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Dax Werners Debattenrückspiegel KW22

Liebe Freund:innen,

die Kalenderwoche 22 biegt ein auf ihre letzte schnelle Runde und damit sind auch schon wieder 42 Prozent des Jahres rum. Irre: Eben noch debattierten wir – in der Sache hart, im Umgang immer fair – über das Böllerverbot an Silvester und das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen. Und dann ist plötzlich schon Juni: Laschet will immer noch Kanzler werden und Merkel macht die Gyms nach monatelangem Druck aus den sozialen Medien endlich wieder auf. Vielleicht ist dieser sachsen-anhaltinische Wahlsonntag eine schöne Gelegenheit, auch einmal persönlich Zwischenbilanz zu ziehen: Sind wir mit den von uns im Privaten formulierte Zielen und Wünschen für das laufende Jahr im Soll? Wo muss möglicherweise noch nachgesteuert, feinjustiert werden?

Vorschlag: Jede*r macht das erstmal für sich daheim in Stillarbeit, während ich die dickeren Fäden der heutigen Kolumne aufgreife. Der dickste Faden lautet: Historisch waren Krisensituationen immer auch Chancen, im größten Chaos eröffnen sich auch immer wieder große Möglichkeiten für Wachstum, für Veränderung. Auf Clubhouse haben wir Anfang des Jahres dazu "opportunities" gesagt. Das war 1989 so, nach dem Fall der Mauer, als Glücksritter und Drückerbanden aus der westdeutschen Provinz ihr Glück dort versuchten, wo das sozialistische Experiment kurz zuvor gescheitert war und die Ostdeutschen mit lebensnotwendigen Abos der großen westdeutschen Tages- und Wochenzeitungen, Postkarten und Versicherungen versorgten. Die Message war denkbar einfach: Willkommen zuhause, liebe Freund*innen, das hier können wir euch anbieten, lasst uns von nun an gemeinsam an der Erfolgsstory Deutschland basteln. Oder die Treuhandanstalt, die anno dazumal die Ärmel hochkrempelte, die Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit ostdeutscher Unternehmen zu sichern und bei den Betrieben, wo selbst der Medizinschrank der sozialen Marktwirtschaft kein Mittel mehr hergab, die Ladentür mit mehr als einer Träne im Knopfloch für immer zu schließen. Hart in der Sache, fair im Umgang.

Es sind eben Geschichten von Menschen, die in der Not für andere da waren, anpackten, über sich selbst hinauswuchsen. Erzählungen, die eine Gesellschaft über kurz oder lang eben auch braucht, um sich selbst zu erkennen. Perspektivwechsel: Für mich könnten die aktuellen Berichte von Testzentren, die sich bei der Abrechnung von Schnelltests hier und da verrechnet haben, eigentlich genau solche Geschichten sein. Wenn da nicht die wären, deren Gemütszustand seit Pandemie-Beginn auf Dauer-Empörung kalibriert scheint und die über weniger Fantasie verfügen als ein durchschnittliches Tatort-Drehbuch. Für Rücktrittsforderungen haben diese Leute inzwischen eine Tastenkombination auf dem Handy, damit’s mittags nach dem Aufstehen schneller geht. Auch wenn die Aufregung mal wieder groß ist: Die Selbstheilungskräfte des Spätkapitalismus und der unbedingte Glaube an das berühmte Diktum von Norbert Röttgen ("Frag lieber, was du für dein Land tun kannst!") haben es doch erst möglich gemacht, dass jemand als Eventgastronom aus Duisburg-Wedau das Gesundheitsamt betritt und eine halbstündige Schulung später als Corona-Testzentren-Betreiber wieder verlässt. Und anschließend Arbeitsplätze schafft, Steuern generiert und den Tourismus ankurbelt.

Wenn es bald als Verbrechen gilt, die Ärmel hochzukrempeln, so die Situation es erfordert, dann brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn Slowenien uns bald im internationalen Glücklichkeitsindex überholt. Mein Vorschlag für die letzten 58 Prozent des Jahres lautet: Fragen wir uns doch einmal selbst, ob wir uns bei so vielen Tausenden Schnelltests nicht auch verzählt hätten. Und schlagen wir nicht auf die ein, die in diesen herausfordernden Zeiten "German Mut" beweisen.

Einen besinnlichen Wahlabend in Magdeburg wünscht: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW21

Liebe Leser_innen,

diese Woche erlebte ich eine Debatte im privaten Umfeld, die mich regelrecht verstörte. Die jedoch, so glaube ich, eine Menge darüber erzählen kann, warum es mit der Deutschland AG seit Jahren bergab geht. Doch der Reihe nach: Ein befreundetes Pärchen, Sabine und Jürn, beide mit abgeschlossenem GeiWi-Studium und 2017 während des großen Schulzzugs in die SPD eingetreten, beschwerte sich in kleiner Runde darüber, dass die Auslaufzonen der Supermarktkassen in den letzten Jahren immer kürzer geworden sind: Als Kund_in werde man, so die krude Denke, ja regelrecht "gezwungen", die Einkäufe jedes Mal in Rekordtempo zu verstauen, da sonst die gesamte Idee des gestreamlineten Lebensmittel-Einzelhandels ins Stocken gerate. "Ich habe keine Lust mehr, mich von der der perfiden Einzelhandels-Architektur instrumentalisieren zu lassen", erklärte Jürn in seinem proto-revolutionären Bariton, Susanne ergänzte: "I am not your workforce. Das ist neoliberal!"

Ich brach den gemütlichen Grillabend an dieser Stelle ab. Für mich war dieser Vorfall mal wieder BRD unterm Brennglas. Wessen Zeitungslektüre seit Jahren nur noch daraus bestand, paywalllose Rezensionen der neuesten Erbauungsliteratur von Byung-Chul Han zu überfliegen, konnte natürlich nicht wissen, wie viele große Einzelhandelsmarken zuletzt dichtmachen mussten: Galeria Kaufhof, real, Schlecker – you name it. Mein Eindruck war, dass den beiden grundlegende Verständnisse von dem fehlten, was wir den "Gesellschaftsvertrag" nennen. Wer heute als Kunde das volkswirtschaftliche Parkett des Lebensmittel-Einzelhandels betritt, schlüpft eben nicht mehr als Kund*in, sondern auch und vor allem in die Rolle des Dienstleister*in, wird Teil des Unternehmens. Meine Oma sagte immer: Viele Hände, schnelles Ende. Dass man deswegen beim Einkaufen einfach mal mit anpackt, herumliegende Waren wieder einsortiert oder Kund_innen ohne FFP2-Maske aus dem Laden schmeißt und, jawohl, auch ein Auge darauf hat, ob in der Hygiene-Abteilung mal wieder ein Parfüm unbezahlt in die Jackentasche wandert: Für mich schon lange selbstverständlich. Oder, wie ich Augenblicke nach meinem Gespräch mit dem Pärchen klickgeil im Internet schrieb: "Die Fünfziger haben angerufen und wollen ihre Rollenbilder zurück: Stop crediting customers for doing the bare fucking minimum!" Den Post garnierte ich mit einem Privatfoto der beiden beim Abendessen. Ich nahm es von ihrem Instagram-Account, den sie schon vor einer Weile vorsorglich auf “Privat” gestellt hatten. Die Welt da draußen hat ein Recht auf die Wahrheit, dachte ich, als der Screenshot im Bildbearbeitungsprogramm zurechtgecroppt wurde.

Wer wieder sechs Stunden damit zubringen will, eine halbes Kilo Hack, Nudeln und Korn einzukaufen, kann die DDR meinetwegen gern wieder aufbauen, muss dann aber auch mit den Mauertoten leben. Bei vielen fehlt die Bereitschaft, die Ärmel hochzukrempeln, um das westdeutsche Kulturerbe "Supermarkt" am Leben zu halten. Dabei gibt es ja sogar ein paar Hacks, mit denen sich wieder ein ganz kleines bisschen Wirtschaftswunder-Flair in die Kassenschlange zaubern lässt. Statt seine Wunschprodukte stumpf wie ein Fabrik-Roboter aus dem Einkaufswagen zu räumen, kann man das Kassenband auch mit etwas Witz und Dramaturgie bespielen, in dem man die auf dem Laufband drapierten Einkäufe alle paar Dezimeter mit einem seltenen Gemüse oder einer merkwürdigen Frucht würzt, also kleine challenges für den Studenten hinter der Plexiglas-Scheibe einbaut: Ob er den Kassencode für die Cantaloupe-Melone im Kopf hat? Oder muss der Kollege drei Kassen weiter aushelfen?

Lasst uns gemeinsam anpacken, um die Supermarkt-Kultur am Leben zu halten.

Euer Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 20

Liebe Leser:innen,

Olaf Scholz, der Kanzlerkandidat der Herzen, dessen "schlumpfiges Grinsen" vom SPD-Wahlkampfteam aus Mangel an Alternativen zum thematischen Kern seiner Kampagne gemacht worden ist, landete diese Woche aus seiner Sicht einen Big Point im Wahlkampf und stellte fest: Europa, das ist vor allen Dingen der Euro und diese putzigen kleinen gelben Sterne vor blauem Grund auf unseren Kennzeichen. Man könnte meinen, dass Scholz hier ein Europabild ganz nah am Menschen rendert: KFZ-Zulassungsstellen in ansonsten menschenleeren Gewerbegebieten, stadtplanerische Fehlermeldungen voller McDonald’s Drive-Ins und POLO Motorrad Stores, in denen man mit Euros bezahlt. Hier in NRW sagen wir dazu NRW Noir. Da ist er wieder, dachte Scholz auch über sich selbst, der große Hanseat mit dem sachlichen Blick aufs Wesentliche, ein nüchterner Denker und Lenker in der Tradition von Helmut Schmidt – er fehlt –, dessen leicht angegrautes Diktum "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen" heute vor allem in den Social-Media-Profilen von Männern mit Kinnbart, UV-Sonnenbrille und "Weder links noch rechts" in der Bio weiterlebt. Große Olafliebe eben.

Europa, das hat uns der gestrige Abend einmal mehr gezeigt, ist aber vor allem und in erster Linie Vision. Genauer gesagt: Der Eurovision Song Contest (ESC). Denn Europa, das ist so gesehen nur einmal im Jahr. Der deutsche Finalteilnehmer Jendrik holte mit seinem wichtigen Song "I Don't Feel Hate" zwar nur 3 Punkte und landete auf Platz 25, immerhin vor Großbritannien. Viel wichtiger aus meiner Sicht jedoch: Mit seinem Padawanzopf erinnerte er mich an meinen Jugendfreund Marcel, den alle nur "Sally" riefen, und der sich eigentlich nur dadurch auszeichnete, dass er ständig nach Kaugummi roch und die anderen Kinder auf dem Abenteuerspielplatz terrorisierte. Ein bisschen so wie Deutschland in Europa.

Inzwischen hat sich im Umgang mit deutschen letzten Plätzen im ESC eine gewisse Lockerheit breit gemacht. Während nach der Underperformance der letzten Jahre immer noch reflexhaft der NDR, Musik an und für sich oder Europa als Ganzes in Frage gestellt wurde, hat man sich hierzulande nun endlich an die hinteren Plätze gewöhnt, der vierte Platz von Michael Schulte 2018 in Lissabon wird uns vielleicht auch noch ein paar Jahre trösten. Entsprechend angetrunken und gelöst erschien Jendrik dann auch nach Mitternacht beim obligatorischen Interview mit der obligatorischen Barbara Schöneberger: "Es geht nicht ums Gewinnen, es geht um diesen ganz speziellen Eurovision-Vibe."

Damit hören die Parallelen zur SPD jedoch noch nicht auf. Vielleicht hatte Jendrik nämlich einfach nur bei der italienischen ESC-Party genascht, denn der ESC wurde durch einen Vorfall am Tisch der italienischen Siegerband Måneskin "überschattet", ich würde sagen: "aufgelockert". Die internationale ESC-Regie blendete den Tisch der Italiener nämlich genau in dem Moment ein, als sich der Sänger Damiano David gerade eine köstliche Linie Kokain genehmigte. Das sorgte international zwar für viel Aufregung, für mich machte sich der ESC in dieser Stelle jedoch ehrlich und transparent: Wer auf internationalem Niveau reüssieren will, kommt an Aufputschmitteln nicht vorbei. Für mich ein Fall für die ARD-Dopingredaktion und der erste Fernsehabend im Ersten, der mich mit einer unzähmbaren Lust, Kokain auszuprobieren, in die Nacht entlässt.

In diesem Sinne: Mission accomplished, ARD!

Angegeilte Grüße, Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 19

Liebe Leser:innen,

wieder sieben Tage rum, wieder eine Woche mit Siebenmeilenstiefeln zurück in die Welt vor Corona, die wir zuletzt nur noch aus den automatischen Foto-Zusammenstellungen unserer Smartphones kannten: "Guten Morgen Dax, erinnerst du dich an die Pokémon-Go-Safari-Zone im Westfalenpark Dortmund 2018?" Wenn ich ehrlich bin nur noch sehr bruchstückhaft, wie an einen im Traum erinnerten Traum, doch während ich die Worte mit dem bewährten Zwei-Finger-System ins Google Doc tippe, kann ich mich mit einem Mal doch wieder erinnern, sie schwingt zurück in mein Bewusstsein wie ein mit viel Verve nach einem wilden Bisasam geschleuderter Pokéball, plötzlich ist alles wieder da, auch wie es dort roch, damals im Westfalenpark: Nach harter Arbeit, nach Hoffnungen, nach Axe Dark Temptation ohne Aluminium, eben nach dem wilden, echten Leben.

Im Internet haben inzwischen über 30 Millionen Deutsche ein Foto eines Pflasters auf ihrem Oberarm gepostet, fast 10 Millionen sogar zwei Fotos. Dafür gibt’s nicht nur viele geile Likes und Herzchen, sondern auch Grundrechte zurück: Mit den zwei Fotos bewaffnet dürfen sich die Vollverimpften uneingeschränkt mit anderen Menschen treffen und nach neun Uhr Abends wieder das Haus verlassen, ohne dass das SEK sie umstellt. Gut so! Andererseits sorgt dieser Grundrechte-Vorteil der Generation 50-Plus naturgemäß für Neid und Missgunst bei der Generation X (Sascha Lobo, Cem Özdemir) und den Millennials (Typen wie ich), also den Menschen, die in der Regel nicht mal wissen, was ein Hausarzt eigentlich genau sein soll und lediglich hin und wieder, wenn es der hektische Alltag zwischen Netflix, Zoom und Twitter zulässt, in den Spam-Porno-DMs auf Instagram nach dem ersten Impfangebot Ausschau halten, das laut Dr. Merkel bis Ende des Sommers an alle Deutschen gehen sollte.

Mit solch einer postpubertären Anti-Haltung lässt sich die Deutschland AG jedoch nur schwerlich wieder auf Kurs bringen. Mit gutem Beispiel voran geht der Festivalsektor: Das bislang bei Bierhelm-Nutzer:innen aus Städten mit weniger als 30.000 Einwohner:innen beliebte "Rock am Ring"-Festival hat bereits auf die veränderte demographische Situation im Verbraucher-Segment reagiert und das Lineup entsprechend angepasst. Mit The Offspring, Bush und Green Day treten bei der nächsten Ausgabe Bands auf, deren Frontmänner die 50 bereits überschritten haben und mit großen Schritten auf die 60 zugehen. Ein starkes Signal an die Rentner:innen unter den deutschen Festival-Fans: We hear you. Auch der Anteil weiblicher Musikerinnen wurde nach den Experimenten in den vergangenen Jahren wieder auf zunächst 2 Prozent heruntergefahren (Berechnung von Sophie Hunger auf Twitter). Frauen und Rockmusik, das ist für das neue Publikum bei Rock am Ring dann doch einfach eine Spur zu progressiv. Der Köder muss eben dem Fisch schmecken, für das übernächste Jahr wird schon laut über noch ältere Männeracts nachgedacht, wie zum Beispiel Howard Carpendale, Semino Rossi oder die beliebten Höhner aus Köln. Doch nicht nur auf sondern auch neben der Bühne reagieren die Veranstalter auf das neue Publikum: Das Bier wird zum ersten Mal auch in praktischen Schnabeltassen ausgegeben, die Lautstärke auf Zimmerlautstärke gedrosselt ("Man soll sich ja auch noch unterhalten können") und die Festivaltage enden nun schon um 18 Uhr, damit man im Eifel-Umland noch "gemütlich was essen gehen kann".

Wenn ich ehrlich bin: Es ist exakt diese affengeile Anpacker-Mentalität, die ich zur Zeit an vielen Stellen in unserem Land vermisse. Vielleicht haben viele noch nicht verstanden, dass wir die Welt vor der Pandemie, die wir nur noch aus paywallfreien Spiegel-Online-Artikeln vor 2020 kennen – ich nenne sie zärtlich "unser Silmarillion" –, nicht mehr zurückbekommen. Die kulturelle Hegemon ist nicht mehr der gerade aus der Universität gespuckte und Filme ausschließlich im Originalton streamende Millennial, sondern der kaufkräftige Best Ager mit festem Wertesystem und zwei Biontech-Einstichen im Arm. Und wenn der eben noch einmal ein wackeliges Facebook-Video posten will, in dem er "Self Esteem" von The Offspring in Fantasie-Englisch mit grölt, dann ist es unsere Aufgabe, das irgendwie möglich zu machen. Tränenlachsmiley.

Auf die schöne neue Welt,

euer Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 18

Liebe Leser:innen,

erinnert ihr euch an den "Schmetterlingseffekt", diese in den Nullerjahren auffallend häufig für Hollywood-Filme ausgegrabene Idee der nichtlinearen Dynamik? Also die Frage, ob der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen kann? Über dieses Rätsel musste ich bei meinen Spaziergängen diese Woche sehr oft nachdenken. Jedoch immer nur bis 9 Uhr abends, denn spätestens dann wurde ich auf dem Heimweg von den zweifach Geimpften der Stadt mit Kraftausdrücken beleidigt, die ich hier weder wiedergeben kann noch möchte. "Schaut mal, da läuft er wieder, der feine Herr Kolumnist" und "Na, veräppelst du wieder andere Männer im Internet?" waren zwischen höhnischen Gelächter und Raucherhusten noch die harmloseren Invektiven der bei Flaschenbier und Filterzigarette cornernden Best Ager, während ihre Seniorenhandys die menschenleeren Straßen mit Semino Rossi und Helene bestreamten. Finstere Blicke gaben mir wortlos zu verstehen: Diese Stadt hier, mein Junge, gehört ab Montag uns.

Anyway. Im Lichte der neuesten "sprachjakobinischen Cancel-Kampagne selbstgerechter Lifestyle-Grüner" – ich zitiere die aktuellen Wortneuschöpfungen dieser KW – muss die Frage nach dem Schmetterlingseffekt ja eigentlich so lauten: Kann ein technischer Fehler auf Jens Lehmanns Handy die endgültige Meinungsdiktatur in ganz Deutschland auslösen? What are the odds? Trotzdem sieht es derzeit genau danach aus. Deswegen schlage ich vor, dass wir die Geschehnisse rekonstruieren und den Weg in die Diktatur gleichsam reverse engineeren. Solange es eben noch geht. 

Die Geschichte beginnt am Dienstagabend im Wohnzimmer des Ex-Nationaltorhüters. Auf Sky läuft irgendein Fußballspiel, in einer Werbepause grabbelt Lehmann mit Chipsfingern in den Ritzen des Rolf-Benz-Sofas (Modell MADE in Darbygrün) nach seinem Samsung Galaxy S III ("Die Büchse tut’s doch noch?"). Irgendwann fischt er das Ding triumphierend aus dem Eck, fast wie im Viertelfinale 2006 gegen die Gauchos. Er kann’s eben doch noch. Manchmal wünscht er sich diese irre Zeit irgendwie schon zurück. Dann schläft Lehmann zufrieden ein.

Als er aufwacht, ist er um drei Jobs ärmer. Am Abend zuvor hatte sich von seinem Samsung offenbar eine rassistische Whatsapp an den Kollegen Dennis Aogo gelöst. Lehmanns Versuch, das technische Missgeschick sachlich zu erklären ("In einer privaten Nachricht von meinem Handy an Dennis Aogo ist ein Eindruck entstanden …"), hat gegen die geballte power der linksliberalen Internetrambos nicht den Hauch einer Chance, für sie steht das Urteil mit der Anklage fest: Lehmann, der Nazi.

Und das ist das Stichwort für einen anderen lonesome wolf im Meinungskorridor der Angepassten: Die Lehmann-Meldung ist noch keine 5 Minuten auf dem Markt, da geht der Tübinger Grünen-OB Boris Palmer schon mit angelecktem Zeigefinger den Leitz-Ordner der von ihm persönlich verwalteten Facebook-Fake-Profile durch. Offenbar ist es Zeit für einen metasatirischen Kommentar nach dem Tübinger Modell. Nach kurzem Überlegen entscheidet er sich diesmal für "Nadine P.", diesen Account hat er schon lange nicht mehr benutzt. Was wäre, wenn er Nadine einen Augenzeugenbericht schreiben ließe, nach dem sich Aogo bereits selbst einmal in ähnlich rassistischer Weise geäußert hätte wie das Samsung-Telefon von Jens Lehmann? Würde das die Vorwürfe gegen Lehmann nicht entkräften? Weil details everything sind, lässt Palmer diese Episode am Strand von Mallorca spielen. Sommer, Sonne, eben all das, was den Menschen da draußen gerade fehlt. Das moralinsaure Gutmenschentum wieder und wieder der Nase nach durch die Debatten-Manege führen, das kann er eben. Doch damit nicht genug, der OB würzt die Vorführung mit einer Volte mehr, wechselt wieder auf sein Hauptprofil und zitiert Nadine P.’s Bericht als Boris Palmer, sogar – und vielleicht wollte er in der Rückschau genau ab da zuviel – ohne Anführungszeichen. Als er gestern erklärt, dass er mit diesem ironischen Zitat auf die generelle Konstruierbarkeit jedweder Rassismusvorwürfe aufmerksam machen wollte, wird das Parteiausschlussverfahren bereits vorbereitet.

Auf den Ascheplätzen der Kreisliga gab es damals eine einfache Regel: Wenn einer so übertrieben zaubert, dass es in arrogante Demütigung umschlägt, wird er umgetreten. Und es fällt mir noch eine Analogie ein, nämlich das Märchen des Ikarus, jenem Wachsflügelmann also, der der Sonne zu nahe kam und abstürzte.

Und plötzlich wurde es Nacht.

Good night and good luck,
Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 17

Liebe Leser:innen,

es ist der lang erhoffte Silberstreif am Horizont. Der manchen gar zu köstliche Impfnektar wird inzwischen mit Hochdruck von Kiel bis Sonthofen verabreicht, viele Menschen teilen in ihren sozialen Medien mit, dass auch sie nun die "Impfe intus" haben, kurz: die Impfkampagne kommt auch hierzulande ins Rollen, vielleicht langsamer als anderswo, nun jedoch mit Nachdruck, also ein bisschen so wie Donkey Kong auf der Rainbow Road in Super Mario Kart – von der Beschleunigung her mau, aber nach hinten raus mit beeindruckender pace.

Wurde auch Zeit, denn mitunter vergesse ich's fast selbst schon in all der Aufregung: Im September geht's ja schon in die Wahlkabine! Doch die klassischen Vor-Ort-Termine auf den Marktplätzen von Oldenburg, Hamminkeln und Güstrow, die Präsenzveranstaltungen der Demokratie sind – Verimpfe hin oder her – in diesem Wahljahr schon längst gecancelt. So fällt zu meinem großen Bedauern auch die inzwischen schon traditionelle Markus-Feldenkirchen-Roadstory mit dem SPD-Kanzlerkandidaten auf 16 eng bedruckten Spiegel-Seiten flach ("Ein Stiefel auf dem Highway, ein anderer in der unbarmherzigen Arithmetik der Demoskopie"). Dafür, und da sind sich Digitalexpert:innen eigentlich seit Jahren einig, werden das Internet und die Menschen darin für die #2021Elections eine immer größere Rolle spielen: Dieser Wahlkampf wird digital ausgefightet!

Welche Rolle werden also die berühmt-berüchtigten Putin-Bots spielen? Wie viele digitale Debattencamps stehen uns bis Herbst noch ins Haus? Und wird es im Wettstreit der Ideen eine Partei geben können, die nicht auf das Erfolgsrezept von Christian Lindner im letzten Wahlkampf (Schwarz-weiß-Fotos) setzt? Auch die grand old CDU hat die Zeichen der Zeit erkannt: In einem bislang von vielen fadenscheinigen Korruptionsvorwürfen geprägten Jahr hat sie sich nun die Dienste des Präsidenten a.D. des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Mönchengladbacher Originals Hans-Georg Maaßen für den Thüringer Wahlkreis 196 gesichert. Ich möchte ehrlich sein: Ein Hammer-Transfer!

Maaßen steht wie der Sauerländer Friedrich Merz für das gut verdienende Anti-Establishment der Partei, seine kultigen Sprüche sind schon fast so legendär wie die von Prinz Philip (Gott hab ihn selig): "Es gab keine Hetzjagden in Chemnitz!" oder "Eine Koalition mit der AfD? Man weiß ja nie!" Auch seine Twitter-Bio atmet schon diesen unverkennbaren Oswald-Spengler-Alarm-Sound: "Nüchterner Realist, der sich große Sorgen um die Zukunft Europas macht." Visuell bedient er die tiefe Sehnsucht der radikalen bürgerlichen Mitte nach dem deutschen royal: Dreiteiler, winzige Brille, wenige TV-Auftritte. Und während der CDU-Chef Armin "Arminion" Laschet das Internet so müde und einfallslos bespielt, als wäre es noch 2012 und er Oppositionsführer in NRW, beherrscht Maaßen die Klaviatur der sozialen Medien mit schlafwandlerischer Sicherheit: Seine Gedanken und Notizen werden regelmäßig von 80 000 Menschen auf Twitter gelesen und mit Fav versehen, eine Netzpolitik-Studie fand auch heraus, von wem: nämlich von denen, die sonst nur noch auf die journalistische "Arbeit" von Roland Tichy, Boris Reitschuster und Joachim Steinhöfel vertrauen. Clever: Mit HGM hat die Union bei aller gespielten Empörung nun wieder einen Fuß in der Tür beim komplett unzurechnungsfähigen Teil der Bevölkerung.

Gleichzeitig gilt HGM als unkontrollierbar, als einer, über den First-Tier-Politiker:innen stolpern: Schon Annegret Kramp-Karrenbauer und Andrea Nahles bissen sich an der Maaßen-Personalie mehr oder weniger die Zähne aus, deswegen ist CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak gut beraten, wenn er im Umgang mit der Thüringer Personalie harte Geschütze auffährt. Statt persönlich in den Osten zu fahren und sich dort wie weiland AKK die Finger zu verbrennen, forderte er noch am Freitag energisch eine neue Ehrenerklärung der Thüringer CDU zu "Werten und Politik der CDU sowie einer scharfen Abgrenzung zur AfD". Und wie wir aus der Causa Masken-Raffkes noch wissen, ist die Ehrenerklärung das mächtigste Tool im demokratischen Werkzeugkasten der Union.

Demoskopisches Ehrenwort: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 16

Liebe Leser:innen,

im wievielten Monat des Semi-bis-Voll-Lockdowns befinden wir uns gerade? Die Älteren unter uns erinnern sich noch an die Bund-Länder-Konferenzen-Phase der Pandemie, kurz nach der Bananenbrot- und Tiger-King-Phase. Sie gaben Halt, Orientierung und ein Rest von Zeitgefühl, man konnte sich bei der Rekonstruktion der vergangenen Monate gut an diesen Phasen entlanghangeln, so wie ich als kleiner Bub meine Schuljahre den Fußball-Stars auf dem Cover der jeweiligen FIFA-Ausgabe zuordnete. Wie viele andere habe jedoch auch ich zugegebenermaßen vollkommen Überblick verloren, muss jede Woche für diese Kolumne literally ergoogeln, welche Kalenderwoche wir eigentlich schreiben und registriere lediglich sowohl eine extrem angespannte Stimmung im Internet als auch bei denen, um die es wirklich geht: Den Menschen da draußen.

So sind es vielleicht nicht die allerbesten Voraussetzungen für jede noch so durchdachte wie originelle satirische Video-Aktion, wenn Aufnahmebereitschaft und Ambiguitätstoleranz des Publikums gerade eh schon gegen Null gehen. Oder ist vielleicht exakt das Gegenteil wahr und Deutschland brauchte die #alles dichtmachen-Initiative einiger "mehr oder weniger bekannter Schauspieler:innen" (Marietta Slomka ungewohnt hämisch im "Heute-Journal") mehr denn je?

Eine Sache, in der ich mir jedenfalls ziemlich sicher bin: Wir dürfen die A-Liga-Schauspieler:innen dieses Landes, die ihre durch Schnelltests und Hygiene-Auflagen, wie etwa der verpflichtenden Nutzung von Plastikbesteck, möglich gemachten Filmdrehs gerade ziemlich einsam in ihren lichtdurchfluteten Altbauwohnungen verbringen, nicht vergessen; wir müssen uns klarmachen, was es mit diesen Menschen gemacht hat, als wir uns im letzten Jahr einige Wochen lang verabredeten, vom Balkon aus Applaus zu spenden. Jedoch nicht ihnen, den sensiblen Magier:innen der Leinwand, sondern – allen Ernstes! – dem Pflegepersonal, das im Grunde genommen einfach nur seinen Job runterspulte.

Das Öl des 21. Jahrhunderts ist bekanntlich Aufmerksamkeit und für die Menschen, die uns Woche für Woche mit immer neuen fantasievollen Folgen "Tatort", "Polizeiruf 110" und "Rosenheim Cops" versorgen, ist gerade 1973, nämlich: Ölkrise. Auch das gehört zur Wahrheit dazu und sollte im Debattenraum mitgedacht werden.

Doch in Zeiten immer engerer Meinungskorridore gilt man ja schon als "rechts", wenn man nur das schwäbische Querdenken-Krakele einiger pensionierter Lehrerehepaare aus dem Großraum Stuttgart wiederkäut und der avantgardistische Techno-Protest des Mit-Initiatoren und Filmregisseurs Dietrich Brüggemann ("Steckt Euch die Tests in den Arsch!") den Soundtrack liefert, zu dem in Berlin und Kassel Journalist:innen verprügelt werden. Debattenkultur bizarr! Dachte sich auch CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet, der sich am Freitag zu diesem Thema in die NDR-Talkshow "3 nach 9" äußerte und sich schützend vor die Missverstandenen stellte ("Diese Kritik muss möglich sein!"), während sich zeitgleich zahlreiche Schauspieler:innen genötigt sahen, ihre Videos zurückzuziehen. Diagnose: Vorauseilende Cancel Culture!

Der in meinen Augen spannendste Aspekt der Aktion ging in diesem diskursiven Wirrwarr selbstverständlich völlig unter: Dass sich nämlich Jan Josef Liefers über die neue angebliche Untertanen-Mentalität derjenigen Deutschen beschwert, die im Drosten-Brinkmann-Lauterbach-Rausch jeden noch so irren Lockdown abnicken würden, nachdem sich genau jener Liefers seit 20 Jahren als Ulk-Rechtsmediziner Boerne im Kult-Tatort Münster darum verdient macht, Polizei und staatliche Autorität vollends zu teddybärisieren. 

Aber vielleicht ist das ja Stoff für eine Kunstaktion an einem anderen Tag.

Performative Grüße: Dax Werner

Aktuelle Cartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Sänger Max Mutzke!

Sänger Max Mutzke!

Zum Thema Klimawandel und Verkehr klagten Sie im Interview: »Es gibt bei uns eine Verbindung, da fahr ich 10-12 Minuten mit dem Auto hin. Weil der Ort aber auf dem Berg liegt, fährt der Bus mehrere Stationen an und es dauert fast zwei Stunden. Aber da arbeiten Leute.«

Wir wissen nicht, wie der Berg, auf dem Sie wohnen, beschaffen ist und wer dort die Busrouten plant. Aber mal angenommen, Sie würden wegen der langen Busfahrt den einen oder anderen Auftritt verpassen, wäre das nicht ein weiterer Grund für die »Öffis«?

In diesem Sinne: Go green!

Titanic

 Was ist da los, deutsche Medien?

»Die radikalen Impfgegner vom Alpthal« besuchte der Spiegel und fragte dazu mit brennendem Reporterehrgeiz bereits im Teaser: »Nun verweigerte ein Dorf gar dem Impfbus die Einfahrt. Was ist da los?« Gute Frage. Der auch die Taz nachgeht: »Im Schwarzwaldkreis Rottweil sorgen Impfgegner für gereizte Stimmung. Was ist da los?« Womöglich Ähnliches wie im Nordosten. Die B.Z.: »Was ist da los? Corona-Lage in Brandenburg doppelt so schlimm wie in Berlin«. Aber nicht nur im Zuge der Pandemie verlangt überraschender Tumult nach unverzüglicher Aufklärung: »Was ist da los? Bei Bella Hadid fließen Tränen« (N-TV); »Was ist da los? Anouar wurde bei The Voice disqualifiziert« (Berliner Kurier); »Was ist da los? NFL-Superstar schon wieder verletzt«. Gut, dass Bild sich der Sache annimmt, denn die FAZ ist gerade mit Wichtigerem beschäftigt: »Die neue Apple Watch 7 ist angekündigt, aber Garmin hält sich bei seinem Top-Produkt zurück. Was ist da los?«

Der, die, das, / wer, wie, was / wieso, weshalb warum? / Wer nicht fragt, bleibt dumm – sicherlich. Wer allerdings immer dasselbe fragt, auch.

Überfragt: Titanic

 Wie viele Achtundsechziger, Udo Knapp,

bist auch Du, je älter Du wurdest, politisch immer weiter von links nach rechts marschiert: Du warst der letzte Vorsitzende des SDS, anschließend in einem Verein namens »Proletarische Linke«, um dann in den Achtzigern auf dem rechten Flügel der Grünen zu landen und schließlich bei der SPD, und zwar eigentlich nur, damit Du was in den Kolonien werden konntest, am Ende stellvertretender Landrat. Heute kritisierst Du die Gewerkschaften dafür, dass sie nur immer wieder Lohn fordern, wie man das als einer, der nichts gelernt hat bis aufs Lamentieren, halt so macht.

Dieser Weg verbindet Dich mit dem wohl dümmsten deutschen Sänger, Wolf Biermann, weshalb Du dem »alten weisen Mann« (Dein O-Ton) auch neulich so kenntnisfrei wie pathetisch zum Geburtstag gratuliertest: »Biermann hat den größten Teil seines Lebens in zwei furchtbaren deutschen Diktaturen verbracht. In beiden hat er gelitten, aber beide hat er mutig streitend und widerstehend überlebt.«

Wie man nun aber jeder Biermann-Bio entnehmen kann, hat der walrossbärtige Dödelbarde nur acht Jahre unter den Nazis und 23 Jahre in der DDR gelebt; die restlichen 53 jedoch im goldenen Westen (britische Besatzungszone, BRD und Gesamtdeutschland). Daher nun unsere Frage: Bist Du Dir, Udo Knapp, sicher, dass Du auf Deine alten Tage die Bundesrepublik Deutschland, in der Du so schöne Posten innehattest, wirklich als furchtbare Diktatur bezeichnen willst?

Wie meinen? Es stand doch bloß in der Taz, und in keiner richtigen Zeitung? Und rechnen konntest Du noch nie? Na dann, weitermachen, Udo, aber vielleicht demnächst doch ein bisschen, he, he, knapper.

Kurz angebunden: Titanic

 Sylt Marketing Gesellschaft!

Du machst auf dem Festland mit dem Slogan »Sylt macht sychtig« auf die umrissbekannte Nordseeinsel aufmerksam. Und ja, sie hat noch mehr negative Eigenschaften! Sylt ist syndhaft teuer, das Publikum dort verhält sich dynkelhaft. Ja, die ganze Ynsel ist bei genauerer Betrachtung das reinste Shythole, ein Besuch dort kompletter Unsynn!

Steht fürs nächste Brainstorming gerne bereit: Titanic

 Liebe Alte,

»Drogenhandel und Abzocke von Senioren« titelte kürzlich die Braunschweiger Zeitung. Also, dass Ihr abgezockt werdet, finden wir natürlich echt doof, aber: Wie läuft es denn so mit der Rentenaufbesserung durch den Drogenhandel?

Fragt schon mal prophylaktisch: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Schicksalhafte Wendung

Brüche im Leben gibt es bei allen Menschen. Öfter ist es so, dass jemand nach überstandener schwerer Krankheit das bisherige Streben nach Geld und Ruhm infrage stellt und beschließt, den sinnentleerten Job im Reisebüro, in der PR-Agentur (sehr viel seltener vielleicht auch im Schlachthof) hinzuschmeißen, um nur noch zu malen, zu töpfern, zu fotografieren, einen Gemüsegarten anzulegen oder zu schreiben. Es erfolgt allerdings nicht zwangsläufig eine Neuausrichtung zum Kontemplativen, Musischen. In meiner Bekanntschaft gibt es einen Fall, in dem der genesene junge Künstler seine Erfüllung als skrupelloser Miethai fand.

Miriam Wurster

 Fünfzehn Zeichen Ruhm

Es hat wohl niemand je den Wunsch, um jeden Preis berühmt zu werden, heftiger kritisiert als meine Urgroßmutter. Ich kann mich gut erinnern, dass mein Vater einmal beim Lesen der Zeitung aufschreckte und Uroma ihn fragte: »Was ist denn?« – »Der Franz ist gestorben. Ich habe gerade seine Todesanzeige gelesen.« Sie schüttelte bloß genervt den Kopf und sagte: »Die Leute machen heutzutage wirklich schon alles, um in die Zeitung zu kommen.«

Jürgen Miedl

 Alles richtich

Jüngst wurde ich darauf angesprochen, dass das Wort »richtig« aus logopädischer Sicht korrekterweise »richtich« ausgesprochen werden muss. Um mir meine Verwunderung darüber gar nicht erst anmerken zu lassen, entgegnete ich nur ein lässiges »selbstverständlig«.

Fabian Lichter

 Notgedrungen einfallsreich

Mein Nachbar vergisst seit einigen Jahren regelmäßig seine Bank-Pin. Auf die Karte kann er die Pin natürlich nicht schreiben. Wie er mir vor Kurzem berichtete, hat er eine clevere Lösung für sein Problem gefunden: Um sich die Pin nicht mehr merken zu müssen, aber trotzdem nicht sein Geld zu riskieren, hat er seine Pin einfach auf den einzigen von ihm genutzten Bankautomaten geschrieben.

Karl Franz

 Trost vom Statistiker

Wenn du wieder einmal frustriert bist und denkst, du bist nur durchschnittlich begabt und mittelmäßig erfolgreich, dann wechsele doch einfach in eine andere Stichprobe!

Theobald Fuchs

Vermischtes

Kamagurka & Herr Seele: "Cowboy Henk"
Er ist Belgier, Kamagurka. Belgier! Wissen Sie, was der Mann alles durchgemacht hat in letzter Zeit? Eben, er ist Belgier. Und hat trotzdem in einem Finger mehr Witz als Sie im ganzen Leib! Und Heldenmut! Glauben Sie nicht? Dann lassen Sie sich von Cowboy Henk überzeugen, dem einzigen Helden, der wirklich jeden Tag eine gute Tat begeht.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURWenzel Storch: "Die Filme" (gebundene Ausgabe)
Renommierte Filmkritiker beschreiben ihn als "Terry Gilliam auf Speed", als "Buñuel ohne Stützräder": Der Extremfilmer Wenzel Storch macht extrem irre Streifen mit extrem kleinen Budget, die er in extrem kurzer Zeit abdreht – sein letzter Film wurde in nur zwölf Jahren sendefähig. Storchs abendfüllende Blockbuster "Der Glanz dieser Tage", "Sommer der Liebe" und "Die Reise ins Glück" können beim unvorbereiteten Publikum Persönlichkeitstörungen, Kopfschmerz und spontane Erleuchtung hervorrufen. In diesem liebevoll gestalteten Prachtband wird das cineastische Gesamtwerk von "Deutschlands bestem Regisseur" (TITANIC) in unzähligen Interviews, Fotos und Textschnipseln aufbereitet.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURKatz & Goldt: "Lust auf etwas Perkussion, mein kleiner Wuschel?"
Stephan Katz und Max Goldt: Ihr monatlicher Comic ist der einzige Bestandteil von TITANIC, an dem nie jemand etwas auszusetzen hat. In diesem Prachtband findet sich also das Beste aus dem endgültigen Satiremagazin und noch besseres, das bisher zurückgehalten wurde. Gewicht: schwer. Anmutung: hochwertig. Preis: zu gering. Bewertung: alle Sterne.
Zweijahres-Abo: 117,80 EUR
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Das schreiben die anderen

  • 20.01.:

    In Göttingen eröffnete die große Eugen-Egner-Ausstellung im Alten Rathaus. Bilder vom Event zeigt das Göttinger Tageblatt und die Stadt Göttingen hat alles aufgezeichnet.

  • 20.01.:

    Mit Daumen und Rechenschieber erstellte Oliver Maria Schmitt in der FAZ das Horoskop fürs Reisejahr 2022, der Cartoon dazu stammt von Katharina Greve.

Titanic unterwegs
26.01.2022 Dresden, Staatsschauspiel Max Goldt
26.01.2022 Hamburg, Polittbüro Thomas Gsella
31.01.2022 Meiningen, Kunsthaus K. Greve, H&B und A. Plikat: »Corona revisited«
08.03.2022 München, Valentin-Karlstadt-Musäum »Herr Haas zeigt Hasen«