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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 15

Liebe Leser:innen,

es ist ein Sonntag des Innehaltens, denn ein Gigant hat Lebewohl gesagt: Prinz Philip von Griechenland und Dänemark wurde gestern in London beerdigt. Und mit ihm auch eine königliche Portion gute alte Comedy-Schule. Oder wie das ZDF teaserte: "Ein Royal deutscher Abstammung, der bei den Briten und in der Welt größte Sympathie genoss. Er punktete vor allem mit Humor, seine Sprüche sind legendär."

Noch 2002 eröffnete er ein Privat-Stand-Up für eine blinde Frau mit ihrem Blindenhund so: "Weißt du, dass es jetzt Esshunde für Magersüchtige gibt?" Ein anderes Mal fragte er einen Aborigine, ob er und seine Leute eigentlich immer noch mit Speeren nacheinander werfen würden. Der augenzwinkernde Schalk, das war seine Rolle. Pointentechnisch konnte Philipp nicht nur Florett, sondern mitunter auch Brechstange. Aber eben immer mit Herz.

Denn Prinz Philip war nicht nur der Ehemann von Queen Elisabeth II., sondern vor allen Dingen ein kultiger Spaßmacher vom alten Schlag, ein Windsor-Original, ein Witzemalocher, in letzter Konsequenz Norddeutscher. Kurz gesagt: Er war ein Fips Asmussen mit Krone. Seine Pointen waren so messerscharf wie berüchtigt, das eisglatte Parkett des europäischen Hochadels seine Bühne, auf der er sich zuletzt mit schlafwandlerischer Sicherheit bewegte, tänzelte gar. Doch wie so viele  andere Vertreter seiner Profession hatte auch er den besten Moment für den Abschied von eben dieser Bühne verpasst: 2015 war das und für nicht wenige Beobachter:innen damit schon ein paar Jahrzehnte zu spät.

Wie für jeden großen Komiker war auch für ihn Humor immer Fluchtversuch aus den Umständen gewesen, ein hundertjähriger Krieg mit sich selbst, gegen die Verhältnisse und Fesseln der royalen Familie, in die er eingeheiratet hatte und die mit dem Diebstahl von Reichtümern und Schätzen ihrer ehemaligen Kolonien reich geworden war – ein Umstand, der ihn Zeit seines Lebens bedrückte. Vielleicht war der Rucksack am Ende zu schwer, so dass es zum ganz großen Durchbruch dann doch nie gereicht hat.

Entsprechend wirkt sein Spätwerk dann auch konzeptueller, um nicht zu sagen: verbitterter. Ganze 16 Jahre schraubte und designte er am Land Rover Defender TD5 130, der ihn dereinst, also gestern, einmal zur letzten Ruhe fahren sollte. Ein Lebensthema ganz offenbar, jedoch eines, das sich in der heutigen beschleunigten Welt des Humors nicht mehr richtig erzählt. Wo Twitter, TikTok und Co. im Sekundentakt nach der nächsten Pointe lechzen, war der Prinzgemahl immer jemand gewesen, der sich Zeit nahm. Typisch Philip: Für die Trauerfeier in der St. George's Chapel sah das von ihm verfasste Drehbuch eine Gruppe verkleideter Männer vor, die auf fremdartigen Flöteninstrumenten exotische Melodien vortragen sollten. Auch bei den Windsors selbst konnte sich niemand einen Reim auf diesen und weitere Einfälle in Philips Verfügung zu machen, Pietät und Protokoll geboten jedoch nichts anderes als die restlose Umsetzung des letzten wahnwitzigen Willens.

Und dieser unbedingte Wille zur Ordnung, so wenig Sinn sie auch auf den ersten Blick macht, kann vielleicht auch erklären, warum mit ZDF, Phoenix und RTL gleich drei große deutsche Fernsehsender den gesamten Samstag über von der Trauerfeier streamten. Wo der erste und dann lange einzige Adlige, der einem hierzulande einfallen kann, Prinz Marcus von Anhalt heißt, ist die Sehnsucht nach etwas monarchischen Glamour, das ewig nervöse Schielen auf die übriggebliebenen europäischen Königshäuser nur allzu verständlich. Es kommt nicht von ungefähr, dass viele Deutsche bei der Erwähnung des Élysée-Palastes eher an Rolf Seelmann-Eggebert als an Emmanuel Macron denken. Dementsprechend war die Stimme des ZDF-Experten Norbert Lehmann so belegt und andächtig, dass ich die Bundesliga-Konferenz auf dem Second Screen stellenweise leiser drehen musste, um ihn überhaupt zu verstehen. Gerade rechtzeitig, denn Lehmann war im Begriff, etwas juristisches Licht ins Dunkel Philips genauer Aufgabe zu Hof zu werfen: "Verfassungsrechtlich existierte er gar nicht."

Erst 1997 nahmen sie uns Diana, nun, nur 24 Jahre später, wurde der Schattenprinz Philip (99) mitten aus dem Leben gerissen. Er, der eigentlich gar nicht existierte. Vielleicht ordnete RTL-Adelsexperte Michael Begasse die Dimensionen dieser Tragödie senderübergreifend am treffendsten ein, als er in Richtung des ebenfalls sichtlich angefassten Guido Maria Kretschmer sinnierte: "Da stand ich bei der Hochzeit von Meghan, genau an dem Punkt. Schöne Erinnerungen. Aber wie du sagst, Guido: Der Tod gehört zum Leben dazu." Ein interessanter Gedanke, wie ich finde. Was hätte Prinz Philip dazu gesagt? Wir wissen es nicht. Seine letzte Pointe nahm er mit in die Familiengruft. Die Gag-Kanone aus dem Buckingham Palace ist für immer verstummt.

Und, um es mit Frauke Ludowig zu sagen: "Es ist so still, dass man die Schritte auf dem Kies hört."

Goodbye England's Rose.

Dein: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 14

Liebe Leser:innen,

ich denke, ihr als kulturell informiertes Publikum habt es sowieso mitbekommen: Der für seinen gepfefferten Sprechgesang bekannte Musiker "Danger Dan" hat vor einigen Tagen einen Song veröffentlicht, in dem er sich nicht nur sehr kritisch mit einigen Influencern der neurechten Szene auseinandersetzt, sondern indirekt auch Kritik an der Polizei übt. Kein überproduziertes Effektfeuerwek, kein Beat, kein Overdub: Einfach nur ein Mann und sein im Antilopenmuster geairbrushtes Klavier mit einem Song, der nun sowohl im Internet als auch im linearen Fernsehen rauf und runter gespielt wird. Ein fast schon perfide harmlos daherkommendes Gesamtprodukt, das auf den ersten Blick keine Fragen offen lässt und nüchtern feststellt: "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt."

Doch stimmt das wirklich? 

Es ist allgemein bekannt, dass Hip-Hop 1986 von der Stuttgarter Band "Die Fantastischen Vier" erfunden wurde, einer Clique von Entrepreneuren und Programmierern, die eher zufällig ins Musikgeschäft stolperten. Damals setzten sich Michi Beck, Thomas Dürr, And.Ypsilon und Smudo in einer Reihenhaushälfte zusammen und definierten die vier Elemente des Hip-Hop: Gute Laune, clevere Wortspiele, Stuggitown und digitale Lösungen für die gesellschaftspolitischen Herausforderungen der Zukunft. Weitsichtig haben die vier bereits damals sperrige Reflexionen zur Kunstfreiheit oder populistische Pauschalurteile über die deutschen Sicherheitsbehörden außen vor gelassen. Mit den vier Elementen des Hip-Hop ließe sich über "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt" argumentieren: Die Polizei anscheißen, obwohl roundabout 99,9 Prozent der Bediensteten einen Riesenjob machen? Das hat mit Rap leider nichts zu tun. Da ist man auch auf einer Linie mit dem CDU-Influencer Wolfgang Bosbach.

Und so schmeckt der musikalische Impfstoff, den Danger Dan derzeit verimpft, einigen so gar nicht. Auch die Polizei selbst hat es trotz ihres aktuell extremen workloads geschafft, in den infamen Clip reinzuklicken. Der Zufall wollte es, dass sich auch unter den Engeln in Grün ein gestandener Rapper mit dem Künstlernamen "Zett Zinnotec" tummelt. Und der verabreichte Danger Dan gestern in einem Reaction-Video seine eigene Medizin. In der description box des Videos liefert der Künstler die backstory zu seinem Werk besser, als ich es zusammenfassen könnte: "[I]ch hab mich einfach auf einen schönen Abend nach einem schwierigen Dienst gefreut, etwas Spaß und etwas das schlechte Gefühl mehr für die Gesellschaft tun zu müssen, Politische Satire eben...und dann der Song Danger Dan 'Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt' ich glaube ich kann und habe auch schon so manches ertragen aber das, dass hat mein persönliches Limit überschritten, zumindest an jenem Abend." Die Ansprache ist emotional und atemlos; clever, denn so sind wir, die Hörer:innen, nach diesem Intro sofort mittendrin. 

Doch nach der Lektüre der Videobeschreibung und dem anschließenden Klick auf die Play-Taste lässt uns Zett Zinnotec zunächst zappeln: Denn darin liest er als erstes noch einmal den Titel des Youtube-Videos vor, das wir ohnehin gerade anschauen: "Reaktionsvideo auf Danger Dans Song 'Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt'". Der Künstler thematisiert die Gemachtheit des Werks im Werk selbst, und so beginnt ein metafiktionales Vexierspiel um die zentrale Frage: Wer spricht hier eigentlich gerade? Der Polizist, der Mensch oder der Rapper? Visuell wird dieses Spannungsverhältnis durch ein JPG in der oberen linken Ecke des Videos verstärkt, denn dort sieht man eine Polizeijacke und eine Polizeimütze an einen Kleiderhaken drapiert, was mich an das berühmte Buch "Außer Dienst: Eine Bilanz" von Bundeskanzler Helmut Schmidt erinnert. Er fehlt.

Dann beginnt der Track: "Ja mein lieber Danger denn, für dich wär' ich wirklich genn." Es ist die direkte Ansprache des Gegners, die wir bereits aus dem musikalischen Genre des "Battleraps" kennen – welche streng genommen jedoch auch nicht vereinbar ist mit den vier Elementen des Rap von 1986. Sei’s drum. Hervorzuheben scheint mir außerdem, dass Zett seinen Text mit Anleihen aus dem Hopeländischen garniert ("Danger Denn", "wirklich genn"), einer Kunstsprache, die seinerzeit die isländische Band Sigur Rós entwickelte, um noch effektiver von Elfen und Geysiren singen zu können. Ein subtiles Zitat im Zitat sozusagen, das dem Krawallo-Rapper Danger Dan ohne Lektüreschlüssel sicher verborgen geblieben wäre. Und dann kommt auch schon der eigentliche Höhepunkt des Videos, in dem Zinnotec das Stilmittel der hyperironischen Figurenrede für sich beansprucht: "Schlag mir in die Fresse rein, ich bin dein Bullenschwein." Gnadenloser wurden linksgrüne Gewaltfantasien gegen den Staat und die Ordnungsmacht noch nicht karikiert. Komplett Gänsehaut.

Und so stellt man sich nach diesen intensiven 111 Sekunden (womit Zinnotec auf subtilste Weise, nämlich auf der Ebene der Form, die Frage diskutiert, ob wir wirklich in einem Land leben wollen, in dem wir weder unter der 110 noch unter der 112 jemanden erreichen würden) eigentlich nur noch die Frage, warum sich Zett Zinnotec damals für die Polizei- statt der Rapkarriere entschieden hat. Und wie nicht anders zu erwarten war, beantwortet Zinnotec diese Frage mit seinem Song eigentlich gleich mit:

Weil es um unser Land geht.

 

Hip-Hop-Grüße gehen raus: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 13

Liebe “DIE WeLT”,

am Freitag vor 75 Jahren bist Du zum ersten Mal erschienen. 20 Pfennig hat die Zeitung gekostet, damals viel Geld, die Unterüberschrift lautete: “Überparteiliche Zeitung für die gesamte britische Zone”. Heute erreicht die gedruckte Zeitung immer noch 700 000 Leser:innen, über den hauseigenen Hitler-Doku-Fernsehsender mit kombinierten Börsenticker “Welt” noch einmal roundabout 1 Million Rentner:innen on top. It's been one hell of a ride.

Seither hast Du vielen Menschen ein publizistisches Zuhause gegeben, die anderen Redaktionen in Zeiten von Cancel Culture und vorauseilender Identitätspolitik zu unbequem, zu sperrig, manchmal auch schlicht zu doof geworden waren. Meine erste Berührung mit Dir war die extrem aufgeladene Debatte um Ronja von Rönnes Text “Warum mich euer Feminismus anekelt” (2015), ein wütender 20 000er gegen die insbesondere im PS-armen Linksgrün-Milieu beliebte Verschwörungstheorie, dass unsere Gesellschaft patriarchalisch strukturiert sei und man es als Frau ein wenig schwerer hätte als als Mann. Gestrigstes Gedankengut in übler 68er-Tradition, da gibt es ohnehin keine zwei Meinungen. Für mich jedoch ein nahezu epiphanisches Erlebnis in der Bahnhofsbuchhandlung: “Nanu”, dachte ich, “was ist das denn hier für eine obergeile Krawall-Zeitung mit so einem Globus oben im Titel? Die klaue ich direkt mal!” Damals ein Win-Win-Win-Geschäft für alle Seiten: Ich hatte endlich etwas Altpapier, um unseren WG-Boden fürs Streichen auszulegen, Ronja von Rönne durfte ihren komplexen Gedanken noch einmal in allen öffentlich-rechtlichen Kultursendungen aufsagen und “DIE WeLT” hatte ihr Scouting-Modell für die kommenden Jahre gefunden: verhaltensauffällige Autor:innen aus dem Internet überreden, ihre exklusiven Diagnosen noch einmal für die “DIE WeLT” aufzuschreiben.

Und dann wieder zurück ins Internet spielen. Rekursives Debatten-Management nennen wir das in der Publizistik. Mit Ulf Poschardt wurde diese Methode bis zur Perfektion getrieben. Dem bis dahin irrelevanten Fahrradblogger Rainer M. verschaffte er einen Kolumnenplatz, mit welchem dieser eine ganze Armada extrem unausgeglichener Internet-Männer, die zufälligerweise (das ergab eine Studie der Uni Leipzig) alle auf den Namen Jörg, Andreas oder Wolfgang hören, dirigiert, nein: befehligt und anderen Journalist:innen das freie Arbeiten quasi verunmöglicht. Was für die einen ein mit der Zeit immer erratischeres Festhalten an der publizistischen Power eines Kuchenfotos postenden Erben vom Tegernsee ist, steht für Poschardt im Einklang mit den drei großen Werten der “WeLT”: Freiheit, Europa, Helmut Kohl! Und die Zahlen geben ihm Recht: Die Dinger klicken wie bekloppt!

Mit solchen Schwergewichten ausgestattet, kann man sich auch journalistische Feingeister leisten. Mit Querfinanzierungsmodellen kennt man sich ja bei Springer ohnehin aus, und so war das Blatt auch für andere Großdenker wie den rheinland-pfälzischen Nischentheoretiker Nils Heisterhagen oder den Krawallo-Liberalen Bert Brechtgens Sprungbrett in die umkämpfte Meinungsbranche.

So unterschiedlich doof die einzelnen Autor:innen auch sein mögen, eine Sache verbindet sie alle: die Liebe zur Freiheit. Denn das war heute wie vor 75 Jahren schon immer die zentrale Frage aller Paywall-Thinkpieces: Freiheit, was ist das überhaupt für ein Wort? Wie schmeckt sie? Auf welches Gebäude in Berlin-Mitte könnte man es noch einmal bei Nacht projizieren? Apropos Paywall: Hinter den allermeisten “DIE WeLT”-Paywall-Artikeln befindet sich selbst im Abo-Modus kein Fließtext mehr. US-Investor KKR, der inzwischen knapp die Hälfte des Konzerns hält, sieht betriebswirtschaftlich keinen Sinn mehr darin, ganze Artikel zu produzieren. “Eine geile Überschrift reicht doch für ‘nen Twitter-Aufreger”, heißt es dazu aus den USA.

Freiheit ist manchmal eben auch die Freiheit zum Verzicht.

Alles Gute zum Geburtstag: Dein Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 12

Liebe Leser:innen,

Endlich! Bei Kilometerstein 38 des Pandemie-Marathons kämpft sich die FDP zurück auf die politische Bühne. Plötzlich scheint Jamaika im Herbst möglich, und vielleicht ja sogar schon früher mit dem Flieger. Erst ging es für die Liberalen in der Sonntagsfrage satte drei Prozentpunkte hoch, dann konnte man auch noch einen prominenten Parteineuzugang verkünden: den Eisenhüttenstädter Diskjockey Paul van Dyk! Das Signal, das hiervon ausgehen soll, ist klar: Wenn uns das Merkelregime die Mallorca-Auszeit madig macht, holen wir uns Mallorca eben nach Hause – und drücken ihm bei der Gelegenheit ein Parteibuch in die Hand.

So einen Sensationstransfer musst du natürlich medial entsprechend kommunizieren – oder, wie der Saarländer MP Tobias Hans im Tagesthemen-Interview am Donnerstag sagte (und dabei offenbar sein eigenes Medien-Briefing vorlas): "Die Menschen brauchen ein Signal, eine Erzählung, die sie glauben können." Eigentlich hatte ich es nicht mehr für möglich gehalten, dass mir metafiktionales Erzählen nach dem Grundkurs Literaturwissenschaft noch einmal irgendwo begegnen würde. Und noch weniger, dass es ausgerechnet im Saarland wieder auftaucht! Diese Pandemie ist wirklich für einige Überraschungen gut.

Zurück zu Dyk. Keinem geringeren als FDP-Parteichef Christian Lindner kam es natürlich zu, den Personal-Scoop zu vermelden: "Der große Kulturschaffende @PAULVANDYK ergreift Partei für die #Freiheit. Macht nicht nur gute Musik, sondern sagt auch kluge Dinge. Welcome! CL". Lindner verquickt das tendenziell etwas abgenutzte Attribut "groß" mit ausgerechnet der Bezeichnung, welche den DJ kulturpolitisch als Pandemie-Problemfall klassifiziert. Um es mit der Zeit zu sagen: "Foucault hätte gejuchzt." Um ordentlich Druck auf das Thema zu bekommen, flankierte man die Personalie zusätzlich mit einem großen Interview in der Tageszeitung Welt. Darin geht van Dyk mit seiner alten Liebe SPD hart ins Gericht: "Die SPD war für mich eine Partei ohne den moralisch arroganten ideologischen Vorbau, den sie jetzt vor sich herträgt." Interessant, dachte ich, habe ich so in den letzten 12 Monate gar nicht täglich auf Twitter gelesen. Fast möchte man ihm zurufen: Obacht, DJ Paul, wenn du weiter so klug und gefährlich vor dich her denkst, landest du noch mit Ralf Stegner auf der Pro-&-Contra-Seite in der Zeit! Doch der DJ hat noch lange nicht genug und dreht die Debattenregler ein paar Sätze weiter richtig auf: "Unter Schröder wurde gefordert und gefördert." Ich gebe es unumwunden zu: Sehnsuchtsvolle Erinnerungen an den Altkanzler sind natürlich Trance in meinen Ohren.

So wie Paul van Dyks Musik. Sie ist nicht einfach nur Sangria-Techno, zu dem man im Deutschland-Trikot auf dem Parookaville-Festival in Weeze mit der Polizei abkumpeln kann. Vielmehr handelt es sich hier um musikgewordene Polittheorie, sie erinnert an Aufsätze von Nils Heisterhagen, die in Songs wie "Duality" behandelten Themen und Gedanken scheinen ähnlich komplex und wegweisend wie die des letzten Intellektuellen in der SPD. Es ist der Sound, den du auf der A8 zwischen Leonberg und Sindelfingen im geleasten Audi A8 hörst und, nur Augenblicke nachdem du gerade einen Mittelständler um 150 Arbeitsplätze verschlankt hast, bei 240 Kilometern pro Stunde auf die geniale Idee kommst, in die Partei des sechsten Ministerpräsidenten von Thüringen, Thomas Kemmerich, einzutreten, weil du dir denkst: "[Die FDP] hat sich maßgeblich in den letzten sieben Jahren verändert. Sie ist bei der Freiheit geblieben, hat aber verstanden, dass eine freiheitliche, weltoffene Gesellschaft mit einer sozialen Fairness im Land verbunden werden muss. Aber selbst wenn, ich wähle doch lieber die Partei der Apotheker als eine, die sich nicht klar von Rassismus abgrenzt."

Begeistert zeigte sich auch der reichweitenstärkste Jungliberale im Internet und zwitscherte unter das Lindner-Statement "@totalreporter Lindner-Retweet, alles erreicht" (1 Retweet, 8 Favs). Viraler ging da schon seine ausgewogene Analyse zur jüngsten Bund-Länder-Konferenz Anfang der Woche: "Kein Politiker der BRD-Geschichte hat mehr Schaden angerichtet als Angela Merkel. Kein einziger. Die Alte soll sich endlich verpissen." Offenlegung: Bei so viel intellektueller Energie und politischem Stil bekomme ich auch gleich Lust, mich bei der FDP anzumelden.

Trotz aller Euphorie: Ein Wort der Mahnung sei gestattet. Denn nicht immer geht es so sachlich und faktenbasiert wie bei den Jungliberalen zu, wenn FDP und Welt gemeinsame Sache machen. Das ZDF berichtete diese Woche, dass es die angebliche Lockdown-Müdigkeit "bei den Menschen da draußen", mit der ja die Lockerungen Anfang März begründet worden waren, genau betrachtet gar nicht gab: "Im Februar konnte man den Eindruck gewinnen, eine Mehrheit in Deutschland wolle Öffnungen. 'Lockerungen jetzt', titelte 'Die Welt' am 10. Februar. Die 'Bild'-Zeitung kritisierte Panikmache, die durch die Mutation geschürt werde. Und FDP-Chef Christian Lindner fand: 'Erste Lockerungsschritte wären möglich.' Dieser Versuch, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, sei auf Lobbyarbeit der Wirtschaft zurückzuführen, sagt Matthias Jung."

Der Rotfunk mal wieder, sagen jetzt vielleicht manche. Ich würde sagen: Der Ball liegt hier ziemlich deutlich bei Angela Merkel. Auch wenn es aktuell so aussieht, dass wir Menschen wie Lindner, Laschet und Hildmann nicht mehr erreichen: Die Kanzlerin muss den Liberalen und Wirtschaftsvertretern jetzt in einfachen Worten erklären, dass uns weder Schnelltests noch Tübinger Modelle, sondern nur noch ein gescheiter Lockdown aus der Scheiße retten kann. Kommunikation auf Augenhöhe ist gefragt. 

Dabei brauchen sie so sehr ein Signal, eine Erzählung, die sie glauben können.

Alles Gute: Euer Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 11

Liebe Leser:innen,

wieder einmal liegt eine Woche hinter uns, in der ein kleiner Mann aus Aachen unverhofft ins Rampenlicht der bundespolitischen Öffentlichkeit stolperte: Armin Laschet, Noch-NRW-Ministerpräsident, seit dem 22. Januar Bundesvorsitzender der CDU und mit etwas Glück der nächste Bundeskanzler. Dabei sah es zunächst nach sieben Tagen mediale Verschnaufpause für das Öcher Original aus. Nach dem für die CDU ziemlich verkorksten Wahlwochenenden in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Hessen bunkerte sich Laschet am Sonntagabend in seinem Berliner Büro ein und riss als allererstes einmal das Telefonkabel aus der Wand und stellte sein Telefon stumm, um das Wahldebakel nach der Maskenraffke-Affäre in der gebotenen Ruhe analysieren zu können. Was ihm viele bösartig als Feigheit und Führungsschwäche auslegen wollten, war in Wahrheit nur ein Beispiel von vielen für die Leadership-Qualitäten Laschets. Genauso konsequent entsandte er noch am Wahlabend Alt-Bundesinnenminister Thomas de Maizière als Unions-Vertreter zu Anne Will: Näher dran am Machtzentrum der CDU und CSU ist aktuell wohl keiner. Beide Beispiele verweisen auf Grundprinzipien des Machtpolitikers Laschet: Langsames Denken und Kommunikation auf Ballhöhe. Doch wer darin schon sein ganzes Programm erkennen will, unterschätzt ihn sträflicher als Friedrich Merz beim CDU-Parteitag. Denn wenn man genauer hinschaut, entdeckt man noch viele weitere magische Fähigkeiten und Assets, die sich der Aachener bei niemand anderem als dem letzten US-Präsidenten vor Joe Biden abgeguckt hat: beim amerikanischen Unternehmer Donald John Trump.

Ein tollkühner Vergleich, zugegeben. Doch betrachten wir die Sache einmal genauer. Da wäre bei beiden zunächst die oft fälschlicherweise als "bedenklich" ausgelegte Nähe zu christlichen Fundamentalisten. Der aus einem Opus-Dei-nahen Haushalt stammende Nathanael Liminski hat in jungen Jahren eine eigene hyperkatholische Lobbygruppe gegründet, die er inzwischen von "Generation Benedikt" in "Initiative Pontifex" umbenannt hat. Und gilt seit sechs Jahren als "Mastermind" und "Schattenmann" hinter dem überraschenden Aufstieg Laschets zum Spitzenpolitiker. Wenn, so Gott will, Laschet im September ins Kanzleramt einzieht, zieht sein engster Berater Liminski wohl mit ein. Und dann hätten beispielsweise auch die "Lebensschützer", also fundamentalistische Gegner:innen körperlicher Selbstbestimmung, die man beispielsweise auch auf der gestrigen Querdenken-Demo in München bestaunen konnte, über Liminski endlich einen direkten Draht zum künftigen Kanzler. Halleluja!

Doch damit nicht genug. Trump wie Laschet haben sich beide, bevor sie die Gipfel der politischen Macht erkraxelten, im Hochschulbereich für alternative und zukunftsgewandte Konzepte stark gemacht. Der Amerikaner mit seiner "Trump University" von 2005 bis 2010, an der er Geheimwissen aus der Immobilien-Wirtschaft unterrichten ließ, Laschet, indem er 16 Jahre als Dozent an der RWTH Aachen wirkte und sich bei der Benotung einiger Klausuren auf sein fantastisches Erinnerungsvermögen verließ: Als ihm ein Stapel Klausuren zur Benotung abhanden gekommen war, erfand er einfach Noten nach Bauchgefühl. Das forward thinking der beiden wurde summa summarum nicht so gut angenommen wie erhofft: Da an der "Trump University" weder die Dozenten einen Abschluss hatten noch die Studenten die Möglichkeit, einen anerkannten Abschluss zu erlangen, musste Trump letztendlich 25 Millionen Dollar Schadenersatz zahlen. Laschet musste zwar nichts zahlen, wurde von der RTWH jedoch öffentlich mit dem Ende seines Lehrauftrags gedemütigt. Und vielleicht war es gerade diese Demütigung – parallel zu Barack Obamas Stand-up beim "White House Correspondents' Dinner" 2011, als er Donald Trump zum Gespött machte –, die Laschet nach dem abrupten Ende seiner akademischen Laufbahn 2015 mit der notwendigen Jetzt-erst-recht-Power ausstattete, um 2017 in die Düsseldorfer Staatskanzlei einzuziehen. Weiß man’s denn?

Ein weiteres Beispiel für die schier unzähligen Parallelen ereignete sich dann diese Woche. Nachdem Trumps kreativer Umgang mit Wahrheit und Wissenschaft in seiner vierjährigen Amtszeit zur Etablierung des "March for science" führte, trampelt Laschet inzwischen auf denselben Pfaden. Wird ihn zumindest vom politischen Gegner vorgeworfen. Dabei hat der Familienminister seines NRW-Kabinetts, der FDP-Mann Joachim Stamp, lediglich in einem Fernsehinterview auf die Frage, ab welcher Inzidenz NRW denn die Notbremse ziehe, mit seiner Hand eine Kurve in die Luft gemalt: "Ab hier ungefähr!" Flexibles Pandemie-Management folgt eben keinen starren Verordnungen! Als sich dann trotzdem einige NRW-Städte entgegen Laschets Expertise erdreisten wollten, ihre Schulen aufgrund der explodierenden Infektionszahlen zu schließen, schob der Aachener diesen demokratie-zersetzenden Bestrebungen aus Dortmund und Duisburg den staatsverantwortlichen Riegel vor: "So geht’s nicht, liebe Leute: Wie gefährlich die Chinaseuche ist, entscheide immer noch ich!" Demokratie heißt auch Verantwortung. Auch Stamp meldete sich wieder zu Wort: "Bei dieser Pandemie haben schon so einige falsch gelegen, auch das Robert-Koch-Institut." Das RKI ging nämlich parallel dazu der NRW-Landesregierung auf die Nerven mit der Feststellung, dass die seit einigen Tagen erhöhte Zahl an Schnelltests keinen entscheidenden Einfluss auf die Inzidenz nähme. Kann ja alles sein, aber pressemeldet sich auch leichter von der Hand, wenn man keine Bundestagswahl im September vor der Haustür hat! Manchmal muss man in der Politik ein bisschen auf Zeit spielen, bis man eine wissenschaftliche Einschätzung auch öffentlich akzeptiert. Oder anders gesagt: Wissenschaft ist bestimmt nützlich, aber man kann es auch übertreiben.

Wer sich noch länger mit den Parallelen dieser beiden Ausnahmepolitiker beschäftigten würde, brächte sicher noch Erstaunlicheres zu Tage. Ich für meinen Teil habe jedenfalls jetzt schon keine Lust mehr und konstatiere: Vielleicht ist dieser einfache kleine Mann aus Aachen so etwas wie die gute Version von Donald Trump, vielleicht vereint er das Beste beider Welten: des rust belts und des Kohlenpotts. Laschet als Mario und Trump als Wario. Ein vergnügliches Bild. 

Heitere Grüße: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 10

Hey fellow Millennials,

wer erinnert sich noch? 2009 tauchte ein Live-Mitschnitt von Gunter Gabriel aus dem Knust in Hamburg auf, in dem er die Nerv-Hymne überhaupt, nämlich "Creep" von Radiohead – mit über 600 Millionen der most-streamed Song der Band – coverte und mit einem ganz persönlichen Text auf Deutsch ausstattete. Darin verquickt Gabriel die persönliche politische Standortbestimmung im wiedervereinten Deutschland mit Überlegungen zur eigenen Endlichkeit: "Wo war ich '68? Wo beim Mauerfall? Was ist mein Vermächtnis? Eine in Stein gehauene Zahl." Johnny Haeusler schrieb dazu damals auf Spreeblick: "Herausragend. In seiner OMFGigkeit."

Inzwischen hat sich einiges getan. Radiohead gelten inzwischen – TikTok sei Dank! – als red-flag-Band par excellence, als der Inbegriff von male manipulator music. Und Gunter Gabriel ist seit 2017 tot. Aber nicht vergessen. Denn um sein Vermächtnis kümmern sich nun zwei andere ehrliche norddeutsche Männer in der Netflix-Doku "Das Hausboot", nämlich Fynn Kliemann und Olli Schulz. Bei dieser Gelegenheit Dank an Giulia Becker, der es mithilfe eines einzigen Twitter-Threads gelang, den "norddeutschen Mann" als feststehenden Ausdruck zu etablieren. Die beiden holen mich jedenfalls erst mal koordinatengenau da ab, wo ich stehe: Bereit für eine Bromance-Comedy rund um zwei Kulttypen und ein mehr als schrottreifes Hausboot aus dem Nachlass von Gabriel, über alledem das mindestens diffuse Air des selbsternannten deutschen Johnny Cash. Locker-flockig runtergeschnitten auf vier snackable Folgen sind sie die perfekte Beschäftigung für einen Lockdown-Abend 2021. Geil, geiler, obergeil!

Noch in der Nacht überlegte ich mir ein paar extrem heiße Takes zur Dokumentation, die ich am nächsten Tag jedoch leider erfolglos einem anderen heruntergekommen Hausboot in Berlin angeboten habe. Wer will, kann sie sich ja copypasten und selber veröffentlichen!

1. Die beiden Nordlichter silencen mit ihrer Hochglanz-Doku das working class heritage von Gunter Gabriel ("Hey Boss, ich brauch mehr Geld").

2. "Das Hausboot" als ultimative Metapher für den sozialen Umbau der Agenda 2010, die geistig-moralische Wende der Schröderjahre. Der Arbeiter wird sprichwörtlich aussortiert und entsorgt, muss Platz machen für hypergenerische, seelenlose Architektur und einen Streetfood-Camper mit Tim Mälzer am Steuer.

3. Kein Wunder, dass Wolfgang Thierse im Kielwasser dieser Doku plötzlich aufgetaut wird: Er wird zum Symbol für die Aussortierten, die Abgehängten, kurz: Die Normalen. Ehrliche Typen mit dem Herz am rechten Fleck, denen einfach ab und zu mal die Hand ausrutscht, die es aber nie "so" meinen.

Wenn es gilt, eine Haltung zum Phänomen Fynn Kliemann zu finden, geht es mir im Grunde ein bisschen so, wie wenn ich mit Plusterhose tragenden Menschen konfrontiert werde, die gerade ihre Bachelor-Thesis in Sozialer Arbeit geschrieben haben und die Semesterferien dazu nutzen, mit Querdenken-Chef Michael Ballauf in Stuttgart gegen 5G-Masten anzuflöten, denn auch dort frage mich ständig: Was ist, wenn sie doch recht haben? Und es stimmt ja: In der Zeit, in der ich über neue Memes und Gags zum männlichen Teil der Familie Laschet brüte, gründet Fynn Kliemann 2 Start-ups, baut einen Freizeitpark und macht 40 000 Euro Profit durch Hochfrequenztrading mit Kryptowährungen. Nervt einen natürlich, wenn man darüber nachdenkt. Aber ist es nicht irgendwie auch geil, dass die beiden dieses beschissene Boot für ziemlich optimistische 20 000 Euro kaufen und dann noch mal fast eine halbe Million in die Reparatur stecken?

Hier würde ich gerne ein "Na ja" setzen, aber in dieser langgezogenen Harald-Welzer-Tonlage. Nichts gegen gute Vorher-Nachher-Unterhaltung à la VOX, aber schwierig wird die Doku dort, wo sie das Boot als eine Art Gunter-Gabriel-Gedächtnisprojekt etikettiert. Kliemann: "Ich hab' mich ja mit Gunter nie so richtig befasst, ich weiß nur, dass er irgendwie coole Sachen gemacht hat. So in Form von 'Leute motiviert' und irgendwie ein kreatives Zentrum versucht zu erschaffen. Ich weiß nicht, ob das jetzt wirklich so etwas ist wie sein letzter Wunsch, ist mir eigentlich auch scheißegal, ich fand halt den Kahn cool und er stand halt mitunter für coole Sachen." Gabriel hat bestimmt richtig coole Sachen in seinem Leben gemacht, wurde aber auch immer wieder durch Gewalt gegen Frauen und Gewaltandrohungen (übrigens gut dokumentiert) auffällig. Das lief vielleicht noch bis vor ein paar Jahren unter "So sind sie halt, die Genies!". Wenn man 2021 eine Doku über sein Hausboot macht, kann man das aber mal problematisieren. Auch wenn "abkultförmig" immer noch der natürliche Aggregatzustand zwischen norddeutschen Männern zu sein scheint.

Anyway, habe jetzt auf jeden Fall extrem Bock auf ein eigenes Hausboot bekommen!

Liebe Grüße,
euer Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 9

Liebe Leser:innen,

man kommt an diesem Wochenende kaum daran vorbei: Die sogenannte "Maskenaffäre" in der Union weitet sich aus. Weil ihr, liebe Leser:innen, in der Regel gut informiert in den Sonntag startet, verzichte ich an dieser Stelle auf eine langatmige Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse und starte direkt auf Ballhöhe. Der Essener Christdemokrat Matthias Hauer zwitscherte am Freitag: "Ich kenne unzählige Parlamentarier der #CDU/#CSU (und natürlich auch aus anderen Parteien), die sich 24/7 für das Wohl der Menschen in Deutschland richtig reinknien. Es macht mich wütend, wenn durch die Gier Einzelner viel erarbeitetes Vertrauen zunichte gemacht wird." Für mich ist das das falsche Mindset: Vertrauen wird doch wohl eher dort zunichte gemacht, wo vielversprechende young professionals wie etwa Dr. Georg Nüßlein (51) und Nikolas Löbel (34) vorschnell das Handtuch werfen, weil der Spiegel ein paar haltlose Gerüchte in die Welt setzt. 

Liebe CDU, ich habe Fragen: Wo ist der fighter spirit, wo das ninja mindset, wo ist das christdemokratische Durchhaltevermögen eines Helmut Kohl, bei dem ein Ehrenwort in Richtung Privatwirtschaft noch etwas galt und der die Namen der Spender mit ins Grab nach Speyer nahm? Hätte eine faire Untersuchung der Causa nicht sogar zum Ergebnis führen können – nein: müssen, dass es sich lediglich um unglückliche Missverständnisse beim Maskenkauf gehandelt hat, die ohne weiteres aufzuklären gewesen wären? Kann es sich die CDU im Jahr 2021 überhaupt leisten, ein wirtschaftspolitisches Talent wie Nüßlein, der laut eigener Homepage mit seiner Dissertation "ein Grundlagenwerk zum Konzernrecht" vorgelegt hat, einfach so fallen zu lassen? Auch wenn die Selbsteinschätzung "Grundlagenwerk" schon im Februar mit dem typisch deutschen Hinweis, dass es "praktisch nie zitiert [wurde], also wohl auch kaum als Grundlagenwerk zu bezeichnen [sei], siehe Google Scolar", von seiner Wikipedia-Seite gelöscht wurde? Oder geht es am Ende gar nicht um die Maskenkäufe, sondern darum, dass mal wieder zwei hoffnungsvolle Politiker mit Draht zum Volk zu gefährlich wurden für Merkel? Das berichten mir zumindest meine Quellen von einem Berliner Podcast-Schiff.

Viele Fragen, wenig Antworten. Stattdessen Duckmäusertum und Einknicken vor dem neuen Zeitgeist. Obwohl alle zwei Monate irgendwo ein nachdenkliches opinion piece erscheint, demzufolge die Bezahlung unserer Bundestagsabgeordneten – vor allem im Verhältnis zu ihrem workload am Volk! – viel zu gering sei, wird von Medien und Parteifreunden unbarmherzig draufgeschlagen, wenn sich dann doch mal ein Parlamentarier sein rechtmäßiges Stück vom Kuchen abschneidet. Ganz ehrlich? Mir ist das zu einfach.

Je näher wir den strategisch wichtigen Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg kommen, desto mehr häufen sich obskure Korruptionsvorwürfe gegen die Union: Erst Philipp Amthor, dann die erwähnten Nüßlein und Löbel, dann Axel Fischer (irgendwas mit Aserbaidschan) und zuletzt auch noch Gesundheitsminister Jens Spahn. Rotfunk bizarr: Spahn geriet allen Ernstes dafür in die Kritik, dass er mit einigen Freunden zu Abend gegessen hat und diese ihm später einen symbolischen Betrag über Paypal Friends & Family geschickt haben. Zeit, eine altes lateinisches Zitat auszubuddeln: Cui bono?

Fragt sich sicher auch der Unions-Fraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus, dennoch bringt er seine Perspektive sachlich und in einfachen Worten auf den Punkt: "Wir sagen daher sehr deutlich, das Beziehen von Geldleistungen für die Vermittlung von medizinischer Schutzausrüstung im Rahmen der Pandemie-Bekämpfung von Abgeordneten stößt auf unser vollkommenes Unverständnis und wird von uns entschieden verurteilt." Mit nur sieben Substantiven (Beziehen, Geldleistungen, Vermittlung, Schutzausrüstung, Rahmen, Pandemie-Bekämpfung, Abgeordneten) sendet Brinkhaus seine deutliche Botschaft an die geschassten Parteifreunde Nüßlein und Löbel: Hier ist die die Tür raus für euch, ich kann euch sie nur öffnen, durchgehen müsst ihr selbst.

Doch wenn ich ehrlich sein soll: Ich sehe die Exit-Strategie noch nicht. Eher riecht es für mich nämlich nach einer zweiten Causa Wulff, einem weiteren politmedialen Desaster also, bei dem es am Ende bekanntlich um Sachleistungen im Gegenwert eines Bobbycars ging. Und die den ehemaligen Bundespräsidenten zurückließ als Präsidenten des Deutschen Chorverbandes. Bei den Maskendeals von Nüßlein und Löbel geht es zusammengerechnet um einen ähnlich niedrigen Betrag von circa 910 000 Euro. Klingt auf dem Papier erst mal viel, sind aber umgerechnet auch nur 91 Abendessen mit Jens Spahn. Und dafür die Aufregung?

Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem sich Arbeit nicht mehr lohnt.

Besorgte Grüße: Dax Werner

Aktuelle Cartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Liebe Alte,

»Drogenhandel und Abzocke von Senioren« titelte kürzlich die Braunschweiger Zeitung. Also, dass Ihr abgezockt werdet, finden wir natürlich echt doof, aber: Wie läuft es denn so mit der Rentenaufbesserung durch den Drogenhandel?

Fragt schon mal prophylaktisch: Titanic

 Was ist da los, deutsche Medien?

»Die radikalen Impfgegner vom Alpthal« besuchte der Spiegel und fragte dazu mit brennendem Reporterehrgeiz bereits im Teaser: »Nun verweigerte ein Dorf gar dem Impfbus die Einfahrt. Was ist da los?« Gute Frage. Der auch die Taz nachgeht: »Im Schwarzwaldkreis Rottweil sorgen Impfgegner für gereizte Stimmung. Was ist da los?« Womöglich Ähnliches wie im Nordosten. Die B.Z.: »Was ist da los? Corona-Lage in Brandenburg doppelt so schlimm wie in Berlin«. Aber nicht nur im Zuge der Pandemie verlangt überraschender Tumult nach unverzüglicher Aufklärung: »Was ist da los? Bei Bella Hadid fließen Tränen« (N-TV); »Was ist da los? Anouar wurde bei The Voice disqualifiziert« (Berliner Kurier); »Was ist da los? NFL-Superstar schon wieder verletzt«. Gut, dass Bild sich der Sache annimmt, denn die FAZ ist gerade mit Wichtigerem beschäftigt: »Die neue Apple Watch 7 ist angekündigt, aber Garmin hält sich bei seinem Top-Produkt zurück. Was ist da los?«

Der, die, das, / wer, wie, was / wieso, weshalb warum? / Wer nicht fragt, bleibt dumm – sicherlich. Wer allerdings immer dasselbe fragt, auch.

Überfragt: Titanic

 Sylt Marketing Gesellschaft!

Du machst auf dem Festland mit dem Slogan »Sylt macht sychtig« auf die umrissbekannte Nordseeinsel aufmerksam. Und ja, sie hat noch mehr negative Eigenschaften! Sylt ist syndhaft teuer, das Publikum dort verhält sich dynkelhaft. Ja, die ganze Ynsel ist bei genauerer Betrachtung das reinste Shythole, ein Besuch dort kompletter Unsynn!

Steht fürs nächste Brainstorming gerne bereit: Titanic

 Wie viele Achtundsechziger, Udo Knapp,

bist auch Du, je älter Du wurdest, politisch immer weiter von links nach rechts marschiert: Du warst der letzte Vorsitzende des SDS, anschließend in einem Verein namens »Proletarische Linke«, um dann in den Achtzigern auf dem rechten Flügel der Grünen zu landen und schließlich bei der SPD, und zwar eigentlich nur, damit Du was in den Kolonien werden konntest, am Ende stellvertretender Landrat. Heute kritisierst Du die Gewerkschaften dafür, dass sie nur immer wieder Lohn fordern, wie man das als einer, der nichts gelernt hat bis aufs Lamentieren, halt so macht.

Dieser Weg verbindet Dich mit dem wohl dümmsten deutschen Sänger, Wolf Biermann, weshalb Du dem »alten weisen Mann« (Dein O-Ton) auch neulich so kenntnisfrei wie pathetisch zum Geburtstag gratuliertest: »Biermann hat den größten Teil seines Lebens in zwei furchtbaren deutschen Diktaturen verbracht. In beiden hat er gelitten, aber beide hat er mutig streitend und widerstehend überlebt.«

Wie man nun aber jeder Biermann-Bio entnehmen kann, hat der walrossbärtige Dödelbarde nur acht Jahre unter den Nazis und 23 Jahre in der DDR gelebt; die restlichen 53 jedoch im goldenen Westen (britische Besatzungszone, BRD und Gesamtdeutschland). Daher nun unsere Frage: Bist Du Dir, Udo Knapp, sicher, dass Du auf Deine alten Tage die Bundesrepublik Deutschland, in der Du so schöne Posten innehattest, wirklich als furchtbare Diktatur bezeichnen willst?

Wie meinen? Es stand doch bloß in der Taz, und in keiner richtigen Zeitung? Und rechnen konntest Du noch nie? Na dann, weitermachen, Udo, aber vielleicht demnächst doch ein bisschen, he, he, knapper.

Kurz angebunden: Titanic

 Sänger Max Mutzke!

Sänger Max Mutzke!

Zum Thema Klimawandel und Verkehr klagten Sie im Interview: »Es gibt bei uns eine Verbindung, da fahr ich 10-12 Minuten mit dem Auto hin. Weil der Ort aber auf dem Berg liegt, fährt der Bus mehrere Stationen an und es dauert fast zwei Stunden. Aber da arbeiten Leute.«

Wir wissen nicht, wie der Berg, auf dem Sie wohnen, beschaffen ist und wer dort die Busrouten plant. Aber mal angenommen, Sie würden wegen der langen Busfahrt den einen oder anderen Auftritt verpassen, wäre das nicht ein weiterer Grund für die »Öffis«?

In diesem Sinne: Go green!

Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Trost vom Statistiker

Wenn du wieder einmal frustriert bist und denkst, du bist nur durchschnittlich begabt und mittelmäßig erfolgreich, dann wechsele doch einfach in eine andere Stichprobe!

Theobald Fuchs

 Fünfzehn Zeichen Ruhm

Es hat wohl niemand je den Wunsch, um jeden Preis berühmt zu werden, heftiger kritisiert als meine Urgroßmutter. Ich kann mich gut erinnern, dass mein Vater einmal beim Lesen der Zeitung aufschreckte und Uroma ihn fragte: »Was ist denn?« – »Der Franz ist gestorben. Ich habe gerade seine Todesanzeige gelesen.« Sie schüttelte bloß genervt den Kopf und sagte: »Die Leute machen heutzutage wirklich schon alles, um in die Zeitung zu kommen.«

Jürgen Miedl

 Alles richtich

Jüngst wurde ich darauf angesprochen, dass das Wort »richtig« aus logopädischer Sicht korrekterweise »richtich« ausgesprochen werden muss. Um mir meine Verwunderung darüber gar nicht erst anmerken zu lassen, entgegnete ich nur ein lässiges »selbstverständlig«.

Fabian Lichter

 Schicksalhafte Wendung

Brüche im Leben gibt es bei allen Menschen. Öfter ist es so, dass jemand nach überstandener schwerer Krankheit das bisherige Streben nach Geld und Ruhm infrage stellt und beschließt, den sinnentleerten Job im Reisebüro, in der PR-Agentur (sehr viel seltener vielleicht auch im Schlachthof) hinzuschmeißen, um nur noch zu malen, zu töpfern, zu fotografieren, einen Gemüsegarten anzulegen oder zu schreiben. Es erfolgt allerdings nicht zwangsläufig eine Neuausrichtung zum Kontemplativen, Musischen. In meiner Bekanntschaft gibt es einen Fall, in dem der genesene junge Künstler seine Erfüllung als skrupelloser Miethai fand.

Miriam Wurster

 Notgedrungen einfallsreich

Mein Nachbar vergisst seit einigen Jahren regelmäßig seine Bank-Pin. Auf die Karte kann er die Pin natürlich nicht schreiben. Wie er mir vor Kurzem berichtete, hat er eine clevere Lösung für sein Problem gefunden: Um sich die Pin nicht mehr merken zu müssen, aber trotzdem nicht sein Geld zu riskieren, hat er seine Pin einfach auf den einzigen von ihm genutzten Bankautomaten geschrieben.

Karl Franz

Vermischtes

Katz & Goldt: "Lust auf etwas Perkussion, mein kleiner Wuschel?"
Stephan Katz und Max Goldt: Ihr monatlicher Comic ist der einzige Bestandteil von TITANIC, an dem nie jemand etwas auszusetzen hat. In diesem Prachtband findet sich also das Beste aus dem endgültigen Satiremagazin und noch besseres, das bisher zurückgehalten wurde. Gewicht: schwer. Anmutung: hochwertig. Preis: zu gering. Bewertung: alle Sterne.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURWenzel Storch: "Die Filme" (gebundene Ausgabe)
Renommierte Filmkritiker beschreiben ihn als "Terry Gilliam auf Speed", als "Buñuel ohne Stützräder": Der Extremfilmer Wenzel Storch macht extrem irre Streifen mit extrem kleinen Budget, die er in extrem kurzer Zeit abdreht – sein letzter Film wurde in nur zwölf Jahren sendefähig. Storchs abendfüllende Blockbuster "Der Glanz dieser Tage", "Sommer der Liebe" und "Die Reise ins Glück" können beim unvorbereiteten Publikum Persönlichkeitstörungen, Kopfschmerz und spontane Erleuchtung hervorrufen. In diesem liebevoll gestalteten Prachtband wird das cineastische Gesamtwerk von "Deutschlands bestem Regisseur" (TITANIC) in unzähligen Interviews, Fotos und Textschnipseln aufbereitet.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURKamagurka & Herr Seele: "Cowboy Henk"
Er ist Belgier, Kamagurka. Belgier! Wissen Sie, was der Mann alles durchgemacht hat in letzter Zeit? Eben, er ist Belgier. Und hat trotzdem in einem Finger mehr Witz als Sie im ganzen Leib! Und Heldenmut! Glauben Sie nicht? Dann lassen Sie sich von Cowboy Henk überzeugen, dem einzigen Helden, der wirklich jeden Tag eine gute Tat begeht.
Zweijahres-Abo: 117,80 EUR
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Das schreiben die anderen

  • 02.11.:

    "Keinmal um die ganze Welt - Ein Pauschalreiseabend für Zurückgebliebene" - so heißt das WDR-5-Spezial mit Thomas Gsella, Oliver Maria Schmitt und Hans Zippert.

  • 29.10.:

    Das Bornheimer Wochenblatt berichtet vom TITANIC-Normalitätswettbewerb.

  • 28.09.:

    Oliver Maria Schmitt hat versucht, mit der Kraftradgruppe Frohsinn die Demokratie zu retten – zumindest in der FAS.

  • 28.09.:

    Das "Medienmagazin" vom BR hat mit Martina Werner (und anderen) über Satire, Journalismus und Politik gesprochen.

  • 25.09.:

    TITANIC-Herausgeber Martin Sonneborn spricht mit der Taz über Frauen in der Redaktion und erinnert sich an die beste Zeit für Satire.

Titanic unterwegs
17.01.2022 Mannheim, Alte Feuerwache Max Goldt
21.01.2022 Braunschweig, Staatstheater Max Goldt
26.01.2022 Dresden, Staatsschauspiel Max Goldt
26.01.2022 Hamburg, Polittbüro Thomas Gsella