemokratie. Gerade im Osten. Wie gut, dass jemand aufpasst.

 

Nur diese Kategorie anzeigen:Fabian Lichters Economy Class Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen

Fabian Lichters Economy Class

Zeit und Verschwendung

Wahrheit hat ihren Zeitkern, und dass Haltungen, Anschauungen, Geschmäcker und Formen der Ästhetik plötzlich "aus der Zeit gefallen wirken", ist nicht zuletzt diesem Umstand geschuldet und eben nicht das Werk finsterer Meinungsmächte oder gesteuerter Diskursverschiebungen. Das kann man einsehen oder man wird Welt-Leser.

Es war leicht, beispielsweise noch mit ein paar Jahrzehnten Puffer zu den ersten Katastrophen in Sachen Weltklima das Anliegen von Umwelt- und Ökologiebewegungen als lächerlich abzutun. Statt vor dem Weltuntergang fürchtete man sich lieber vor den Achselhaaren der Ökos, und der Applaus war einem sicher. Man muss gar nicht geschmäcklerisch daherkommen, um das als verstaubt abzutun, nicht einmal sonderlich moralisch; Achselhaare sind nun mal einfach nicht mehr unser größtes Problem.

Ein Drittel aller Hitzetoten, meldet u.a. die Taz, geht längst auf das Konto der Erderwärmung, und wo früher Eisberge waren, löst sich fröhlich das Quecksilber. Wie es hier nur in fünfzehn Jahren aussehen wird, mag sich schon keiner mehr ausmalen. Die lässige Haltung zu Themen wie diesen ist folglich futsch, desavouiert durch nichts Geringeres als die Realität selbst. Sie wird niemandem verboten, allein sie langweilt schrecklich. Kunst, Politik und ein Leben, das nicht vollkommen den Draht zur Außenwelt verloren hat, versucht Tatsachen wie diese zu integrieren, sonst wäre die ganze Welt Bayreuth.

Was zum Schlachtfeld "politische Korrektheit" führt: Wenn Präsidenten, ins Parlament gewählte Parteien und die Nachbarn längst wieder menschenverachtender sprechen als jede "Kunstfigur" aus Comedy und Kabarett es je getan hat – muss ich das dann auch noch tun? Und für wessen Freiheit noch mal genau? Der Freiraum, in dem man sich einst so heldenhaft bemühte, Grenzen auszuloten, ist eben gewachsen, heißt, es wird nicht mehr einzig unter sich ausgehandelt, mit wie viel Schweinskram man noch durchkommt. Und wer Witze über Müslis oder Aische von nebenan nicht mehr originell findet, hat vielleicht auch einfach mehr Humor als Jan Fleischhauer.

Deswegen muss man noch lange nicht glauben, Hegels Weltgeist sei in Form der sogenannten Woke-Culture ans Werk gegangen: Dass autoritäre Charaktere und die Schrebergärtner des Geistes auch im Namen des Guten ihre Selbstgerechtigkeiten in die Welt hämmern, weil sie aus irgendeinem Zufall eben nicht in einer puritanischen Kirchengemeinde oder der Jungen Union gelandet sind – geschenkt. Wer leugnet, dass es ein Zuviel des Guten gibt, hat höchstwahrscheinlich einen rege genutzten Twitter-Account oder eben nicht. Wo werdenden Eltern schon mal geraten wird, sie sollten nicht auf ein gesundes Kind hoffen, das impliziere Geringschätzung an einem kranken Kind. Sprachkritik direkt aus der Hölle.

Die Polarisierung mitzumachen, heißt, die Stumpfheit weiterzutragen. Wer darauf auch noch die nächsten zehn Jahre Lust hat, wird weiterhin seine Zeit dort verplempern, wohin sich Gehirne zum Sterben zurückziehen und dafür herzen. Möge die Rache der nächsten Generation fürchterlich sein.

Nur diese Kategorie anzeigen:Fabian Lichters Economy Class Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen

Fabian Lichters Economy Class

Im Zentrum des Wahnsinns

Neuerdings hört man wieder öfter von ihr: der Mitte. Anzustreben sei sie, zu erhalten. Persönlich, im Sinne der allgemeinen Gelassenheit, vor allem aber politisch – als gesicherter Raum eines Koordinatensystems der Werte und Anschauungen, Sphäre einer Klientel, die vernünftig und abwägend handele, stabil und friedenssichernd wirke. Anders als die "Spinnerten" (J. Gauck, neckisch über Bruder Querdenker) an den Rändern, dabei ist man in der Mitte auch nur auf seine eigene Art und Weise spinnert. Ob nun die neueste Prenzelberg-Esoterik oder akademischer, zwischen Banalität und Idiotie gelagerter Unsinn wie die Welt sei Text (Letzteres möge der derart denkende Mensch bitte einmal dem Kind in der Kobaltmine erklären, das gerade den Rohstoff für seinen nächsten Handy-Akku aus dem Boden holt) – wer will es heute schon konkret?

Als schick galt es in der Mitte lange Zeit, sich ein paar "unerklärlichen Dingen" offen gegenüber zu zeigen, um nicht kleingeistig und borniert zu wirken, Heilpraktiker und Vertreiber von Homöopathika leben nach wie vor gut davon. Man lässt sich von nach dem Burnout in der Agentur zu Heilern umgeschulten Mittvierzigern das Genick umdrehen, die Knochen knacken und die Hände auflegen, aber ist schon aus Ausgewogenheitsgründen erst mal skeptisch, wenn ein Virologe einem mit Zahlen kommt. Man meditiert für die Work-Life-Balance und wer kein Kapital hat, glaubt durch Ratgeber und das richtige Mindset – also Kraft seiner Gedanken – trotzdem noch irgendwie Millionär werden zu können.

Neben all dem Lifestylemumpitz steht eine pseudokritische und salbungsvoll raunende engagierte Mitte, heißt: Man liest Carolin Emcke und ihren neuen Jargon der Eigentlichkeit ("Ich empfinde dieses Vakuum als Dissonanz", Emcke über den Tod, was sonst?) oder lauscht Phrasenschwein Joachim Gauck, um sich noch bei der Befassung mit den Problemen dieser Zeit möglichst weit von ihnen weg zu bewegen. Dann doch lieber Knochenknacken.

Die größte Lebenslüge der Mitte, sie sei das Bollwerk gegen den Faschismus, ist historisch nicht minder unhaltbar als der verdrehte Quatsch, der den Verschwörungstheoretikern aus den Telegram-Gruppen durch die Hirne brummt. "Der Nationalsozialismus in Deutschland wurde nicht von einer bürgerlichen Mitte verhindert, sondern massgeblich von ihr mitgetragen" (Max Czollek, woz.de). Und noch heute will man vor allem die Schäfchen in die Mitte integrieren, die ihr – um im falschen Bild zu bleiben – nach rechts davonlaufen. Da kann der topintegrierte Einwanderer noch so viel Pluspunkte sammeln, es wird ihm nie das Verständnis entgegenwehen, das ein grenzpsychotischer Impfskeptiker mit Hitlerknacks erhält. Trümmerhaufen Mitte.

Laut Wolfgang Pohrt ist der Mensch modernen Zuschnitts nicht einmal mehr zur Ideologie fähig. Das Ich fragmentiert, ein heilloser Flickenteppich aus Anschauungen und Reaktionen, erschüttert und gespalten durch die gesellschaftlichen Widersprüche und Widrigkeiten. Und genau so sieht es dann auch aus: Nicht nur auf der Querdenkerdemo schaffen es die Leute heute mühelos links, rechts und liberal, Opfer, Täter, dafür und dagegen gleichzeitig zu sein. Ein Amoklauf der Rationalisierung.

Die moderne Welt formt sich die Menschen nach ihrem Anspruch. Ein Leben lang flexibel, kreativ und bereit zu sein, sich jederzeit neu zu erfinden – das kann nichts anderes heißen, als einen kompletten Dachschaden zu haben. Wie redet man mit denen, mit denen man nicht mehr reden kann? Fragen sich die, die nichts zu sagen haben. Willkommen im Vakuum.

Nur diese Kategorie anzeigen:Fabian Lichters Economy Class Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen

Fabian Lichters Economy Class

Anlage, Anlage, Anlage

Man muss sich nur fünf Minuten mit dem Immobilienmarkt beschäftigt haben, um auf der Stelle Kommunist werden zu wollen. Oder eben Eigentümer, aber es soll hier nicht um Charakterfragen gehen. Letzteres dürfte jedenfalls selbst für die vermeintlich saturierte Mitte bald so weit entfernt sein wie die freie Gesellschaft, also warum nicht gleich aufs Ganze gehen?

Wer jetzt keinen Mietvertrag hat, der kriegt auch keinen mehr. Das schwant einem zumindest, wenn man liest, dass die Wohnungskonzerne Vonovia und Deutsche Wohnen AG die Fusionierung planen. Es wäre nur ein weiterer Beleg dafür, dass man auf dem Immobilienmarkt noch mit jeder Schweinerei durchkommt.

Warum jemandem rund eine halbe Million Wohnungen gehören dürfen, wo andere kein Dach über dem Kopf haben, weil eben ein paar Mal zu viel Pech gehabt, fragt man besser ohnehin nicht oder eben bitte doch einmal. Mietendeckel? Schon zu viel Utopie für eine deutsche Verfassung. Vonovia ist, falls es wer noch nicht erlebt hat, übrigens bekannt dafür, dank des "Schlupflochs" Modernisierungsumlage die Mieter aus ihrem Mietverhältnis regelrecht herauszusanieren.

Das alles muss eine Demokratie aushalten, wenn man keine Investoren verschrecken möchte. Denen gehört dann aber bei genauerem Hinsehen ohnehin schon so ziemlich alles, da auch Gemeinden und Städte im Überschwang der letzten Jahre entdeckt haben, dass man aus Grund und Boden immer noch ein wenig mehr rausholen kann, und in Goldgräberstimmung verjubelt haben, was nur ging. Jetzt darf gnädigerweise zurückgekauft werden, Eigentum verpflichtet ja.

Nach Brecht kommt die Schwärmerei für die Natur von der Unbewohnbarkeit der Städte, die sich jetzt noch einmal ganz neu darstellen dürfte. Wer nun denkt, eine Wohnung im Grünen sei zur Not immer noch drin, wenn ein St. Pauli voller Zahnärzte und ein Kreuzberg der Anlageberaterinnen endgültig keinen Spaß mehr machen, irrt. Denn auch dort ist’s längst dasselbe in – na ja – grün.

Man braucht nicht viel Phantasie, um zu erahnen, wie das alles in naher Zukunft aussehen wird. Wohin also flüchten, wenn eines Tages auch Eisenhüttenstadt eine einzige Anlage geworden ist, die durch voreilige Mieterfüße nur Wertverlust erfahren würde? Ein Flug ins All mit Jeff Bezos liegt derzeit bei knapp 3 Millionen Dollar. Dafür kriegt man in zehn Jahren vielleicht aber auch noch ein schönes Zimmer in Bockenheim.

Nur diese Kategorie anzeigen:Fabian Lichters Economy Class Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen

Fabian Lichters Economy Class

Meine Freiheit, deine Freiheit

Ein zuverlässiger Indikator fürs Idiotentum ist die kleinkindhafte Auflehnung gegen Verbote, und seien es behauptete oder halluzinierte. Man erinnert sich schmerzlich an Christian Lindners Angst um das Schnitzel, das ihm die Grünen angeblich rauben wollten. Dass Verbote durchaus ihre Berechtigung haben können und weitaus mehr als nur Gängelung und Bevormundung bedeuten, muss eben mit allen Mitteln im Unterbewussten gehalten werden, denn nur dann sind Menschen durch derlei Gepöbel in Stimmung für noch jede Schandtat zu bringen, etwa ein Kreuz bei der FDP zu machen. 

Das Fundament jeder Kultur bedeutet, sich Verbote (moralischer Art oder in Gesetze gegossen) aufzuerlegen, sei es, um mit Freud zu beginnen, das Verbot, den anderen totzuschlagen. Auf dieser simplen Affektbeherrschung ruht das zivilisierte Zusammenleben, aus der schlichten Erfahrung heraus, dass es einen Vorteil für das Individuum und auch die Gruppe bedeutet. Ein weiterer Vorteil könnte es sein, künftig auf einem Planeten zu leben, der noch bewohnbar ist. Nicht mehr und nicht weniger stellen nicht zuletzt die in den Raum, die aller Voraussicht nach noch eine Weile auf ihm verbringen werden. Einigermaßen beunruhigend, zu wissen, dass, wenn es denn nur reichen würde, diesen Vorteil zu gewährleisten, ein Großteil der Menschen dennoch zu trotzig wäre, dafür auch nur auf ein Schnitzelbrötchen zu verzichten.

Das nach rechts um Beifall schielende Granteln gegen vermeintliche Verbotsparteien, Fridays-for-Future-Demos und das Gequatsche von Fremdenangst beim Bäcker hat Lindner keine nennenswerten Sympathiepunkte gebracht. Und das muss man – Respekt! – auch erst einmal hinbekommen, den Leuten derart nach dem Mund zu reden und trotzdem auf Ablehnung zu stoßen. Manch einer ist eben noch zu dumm, sich dumm zu stellen.

Nun war es ausgerechnet die Pandemie, die der FDP wieder Aufwind gegeben hat (11% laut Umfragewerten), denn auch die wurde in weiten Teilen der Gesellschaft vor allem als Kränkung erlebt, als Zumutung, sich einschränken zu müssen. Für andere. Ein Zug, auf den die FDP nur zu gerne aufsprang. Denn auch für sie meint Freiheit im Ernstfall nun mal vor allem die Freiheit, andere über die Klippe springen zu lassen, ohne, sich dafür verantwortlich fühlen zu müssen.

Das ist dann auch das Programm, das hinter den Wahlkampfkloppern der FDP liegt (Cannabis-Legalisiserung, Aktienrente, ÖR-Kürzungen): Dass all dieser Unsinn auf ewig so weitergehen möge, und rette sich, wer kann. Eine Denke, die den Leuten dann doch vor allem anderen einzuleuchten scheint. Das schreit doch eigentlich nach Parteiverbot.

Nur diese Kategorie anzeigen:Fabian Lichters Economy Class Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen

Fabian Lichters Economy Class

Aus der Mottenkiste

Volker Bruch, Schauspieler (Babylon Berlin) und Mitinitiator von #allesdichtmachen, möchte der Partei "die Basis" beitreten, die sich ausgerechnet bei Querdenkern großer Beliebtheit erfreut. "Unser Ziel war, die Kritik an den Maßnahmen aus dieser als extremistisch gebrandmarkten Ecke zu holen", verteidigt Bruch die Aktion #allesdichtmachen, und auch im politischen Arm von Querdenken kann es natürlich mal wieder nur um Demokratie gehen, die dieser Tage ja insbesondere ebenjenen Leuten in der "als extremistisch gebrandmarkten Ecke" besonders wichtig geworden ist. Jener Ecke, in der man gerne Mal den Judenstern mit der Aufschrift "ungeimpft" trägt. Jan Josef Liefers derweil faselt in der Talkshow etwas von DDR und Meinungsfreiheit, als hätte sein Youtube-Auftritt nicht gereicht. Es ist alles genau die Soße, die man von deutschen Schauspielern erwartet und bestätigt mal wieder, dass es nicht mal an den Drehbüchern liegt, dass man sie abends nur wegschalten kann.

Nachdem sich hierzulande vom Promikoch bis zur abgehalfterten NDW-Sängerin inzwischen gefühlt jeder Öffentlichkeitskasper, der nicht bis drei zählen kann (und ein paar andere auch) radikalisiert oder gleich ins geistige Niemandsland verabschiedet hat, könnte man festhalten: In Zeiten der Krise rächt es sich offensichtlich, wenn man die Jahrzehnte zuvor in erster Linie damit verbracht hat, noch den letzten Esel berühmt zu machen. Vielleicht trauen wir Fernsehnasen, Schnulzensängern und NDW-Überlebenden auch einfach zu viel zu.

Dabei ist – das als Witz auf einer anderen Ebene – Babylon Berlin ja selbst ein Abbild der Misere. Dazu kann Bruch nur seinen Teil, aber auch Babylon Berlin kennt keine Vergangenheit, während es vorgibt, sich doch gerade mit ihr intensiv auseinanderzusetzen. Man muss wirklich nicht in den 20ern des letzten Jahrhunderts gelebt haben, um zu wissen, dass sie so, wie sie in Babylon Berlin dargestellt werden, nicht gewesen sein können, und das bei der Körperhaltung der Schauspieler angefangen. Dass man dem Berghain-Berlin der neuen Zwanzigerjahre nicht einfach einen ollen Hut aufsetzen kann und schon ist wieder 1920, ist dann eben doch mehr als ein ästhetisches Problem.

Mit Babylon Berlin verhält es sich wiederum ähnlich wie mit der Neuauflage von "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", die das Spiel noch weiter treibt, in dem die Vergangenheit allenfalls noch eine Kleiderkammer ist, an der man sich für ein ahistorisches Karnevalsstück bedienen kann, wie das monopol-magazin analysierte. Das "fiktive Berlin" der Neuauflage zeigt sich "völlig willkürlich, frei von Geschichte, Diskursen, Fakten, Mitgefühl. Diese Christiane F.-Welt korrespondiert mit nichts außer dem Selbstverwirklichungswillen ihrer Schöpfer, die fest entschlossen sind, mit allen Mitteln einen internationalen Blockbuster zu fabrizieren."

Die totale Verwurstung der Geschichte jedenfalls, sie ist auf vielen Ebenen im Gange und verwurstet die Gehirne zurück. Anschauen möchte man sich das wirklich nicht auch noch.

Nur diese Kategorie anzeigen:Fabian Lichters Economy Class Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen

Fabian Lichters Economy Class

Zum Drüber-Reden

Beim Wort Debatte muss ich schon unweigerlich an die Schülermitverantwortung denken, an den Stuhlkreis, den genügsam nickenden Lehrer, der, zumindest in meiner Erinnerung, eine frappierende Ähnlichkeit mit Markus Lanz aufweist. Für Debatten bin ich versaut. Für das Trendthema Klassismus somit auch. Und wem es ähnlich geht, der schaut nun in die Röhre, bzw. lieber nicht in die Gesellschaftsteile und Verlagsvorschauen. Immerhin: Feuilleton und Verleger frohlocken, haben sie doch ihr neues Sujet gefunden und das dürfte auch schon in etwa der gesellschaftliche Raum sein, in dem der neue Hype um die Klasse seine Wellen schlagen wird. 

Davon kann man mindestens Koliken bekommen. Man kann schließlich guten Gewissens sagen, dass Debatten dem emanzipatorischen Bestreben gezielt entgegenwirken. Abgesehen davon, dass im paternalistisch professionellen Reden über die »Schwachen« sich bereits ein Gegensatz wiederholt und man dieses Moment durchaus unangenehm finden kann. Ein Glück, dass die Betroffenen, um jenen scheußlichen Begriff hier auch einmal pflichtbewusst untergebracht zu haben, aller Regel nach, und das weiß man natürlich, nicht zuhören oder gar mitlesen. Einmal im Vorteil.

Es ist auch gar kein Geheimnis, dass das Reden über Klassismus für jene Betroffenen keine Besserung ihrer Lebensumstände bringen wird, maximal dem darin aktiven Menschen, der seinem Heizungsableser nun eine Ecke bewusster die Tür aufhält oder meinetwegen auch schon weiß, dass das nicht reicht. In der Debatte wird schon was abfallen und seien es Likes. Das ist Start- und auch Endpunkt der Debatte, sowie Start- und Endpunkt überhaupt in jeder Debatte ein und dasselbe sind. 

Wenn, das hat das Reden über das Klima gezeigt, Debatten etwas leisten, dann, dass das Alltagsgeschäft im Maschinenraum weiterlaufen kann, da die Welt sich genügsam an der Frage zerfleischt, wie es an Deck auszusehen habe. Und dass jede Dialektik zu einer Auswahl verkommt, man bleibt halt in der Warengesellschaft. Und so »debattiert« man darüber, ob die nächsten 60 Millionen produzierter Autos pro Jahr mit Lithium-Ionen-Akku oder mit Verbrennungsmotor fahren, aber eben nicht darüber, wie man es verhindert, dass jährlich 60 Millionen Autos die Werke verlassen. Wer davon profitiert, nennt es »einen Wettlauf um die Wettbewerbsfähigkeit auf klimaneutrale Produkte« (A. Baerbock).

Dass eine Rettung des Klimas sowie der freie Arbeiter mit dieser Wirtschaftsform nicht zu haben sind, das war von Anfang an klar. Man hat darüber diskutiert und damit die Kritik integriert, sie hat sich so praktischerweise selbst erledigt. Mag – zurück zur Klasse – bisweilen auch durchaus Treffendes geäußert werden (siehe Start- und Endpunkt). So erinnerte Arno Frank unlängst im Deutschlandfunk daran, dass man eben nicht über Klasse reden könne, ohne den mitschwingenden Klassengegensatz zu thematisieren. Was zeigt: Man kann ihn neuerdings sogar thematisieren, ohne dass jemand deshalb noch um seine Besitztümer fürchten müsste. Ein gekippter Mietendeckel ist da nur ein klares Signal nach oben (und nach unten).

Bleibt die Aufhebung der Gegensätze das Ziel und man mag überrascht sein, auch dazu gibt es bereits ein, zwei kluge Gedanken in der Welt. Man muss nicht stets bei Null anfangen, mag man naiverweise denken, aber genau darum geht es in einer Gesellschaft, in der nur vordergründig etwas vorangehen darf: Erkenntnisgewinn soll verhindert werden, Argumente eingeebnet, dadurch, dass sie sich an der Realität einer eingefahrenen Welt selbst blamieren.

Am Ende bleibt jeder seines Glückes Schmied und auch eine weitere Bildungsdebatte, im Anschluss an die Klassismusdebatte, wird daran nichts ändern. Es ist auch nicht die Frage, so Filmemacherin Julia Friedrichs, ebenfalls im Deutschlandfunk, wie noch jede Krankenschwester sich ins Management fortbildet. Man braucht sie ja, ganz gleich, in welcher Gesellschaft man lebt. Es kann nur darum gehen, sie gerecht zu entlohnen. Alles andere ist Käse für den Kulturteil.

1 2 3 4 5 6 7 8 9

Aktuelle Cartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Computercracks der ersten Stunde!

Als wir neulich die Oma ins Sanitätshaus begleiteten, vertrieben wir uns die Wartezeit mit dem Lesen der Namen von Rollatoren und staunten nicht schlecht: Es gab ein Modell »Pixel«, eins hieß »Server«, ein drittes war nach dem Prozessor »Athlon« benannt.

Da die Benennung von Gehhilfen vermutlich wie bei allen anderen Waren auch auf der Basis von Zielgruppenanalysen entsteht, fragen wir uns nun und hier auch Euch: Ist es schon so weit mit Euch? Gerade noch die Wochenenden im WDR Computerclub durchgemacht und anschließend gleich weiter zu den Kumpels, um bei den Summer Games den Joystick im Staffellauf zum Glühen zu bringen, und nun schiebt Ihr Euch nur mühsam vorwärts? Bei »Civilisation« einen Kontinent nach dem anderen erobert, jetzt inkontinent? Den ehemaligen Königen im Assembler-Programmieren musste ein Chirurg den gesplitterten Oberschenkelhals wieder zusammensetzen? Statt »Resident Evil« zocken in der Seniorenresidenz hocken?

Und kommt es Euch eigentlich auch so vor, als sei die Lebenszeituhr ziemlich übertaktet? Titanic

 Hotel Detva, Detva, Slowakei,

in Deiner Hausordnung schreibst Du: »Das Umssstellen der Mobel ist verboten. Bei Zuwiderhandlung Berechnen wir EUR 3,32.« Und, Hotel Detva, für EUR 6,64 darf man auch das Nachbarzimmer umräumen?

Frage für die Urlaubsplanung von Titanic

 Winfried Kretschmann!

Winfried Kretschmann!

Bei einer Debatte über Künstliche Intelligenz und Ethik beim Katholikentag in Stuttgart sagten Sie: »Ich schaue mir gern Opern auf Youtube an. Das Tolle ist und auch das Beängstigende: Diese Maschine kennt uns ja nach kurzer Zeit, sie weiß, wo mein Geschmack liegt.« Und über den Algorithmus befanden Sie: »Und dann ist er noch so raffiniert, weil er wahrscheinlich rausgefunden hat, dass ich ein Mann bin, denn ab und zu kommt ein Porno dazwischen. Und ich denke, was ist jetzt das?«

Bon, Kretschmann, aber verhält es sich nicht anders herum? Sie sind ein Mann und schauen gern Pornos auf Youporn an. Das Tolle ist und auch das Beängstigende: Diese Maschine kennt Sie ja nach kurzer Zeit und weiß, wo Ihr Geschmack liegt. Und dann ist sie noch so raffiniert und hat wahrscheinlich rausgefunden, dass Sie Opernfreund sind, denn ab und zu kommt »Tosca« oder »Fidelio« dazwischen. Und Sie denken, was ist jetzt das?

Da nicht für: Titanic

 Vonovia!

In einem Schreiben an Deine Mieter formulierst Du hilfsbereit: »Uns ist bewusst, dass die Mieterhöhung für einige Mieter finanziell sehr belastend sein kann. Falls dies bei Ihnen der Fall ist, wenden Sie sich bitte an das Vonovia Mietenmanagement. Vielleicht können wir bei der Suche nach einer Lösung behilflich sein, zum Beispiel, indem wir Ihnen eine kostengünstigere Wohnung anbieten.«

Wie gutherzig, Vonovia! Du scheinst in Sorge zu sein, Du könntest zahlende Kundschaft, die sich Deine Miete nicht mehr leisten kann, endgültig verlieren. Aber kostengünstigere Wohnungen? Ernsthaft? Vermietest Du noch keine Parkbänke und Schlafplätze unter Brücken, die von ihres Wohnraums Beraubten bald aufgesucht werden müssen?

Tapeziert bereits die Hundehütte: Titanic

 Unangenehm, »Spiegel«!

In Deinem Porträt der Drehbuchautorin und Regisseurin Anika Decker weißt Du uns das Folgende zu berichten: »Wenn man ein paar Stunden mit Decker verbringt, kann man sich gut vorstellen, warum sie viele Freunde hat. Man kann mit ihr aufs Klo gehen und neben ihr pinkeln, ohne dass es sich komisch anfühlt.«

Damit hast Du, Spiegel, einen neuen Lackmustest für Freundschaften etabliert. Nach vielen Litern Bier haben wir unsere Freund/innen antanzen lassen und müssen nun traurig zugeben, dass es sich jedes Mal komisch angefühlt hat, vor ihnen zu pinkeln.

Leergepisst und schrecklich einsam: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Kein Mitgefühl

In Leute, die keine Empathie empfinden, kann ich mich einfach nicht hineinversetzen.

Laura Brinkmann

 Frühwarnsystem

Aufgrund meines spärlichen Haupthaars merke ich stets als Erster, dass es zu regnen beginnt.

Fabio Kühnemuth

 Selbsterkenntnis

Dass ich dann doch ein ziemlich verwöhntes Arschloch bin, habe ich gemerkt, als ich neben einem schlafenden Obdachlosen eine geschenkte Tüte Nachos sah und ganz kurz dachte »Was soll er damit? Er hat doch gar keinen Dip.«

Karl Franz

 Der Fehler im Rogen

Ich kann mir nicht helfen: Jedes Mal, wenn ich Kaviar esse, habe ich ein Störgefühl.

Lukas Haberland

 Fragment

Kafka war schon deshalb ein größerer Autor als Proust, weil dieser zu Lebzeiten nur einen einzigen Meisterroman nicht vollenden konnte, Kafka hingegen gleich drei unabgeschlossen ließ? Äußerst reizvolle These! Aber irgendwie unfertig …

Andreas Maier

Vermischtes

Kamagurka & Herr Seele: "Cowboy Henk"
Er ist Belgier, Kamagurka. Belgier! Wissen Sie, was der Mann alles durchgemacht hat in letzter Zeit? Eben, er ist Belgier. Und hat trotzdem in einem Finger mehr Witz als Sie im ganzen Leib! Und Heldenmut! Glauben Sie nicht? Dann lassen Sie sich von Cowboy Henk überzeugen, dem einzigen Helden, der wirklich jeden Tag eine gute Tat begeht.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURKatz & Goldt: "Lust auf etwas Perkussion, mein kleiner Wuschel?"
Stephan Katz und Max Goldt: Ihr monatlicher Comic ist der einzige Bestandteil von TITANIC, an dem nie jemand etwas auszusetzen hat. In diesem Prachtband findet sich also das Beste aus dem endgültigen Satiremagazin und noch besseres, das bisher zurückgehalten wurde. Gewicht: schwer. Anmutung: hochwertig. Preis: zu gering. Bewertung: alle Sterne.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURFriedemann Weise: "Die Welt aus der Sicht von schräg hinten"
Laut seiner Homepage ist er der "King of Understatement" und der "lustigste Mensch im deutschsprachigen Internet". Er ist aber auch Gitarrenmann, Viralblogger (15000 Follower!), Gagautor und Promiexperte mit Diplom. Die Rede ist von Friedemann Weise, dem Mann mit dem Namen! Der Mann, der den "Satiropop" erfand. Und jetzt auch noch ein Buch vorlegt. Ob das gutgeht? Ordern Sie diese Prämie und teilen Sie Ihr vernichtendes Urteil bitte zeitnah der TITANIC-Redaktion mit.Wenzel Storch: "Die Filme" (gebundene Ausgabe)
Renommierte Filmkritiker beschreiben ihn als "Terry Gilliam auf Speed", als "Buñuel ohne Stützräder": Der Extremfilmer Wenzel Storch macht extrem irre Streifen mit extrem kleinen Budget, die er in extrem kurzer Zeit abdreht – sein letzter Film wurde in nur zwölf Jahren sendefähig. Storchs abendfüllende Blockbuster "Der Glanz dieser Tage", "Sommer der Liebe" und "Die Reise ins Glück" können beim unvorbereiteten Publikum Persönlichkeitstörungen, Kopfschmerz und spontane Erleuchtung hervorrufen. In diesem liebevoll gestalteten Prachtband wird das cineastische Gesamtwerk von "Deutschlands bestem Regisseur" (TITANIC) in unzähligen Interviews, Fotos und Textschnipseln aufbereitet.
Zweijahres-Abo: 117,80 EUR
Erweitern

Das schreiben die anderen

Titanic unterwegs
19.08.2022 Zeven, Volksbank Gerhard Henschel
24.08.2022 Chemnitz, Villa Esche Tim Wolff
25.08.2022 Erlangen, Poetenfest Thomas Gsella
26.08.2022 Frankfurt, Museum für Komische Kunst »Festival der Komik X«