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Dax Werners Debattenrückspiegel KW26

Liebe Leser:innen,  

es war sicherlich die bis hierhin aufregendste Reise, die ich am Donnerstag mit dem Neun-Euro-Ticket unternahm. Der Himmel verdunkelte sich bereits als ich mich von Wuppertal in Richtung Rheinland aufmachte: da oben braute sich was zusammen, so hatte es auch Kachelmann Wetter schon am Mittag verlässlich angetwittert. Über die DB Navigator App meldete der RE7 bereits entspannte 40 Minuten Verspätung und ließ so Raum für viele eigene Überlegungen und Gedanken. Kurzum: Es versprach schon früh, ein aufregender Bahntag zu werden.  

Langsam nahm das Unwetter Gestalt an und während ich nochmal durch ein paar meiner Lieblingsfolgen "Allgemein gebildet", den Politik-Podcast von Ralph Ruthe und Sally Starken skippte, machte der RE7 plötzlich außerplanmäßig Endstation in Neuss:  Umgestürzte Bäume sorgten dafür, dass zwischen Platz 54 der größten Städte Deutschlands und der Samt- und Seidenstadt Krefeld eisenbahntechnisch erst ein mal gar nichts mehr ging. Was tun? Als inzwischen erfahrener Neun-Euro-Ticketler spürte ich: Die Nummer hier würde vermutlich den ganzen Abend dauern, auch wenn die DB Family im Hintergrund mit Sicherheit schon an einer pragmatischen Lösung arbeitete.  

Ich plante on the fly einen smarten Workaround: Mit der U-Bahn bis Belsenplatz, von dort weiter mit der U76 bis ans Ziel. Sollten die anderen doch auf ihre Ersatzbusse warten, als Bahnfan musste man sein Schicksal eben manchmal auch in die eigenen Hände nehmen. Die U-Bahn war fast vollständig leer, nur vorne stand ein junger Mann direkt an der Fahrerkabine, leicht vornüber gebeugt und, wie ich später heraushörte, mit dem Fahrer in ein intensives Gespräch über Bahnsimulatoren vertieft. Was für eine bewundernswerte Obsession, dachte ich bei mir, machte aber weiterhin ein Gesicht, als würde ich den Politik-Podcast von Ralph Ruthe hören. Menschen, die den oder die Bahnfahrer:in trotz der unzweideutigen Rechtslage in ein Gespräch verwickeln, faszinieren mich schon, seit ich als kleiner Bub den ersten Fuß in eine Bahn setzte, schon damals fragte ich mich: Wie spiele ich dieses Level frei, ab wann stehe ich über dem Gesetz, wie werde ich selbst zum Outlaw?  

Plötzlich war jedoch auch mit der U-Bahn Schluss: Endstation Strandbad Lörrick. Ein Satz wie ein stressiger Kurzfilm frühmorgens im ZDF, nachdem man bei einer dieser  völlig nichtssagenden Lanz-Ausgaben mit Gregor Gysi oder Edmund Stoiber eingeschlafen ist.  

Inzwischen war es Nacht, wir hatten auf freier Strecke gehalten. "Bäume auf der Strecke, dieser Zug fährt zurück ins Depot. Ausstieg auf eigene Gefahr!" Unsicher stolperten wir über die Gleise in Richtung der womöglich vom Unwetter verwüsteten Stadt, wir organisierten uns in kleinen, schlagkräftigen Gruppen von je drei oder vier Menschen, die ganze Szenerie hatte etwas von "The Walking Dead". Endzeitstimmung in NRW.  

Unsicher rief ich in die Dunkelheit, ob jemand noch einen TITANIC-Kolumnisten in seinem Team bräuchte. Stille. Nur Schuhe, die durch nassen Kies stapften.  

Good night and good luck: Euer Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW25

Liebe Leser:innen,  

sie gehören zu den Klassikern des politischen Humors: Videos von Politikern – es sind meist Männer – als Partylöwen, DJs und Dancefloor-Biester. Wir erinnern uns an Karl Theodor Guttenberg mit aberwitziger T-Shirt-über-Hemd-Kombination als DJ wahllos Regler an einem Mischpult verstellend. Oder Andreas "Andy" Scheuer, dem als Verkehrsminister irgendwann einfach alles so egal war, dass er damit begann, irrelevante Großraumdiskotheken in der bayerischen Provinz zu eröffnen. Einfach, weil er es kann. Jetzt macht ein harmloses Hochkantvideo von Friedrich Merz die Runde, in dem er auf einem Dancefloor selbstvergessen vor sich hin stapft. Und wieder dreht das Internet frei. Was fasziniert die Menschen so an der Kombination aus Politikern und Clubkultur? Eine Spurensuche.  

Zeit für meinen ganz persönlichen Gedankenpalast: Wer fühlt eigentlich noch irgendwas, wenn er den von Friedrich Merz selbstständig ins Netz gestellten Clip mit einem neuen Lied unterlegt und auf seinen Instagram Account hochlädt? Meine These: Niemand mehr. Das Weiter- und Um-Memen derart clever platzierten Menschel-Contents direkt vom Dancefloor des CDU-Sommerfests muss man sich heutzutage als einen weitestgehend automatisierten Vorgang denken. Und an keinem Punkt der Wertschöpfungskette wird auch nur eine Miene verzogen, denn das Lachen wird hier *räusper* nun ja, regelrecht outgesourct an gelb lachende Emojis.  

Vielleicht irre ich mich ja, aber mein Eindruck ist: Wir memen uns am geilen Merz-Video ab, aber können nicht so richtig sagen, warum. Und alles, was wir sagen können, ist dass wir’s nicht wüssten, uns aber irgendetwas befiehlt, dass wir’s müssten. Meiner Meinung nach muss das nicht sein. Ich zum Beispiel möchte Friedrich Merz ohnehin lieber als Menschen in Erinnerung behalten, der sich bei einem Obdachlosen, der sein Notebook an einem Taxistand fand und ordnungsgemäß zurückgab, mit einem Exemplar seines Buchs "Nur wer sich ändert, wird bestehen. Vom Ende der Wohlstandsillusion - Kursbestimmung für unsere Zukunft" bedankte. Oder 1997 gegen den Straftatbestand der Vergewaltigung in der Ehe stimmte.   

Zieht sich jetzt ein paar Minion-Memes zur Erholung rein: 

Euer Dax Werner   

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW24

Liebe Leser:innen,  

diese Woche ist ein Google-Mitarbeiter entlassen worden, nachdem ein von ihm programmierter Chatbot seiner Meinung nach die Schwelle zum "fühlenden Wesen" überschritten habe. Die künstliche Intelligenz mit dem Namen LaMDA habe eine Seele entwickelt, so der Google-Ingenieur. Sein Arbeitgeber hält ihn wiederum offenbar für jemanden, der solange in die KI geschaut, bis die KI irgendwann in ihn zurückgeschaut hat. Anyway: Eine Nachricht, die mir willkommenen Anlass zum Sinnieren bietet.

Dass die Unterscheidung zwischen menschlichen Wesen und künstlicher Intelligenz an der Schwelle zum eigenen Bewusstsein immer schwerer fällt, beweisen nicht zuletzt Christian Lindner und Marco Buschmann von der FDP Woche für Woche aufs Neue und ganz unter uns: Ich frage mich, für wie viel Euro ich diese Punchline an Volker Pispers hätte verkaufen können, wenn dieser nicht im Februar 2021 auf pispers.com seinen Abschied von der Bühne bekannt gegeben hätte – allerdings ohne Datumsangabe.

Vermutlich ein letzter diebischer Spaß des Altmeisters, denn seither ist #Pispers nach meiner Zählung mindestens sechsmal auf Twitter getrendet, also im Prinzip jedes Mal, wenn ein Fan die Pispers-Homepage angesteuert hat, aus dem Nichts mit dem Abschiedstext konfrontiert wurde und diesen dann anschließend in den sozialen Netzwerken (Pispers würde natürlich sagen: asoziale Netzwerke) als Neuigkeit verkauft hat. Und ich sag’s mal so: Ein Bot hätte sich das Veröffentlichungsdatum ohne Mühe aus dem von Volker noch per Hand getippten HTML-Text gezogen.

In puncto KI "fährt" die Elektroauto-Firma Tesla einen anderen Ansatz: Wie die Washington Post diese Woche berichtet, ist der Tesla-Autopilot so programmiert, dass er sich Sekunden vor einem Unfall selbst ausschaltet, so dass der Fahrer und nicht Tesla die Schuld trägt. Versicherungstechnisch gewiss die geschmeidigste, wenn nicht gar: flutschigste Lösung, aber selbst für Elon-Musk-Verhältnisse wirkt das alles doch etwas sehr sketchy.

Und es erinnert mich an so einige Bonmots meiner Großtante, die in Sachen positiver PR den großen Agenturen von heute in nichts nachstand: Über einen ihrer Neffen, der im offenkundig angetrunkenen Zustand einen Autounfall fabrizierte, verbreitete sie den einprägsamen Halbsatz "Dem haben’se was in die Cola getan." Und ihr Satz "Irjendswann war der Gehirnskasten einfach voll" über einen anderen Verwandten, der entnervt das Studium abbrach, ist für mich immer noch die griffigste Definition dessen, was uns Menschen nun eigentlich von der KI unterscheidet – Google’s LaMDA hin oder her.

Flirtet jetzt eine Runde mit dem Chatbot auf der Musicstore-Homepage: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW23

Liebe Leser:innen,

wenn es eine Sache gibt, die in den ersten 12 Juni-Tagen vollständig mein Leben bestimmt, dann das Neun-Euro-Ticket. Es ist für mich die WM 2006 als QR-Code in meiner DB Navigator App, mein Passierschein Richtung Freiheit, jawohl, vielleicht ist das Neun-Euro-Ticket in gewisser Weise der Mauerfall-Moment unserer Generation. Doch jede neu erkämpfte Freiheit hat ihren Preis.

Seit dem 1. Juni nutze ich jede verfügbare Minute, um mit dem Neun-Euro-Ticket irgendwohin zu reisen, viele meiner Zugfahrten ergeben sogar objektiv gar keinen Sinn. Meine Mission: Der Ein-Mann-Stresstest der Deutschen Bahn. So auch diese Woche. Freitagmittag, RE1 von Düsseldorf in Richtung Aachen: Eine Familie mit vier Kindern inklusive Kinderwagen macht Anstalten, zuzusteigen. Das Abteil ist jedoch schon überfüllt, der Zug hat schon einige Minuten Verspätung eingefahren und ein Pärchen (vermutlich erster Gen X Jahrgang), das allein schon gut 15 Prozent der Transportfläche mit ihren Trekkingbikes und Deuter-Wanderrucksäcken blockiert, brüllt den Vater der Familie mit hasserfüllten Blicken an. Ihre Position: Die Familie solle doch bitte den nächsten Zug nehmen, da dieser hier bereits überfüllt sei. Der Firnis der Zivilisation ist bekanntlich dünn, ich spüre, wie die beiden eine gewisse Lust an der Eskalation überkommt, auf jedes "Raus hier!" von ihm setzt sie ein "Ganz einfach!" nach, vielleicht planen die beiden ja gar keine Fahrradtour zum Dreiländereck Aachen, sondern beleben einfach ihre Beziehung neu.

Die Familie blieb ruhig, schraubte nicht noch weiter an der Eskalationsspirale und schaffte es trotzdem noch irgendwie zu uns in den Zug. Durch ihr besonnenes Verhalten boten sie den beiden Riesen-Arschlöchern einen gesichtswahrenden way out aus der Sackgasse namens spontan kulminierter Alltagsgewalt. Gut so. Dennoch zeigt diese Anekdote gleich dreierlei. Erstens: Entgegen der landläufigen Meinung sind Bahnfahrer:innen keineswegs automatisch die besseren Menschen. Ich habe den starken Verdacht, dass das Gen-X-Pärchen es im Prinzip nur der Gnade der späten Geburt verdankt, 1933 nicht mitmarschiert zu sein. Zweitens: Warum habe ich im entscheidenden Moment geschwiegen und verarbeite das Geschehene nun auf dem Rücken der von mir hochverehrten TITANIC-Leser:innen? Diese Frage ist ganz leicht zu beantworten: Ich hörte gerade eine spannende Stelle im Zeit-Verbrechen-Podcast mit Sabine Rückert und war nicht bereit, den Pause-Button zu hitten – möglicherweise eine gelungene Metapher für die seit Jahren voranschreitende Individualisierung und Entsolidarisierung in "der Gesellschaft".

Und drittens: Das Neun-Euro-Ticket bringt das System Bahn an die Belastungsgrenze. Es wird deswegen dringend Zeit, dass wir über eine sinnvolle Alternative zum Schienenverkehr nachdenken. Wir verfügen über ein starkes Autobahnnetz mitten in Europa: Warum probieren wir es nicht mit einer neuen Abwrackprämie und einem überarbeiteten Tankrabatt? Daran, dass die erste Fassung der Spritpreis-Senkungs-Offensive nur so halb funktioniert, trifft die FDP keine Schuld: Niemand hätte ahnen können, dass sich die Mineralölkonzerne den Tankrabatt einfach in die eigene Tasche stecken, statt an die Verbraucher:innen weiterzugeben. Wer anderes behauptet, lügt. Und wo sind eigentlich die anderen Parteien, wenn es um den Preiskrieg an der Zapfsäule geht? Von Tobias Hans hat man seit seinem Handy-Video vor der Aral-Tankstelle in St. Ingbert jedenfalls nichts mehr gehört.

Besitzt weder ein Auto noch Führerschein, versteht sich aber als nicht selbst betroffener Ally aller Autofahrer:innen: Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW22

Liebe Leser:innen,  

"Ich lade alle ein, das mit einem Lächeln zu machen, Freude daran zu empfinden." Ein paar Tage rätselte ich, worüber Volker Wissing in diesem Zitat aus dieser Woche eigentlich sprach: Den Tankrabatt? Bei REWE klauen? Oder vielleicht sogar das versaute Wort mit den 3 Buchstaben? Nein, Zoo machte keinen Sinn, Sex auch nicht. Zug? Ja, es geht um Zugfahren! Die andächtige, fast protestantische Energie, mit der Wissing das Neun-Euro-Ticket dieser Tage bewarb, steckt einfach an. Doch einige können sich mal wieder nicht beherrschen und überspannen den Bogen. Ein Einwurf.  

Wenn ich eines über das Leben gelernt habe, dann das: Wünscht man sich eine Sache wirklich aus tiefstem Herzen, dann muss man einfach nur nichts tun und abwarten, bis es von alleine kommt. Jetzt ist es da, das Neun-Euro-Ticket. Meine Jungfernfahrt damit habe ich schon hinter mir und ich empfand tiefe Dankbarkeit, nicht mehr jedes Mal 3 Euro zahlen zu müssen, wenn ich vom Kölner Hbf zwei Stationen bis zum Heumarkt fahre.   

Für mich ist das Neun Euro Ticket eben nicht nur ein Mobilitäts-Schub, sondern auch Stärkung der Schiene, Verkehrszeitenwende, Demokratisierungsrakete und Teilhabe-Enabler in einem. Für andere wiederum ist das alles nichts weiter als ein großer Spaß. Der Spiegel etwa schickt am Freitag sechs Journalist:innen auf Reportage und zimmert mithilfe des Digital-Dienstleisters Tickaroo einen Liveticker zum "Neun-Euro-Experiment in vollen Zügen" zusammen. Einen Feldenkirchen sucht man unter den Ticker:innen natürlich vergebens, die meisten der sechs haben auf Twitter drei bis niedrige vierstellige Followerzahlen und gehen ziemlich aufgeladen ins Experiment. "Das muss jetzt einfach klappen", scheinen sich einige am Morgen im Share Now BMW noch beim Red Bull Zero gedacht zu haben und spammen den Liveticker so ironisch zu, als wäre es 1997 und Guildo Horn wäre gerade beim Eurovision Song Contest 7. geworden.   

Muss nicht sein imho. Was mir auch aufstößt: Viele sogenannte "Bahnfans" machen sich an diesem Wochenende auf nach Sylt, als sei es 1995 und das Schönes-Wochenende-Ticket (SWT) gerade erfunden worden. Die Insel soll verwüstet werden, den reichen Schnöseln auf ihrer Protz-Insel wird es jetzt mal so richtig gezeigt. Antiquiertes Freund-Feind-Denken wie auf den ersten Platten der Toten Hosen, mit echter Bahnliebe hat das alles schon lange nichts mehr zu tun. Count me out!  Was ich mir für die kommenden drei Monate wünsche? Etwas wenig Brechhammer-Ironie wie vor 25 Jahren, dafür mehr Dankbarkeit, Achtsamkeit und Entspannung auf all euren Bahnwegen. Oder wie Volker Wissing eben sagen würde: "Ich lade alle ein, das mit einem Lächeln zu machen." 

Fährt heute ausnahmsweise auf Gleis 2 direkt gegenüber ein: 

Euer Dax Werner

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW 21

Liebe Leser:innen,  

es war der erste heiße Tag in diesem Jahr, ich spazierte gut gelaunt durch den Kölner Grüngürtel als ich eine Gruppe junger Studierender entdeckte, die "es" spielten: Spikeball. Ich hatte zwar schon davon gehört, live miterleben durfte ich es jedoch noch nicht. Und just in diesem Augenblick kam mir die Idee für die heutige Kolumne: Ein Listicle, in der wir gemeinsam die derzeit gängigen Freizeitsportarten bewerten. Was ist cool und angesagt, was darf in die Tonne? Lasst es uns herausfinden!  

Bouldern: 
Ein inzwischen absolut etablierter Freizeitspaß mit gut ausgebauter Infrastruktur in ganz Deutschland. Zieht seinen Reiz vermutlich daraus, dass man kurz abtauchen kann und sich für ein, zwei Stunden wie Reinhold Messner 1970 auf dem Nanga Parbat fühlen darf. Für mich das Go-Kart-Fahren des Bergsteigens, was mich jedoch daran nervt ist, dass am Ende niemand verliert. 6/10  

Flunkyball:
Das Wort "Bouldern" versprüht durch die weichen Konsonanten und die wohlklingende ou-Kombination eine extrem anziehende Aura – "Flunkyball" markiert das exakte Gegenteil davon und macht genauso viel Spaß, wie es klingt. Eine obszönes Trinkspiel mit dem simpelsten Regelwerk, das mir je untergekommen ist. Beliebt bei Studierenden der Geisteswissenschaften von der Erstiwoche bis zum Master sowie die vielleicht schlimmste Festival-Angewohnheit. Wirkt dabei so cool wie eine Oktoberfest-Eröffnung in der Käfer-Wiesn-Schenke zwischen Philipp Lahm und Jens Jeremies. Für mich der kleine JGA in der Düsseldorfer Altstadt. 1/10  

Wikingerschach: 
Für uns lässigen Millennials, deren Synapsen durch StudiVZ, Instagram und Mastodon inzwischen komplett zerfräst sind, eine niedrigschwellige Alternative zum Spiel der Könige, für das wir weder über die notwendige Konzentrationsfähigkeit noch die intellektuelle Kapazität verfügen. Eben ein Spiel für Menschen, die wissen, wo ihr Platz im Leben ist. Denn hier geht es einzig und allein darum, Holzblöcke mithilfe anderer Holzblöcke umzuwerfen. Entspannend, gesellig und trotzdem eine Sache, bei der ich völlig übertriebenen Ehrgeiz entwickeln kann – so geht Outdoorspiel! Ich empfehle Wikingerschach trotzdem nur in abgelegen Parks oder Gärten mit Sichtschutz. 7/10  

Scootern: 
Auch bekannt als Limen. Hat eine Weile gebraucht, bis Scootern es in die Mitte der Gesellschaft geschafft hat, inzwischen kann ich mir ein Leben ohne nicht mehr vorstellen. Wann immer es geht, buche ich ein Gefährt und erkunde damit die Stadt: Weltgewandt, nachhaltig und mit gut und gerne 20 Stundenkilometern unter den Schuhen. 10/10  

Frisbee: 
Der Klassiker, der zwar ein wenig aus der Zeit gefallen wirkt, jedoch auch signalisiert, dass man auf aktuelle Trends herzlich wenig gibt, und Traditionen zu schätzen weiß. Ich kann mir zum Beispiel Joe Laschet gut beim Frisbee vorstellen. 3/10  

Hacky Sack: 
Sorry, das muss nun wirklich nicht sein. 0/10  

Spikeball: 
Mal wieder einer dieser Fälle, in denen ich ein Outdoor-Spiel zunächst mit jeder Faser meines Seins verachte, bis ich es dann selbst ausprobieren darf. Letzten Sonntag war es soweit und was soll ich sagen: Ich habe mich verliebt – und spiele inzwischen mit einem selbst gegründeten Team in der Wilden Liga Köln Süd. Achtung: Trotzdem ein Spiel mit bedenklich hohem Single-Männer-Anteil. Daher: 9/10  

Alles Gute und einen schönen Sonntag: Euer Dax Werner  

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Dax Werners Debattenrückspiegel KW20

Liebe Leser:innen,   

der Aufhänger für die heutige Kolumne erreichte mich über WhatsApp. In unserer "Quasselgruppe Wuppertal" bin ich mit einigen Freund:innen aus dem Bergischen Land verbunden, um gemeinsam die Lokalpolitik zu diskutieren. Am Donnerstag jedoch machte darin plötzlich eine Meldung ganz anderer Art die Runde: Haustaube Tröti aus Elberfeld wird vermisst! Sie trägt einen roten und neongelben Ring, hört auf ihren Namen und setzt sich auf die Schulter von Menschen, wenn sie gerufen wird. Ich begann mich für den Fall zu interessieren, der jedoch noch einige überraschende Wendungen nehmen würde.

Zunächst hielt ich Augen und Ohren offen, studierte die auf Facebook kursierenden Sichtungsberichte ("Getroffen haben wir uns am Karlsplatz und sind dann Richtung Nordstadt gegangen. Wir haben auch seinen Namen gerufen in der Hoffnung das er vllt angeflogen kommt aber leider haben wir nichts erreicht.....Geteilt in Wuppertal 42119") und postete den Beitrag von Radio Wuppertal pflichtschuldig auf meiner Instagram-Seite, nicht ohne eigene Einordnung: "Wer hat am 8. Mai in Elberfeld etwas Ungewöhnliches im Zusammenhang mit einer Taube bemerkt? Wer kann sachdienliche Hinweise zum Verbleib von Tröti machen? Jede Kleinigkeit zählt."

Es dauerte nicht lang, bis mich der erste Hinweis eines befreundeten Ermittlers, der hier anonym bleiben soll, erreichte: "Weiß’ nicht, wie es dir geht, Dax, aber mich erinnert das alles verflucht an Red Dragon 222." Verflucht, er hatte Recht. Dass ich da nicht von selbst drauf gekommen war! Das neueste TKKG-Hörspiel "Roter Drache 222", erst vor kurzem erschienen, handelte auch von einer verschwundenen Taube. Zufall oder Chiffre? Für eine Antwort war es noch zu früh. Nur eines war klar: Ich musste mit meinen Ermittlungen noch einmal von ganz vorn anfangen.

Und hörte mir zum ersten Mal seit Jahrzehnten eine Folge TKKG an. Vieles wirkte gleich wieder vertraut, beispielsweise die unfassbar unsympathische Schlaumeierei von Anführer Tim, die leicht rassistischen Untertöne ("Chinesen stehen auf überteuerte Statussymbole, obwohl sie so beherrscht sind") und der kaum versteckte Hass auf alles, was zu extravagant oder sich sonstwie abseits der Norm bewegt. Zu den kaum gewürdigten Leistungen der TKKG-Hörspielserie zählt es, dass sie seit nunmehr 40 Jahren ein Wertegerüst stabilisiert, innerhalb dessen sich im Prinzip nichts anderes zurückgewünscht wird als die westdeutschen 1980er Jahre unter Helmut Kohl. Andererseits wäre es auch kaum zu verkraften, wenn Willi "Klößchen" Sauerlich plötzlich auf der Conference Stage der "Online Marketing Rockstars" über nachhaltige Kakaoplantagen im Speziellen und "purpose für Unternehmen" im Allgemeinen referieren würde.

Tatsächlich, eine seltene Brieftaube wurde in dieser Folge gestohlen, da war die Parallele zu Tröti, und fast fühlte sich alles wie ein TKKG-Fall an, der auch 1994 hätte erscheinen können, doch etwas war anders. War das nur meine Wahrnehmung oder wirkten die Figuren hier und da ein wenig "off", betonten einzelne Worte ihres Skripts merkwürdig, jawohl: Schienen sich ihrer eigenen Künstlichkeit während des Sprechens halb bewusst zu werden? Wann immer sie über ihr Zuhause, die "Millionenstadt" sprachen, nahm ich ihnen das nicht mehr ganz ab, es erinnerte mich ein wenig an die erste Staffel der Serie "Westworld", in der sich die Avatare eines Wild-West-Freizeitparks langsam bewusst werden, gar keine Cowboys zu sein, sondern in einer Illusion zu leben. Von wem zu welchem Zweck erschaffen? Keine Ahnung.

Ich bekam es mit der Angst zu tun, beendete die Folge schnell.

Was das nun alles zu bedeuten hat? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.

Die letzte Tröti-Sichtung wurde vor dem Wochenende aus Solingen berichtet.

Haltet die Augen und Ohren offen.

Euer: Dax Werner

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Aktuelle Cartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Rätselhaft, Alpro!

Auf Deinem neuen Haferdrink steht geheimniskrämerisch flüsternd »Shhh… This is not molk«, wobei das »o« in »molk« durch einen Tropfen weißer Flüssigkeit, vermutlich das beworbene Produkt, ersetzt wurde. Dabei ist die große Frage für uns weniger, ob es sich bei dem vorliegenden Getränk um Molk handelt, sondern eher, was denn Molk bitte schön sein soll.

Nun könnten wir Dein Getränk, Alpro, eigentlich beruhigt zu uns nehmen, da es ja explizit versichert, keine Molk zu sein. Aber ist das nicht genau das, was Molk von sich behaupten würde?

Verbarrikadieren zur Sicherheit den Kühlschrank:

Deine Milchmädchen von der Titanic

 Oppositionsführer Friedrich Merz,

Oppositionsführer Friedrich Merz,

auf die Frage, ob ein 66jähriger Mann denn die richtige Person für die Modernisierung der CDU sei, antworten Sie rätselhaft: »Ich kann möglicherweise Dinge bewegen, ohne dabei gleich den Verdacht zu erwecken, nur im eigenen Interesse zu handeln.«

Was meinen Sie denn damit, Merz? Dass Sie ohnehin nicht mehr so lange »haben«? Dass Sie in Ihrer Parteikarriere nebenbei genug gescheffelt haben und die eigenen Interessen somit schon befriedigt sind, Stichwort »gehobener Mittelstand«? Und welche Dinge wollen Sie überhaupt bewegen und wohin? Ihren Privatflieger vors Kanzleramt?

Will nicht den Verdacht erwecken, sich ernsthaft für Sie zu interessieren: Titanic

 Ganz schlimm, Toni Kroos,

fanden Sie ja das Interview des ZDF-Reporters Nils Kaben nach dem Fußball-Champions-League-Finale mit Ihnen. Erst waren Ihnen »zwei so Scheißfragen« zum Spiel nicht genehm. Schon aus dem Bild gehopst, brüllten Sie dem Reporter auch noch zu: »Du stellst erst drei negative Fragen, da weißt du schon, dass du aus Deutschland kommst.«

Wir begehren nun nicht nur zu erfahren, welche von den insgesamt ungefähr sechseinhalb Fragen an Sie denn die drei negativen Fragen waren. Und welche wiederum davon die zwei Scheißfragen. Wir wüssten auch gern, ob Ihnen das Herkunftsland des Reporters nicht schon bei den auf Deutsch vorgetragenen Erkundigungen ein wenig deutsch vorkam. Aber Sonnenliege-Reservierungs-Handtuch drüber!

Fraglos ist doch viel wichtiger: Was ist das eigentlich für eine Scheißfrisur, die Sie tragen und in der Sie bei der Fragerei rumgestrichen haben?

Es bittet um eine positive Antwort, Ihre in allen Stilfragen stets auskunftsbereite Titanic

 Ihr, Busreiseanbieter Avanti und Sulli’s Reisen,

hattet beide dieselbe schöne Idee für einen Werbeslogan: »Die Welt ist viel zu schön, um darüber hinwegzufliegen.«

Und Ihr habt ja so recht! Die wahre Schönheit dieser Welt lässt sich doch erst richtig erschließen, wenn man im Autobahnstau eingekesselt ist, wenn man die Mittagshitze zwischen Sanifair und Burgerking genießt, wenn die Bordanlage irgendwelche lokalen Schlagersender durch den Bus plärrt.

Da kann man mal den Geruch von Ammoniak und Erbrochenem aus der Toilette richtig tief einsaugen und die Aussicht auf die Designeroutlets, Snowdomes und vorstädtischen Industriegebiete auf sich wirken lassen!

Hupt zum Abschied dezent: Titanic

 Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen!

Wenige Tage vor der Einführung des Tankrabatts zitierte der Spiegel Deinen Chef Wolfgang Schuldzinski (Grüße an den Weltgeist!) wie folgt: »Weil am 1. Juni Engpässe drohen, sollte niemand seinen Tank davor fast komplett leer fahren.«

Ach, wirklich, den Kraftstoff besser nicht restlos aufbrauchen, ja? Wenn wir solche »Tipps« hören, glauben wir bisweilen fast, der Sprit sei knapp, weil manche das Zeug saufen! Aber gut, dann versuchen wir uns jetzt eben auch mal als Verbraucherschützer mit ähnlich qualifizierten Hinweisen. Erstens: Vor dem Autofahren am besten einsteigen! Zweitens: Den Motor nicht laufen lassen, wenn man duschen geht! Und drittens wie gesagt: Besser Bier denn Benzin schlucken!

So machen’s jedenfalls die Schuldzinskis von Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Zeitungsherbst

Eine Meldung, die für ein bisschen Abwechslung in der Schlagzeilenödnis sorgen würde: Leichensammler findet lange vermissten Pilz.

Theobald Fuchs

 Selbstoptimierung

Mit Stolz habe ich festgestellt, dass ich mittlerweile zur Entspannung und Freizeitgestaltung auf Hobbys, Literatur und Kultur verzichten kann und mir ein einfaches Smartphone reicht.

Schmonnie Mücke

 Früh übt sich

Im Kindergarten meines Neffen wird jetzt gegendert: Die Jungs werden gehänselt, die Mädchen gegretelt.

Patrick Fischer

 Güteklasse Aaaaaah!

Bei Rückenschmerzen setze ich grundsätzlich nur auf solche aus eigener Fehlhaltung!

Burkard Niehues

 Zottenreißer

Wenn der Vermieter auch Heilpraktiker ist, reicht dann eine Darmsanierung als Kündigungsgrund?

Viola Müter

Vermischtes

Friedemann Weise: "Die Welt aus der Sicht von schräg hinten"
Laut seiner Homepage ist er der "King of Understatement" und der "lustigste Mensch im deutschsprachigen Internet". Er ist aber auch Gitarrenmann, Viralblogger (15000 Follower!), Gagautor und Promiexperte mit Diplom. Die Rede ist von Friedemann Weise, dem Mann mit dem Namen! Der Mann, der den "Satiropop" erfand. Und jetzt auch noch ein Buch vorlegt. Ob das gutgeht? Ordern Sie diese Prämie und teilen Sie Ihr vernichtendes Urteil bitte zeitnah der TITANIC-Redaktion mit.Katz & Goldt: "Lust auf etwas Perkussion, mein kleiner Wuschel?"
Stephan Katz und Max Goldt: Ihr monatlicher Comic ist der einzige Bestandteil von TITANIC, an dem nie jemand etwas auszusetzen hat. In diesem Prachtband findet sich also das Beste aus dem endgültigen Satiremagazin und noch besseres, das bisher zurückgehalten wurde. Gewicht: schwer. Anmutung: hochwertig. Preis: zu gering. Bewertung: alle Sterne.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURWenzel Storch: "Die Filme" (gebundene Ausgabe)
Renommierte Filmkritiker beschreiben ihn als "Terry Gilliam auf Speed", als "Buñuel ohne Stützräder": Der Extremfilmer Wenzel Storch macht extrem irre Streifen mit extrem kleinen Budget, die er in extrem kurzer Zeit abdreht – sein letzter Film wurde in nur zwölf Jahren sendefähig. Storchs abendfüllende Blockbuster "Der Glanz dieser Tage", "Sommer der Liebe" und "Die Reise ins Glück" können beim unvorbereiteten Publikum Persönlichkeitstörungen, Kopfschmerz und spontane Erleuchtung hervorrufen. In diesem liebevoll gestalteten Prachtband wird das cineastische Gesamtwerk von "Deutschlands bestem Regisseur" (TITANIC) in unzähligen Interviews, Fotos und Textschnipseln aufbereitet.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURKamagurka & Herr Seele: "Cowboy Henk"
Er ist Belgier, Kamagurka. Belgier! Wissen Sie, was der Mann alles durchgemacht hat in letzter Zeit? Eben, er ist Belgier. Und hat trotzdem in einem Finger mehr Witz als Sie im ganzen Leib! Und Heldenmut! Glauben Sie nicht? Dann lassen Sie sich von Cowboy Henk überzeugen, dem einzigen Helden, der wirklich jeden Tag eine gute Tat begeht.
Zweijahres-Abo: 117,80 EUR
Erweitern

Das schreiben die anderen

  • 08.06.:

    Christian Y. Schmidt lehrt bei Arte Karambolage Wissenswertes über den Gießkannenhalter auf deutschen Friedhöfen.

  • 19.05.:

    Herausgeberchefin Ella Carina Werner verrät im Fragebogen vom Medium Magazin ihre Zukunftsideen für TITANIC.

  • 11.05.: Der Falter mit einer kleinen Blattkritik zur Maiausgabe
  • 02.03.: TITANIC-Herausgeber Tim Wolff bei Übermedien über Satire in Kriegszeiten
  • 03.02.: Der hr präsentiert den üppigen Humor-und-Satire-Dreiteiler "Radikal Komisch" mit Ella Carina Werner, Oliver Maria Schmitt, Martin Sonneborn u. v. v. a. m., mit 100 schönen TITANIC-Titeln – und in Teil 3 tauchen auch noch Hintner, Burmeier, Eilert und Martina Werner auf – live in der ARD-Mediathek.
Titanic unterwegs
17.07.2022 Aschaffenburg, Mainufer Thomas Gsella
25.09.2022 Bernried am Starnberger See, Buchheim Museum Rudi Hurzlmeier: »Das weite Feld der Unvernunft«
25.09.2022 Kassel, Caricatura-Galerie »SYSTEMFEHLER² – Cartoons zum Irrsinn der Welt«
03.10.2022 Frankfurt, Museum für Komische Kunst »Die Zeichner der Neuen Frankfurter Schule«