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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 8

Liebe Leser:innen,

Sie müssen mich sich nass geschwitzt vorstellen, wie ich diesen Longread soeben ins Google Doc tippe. Denn hinter uns liegt mal wieder eine außergewöhnliche Kalenderwoche in einem an Aufregungen und Skandalen bislang nicht gerade armen Jahr. Jedoch – wie man nun in einem Zeit-online-Text kurz vor der Bezahlschranke schreiben würde, da, wo langsam der Text verblasst – "der Reihe nach".

Wenn noch etwas dieses Land in Corona-Zeiten selbst vor leeren Studiopublikum-Rängen zusammenhält, dann ist es das dreimal wöchentlich aus Hamburg ausgestrahlte ZDF-Talkformat "Lanz" mit der namensgebenden Tiroler Moderationsmaschine Markus Lanz, der am Donnerstag Jubiläum feierte: 1500 Folgen mit sehr, sehr launigen Runden, sehr, sehr interessanten Lektüren, regelmäßig aufploppenden Erinnerungen an die Fotoreise nach Grönland und der Reportage-Reise in die USA (diese gespaltene Nation, die enttäuschten Menschen in Trump-Land, der rust belt), dem berühmt-berüchtigten Robin-Alexander-Zitat vom Kübel übelriechenden Zeugs, das sich die SPD in schöner Regelmäßigkeit über die eigene Birne kippt und das Lanz inzwischen häufiger rausgekramt hat als sein langjähriges Lieblingszitat von Das Bo aus dem Song "Türlich, türlich" (erschienen im Jahr 2000) – "Ich bring' ihm wieder Tanzen bei und rauch' da auch noch Pflanzen bei" –, Reinhold Messner auf dem Nanga Parbat, Markus Söder im Fleece-Zipper aus München zugeschaltet, Thomas Middelhoff mit Tränen in den Augen, Lauterbach, Bosbach, Kubicki und – wenn sie es gut mit uns meinen: Hajo Schumacher. Bislang galt: Egal wie sehr dieses Land erschüttert wird, egal wie scheiße der Tag im Büro lief – wenn Wir sind Helden das erste C im Titelsong "Nur ein Wort" anschrammeln, kommt man am späten Abend unter der Woche noch mal zusammen und zu sich. Doch an den Rändern beginnt es zu bröckeln.

Denn diese Woche war die Woche der Wut. Erst lud Lanz Heribert Prantl ein, der seit seinem Umzug von der SZ zur Welt offenbar an einer Art persönlichen rebranding arbeitet und den in vielen konservativen Kreisen für seine wissenschaftliche Nüchternheit verhassten Karl Lauterbach anging wie ein wildgewordener Stier: Prantl brüllte durchs Studio, drohte mit seinen Fingern, peitschte sich maximal auf und redete sich selbst in eine noch nie gesehene Rage. Prantl agierte so, wie man sich einen normalen Auftritt des Hobby-Bloggers und Rennradfahrers Don Alphonso bei Lanz vorstellen würde, also wie ein Feuer-Pokémon bei der Transformation oder ein weißer männlicher Kolumnist Ü50, dem man gerade mitgeteilt hat, dass er ab jetzt doch bitte in seinen Texten gendern soll. Schon nach dieser Ausgabe dachte ich, dass mehr Debatte in dieser Woche gar nicht möglich ist, doch dann kam der Donnerstag. Zunächst zitierte Lanz den Oberbürgermeister von Halle in die Aufzeichnung, der sich unter fragwürdigen Umständen eine Ladung geilen Impfsaft für den Eigenbedarf gesichert hatte, und grillte ihn unbarmherziger als Heinz Buschkowsky eine 12er-Packung Bratmaxe von Meica im sommerlichen Schrebergarten: Bernd Wiegandt ging im Grunde noch chancenloser in dieses Match als Axel Schulz bei seinem Boxkampf gegen George Foreman. Auch schon wieder 26 Jahre her. Und als hätte es der Talkshowgott in dieser Jubiläumswoche nicht schon gut genug mit uns gemeint, schaltete die Regie dann auch noch den sachsen-anhaltinischen Ministerpräsidenten Reiner Haseloff auf den 4K-Bildschirm im Studio. Anlass: Haseloffs private Öffnungsstrategie für Sachsen-Anhalt, zwei Tage vorher veröffentlicht.

Und jetzt wurde es so richtig geil. Hinterm Ministerpräsidenten glitzerte die Elbe verdächtig friedlich vor sich hin, und dahinter das makellose Magdeburger Stadtpanorama bei Nacht, Haseloff himself mit einer für TV-Aufzeichnungen eigentlich – das weiß ja selbst ich – ungünstig karierten Krawatte, über allem damit die Botschaft: Ich bin einer von euch, ich kann euch hören. Lanz attackierte von Beginn an auf Höhe der Mittellinie, bohrte nach, warum es der Südkoreaner besser mit der Pandemie hinbekommt als wir. Noch entschärfte Haseloff Lanz’ Aufbauspiel mit einfachen Mitteln: "Südkorea ist eine Insel", "Die Grenze zu Nordkorea ist praktisch dicht." Keine Erkenntnisse, mit denen man das Rad neu erfindet, aber solche, die ihren Zweck erfüllen. Erinnerte mich an einen Rat, den mein guter alter C-Jugendtrainer Berti mir mal mit auf den Weg gegeben hat: "Wenn die Pille in den Fünfer tropft, dann wichs’ dat Dingen in den Himmel!"

Irgendwann ging Haseloff dann von der Abwehr in den Angriff über und warf Lanz indirekt Ahnungslosigkeit vor, lud ihn jedoch noch im gleichen Atemzug zu einem Vor-Ort-Besuch in Sachsen-Anhalt ein. Jeder spürte es zuhause vor der Flimmerkiste deutlich: Der MP nahm das Heft jetzt in der Hand, gab zu Protokoll, dass er über das "Hü und Hott" in Österreich überhaupt nicht diskutieren wolle. Beim Thema Astrazeneca ging es dann richtig zur Sache: Haseloff machte ZDF und ARD für das schlechte Image des Impfstoffs verantwortlich, zwar leiste Lanz gute Aufklärungsarbeit, aber eben erst um 23 Uhr. Schon längst ging es hier nicht mehr nur um das Management der Corona-Pandemie, sondern um die grundsätzliche Formatierung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens: "Lassen Sie sich um 20:15 Uhr nach der Tagesschau oder nach heute platzieren und erzählen Sie das genau so wie jetzt hier!" herrschte Haseloff den Moderator an. Für viele Beobachter ging er hier den einen Schritt zu weit, ich hingegen begrüße den neuen Klartext-Haseloff, der das drängendste Problem dieses Landes endlich einmal beim Namen nennt: Warum läuft Lanz so spät? Dieser wollte das Thema (ganz der Profi) nur schnell abfrühstücken, doch Haseloff legte erst richtig los: "Da können wir gern tiefer reingehen! Diese Sendung hier gehört nach vorne und ein Quiz gehört nach hinten!" Der saß! Man kann sich nur vorstellen, welche Panik dieses Interview am Donnerstagabend bei Alexander Bommes und Jörg Pilawa ausgelöst hat.

Am Ende wurde diese Jubiläumswoche der deutschen Talkshowinstitution Lanz mehr als gerecht: So viel realtalk war selten. Hoffen wir, dass Haseloff mit seinen Bestrebungen, Lanz früher zu programmieren, Erfolg behält. Und auf weitere 1500 sehr, sehr spannende und launige Runden.

Euer: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 6

Liebe Leser:innen,

Klima, Krise, Kapitalismus – wer sich noch an das Jahr 2019 erinnern kann, weiß: Schon vor Corona stand unsere Welt vor extremen Herausforderungen. Worauf die herkömmlichen, mitunter etwas angestaubt wirkenden Tools der liberalen Demokratie keine Antwort fanden, entpuppte sich jedoch für zwei einfache Jungs aus Berlin-Kreuzberg, Waldemar Zeiler und Philip Siefer, oder, wie sie sich selbst gerne nennen: "Waldophil", als extrem spannende Herausforderung. Egal ob Rassismus, Klimawandel oder Steuersätze für Hygieneartikel: Die Antwort konnte aus Sicht der beiden nur "E-Democracy" lauten. Jedoch ist die liquid democracy spätestens seit den Piraten nicht mehr das nächste große Ding. Es brauchte noch ein Topping, eine Prise basisdemokratisches Glitzer obendrauf. Was wäre also, wenn Waldophil es schaffen, 90 000 Demokratie-Fans im Olympiastadion zusammenzubringen und den Bundestag mit E-Petitionen zu bombardieren? Oder in anderen Worten: Mit einem Super Bowl der Demokratie die gesamte Welt an einem Tag zu "unfucken"? Was passiert, wenn wir uns wieder mal was trauen?

Zwei Jungs mit einem Traum in der Tasche – so lautet das einfache Rezept der neuen Erfolgsdokumentation "Unfck the World" des ProSiebenSat.1-Media-Streaminganbieters Joyn. Und wie immer, wenn Menschen einfach mal outside the box denken anstatt zehn Jahre Genderstudies auf dem Hildegard-von-Bingen-Kräutercampus zu studieren, ist das Gemotze im Internet natürlich groß. In der Dokumentarserie von Finbarr Wilbrink und Sonia Otto werden die schlechtgelaunten Hassposts aus dem Winter 2019 nicht verschwiegen, sondern zum Teil der Erzählung: Jan Böhmermanns obsessive Beschäftigung mit dem Thema findet ebenso Eingang in die Doku wie einige Tweetklassiker zum Thema von Jutta Ditfurth. Man stört sich an der Eventisierung demokratischen Prozederes, an dem Bezahlmodell, das Menschen mit weniger Einkommen ausschließe, und daran, dass das ganze Event im Grunde nur ein riesiges Marketing-Instrument für Waldemar und Philipp sei. Ein absurder Vorwurf, wie mir scheint: Davon abgesehen, dass Waldophil die zwei Gesichter der Kampagne sind, das Event in den Büros ihrer gemeinsamen Firma Einhorn geplant und in Form einer wohlwollenden Dokumentation später an Joyn verkauft wird, kann ich nun wirklich nicht erkennen, dass sich die beiden hier in den Vordergrund spielen. Es sind dies vielleicht auch ganz einfach die typisch deutschen Neiddebatten, denn, so Philip, "in den USA sind politische Events inzwischen vollkommen normal".

Dabei hatte alles so gut angefangen. In den ersten Sekunden begleiten wir Zuschauer:innen Waldophil auf dem Weg ins Berliner Olympiastadion zu den ersten Verhandlungen. Schon wenige Sekunden später ist alles unter Dach und Fach: "Datum ist der 12.06. Haben wir gekriegt. Sie reservieren uns das für drei Monate. Eigentlich zahlt man eine Strafgebühr, wenn man den Termin nicht wahrnehmen kann. Die haben sie uns gewavet! Das ist ein huge success." Philipp und Waldemar sind mir vielleicht auch deshalb so sympathisch, weil sie so reden und denken, wie ich hier in dieser Kolumne schreibe. Vielleicht sind wir so was wie Brüder im Geiste? Entsprechend leide ich mit, als es in Folge 2 "Im Auge des Shitstorms" PR-technisch so richtig zur Sache geht. Ungläubig starren Waldophil auf ihren Laptop, einer murmelt: "Warum schreibt Böhmermann das?"

Und es gibt sie auch, die Momente des Zweifels. Zum Beispiel einmal im Einhorn-Büro, da sitzt Waldemar, gerade aus dem Scheidenkostüm vom Edition F-Kongress geschlüpft, auf einer Couch und sagt zu Philipp: "Vielleicht haben wir auch alles überstürzt." Doch Innovation lebt natürlich von trial and error. Deswegen geht’s in Folge 5, "Aufstehen und Weitermachen", auch ins creative retreat nach Alt-Madlitz mit Maja Göpel, in ein Landhaus, das exakt so aussieht, wie man sich das Anwesen der Kubitscheks in Schnellroda nach den Spiegel-Reportagen immer vorgestellt hat. Lichtdurchflutete Räume, unverputztes Mauerwerk und nach draußen der unverstellte Blick auf die Natur. So ein Ambiente hilft natürlich, sich auf seine Stärken zu besinnen: "Wir haben 50 000 Fans auf Instagram, wir haben mehr als die SPD", philosophiert Zeiler.

Nach einer anonymen Großspende, über deren Ursprung wir leider nichts erfahren, und einem Redesign im Vertriebsmodell schafft man dann, wonach es lange nicht aussah: Die Crowdfunding-Kampagne zum Megaevent in Olympia ist gefuckt. Nachdem das Team gegen alle Wahrscheinlichkeiten und Widerstände also doch noch genug Karten verkaufte, konnte ihnen nur noch ein Katastrophe globalen Ausmaßes einen Strich durch die Rechnung machen: Die Chinaseuche, oder wie es im Titel von Folge 6 heißt: "King Corona". Bei aller Enttäuschung über das geplatzte Event überwiegt für Zeiler zum Schluss trotzdem die Hoffnung: "Es fühlt sich gut an, dass, obwohl das Event jetzt nicht stattfindet, es Leute trotzdem motiviert hat, Sachen zu machen." Eine schöne Beobachtung, die ich bestätigen kann: Die Doku hat mich zum Beispiel motiviert, gegen jede Wahrscheinlichkeit für einen Tag zum Joyn-Kunden zu werden.

Kämpft weiter für seine und eure Träume: 

Euer Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 5

Liebe Leser:innen,

dass es dann doch so schnell gehen würde, hätte Jeff Bezos sicher nicht gedacht, als er Ende der Neunziger Jahre, nur mit einer Ausgabe von "Der Data Becker Führer, HTML & XML" bewaffnet, die erste Version von amazon.com ins World Wide Web stellte. Ein altes Mantra von Winston Churchill – für die Jüngeren: Churchill war so eine Art englischer Helmut Schmidt, er fehlt – lautet: "Erfolg heißt, immer einmal mehr aufstehen, als man hinfällt". Leider hat sich Bezos nun wohl endgültig dazu entschlossen, liegen zu bleiben. Aus der glänzenden Corona-Vorlage der Politik, so gut wie jedes Geschäft in den deutschen Innenstädten monatelang zu schließen, konnten Bezos und sein Team gerade einmal das mickrige Quartalsumsatzplus von 125 Milliarden US-Dollar erwirtschaften. Am Ende kam Bezos eigentlich nur noch seiner Entlassung zuvor und zog sich mit dem letzten verbliebenen Anstand vom Amazon-Chefposten zurück. Bitter, aber unausweichlich.

Nun sind Buchhändler per so oft ziemlich schräge Typen: Utopische Vorstellungen vom Leben an sich verquicken sich mit einem gewissen Hang zur Faulheit und nervtötendem Besserwissentum. Denkbar schlechte Voraussetzungen also für ein multinationales Startup mit 1,3 Millionen Mitarbeiter:innen weltweit. Denn bei aller Liebe zum gedruckten Buch: Das Prinzip Hoffnung ist noch kein Marketingplan und Reinhold Messner ist sicher auch nicht den Nanga Parbat hinaufgefallen. Aus dem Umfeld des sympathischen Glatzkopfs aus Seattle gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Berichte über Mindset-Probleme beim Personal: Mit schöner Regelmäßigkeit kündigte alle paar Wochen irgendein Spinner in einem der vielen Amazon-Standorte weltweit an, jetzt aber wirklich mal eine Gewerkschaft zu gründen. Bezos kam zum Schluss mit dem Entlassen gar nicht mehr nach. Vielleicht auch aus Enttäuschung darüber, dass seine Angestellten den geilen Spirit der Gründungszeit aus den Neunziger Jahren ("Einfach mit ein paar Kumpels was Geiles miteinander aufzubauen!") nicht mehr fühlten. Aus der sozialen Hängematte lässt sich jedoch die klassische Buchbranche nur schwerlich disrupten, da brauchst du echte Löwen, die auch mal ein paar Monate auf Gehalt verzichten können, wenn es der größeren Sache dient. In Deutschland lief die Situation zuletzt deutlich aus dem Ruder, wo in Meckenheim und Niederkrüchten ganze Container-Ladungen von Amazon-Paketen in Waldgebieten gefunden wurden, die Paketfahrer:innen dort entsorgt hatten, um daheim in Ruhe den ganzen Tag über Clubhouse-Panels lauschen zu können.

Auch die neuen Geschäftsfelder fluppten nicht so, wie sie sollten. So las sich beispielsweise das Comedy-Angebot des Streamingdienstes "Amazon Prime" zuletzt wie die Nachtprogrammierung von Sat.1 GOLD: "Two and a half men", "Türkisch für Anfänger" und "Chris Tall Presents …" – Wer das lustig findet, teilt auch Sharepics zum bedingungslosen Grundeinkommen in seiner Whatsapp-Story. Kaufkraft sieht leider anders aus. Vielleicht auch, um vom Streaming-Desaster abzulenken, stellte Bezos dann 2019 plötzlich völlig überraschend seine Mondlandefähre "Blue Moon" vor. Als das Unternehmen jedoch im selben Jahr zugeben musste, entgegen aller Beteuerungen doch zumindest ein paar Euro Steuern an die deutschen Finanzämter zu überweisen, war Bezos für die Amazon-Aktionäre eigentlich nicht mehr zu halten.

Innerlich schon gekündigt, nahm Jeff dann noch ein letztes Mal das Weihnachtsgeschäft mit, das ihm immer am liebsten wahr: Leuchtende Kinderaugen, ansonsten abgebrühte Väter mit Tränen im Knopfloch. Dafür hat er den Job eigentlich gemacht, dafür hat er es damals angefangen. Doch vielleicht hat Jeff Bezos genau um diese Zeit genau wie ich auch diesen einen Instagram-Post des Vertriebs-Genies Dirk Kreuter gelesen, der dort schreibt: "Irgendwann blickt man auf das zurück, was man getan hat. Und auf das, was man hätte tun können."

Es hat nicht sollen sein, Jeff. Good night and good luck.

Dein: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 4

Liebe Leser:innen,

als ich vorgestern Abend wie jeden Freitag das "Heute-Journal" im ZDF gestreamt habe, bin ich vor Schreck fast von der Couch gefallen. Im Nachrichtenblock mit Gundula Gause wurde ZDF-Börsenguru Frank Bethmann zugeschaltet, der aus Frankfurt am Main die neuesten Entwicklungen rund um die Gamestop-Aktie sachkundig einordnete: "Das Kräftemessen dieser beiden Gruppen, die irrsinnigen Kurssprünge zeigen es, könnte die Kapitalmärkte destabilisieren. Auch deswegen sind Staatsanwaltschaft und Börsenaufsicht in den USA jetzt aktiv geworden. Schließlich sparen Millionen von Amerikanern mit ihren Aktien für das Alter." Millionen von Amerikanern für das Alter. Dieser Halbsatz hallte in mir nach. Moment mal, dachte ich, diese hobbylosen Krawall-Kids von Reddit verzocken mit ihrem ach-so-ironischen Investment in das eigentlich schon komplett obsoletierte Geschäftsmodell von Gamestop (nämlich: Pokémon-Karten und gebrauchte PS4-Spiele in einem heruntergekommenen Ladenlokal zu verkaufen) also am Ende noch die spärliche Altersvorsorge von Millionen tüchtigen Amerikanern? Mir kam das Abendessen hoch. Und Wut. Gleichzeitig dachte ich an meine eigene Altersvorsorge: ein kompliziertes Modell aus gesetzlicher Rentenversicherung, verschiedenen Investments in Kryptowährungen, deren Namen ich immer vergesse, und einigen seriösen Anlagen aus der Produktpalette Riester-Rente.

Apropos Riester: Eine der geistigen Väter des Riester-Modells, der Philanthrop und Vox-Startup-Onkel Carsten Maschmeyer, meldete sich dieser Tage auch zum Thema Gamestop zu Wort: "Hedgefonds nutzen den Markt weiter als Casino, Nachwuchsinvestoren werden ausgesperrt: Inakzeptabel! Märkte müssen transparent sein für ALLE." Wenn jemand im Internet Großbuchstaben benutzt, weiß man: Da ist es jemandem ernst. Denn auch für Maschmeyer gab es damals, als er den Wahlkampf von Altkanzler Gerhard Schröder mit 150 000 Mark über einen Strohmann finanzierte, kein größeres Gebot als das der Transparenz. Oder das eine Mal, als er kurz nach der Jahrtausendwende dem Wunsch desselben Kanzlers nachkam und nach mehreren privaten Treffen in Hannover ein Konzept zur Rentenreform vorlegte, das zufällig genau ins Geschäftsmodell seines Unternehmens passte. Auch sein eigener Aufstieg in die Oberliga der Besserverdienenden war von Ehrlichkeit, Transparenz und dem genauen Gegenteil von "Casino-Mentalität" geprägt, als er Millionen Kleinanleger mit Investments in fragwürdige Immobilien und extrem komplizierten Fonds um ihr Vermögen brachte. Klarheit, Vertrauen, Konsequenz.

Heute investiert Maschmeyer mit seinen Investorenfreund:innen das Geld aus dieser Zeit vor einem Millionenpublikum in vegane Klangquadrate und Craft-Beer-Startersets für Menschen in der 30-something-life-crisis. Oder gibt auf der Audio-App Clubhouse (siehe Kolumne letzte Woche) tiefgründige Lebensweisheiten wie diese hier zum Besten: "Herausforderung heißt challenge und wenn man bei challenge die zwei L und das EN wegnimmt, bleibt change."

Wir sind alle nur Menschen und jeder macht mal Fehler. Dann heißt es dafür geradestehen, Mund abwischen und weiter investieren. Und niemand kann etwas dafür, wenn er vielleicht wirklich Diamanten-Hände hat und finanziell einfach immer goldrichtig lag. Auch ein Carsten Maschmeyer nicht. Und bei all dem Change, Challenge und Gamestop dieser Tage ist mir am Ende vielleicht eine Botschaft noch viel wichtiger, für die ich nochmal ein altes Diktum von Norbert Blüm abwandeln möchte: Die Renten waren noch nie sicher. Mein auf gar keinen Fall seriöser Finanztipp für diese Woche lautet deswegen: Halten, halten, halten.

Euer Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 3

Liebe Leser:innen,

es war eine Nachricht, die Hoffnung stiftet in herausfordernden Zeiten: Seit ein paar Tagen ist "Clubhouse" auch in Deutschland verfügbar und nach Google Plus, PerspectiveDaily und und dem WordPress-Plugin für Mikrospenden namens tinyCoffee (letztes Update vor drei Jahren) ist sie auf dem besten Weg, das nächste ganz ganz große Ding im Journalismus zu werden. Die Bubble ist verständlicherweise angegeilt wie lange nicht mehr!

Normalerweise würde ich dem informierten Publikum dieser Kolumne gar nicht mehr erklären müssen, worin genau der Unique Selling Point dieser Granaten-App aus der US-Softwareschmiede "Alpha Exploration Co." liegt, aber aktuelle Auswertungen legen nahe, dass sich unter meinen Leser:innen leider auch "Menschen" mit Android-Smartphones tummeln. Und die hat man für den Launch von "Clubhouse" wohlweislich erstmal draußen gelassen, sie sollen (angeblich) in einem zweiten oder dritten Schritt mitgenommen werden. Ganz unter uns, die Gründe für diese Entscheidung liegen natürlich auf der Hand: Erstens wäre das Mobilfunknetz in Berlin-Mitte ohne die Beschränkung auf verantwortungsvolle Verbraucher mit Apple-Produkten kurz nach dem Launch zusammengebrochen und zweitens bringen Leute, die freiwillig Android-Endgeräte nutzen, aus Erfahrung nochmal eine ganz andere, speziellere Energie rein. Im klugen Meinungsstück zum Hype hieß es gestern entsprechend auf tagesschau.de: "Zivilisierte Debatten, weniger Störer."

Deswegen ein kurzer elevator recap über die App der Stunde: "Clubhouse" ist eine kostenlose Telefonie-App für Menschen, die auf Facebook, Twitter und Instagram einen blauen Haken haben. Und andere, weniger relevante Menschen können ihn nun dabei zuhören. Nicht nur mich erinnert das ganze Konzept an den berühmten Film des großen deutschen Regisseurs Florian Henckel von Donnersmarck (2,05 m): "Das Leben der Anderen". Auch Datenschützer – in aller Regel Kunden von Huawei und Samsung – schlagen Alarm: "Clubhouse" benötigt beim Einrichten Zugriff auf alle Kontakte im Telefonbuch, so dass auch noch nicht registrierte User:innen mitsamt der Anzahl der potenziellen Freund:innen in der App gefunden werden können. Meine Meinung dazu: Nur Kleingeister und Rumnörgler beschweren sich über kostenlose Publicity, die ja letztendlich immer auch auf die eigene brand einzahlt. Außerdem stehen die Nummern aus Berlin doch auch schon im Telefonbuch? Schade, wenn man sich und anderen mit diesem 20. Jahrhundert-Denken immer nur selber im Weg steht!

Für meinen Teil haben die ersten Erlebnisse und panels auf der Plattform meine Erwartungen sogar noch übertroffen. Wer will, kann den ganzen Tag wunderbar klugen Diskussionsrunde lauschen, wie zum Beispiel "Millennial-Journalismus: Weinerlich, egozentrisch, nischig?", "Startup Buzzword Bingo" oder – heute Abend! – "Maschmeyers Talk" mit Toni Kroos und Timo Werner (beides Fußballspieler). Diskurs-Demokratisierung pur: Jeder kann Experte für alles sein, wenn man nur fest genug daran glaubt! Auch Doro Bär von der CSU ist nach wenigen Tagen schon auf einer Frequenz von 6 panels täglich, diskutierte zuletzt 8 Stunden am Stück mit Frank Thelen und Sascha Lobo über  – na was wohl – Digitalisierung und bewirbt ihre Sessions selbstbewusst mit dem Hashtag #AnneWillwargestern. Da gehe ich mit der Digitalisierungsbeauftragten der Bundesregierung d’accord: Die neue Zauberapp aus Salt Lake City hat den öffentlich-rechtlichen Rundfunk binnen einer Woche obsoletiert. Nicht nur, dass in den Funkhäusern ohnehin überwiegend schlechtbezahlte Miesepeter mit Android-Telefonen herumsitzen und nichts machen außer immer mehr Geld zu fordern. Auch die ständige Unterteilung der gesamten Welt in Gut und Böse oder Links und Rechts nervt nicht nur, sondern verhindert auch ohne Not extrem produktive Debatten mit neurechten Influencer:innen, wie zum Beispiel zuletzt mit Anabel Schunke. So gesehen kommt Clubhouse genau zur richtigen Zeit und ermöglicht vielen wichtigen Menschen in den Medien, trotz der Balla-Balla-Kontaktbeschränkungen von Bund und Ländern wunderbar einfühlsame Gespräche mit den oftmals unfair als "unzurechnungsfähig" gelabelten Vertretern aus der anderen Seite des politischen Spektrums zu führen.

Auch meine anfängliche Furcht, dass aufgrund der hohen Taktung von Sessions den Menschen auf der App schnell die Themen ausgehen werden, bewahrheitet sich zum Glück nicht: Nachdem ein extrem verkürzter und unfairer Screenshot der oben genannten Runde im Internet die Runde machte, diskutierte die Bubble der Wichtigen den "Skandal" noch bis in die frühen Morgenstunden in unendlich vielen Sub-Panels aus. Wenn "Clubhouse" also eines lehrt, dann das wirklich jeder Gedanke ein panel werden kann. Und vielleicht haben die Entwickler damit etwas geschafft, woran Wissenschaftler:innen jahrhundertelang gescheitert sind: Ein perpetuum mobile für Debatten. 

Leaves fürs Erste quietly und wünscht eine panelreiche nächste KW:

 

Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel: KW 2

Liebe Leser:innen,

es ist vermutlich keine Übertreibung: Die zurückliegende KW 2 gehörte zu den aufregendsten und gleichzeitig mental forderndsten Wochen dieses neuen Jahres. Erst sickerte am Donnerstag durch, dass die da oben wegen der ganz und gar nicht so geilen Infektionszahlen den nächsten Hyper-Mega-Ultra-Lockdown vorbereiten: Fern- und Nahverkehr sollen runtergefahren, Wirtschaft und Unternehmen zu mehr Home-Office genudget werden. Die Lockdown-Stellschrauben werden mal wieder ein paar Millimeter fester gezogen – ein mutiger Schritt, den ich selbstverständlich begrüße. Denn obwohl es natürlich stimmt, dass viele dreiste Angestellte die generösen Home-Office-Modelle zu oft für die Heimbeschulung und Betreuung des Nachwuchses ausnutzten: Bei vielen Arbeitnehmer:innen ist in den letzten neun Monaten der noch viel größere Schlendrian beim Thema Pendeln eingekehrt. Potenziell wertvolle Arbeitszeit im ICE wurde nur noch wenig bis selten für Vor- und Nachbereitung am IBM Thinkpad genutzt. Neue Arbeitsmodelle gemeinsam zu erproben lebt natürlich vom gegenseitigen Vertrauensvorschuss und den – man muss es leider so sagen – hat die Roundabout-2,5k-Brutto-Fraktion im vergangenen halben Jahr fürs Erste verspielt. So kann das absehbar erst mal nichts werden mit der schwarzen Null.

Entsprechend groß waren die Hoffnungen auf einen neuen CDU-Leader aus Brilon im Sauerland: Mit Friedrich Merz ist dieser halbgare Mitte-Merkel-Sozial-Larifari nicht zu machen, so der konservative Tenor entlang des deutschen Bible Belts von Baden-Württemberg bis Sachsen-Anhalt. Und ebenso groß war dann auch die Enttäuschung, dass die 1001 Delegierten, unter schwerstem Hackerbeschuss aus "Osteuropa und Afrika", Armin Laschet zu ihrem neuen Oberhaupt wählten. Denn, auch das gehört zur Wahrheit dazu, für viele Konservative ist Armin Laschet so etwas wie der Kevin Kühnert der CDU: Ein Radikaler, einer, der immer wieder mit dem Sozialismus liebäugelt, ein so gemütlicher wie gemeingefährlicher Träumer aus dem unberechenbaren Extremistenhort mit den drei verhängnsivollen Großbuchstaben: NRW, all caps. In der inoffiziellen Vereinspublikation der Werteunion (die Welt) hieß es entsprechend noch vor ein paar Tagen: "Merz ist der Kandidat der Mitte."

Die Bilder vom durchdigitalisierten Parteitag hatten aber noch eine andere Message im Gepäck: Die Zukunft macht sich mit Riesenschritten auf in die Gegenwart. Für manchen Landesverband vielleicht sogar mit etwas zu großen Schritten. Während der, durch zusammenchoreografierte Livestreams der singenden Delegierten, merkwürdig synthetisch wirkenden Nationalhymne, erzählten die Gesichter der neuen Führungsspitze der Christdemokraten eine ganz eigene Geschichte, irgendwo zwischen "Gottseidank den Sauerland-Trump verhindert" und nackter Angst davor, wie das Merz-Lager den Sieg des angeblichen Partei-Establishments medial wohl verwerten würde. Einen Vorgeschmack gab es gestern schon, als Robin Alexander gleichermaßen erschrocken wie erregt in den Raum stellte, ob sich Jens Spahns Webcam-Fauxpaus (wir berichteten im Live-Ticker) wohl noch zur neuen "Dolchstoßlegende" in der Union auswächst. Lieber Robin, nur ein Wort dazu: Be careful what you wish for.

Klar ist aber auch: Diamanten entstehen unter Druck. Das gilt nicht nur für Berufspolitiker, sondern auch für uns normale Menschen. Und Druck ist aktuell genügend da: Was als dringend notwendiger Patch für das Katastrophenjahr 2020 erwartet wurde (nämlich: das Jahr 2021), entpuppt sich schon in den ersten sechzehn Tagen verbuggter als das Hype-Computerspiel Cyberpunk 2077. Doch Krisensituationen sind selbstredend immer auch Chancen zur Veränderung. So ein katastrophales Jahr lässt sich natürlich nicht einfach nach 14 Tagen wieder im Playstation Store umtauschen, sondern ist jetzt einfach irgendwie erst mal da.

So wie Waldemar Hartmann in Leipzig. Hartmann liefert im bereits fortgeschrittenen Alter zur Überraschung vieler eine leuchtende case study für lebenslanges Lernen und eine tolle Geschichte über den Mut zur Veränderung, auch in schwierigen Zeiten. So unterstützte er den sächsischen Kult-Ministerpräsidenten Michael Kretschmer bei seinem Wahlkampf 2019 (wusste ich zum Beispiel gar nicht!) und ist danach einfach nie wieder nach Bayern zurückgekehrt: "Seit dieser Zeit wohne ich mit meiner Frau in Leipzig. Wir haben die ostdeutsche Seele seitdem kennengelernt. Und vor allem verstehen wir sie von Tag zu Tag mehr. Diese ostdeutsche politische Sehnsucht hatte einen Namen: Friedrich Merz", hieß es gestern in seinem luziden 400-Zeichen-Gastbeitrag über den CDU-Parteitag im Cicero-Magazin. Chancen sehen und verwandeln, so in etwa könnte die hoffnungsvolle Botschaft ausgehen, die von dieser hübschen Anekdote ausgeht. Oder, noch knalliger:

Mehr Waldemar Hartmann wagen.

Bis nächste Woche,

Euer: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel: KW 1

Liebe Leser_innen,

abgefahren: Die erste "richtige" KW des Jahres 2021 hatte es mal wieder ordentlich in sich. Erst die Konferenz am Dienstag zwischen Bund und Ländern, von der vor allen Dingen die Erfindung des wordings "Coronaleine" durch die Bild und die anschließende Nobilitierung eben dieses wordings in der Tagesschau durch Tina Hassel hängen bleiben wird - in normalen Zeiten reicht allein die Causa Merkelleine für drei bis vier Kolumnen. Und dann am Donnerstag gönnte uns das neue Jahr schon das erste Jahrhundertereignis für diesen Monat: Die Stürmung des Kapitols durch "Demonstranten" (O-Ton ARD Morgenmagazin, dazu später mehr), die politisch mutmaßlich eher dem Trump-Lager zuzuordnen sind. Statt des Ereignisses selber interessiert mich naturgemäß natürlich nur, wie die Bilder aus Washington, D.C. Widerhall fanden im Debattengewitter hierzulande. Dabei fielen mir verschiedene Dinge auf: Erstens: How did we get here? Selbst dieser historische Moment, in dem "das demokratische Projekt" des Westens offenbar endgültig baden geht, verkommt für Berufs-Internetkasper wie mich oder Mario Sixtus lediglich zum Stichwortgeber für den nächsten Powertweet. Einerseits natürlich eine traurige Entwicklung, andererseits geht es im harten Internetgeschäft heute mehr denn je um die Pflege der eigenen Marke. In Zeiten, in denen sich Menschen, die mit Schwarz-Weiß-Fernseher und zwei Programmen aufgewachsen sind, mit Satireangeboten im Internet selbstständig machen, ist der Konkurrenzdruck so hoch wie nie. Und wenn an so einem Tag die Favs für politisch eher links Verortete mehr oder weniger auf der Straße liegen, gilt dieselbe Maxime wie damals in der Kreisliga, nämlich den einfachen Pass zu spielen: "Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. In keinem Land der Welt." 700 Favs, 50 Retweets. Wer vor Schichtende keinen bundespräsidialen no-brainer zum Platin-Tweet veredelt, klebt followertechnisch nicht ohne Grund seit mehr als 12 Monaten im dreistelligen Bereich und sollte vielleicht doch noch mal überlegen, das seit sechs Jahren brachliegende Studium doch noch zu beenden und den geraden Weg zu gehen.

Ich für meinen Teil vergleiche diese globalen Events, die plötzlich über uns hereinbrechen, gerne mit einem Regenschauer bei einem Formel 1-Rennen, den niemand bis dahin auf dem Wetterradar hatte und der in der Folge das gesamte Klassement durcheinanderwürfeln kann. Wer hier nicht blitzschnell reagiert, verliert schnell den Anschluss. So gesehen bei Florian Schröder, der den Nachmittag wohl im Podcast-Studio im Keller verbrachte und nach Feierabend – wie so viele – plötzlich von der "Lage" überrascht wurde. Sein Tweet "Traum: Ein Impfstoff gegen den grassierenden Trumpismus." wirkt wie der Versuch, trotz tödlicher Verspätung noch mal in die Debatte zu finden. Irgendwie. Diskurs-Brechstange.

Spätere Generationen werden uns einmal fragen: Wo warst du, als der nackte Mann mit Wikingerhelm im Kapitol die Wahlunterlagen einsammelte? Meine Antwort wird leider lauten: Auf der Internetseite eines im Grunde nur mäßig profitablen US-Internetkonzerns, auf der jedoch gleichzeitig, mein Sohn, in den Monaten und Jahren der Pandemie sich etwas breit machte, was man den "Zauber digitaler Intimität" zu nennen ich mich nicht schäme. Man rückt näher zusammen, tauscht sich über sich und seine Gefühle, Ängste (nur echt im Plural), aber auch Hoffnungen aus. Ein lieber Freund schrieb mir in den Stunden der Erstürmung des Kapitols: "Auch irre: Irgendwo in Köln klingelt gleich ein Wecker und Sven Lorig macht sich auf den Weg ins WDR-Studio, um das Ganze einzuordnen."

Der Wecker klingelte rechtzeitig. Die allgemeine Weltuntergangsstimmung konterkarierte Lorig dann in der Schalte nach Washington mit seiner stärksten Waffe: Seiner rheinischen Gelassenheit. "Jan Philipp Burgard, guten Morgen, schönen guten Abend. Wie ist denn die Geisterstunden-Stimmung in Washington?" Burgard nahm den Pass dankend mit dem Innenrist an: "Ja es ist tatsächlich ein bisschen Geisterstunden-Stimmung, wir wissen nämlich, dass inzwischen vier Menschen bei den Protesten ums Leben gekommen sind." Wann immer auf der Welt etwas passiert, für das man sich noch auf keinen einheitlichen Begriff einigen konnte und für das darum mehrere Bezeichnungen kursieren, kann man die Frühaufsteher-Uhr danach stellen, dass sich das Morgenmagazin für die "unglücklichere" Variante entscheidet - und nennt den Putschversuch konsequent "Proteste" und "Auschreitungen". Aber let’s keep it fair, zumindest mit der Schnell-Analyse aus dem Studio Washington traf Burgard dann ins Schwarze: "Aber die interessante Sache ist sozusagen, dass die Demonstranten mit ihrem Angriff auf die amerikanische Demokratie im Grunde das Gegenteil bewirkt haben, von dem, was sie wollten. Denn viele republikanische Senatoren und Abgeordnete haben ihren Widerstand gebrochen und verzögern das Verfahren jetzt nicht so, wie sie es ursprünglich vorhatten. [...] Am Ende dieses denkwürdigen und turbulenten Tages scheint sich die amerikanische Demokratie als wehrhaft zu erweisen." Nach so viel hoffnungsvollen Nachrichten aus dem Land jenseits des Atlantiks hatte ich dann auch wieder den Kopf frei für die Sportrubrik mit Peter Großmann: In der Basketball-Bundesliga gewann nämlich Bamberg gegen Ulm im Nachholspiel mit 74:67.

Euch noch einen sportlichen Sonntag und demokratische Grüße,

Dax Werner

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Briefe an die Leser

 Liebe Alte,

»Drogenhandel und Abzocke von Senioren« titelte kürzlich die Braunschweiger Zeitung. Also, dass Ihr abgezockt werdet, finden wir natürlich echt doof, aber: Wie läuft es denn so mit der Rentenaufbesserung durch den Drogenhandel?

Fragt schon mal prophylaktisch: Titanic

 Sänger Max Mutzke!

Sänger Max Mutzke!

Zum Thema Klimawandel und Verkehr klagten Sie im Interview: »Es gibt bei uns eine Verbindung, da fahr ich 10-12 Minuten mit dem Auto hin. Weil der Ort aber auf dem Berg liegt, fährt der Bus mehrere Stationen an und es dauert fast zwei Stunden. Aber da arbeiten Leute.«

Wir wissen nicht, wie der Berg, auf dem Sie wohnen, beschaffen ist und wer dort die Busrouten plant. Aber mal angenommen, Sie würden wegen der langen Busfahrt den einen oder anderen Auftritt verpassen, wäre das nicht ein weiterer Grund für die »Öffis«?

In diesem Sinne: Go green!

Titanic

 Was ist da los, deutsche Medien?

»Die radikalen Impfgegner vom Alpthal« besuchte der Spiegel und fragte dazu mit brennendem Reporterehrgeiz bereits im Teaser: »Nun verweigerte ein Dorf gar dem Impfbus die Einfahrt. Was ist da los?« Gute Frage. Der auch die Taz nachgeht: »Im Schwarzwaldkreis Rottweil sorgen Impfgegner für gereizte Stimmung. Was ist da los?« Womöglich Ähnliches wie im Nordosten. Die B.Z.: »Was ist da los? Corona-Lage in Brandenburg doppelt so schlimm wie in Berlin«. Aber nicht nur im Zuge der Pandemie verlangt überraschender Tumult nach unverzüglicher Aufklärung: »Was ist da los? Bei Bella Hadid fließen Tränen« (N-TV); »Was ist da los? Anouar wurde bei The Voice disqualifiziert« (Berliner Kurier); »Was ist da los? NFL-Superstar schon wieder verletzt«. Gut, dass Bild sich der Sache annimmt, denn die FAZ ist gerade mit Wichtigerem beschäftigt: »Die neue Apple Watch 7 ist angekündigt, aber Garmin hält sich bei seinem Top-Produkt zurück. Was ist da los?«

Der, die, das, / wer, wie, was / wieso, weshalb warum? / Wer nicht fragt, bleibt dumm – sicherlich. Wer allerdings immer dasselbe fragt, auch.

Überfragt: Titanic

 Sylt Marketing Gesellschaft!

Du machst auf dem Festland mit dem Slogan »Sylt macht sychtig« auf die umrissbekannte Nordseeinsel aufmerksam. Und ja, sie hat noch mehr negative Eigenschaften! Sylt ist syndhaft teuer, das Publikum dort verhält sich dynkelhaft. Ja, die ganze Ynsel ist bei genauerer Betrachtung das reinste Shythole, ein Besuch dort kompletter Unsynn!

Steht fürs nächste Brainstorming gerne bereit: Titanic

 Wie viele Achtundsechziger, Udo Knapp,

bist auch Du, je älter Du wurdest, politisch immer weiter von links nach rechts marschiert: Du warst der letzte Vorsitzende des SDS, anschließend in einem Verein namens »Proletarische Linke«, um dann in den Achtzigern auf dem rechten Flügel der Grünen zu landen und schließlich bei der SPD, und zwar eigentlich nur, damit Du was in den Kolonien werden konntest, am Ende stellvertretender Landrat. Heute kritisierst Du die Gewerkschaften dafür, dass sie nur immer wieder Lohn fordern, wie man das als einer, der nichts gelernt hat bis aufs Lamentieren, halt so macht.

Dieser Weg verbindet Dich mit dem wohl dümmsten deutschen Sänger, Wolf Biermann, weshalb Du dem »alten weisen Mann« (Dein O-Ton) auch neulich so kenntnisfrei wie pathetisch zum Geburtstag gratuliertest: »Biermann hat den größten Teil seines Lebens in zwei furchtbaren deutschen Diktaturen verbracht. In beiden hat er gelitten, aber beide hat er mutig streitend und widerstehend überlebt.«

Wie man nun aber jeder Biermann-Bio entnehmen kann, hat der walrossbärtige Dödelbarde nur acht Jahre unter den Nazis und 23 Jahre in der DDR gelebt; die restlichen 53 jedoch im goldenen Westen (britische Besatzungszone, BRD und Gesamtdeutschland). Daher nun unsere Frage: Bist Du Dir, Udo Knapp, sicher, dass Du auf Deine alten Tage die Bundesrepublik Deutschland, in der Du so schöne Posten innehattest, wirklich als furchtbare Diktatur bezeichnen willst?

Wie meinen? Es stand doch bloß in der Taz, und in keiner richtigen Zeitung? Und rechnen konntest Du noch nie? Na dann, weitermachen, Udo, aber vielleicht demnächst doch ein bisschen, he, he, knapper.

Kurz angebunden: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Schicksalhafte Wendung

Brüche im Leben gibt es bei allen Menschen. Öfter ist es so, dass jemand nach überstandener schwerer Krankheit das bisherige Streben nach Geld und Ruhm infrage stellt und beschließt, den sinnentleerten Job im Reisebüro, in der PR-Agentur (sehr viel seltener vielleicht auch im Schlachthof) hinzuschmeißen, um nur noch zu malen, zu töpfern, zu fotografieren, einen Gemüsegarten anzulegen oder zu schreiben. Es erfolgt allerdings nicht zwangsläufig eine Neuausrichtung zum Kontemplativen, Musischen. In meiner Bekanntschaft gibt es einen Fall, in dem der genesene junge Künstler seine Erfüllung als skrupelloser Miethai fand.

Miriam Wurster

 Alles richtich

Jüngst wurde ich darauf angesprochen, dass das Wort »richtig« aus logopädischer Sicht korrekterweise »richtich« ausgesprochen werden muss. Um mir meine Verwunderung darüber gar nicht erst anmerken zu lassen, entgegnete ich nur ein lässiges »selbstverständlig«.

Fabian Lichter

 Trost vom Statistiker

Wenn du wieder einmal frustriert bist und denkst, du bist nur durchschnittlich begabt und mittelmäßig erfolgreich, dann wechsele doch einfach in eine andere Stichprobe!

Theobald Fuchs

 Notgedrungen einfallsreich

Mein Nachbar vergisst seit einigen Jahren regelmäßig seine Bank-Pin. Auf die Karte kann er die Pin natürlich nicht schreiben. Wie er mir vor Kurzem berichtete, hat er eine clevere Lösung für sein Problem gefunden: Um sich die Pin nicht mehr merken zu müssen, aber trotzdem nicht sein Geld zu riskieren, hat er seine Pin einfach auf den einzigen von ihm genutzten Bankautomaten geschrieben.

Karl Franz

 Fünfzehn Zeichen Ruhm

Es hat wohl niemand je den Wunsch, um jeden Preis berühmt zu werden, heftiger kritisiert als meine Urgroßmutter. Ich kann mich gut erinnern, dass mein Vater einmal beim Lesen der Zeitung aufschreckte und Uroma ihn fragte: »Was ist denn?« – »Der Franz ist gestorben. Ich habe gerade seine Todesanzeige gelesen.« Sie schüttelte bloß genervt den Kopf und sagte: »Die Leute machen heutzutage wirklich schon alles, um in die Zeitung zu kommen.«

Jürgen Miedl

Vermischtes

Wenzel Storch: "Die Filme" (gebundene Ausgabe)
Renommierte Filmkritiker beschreiben ihn als "Terry Gilliam auf Speed", als "Buñuel ohne Stützräder": Der Extremfilmer Wenzel Storch macht extrem irre Streifen mit extrem kleinen Budget, die er in extrem kurzer Zeit abdreht – sein letzter Film wurde in nur zwölf Jahren sendefähig. Storchs abendfüllende Blockbuster "Der Glanz dieser Tage", "Sommer der Liebe" und "Die Reise ins Glück" können beim unvorbereiteten Publikum Persönlichkeitstörungen, Kopfschmerz und spontane Erleuchtung hervorrufen. In diesem liebevoll gestalteten Prachtband wird das cineastische Gesamtwerk von "Deutschlands bestem Regisseur" (TITANIC) in unzähligen Interviews, Fotos und Textschnipseln aufbereitet.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURKatz & Goldt: "Lust auf etwas Perkussion, mein kleiner Wuschel?"
Stephan Katz und Max Goldt: Ihr monatlicher Comic ist der einzige Bestandteil von TITANIC, an dem nie jemand etwas auszusetzen hat. In diesem Prachtband findet sich also das Beste aus dem endgültigen Satiremagazin und noch besseres, das bisher zurückgehalten wurde. Gewicht: schwer. Anmutung: hochwertig. Preis: zu gering. Bewertung: alle Sterne.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURKamagurka & Herr Seele: "Cowboy Henk"
Er ist Belgier, Kamagurka. Belgier! Wissen Sie, was der Mann alles durchgemacht hat in letzter Zeit? Eben, er ist Belgier. Und hat trotzdem in einem Finger mehr Witz als Sie im ganzen Leib! Und Heldenmut! Glauben Sie nicht? Dann lassen Sie sich von Cowboy Henk überzeugen, dem einzigen Helden, der wirklich jeden Tag eine gute Tat begeht.
Zweijahres-Abo: 117,80 EUR
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Das schreiben die anderen

  • 02.11.:

    "Keinmal um die ganze Welt - Ein Pauschalreiseabend für Zurückgebliebene" - so heißt das WDR-5-Spezial mit Thomas Gsella, Oliver Maria Schmitt und Hans Zippert.

  • 29.10.:

    Das Bornheimer Wochenblatt berichtet vom TITANIC-Normalitätswettbewerb.

  • 28.09.:

    Oliver Maria Schmitt hat versucht, mit der Kraftradgruppe Frohsinn die Demokratie zu retten – zumindest in der FAS.

  • 28.09.:

    Das "Medienmagazin" vom BR hat mit Martina Werner (und anderen) über Satire, Journalismus und Politik gesprochen.

  • 25.09.:

    TITANIC-Herausgeber Martin Sonneborn spricht mit der Taz über Frauen in der Redaktion und erinnert sich an die beste Zeit für Satire.

Titanic unterwegs
17.01.2022 Mannheim, Alte Feuerwache Max Goldt
21.01.2022 Braunschweig, Staatstheater Max Goldt
26.01.2022 Dresden, Staatsschauspiel Max Goldt
26.01.2022 Hamburg, Polittbüro Thomas Gsella