Inhalt der Printausgabe

Die Munterschicht macht mobil

DEUTSCHLANDS MITTE

UND DIE DÄMONEN AUS DER UNTERSCHICHTSHÖLLE

 

Von Mark-Stefan Tietze


Natürlich wurde die Unterschichtsdebatte von den deutschen Mittelschichten geführt; weder Fabrikbesitzer noch Erntehelfer verdingen sich ja in Journalismus und Sozialtechnologie. Sie war ein Selbstgespräch der Mittelschicht und hatte deshalb neben allerhand terminologischem Gequassel zunächst den altbekannten wohligen Grusel jener Schicht zum Inhalt, die sich beim unschönen Anblick des gesellschaftlichen Bodensatzes darüber verständigte, daß sie gottlob so nicht ist, und sich also wie üblich über diese Abgrenzung definierte und in ihrem Selbstverständnis bestätigte; oder dies jedenfalls wollte.

Daß es nämlich am unteren Ende der Gesellschaft ein wachsendes Milieu der Darbenden, Hoffnungslosen und Verwahrlosten gebe, um das man sich zur Abwechslung einmal kümmern müsse, hatten im Oktober nacheinander der SPD-Vorsitzende Beck und seine Friedrich-Ebert-Stiftung entdeckt und die Publizistik mit dieser Entdeckung in jähe Erregung versetzt, z.B. die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die sich in ihrem Leitartikel am 17.10. die fremdartigen Lebensumstände innerhalb des Milieus vorzustellen versuchte: »Welche Dramen sich dort abspielen, hat zugleich auf besonders drastische Weise die Entdeckung eines toten Kindes im Kühlschrank seines rauschgiftsüchtigen Vaters vor Augen geführt.« So daß mit Kindstötung, Drogenwahn und kühlschranktypischer sozialer Kälte bereits wichtige Unterscheidungsmerkmale zum Alltag der FAZ-Leserschaft vorlagen.

Daß es in der beschriebenen Unterschicht allerdings auch unter weniger dramatischen Umständen immer noch schlimm genug zugehe, berichtete am selben Tag Brigitte Fehrle im Leitartikel der Frankfurter Rundschau: »Wenn eine junge Frau – wie jüngst in Berlin – eine Lehrstelle als Friseurin abbricht mit der Begründung, sie bekomme mehr Geld, wenn sie Hartz IV beantrage und schwarz putzen gehe, dann hat die Politik vieles falsch gemacht.« Beispielsweise zugelassen, daß Friseurinnen im ersten Lehrjahr 256 Euro monatlich erhalten? Also etwa soviel, wie Frau Fehrle im selben Monat evtl. beim Coiffeur läßt? Nein, sondern: »Unter anderem zugelassen, daß staatliche Alimentation zu einer gesellschaftlich anerkannten Lebensform wird, die jeglichen individuellen Aufstiegswillen verschüttet.« So daß mit mangelndem Ehrgeiz, Schicksals- und Staatsergebenheit weitere, dem FR-Leser von vornherein wesensfremde Unterschichtsmerkmale sichtbar wurden.

Just diesem Bild des Elends hatte Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband zwar tags zuvor entgegenwirken wollen, indem er laut Netzeitung klarstellte: »Das sind wahrhaft nicht alles Menschen, die den ganzen Tag in Trainingsanzügen in irgendwelchen Pommesbuden rumsitzen und Gameboy spielen«; doch hatte sein trotziger Einwurf die Verbreitung dieses Schreckensgemäldes nicht verhindern können, wie sie am 19.10. Walter Wüllenweber im Stern vornahm: »In den vergangenen Jahren hat die Unterschicht eigene Lebensformen entwickelt, mit eigenen Verhaltensweisen, eigenen Vorbildern und eigenen Werten« – welche sich wiederum, Studien zufolge, vor allem dadurch auszeichneten: »Arbeit, Leistung, sich für eine Sache anzustrengen, das rangiert im Wertesystem dieser neuen Unterschicht ganz hinten. Ganz vorn steht der Konsum.«

Der ja von der Mittelschicht zutiefst abgelehnt wird. Dort kauft man seine Audis und Volvos nur höchst widerwillig und lediglich, um sicherer zur Arbeit zu kommen und den neuen Stern vom Kiosk zu holen – oder, um es mit ganz anderen Worten zu sagen: An dieser grellen Projektion konnte man sehen, was die Unterschichtsdebatte eigentlich verhandelte, nämlich die neuen Probleme dieser Mittelschicht, die Erosion ihrer blendenden Laune und ihre wachsenden Abgrenzungsschwierigkeiten. Recht klar trat damit zutage, daß sich die eifrig diskutierten Unterschichtsprobleme lediglich als Projektion der Mittelschichtsprobleme darstellten: der Probleme überwiegend satter, aber durchaus verunsicherter Eierköpfe.

Ökonomisch hat diese Schicht, sofern abhängig beschäftigt, damit zu kämpfen, daß im günstigen Fall der Aufstieg schwerer fällt – Kosten steigen, Einkommenszuwächse und Beförderungen bleiben aus – und im ungünstigen Fall der Abstieg droht. Man wird ja immer leichter seinen Arbeitsplatz los, und dank der rot-grünen Arbeitsmarktreformen fällt man nach nur zwölf Monaten Arbeitslosigkeit auf den Lebensstandard eines verlausten Unterschichtlers. Schlimmer sind jedoch die psychischen Folgen dieser Drohung: »Es gibt eine Rutsche in die Armut, genannt Hartz IV, und es gibt eine gewaltige Angst davor, daß man sich auf einmal selbst darauf befinden könnte«, erkannte Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung am 16.10. blitzgescheit. »Es gibt, auch in der Mittelschicht, eine Anhäufung von Unzufriedenheit, durchwirkt von Existenzangst.« Und was damit gemeint ist, verriet Heiner Geißler am 17.10. im Interview mit derselben SZ: »Nach einem Jahr Arbeitslosengeld landen heute auch Leute, die 20, 30 Jahre gearbeitet haben, bei Hartz IV und werden damit behandelt wie 30jährige Alkoholiker.« Da kennen die Arbeitsagentur und ihre Verdächtigungsinstanzen nämlich nichts; und plötzlich auch keine Statusunterschiede mehr.

Genau dieser skandalöse Zustand ist es aber auch, der die deutsche Mittelschicht bis ins Mark hinein erschüttert, unabhängig davon, wie betroffen man tatsächlich ist. Denn in Wahrheit ist doch die Mittelschicht eine stets und seit jeher von der Politik umworbene und begünstigte Großgruppe gewesen. Sie stellte schließlich jene aktive, organisierte und jederzeit artikulationsbereite Mehrheit dar, mit der Wahlen gewonnen wurden und die daher gepäppelt werden mußte. Aus diesem Grund wurde z.B. das gesamte Bildungssystem auf die Bedürfnisse der Mittelschicht zugeschnitten: Gymnasien sind finanziell besser ausgestattet als Grund- und Hauptschulen; Kleinkindbetreuung und Kindergärten kosten Geld, das Studium bis vor kurzem nicht. Doch auch wenn es mit Riesterrente und Elterngeld Trostpflaster gab – insgesamt wurde die Mittelschichtsförderung in den vergangenen Jahren zurückgefahren. Die rot-grünen Steuergeschenke gingen ja eher an Spitzenverdiener, überdies wurde die Eigenheimzulage abgeschafft wie das Ehegattensplitting demnächst wahrscheinlich auch. Hinzu kamen die von Politik und Finanzdienstleistern genährten Sorgen um die Alters- und Gesundheitsversorgung, die auch dem Dümmsten klarmachen, daß der Sozialstaat in Abwicklung begriffen ist; und die das Angstsparen der Mittelschicht einerseits erklären wie andererseits so aussichtslos erscheinen lassen: Es muß ja im Falle von Arbeitslosigkeit und Pflegebedürftigkeit ohnehin alles weggefrühstückt werden.

So hat der fortwährende Verlust von Privilegien dem Bewußtsein der Mittelschicht einen gewaltigen Schaden zugefügt und ihr das Gefühl vermittelt, kurz vor dem Abgrund zu stehen. Die Überzeugung aber, daß sein Absturz, anders als der des 30jährigen Alkoholikers, vollkommen ungerecht und ungerechtfertigt wäre, gehört zur seelischen Grundausstattung des angestellten Mittelschichtlers. Er hat sich seine Privilegien redlich verdient und droht bei weiterem Verlust damit, seine Motivation und seinen Glauben ans System zu verlieren, wie Prantl in der SZ gleichfalls warnte: »Die innere Gewißheit, daß es in einer Leistungsgesellschaft jeder nach oben schaffen und sich dann auch oben halten kann, wenn er nur begabt und fleißig ist, ist dahin – auch in einem Teil des Mittelstandes.« Mit Begabung und Fleiß sind hier aber auch die zentralen Begriffe genannt, auf denen das Überlegenheitsgefühl der Mittelschicht ruht. Mit ihnen unterschied man sich stets nicht nur von der Unterschicht, sondern ebenfalls von der degenerierten und dekadenten Oberschicht, die einfach nur gut von ihrem Vermögen lebt.

Derartig gut zu leben versteht jedoch, laut Wüllenwebers Propagandastreich im Stern, heutzutage auch die Unterschicht: »Geld haben die Armen in Deutschland genug. Sie haben Spülmaschinen, Mikrowellenherde, die neuesten Handys, DVD-Spieler, meist mehrere Fernseher«, weshalb man sich um dieses leidige Thema keine Gedanken zu machen brauchte, wie der Tenor der meisten Kommentare lautete. »Mit mehr Sozialknete kann man die Benachteiligung nicht wirksam bekämpfen«, befand also stellvertretend Wüllenweber. »Die Erfahrung zeigt: Das würde nur den Umsatz bei McDonald’s erhöhen.« Zur Förderung von Begabung und Fleiß dagegen habe er etwas gefunden: »Es gibt Methoden, die tatsächlich helfen. Die Lösung heißt Bildung.«

Damit hatte die Mittelschicht ihre wichtigste Waffe ausgepackt. Bildung ist ja nicht nur der Strohhalm, an dem sie sich festklammert, sondern auch die Saat, die sie allerorten ausstreuen möchte. Für den Kriminologen Christian Pfeiffer wäre das Heilmittel darum, laut Focus vom 23.10., ein »attraktives Alternativprogramm zur Medienverwahrlosung«, und der notorische »Historiker« Paul Nolte plädierte dort auch wieder einmal »für eine Werbekampagne gegen den Dauerkonsum von Alkohol, Fritten, Naschzeug und Fernsehen«. Beiden Schlauköpfen war gewiß bewußt, daß sie ihre Waffe auch gegen den Feind in den eigenen Reihen richten müssen. Denn daß es mit der Bildung in Deutschland nicht zum besten steht, weiß jeder, und daß dies wahrlich nicht nur die Unterschicht betrifft, ahnen zumindest die meisten: Dieselben Mittelschichtler, die sich über das schlechte Deutsch und die Bildungslücken der Unterschicht mokieren, nehmen ihre Nachhilfestunden schließlich bei Bastian Sick und Günther Jauch. Man bedenke auch, daß Deutschland mit Franz Müntefering einen Vizekanzler hat, den bereits normales sozialwissenschaftliches Denken so überfordert, daß er es sich in den ARD-Tagesthemen am 16.10. noch einmal ausdrücklich verbat: »Wir dürfen diese Gesellschaft nicht aufteilen in Schichten, in Kategorien.«

Wo man aber so redet, hat sich die alte bildungsbürgerliche Kultur mitsamt ihren feinen Unterschieden augenscheinlich aufgelöst. Und tatsächlich: Hausmusik und gemeinsame Heimatmuseums-besuche dürften in der Mittelschicht inzwischen sehr selten sein, statt dessen wird zusammen mit der Unterschicht zu McDonald’s und ins Fußballstadion gerannt. Und auch die gesammelten Werke der Familie Mann begeistern hier weniger als Popmusicals, Fernreisen und Fernseher mit sehr großem Bildschirm.

Jene Dämonen »Passivität, Permissivität, Bildungsferne und Selbstaufgabe«, die Kathrin Kahlweit der Unterschicht am Tag nach Müntes Offenbarungseid in der SZ attestierte, müssen also – und das war es, was die Debatte ihrem Publikum eigentlich sagen wollte – in der Mittelschicht selbst exorziert werden. Am besten durch ihr Gegenteil, die christlichen Tugenden Betriebsamkeit, Zucht, Bildungsbeflissenheit und Selbstsucht.

So daß schließlich alles wieder auf die Charakterfrage hinauslief, die der engagierte Mittelschichtler durch einen ungeheuren Kraftakt gemeinhin für sich entscheidet – und zwar rigoros, weshalb Nikolaus Piper in der Süddeutschen auch drängte: »Es ist richtig, rigoros gegen arbeitsunwillige Hartz-IV-Empfänger vorzugehen, (…) um Arbeits-suchenden klarzumachen, daß Beitrags- und Steuerzahler ihnen gegenüber ebenfalls legitime Ansprüche haben.« Daß die erwachsene Unterschicht diesen Ansprüchen großteils nicht genügen kann, daß sie für Bildungsbemühungen unempfänglich und für die Leistungsgesellschaft längst verloren ist, war in der Debatte von vornherein klar. Um so lieber stürzte man sich deshalb auf ihre Kinder und forderte, wie Stern-Autor Wüllenweber, von der Politik eine Komplettrenovierung staatlicher Institutionen: »Im Bildungssystem bedeutet das zum Beispiel: Ganztagskindergärten und Ganztagsschulen zuerst in Neukölln und im Hasenbergl. Erst danach sind die Mittelschichtsviertel dran. Die besten Kindergärtnerinnen und die besten Lehrer nach Billstedt. Das Städtische Theater sollte zuerst mit den anstrengenden Kindern aus Problemschulen zusammenarbeiten, bevor es sich den pflegeleichten Gymnasiasten zuwendet.« Da werden sich die Mittelschichtsviertel schön freuen, bzw. man sieht die vielen Bürgerintiativen und schäumenden Lokalzeitungsleserbriefe schon vor sich. Es war aber vermutlich auch gar nicht so gemeint, sondern eher ein freundlicher Hinweis an die Mittelschicht: Schaut, wie gut wir es im Prinzip noch haben. Oder auch: Dies alles müßten wir tun und finanzieren, damit unsere eigenen Kinder demnächst auch noch mit gleichgutgeförderten Unterschichtsbälgern konkurrieren müssen.

Weshalb am Ende der Debatte von derlei Sozialschmus auch nicht mehr die Rede war, sondern viel eher der Appell an die Politik stand: Verhindert bitte, daß es uns so geht wie denen da unten. Und so ergriff die gleichfalls abstiegsbedrohte CDU unter Führung von Jürgen Rüttgers Partei für die abstiegsbedrohte Mittelschicht, die von den Sozialkassen mehr erwartet als nur ein Almosen, und begann eine Woche danach, sich überraschend einmütig für einen verlängerten Bezug des Arbeitslosengeldes I auszusprechen, damit den langjährigen Beitragszahlern aus der Mittelschicht der Sturz in die Unterschichtshölle erspart bleibe.

Denn wie gesagt: Um die Unterschicht ging es in der Unterschichtsdebatte halt schon gar nicht.

 

ausgewähltes Heft

Aktuelle Cartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Michael Haberland, Organisator des Münchener Oktoberfests,

im Spiegel beschrieben Sie, wie man sich die digital stattfindende Wiesn vorzustellen hatte: »Alle Teilnehmer bekommen eine Wiesn-Box und einen Zoom-Link. Dann geht’s los. A Guadn!« Und weiter? »Sie klicken auf den Link zur verabredeten Uhrzeit, und dann stoßen wir gemeinsam an. O’zapft is’!«

Mal ehrlich, Haberland: Glauben Sie wirklich, dass Ihre ins Interview gejohlten Animationsrufe darüber hinwegtäuschen können, dass das alles ziemlich traurig klingt? Unser Tipp: Bei der nächsten Pandemie das Fest ganz absagen und einmal kräftig »Schaun’ mer mal!« brüllen.

A Guadn! Titanic

 Weißt Du, Zahnarztpraxis Enciso,

was wir gerufen haben, als wir eine Werbepostkarte von Dir mit dem Aufdruck »So muss Zahnarzt« aus dem Briefkasten holten? Genau: »Das kann Papierkorb.«

Maul! Titanic

 So schloss sich der Kreis, Angela Merkel,

So schloss sich der Kreis, Angela Merkel,

als Sie bei einem Wahlkampfauftritt auf Rügen versprachen, nach Ihrer Kanzlerinnenschaft in Berlin und in der Uckermark wohnen zu bleiben. »Von dort ist es durch die schöne A20 nicht mehr weit in meinen ehemaligen Wahlkreis.«

Klar, irgendwas mit Autobahnen hören die Deutschen ja gern, um Ihren Vorgänger mit dem Schnauzbärtchen nicht ganz vergessen zu müssen. Allerdings haben wir nicht vergessen, dass auf einem Teilstück ebenjener Autobahn 20, kurz nachdem es 2005 durch Sie als frisch gewählte Bundeskanzlerin freigegeben worden war, die Fahrbahn einbrach und ein Loch hinterließ, das nicht nur symbolisch tief und breit klaffte. »Eine fürchterliche Schmach« nannten Sie das damals. Pff! Eine schändliche Niederlage auf hierzulande heiligem Schlachtfeld!

Aber vermutlich setzen Sie bei den Autobahn-Deutschen einfach auf das große Vergessen. Hat beim Führer schließlich auch geklappt. Und gewählt werden müssen Sie ja auch nicht mehr.

Sagt zum Abschied leise »Umleitung«: Titanic

 Überrascht, Katja Kipping (Die Linke),

nahmen wir Ihren Tweet nach der Wahlschlappe zur Kenntnis: »In der Mittagspause gönne ich mir heute eine starke Dosis vom Känguru-Humor. Tut an Tagen wie diesen besonders gut«, versehen mit einem Bild von zwei Marc-Uwe-Kling-Hörbüchern. So viel Masochismus hätten wir Ihnen gar nicht zugetraut. Andererseits ergibt dann auch die Mitgliedschaft in einer Partei mit Sahra Wagenknecht Sinn.

Oder ist etwa alles nur ein geschickter Versuch, den Grünen & Co. die Stammwählerschaft mithilfe von deren Stammhumor abzugraben? In diesem Falle: Clever! Nach der Wahl ist bekanntlich vor der Wahl.

Extra starke Erkenntnisse von Titanic

 Markus Lanz!

Sie sind im April von Ihrem Moderatorenkollegen Micky Beisenherz in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung aufgrund Ihrer wie auch immer gearteten Interviewtechnik als »Deutschlands schönste Grillzange« bezeichnet worden. Auf die Frage, ob das nicht Sexismus in die andere Richtung sei, antworteten Sie beim Jahrestreffen des Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger in Berlin: »Absolut.« Sie hätten sich zwar darüber gefreut, aber gleichzeitig gedacht: »Schreib’ das mal 2021 über eine Frau. Dann gibt es aber richtig ein paar hinter die Ohren und auch zu Recht.«

Da stimmen wir Ihnen ausnahmsweise ausnahmslos zu, ziehen dem kleinen Würstchen Beisenherz einfach mal präventiv die Löffel lang und verleihen Ihnen stattdessen ganz unzweideutig den zu Ihrem Moderations- und Interviewstil ohnehin viel besser passenden Titel »Deutschlands eitelste Flachzange«.

Grillt alles und jeden und auch zu Recht: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Bittgesuch

Ich liebe Online-Petitionen, ich unterzeichne jede. Hätte es sie früher gegeben, viel Leid wäre der Menschheit erspart geblieben. »Stopp Römer nach Germanien!« 200 000 Unterzeichner, und die alten Germanendörfer am Rhein stünden noch heute Stein auf Stein. »Für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, für Brot für alle, für das Volk als Souverän und noch ein paar andere Sachen. Sind Sie dabei? Hier können Sie unterschreiben!« 5 Millionen ratifizierende Franzosen, darunter der französische König, und der blutige Sturm auf die Bastille wäre nie geschehen. Dasselbe gilt für »Europa raus aus Afrika« oder »Herr Bismarck, erlauben Sie das Wahlrecht für alle!« Auch die Sponti-Bewegung hätte mit ihren Zielvorstellungen auf diesem Weg mehr Erfolg gehabt, von »Macht aus dem Staat – Gurkensalat!« bis »Miethaie zu Fischstäbchen!« Keine Ahnung, ob die rot-gelbe Staatsgewalt alle Anliegen wirklich erhört hätte, aber man hätte es versuchen können.

Ella Carina Werner

 Letztes Aufbäumen

Dass ein Smartphone beim Hochfahren mal – Gott zum Gruße! – vibriert, geschenkt. Die Geräte eines gewissen südkoreanischen Herstellers allerdings erbeben auch während des Herunterfahrens bei schon ausgeschaltetem Bildschirm noch mal kurz. Ganz so, als klopfte ein doch noch nicht Verstorbener von innen an den Sargdeckel.

Andreas Lugauer

 Next-Level-Kosmopolit

Ständig trifft man jemanden und sowieso kennt man fast alle über zwei Ecken: Ja, China ist für mich so ein richtiges Milliardendorf!

Leo Riegel

 Gesundheitsfrage

Gibt es so was wie Fremdhypochondrie, also dass man immer Angst hat, andere Leute hätten irgendwas oder ihnen würde etwas zustoßen? Ich frage für eine Freundin, bei der ich befürchte, dass sie das hat.

Paula Irmschler

 Emotionskontrolle

Schon ewig her, da fiel mir in einem Plattenladen in Sevilla auf, dass die Regalfächer A–K und M–Z relativ spärlich bestückt waren. Die Fächer L hingegen barsten fast schon vor Fülle. Eine nähere Überprüfung der L-Fächer brachte Klarheit: Los The Beatles, Los The Clash, Los The Doors, Los The Eagles, Los The Rolling Stones, um nur einige Beispiele zu nennen. Ich habe trotz rudimentär vorhandener Spanischkenntnisse davon abgesehen, das Personal darauf anzusprechen, denn diese mehr als amüsante Sortierung machte mir schlagartig klar, dass ich durchaus ein Typ bin, der etwas kann, was viele erst mühselig lernen müssen: loslassen.

Tom Breitenfeldt

Vermischtes

Wenzel Storch: "Die Filme" (gebundene Ausgabe)
Renommierte Filmkritiker beschreiben ihn als "Terry Gilliam auf Speed", als "Buñuel ohne Stützräder": Der Extremfilmer Wenzel Storch macht extrem irre Streifen mit extrem kleinen Budget, die er in extrem kurzer Zeit abdreht – sein letzter Film wurde in nur zwölf Jahren sendefähig. Storchs abendfüllende Blockbuster "Der Glanz dieser Tage", "Sommer der Liebe" und "Die Reise ins Glück" können beim unvorbereiteten Publikum Persönlichkeitstörungen, Kopfschmerz und spontane Erleuchtung hervorrufen. In diesem liebevoll gestalteten Prachtband wird das cineastische Gesamtwerk von "Deutschlands bestem Regisseur" (TITANIC) in unzähligen Interviews, Fotos und Textschnipseln aufbereitet.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURSonneborn/Gsella/Schmitt:  "Titanic BoyGroup Greatest Hits"
20 Jahre Krawall für Deutschland
Sie bringen zusammen gut 150 Jahre auf die Waage und seit zwanzig Jahren die Bühnen der Republik zum Beben: Thomas Gsella, Oliver Maria Schmitt und Martin Sonneborn sind die TITANIC BoyGroup. In diesem Jubiläumswälzer können Sie die Höhepunkte aus dem Schaffen der umtriebigen Ex-Chefredakteure noch einmal nachlesen. Die schonungslosesten Aktionsberichte, die mitgeschnittensten Terrortelefonate, die nachdenklichsten Gedichte und die intimsten Einblicke in den SMS-Speicher der drei Satire-Zombies – das und mehr auf 333 Seiten (z.T. in Großschrift)! 
Zweijahres-Abo: 117,80 EUROliver Maria Schmitt: "Mein Wahlkampf"
Ein Mann (Schmitt), eine Partei (Die PARTEI), eine Wahl (Oberbürgermeister Frankfurt): ein einzigartiger Erfolg (1,8%). Man könnte meinen, damit wäre alles gesagt. Aber weit gefehlt! Denn jeder Erfolg hat eine Geschichte. Eine Erfolgsgeschichte! Und Oliver Maria Schmitt erzählt seine wie kein zweiter: Alles über Spitzenpolitik, Demokratie, Propaganda, Nutten, Koks, schmutzige Machenschaften und die kommende Weltherrschaft Schmitts erfahren Sie nur in diesem Buch. Witziger als die Mao-Bibel, schmissiger als »Mein Kampf«: Jetzt lesen, damit man nach der Machtergreifung keine Ausreden braucht!Die PARTEI-Wahlwerbungs-DVD mit allen vier Wahlwerbespots aus dem Bundestagswahlkampf 2005: Höhepunkte der Politpropaganda, die von Otto Schily mit dem Prädikat "ein Skandal" ausgezeichnet wurden. Besser aufgelöst als auf Youtube und noch dazu mit einer praktischen, farbechten Hülle drumrum - das ist doch was, was?Heinz Strunk: "Das Strunk-Prinzip" (Hörbuch, 2CDs)
Sie sind ein totaler Versager und können sich Hörbücher nur als Abo-Prämie leisten? Dann nehmen Sie wenigstens dieses hier: "Das Strunk-Prinzip", die beliebte Kolumne aus TITANIC als Hörbuch! Power- und 110-Prozent-Autor Heinz Strunk zwiebelt Ihnen blitzgescheite Weisheiten um die Ohren bis Sie gar nicht mehr anders können als in Erfolg, Geld und Sex zu ersaufen. Das Strunk-Prinzip setzt Ihrem Elend endlich ein Ende. Mutter wird sich freuen!Gerhard Henschel: "Harry Piel sitzt am Nil"
Fuck, dieses Buch sollte man gelesen haben, wenn man  kein übelst versiffter Wichser sein will. Schmähungen und böse Wörter  machen das Leben echt oberarschmäßig zum Kotzen. Vielleicht kapieren Sie  Versager das endlich, wenn Sie Henschels neuesten Streich gelesen  haben. Können Sie überhaupt lesen? Wahrscheinlich nicht. Trollen Sie  sich, Sie Wicht! Aber trotzdem abonnieren und diese Top-Prämie wählen.Friedemann Weise: "Die Welt aus der Sicht von schräg hinten"
Laut seiner Homepage ist er der "King of Understatement" und der "lustigste Mensch im deutschsprachigen Internet". Er ist aber auch Gitarrenmann, Viralblogger (15000 Follower!), Gagautor und Promiexperte mit Diplom. Die Rede ist von Friedemann Weise, dem Mann mit dem Namen! Der Mann, der den "Satiropop" erfand. Und jetzt auch noch ein Buch vorlegt. Ob das gutgeht? Ordern Sie diese Prämie und teilen Sie Ihr vernichtendes Urteil bitte zeitnah der TITANIC-Redaktion mit.Hauck & Bauer: "Ich kann einfach nicht Wein sagen"
Die beste Zeit, einen Band des Zeichnerduos Hauck & Bauer zu kaufen – sie ist seit sicher zehn Jahren vorbei. Heute sind die Werke von Elias Hauck und Dominik Bauer kein Geheimtip mehr. Die zerstrittenen Künstler kommunizieren inzwischen ausschließlich per Fax, leben in luxussanierten Altbauwohnungen mit kugelsicheren Whirl- und Autorenpools, in denen hungernde Leiharbeiter Comics anfertigen müssen. Leider ist auch der neueste Band der beiden Ausbeuter sehr gut, bestellen Sie hier!Kamagurka & Herr Seele: "Cowboy Henk"
Er ist Belgier, Kamagurka. Belgier! Wissen Sie, was der Mann alles durchgemacht hat in letzter Zeit? Eben, er ist Belgier. Und hat trotzdem in einem Finger mehr Witz als Sie im ganzen Leib! Und Heldenmut! Glauben Sie nicht? Dann lassen Sie sich von Cowboy Henk überzeugen, dem einzigen Helden, der wirklich jeden Tag eine gute Tat begeht.
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Das schreiben die anderen

  • 28.09.:

    Oliver Maria Schmitt hat versucht, mit der Kraftradgruppe Frohsinn die Demokratie zu retten – zumindest in der FAS.

  • 28.09.:

    Das "Medienmagazin" vom BR hat mit Martina Werner (und anderen) über Satire, Journalismus und Politik gesprochen.

  • 25.09.:

    TITANIC-Herausgeber Martin Sonneborn spricht mit der Taz über Frauen in der Redaktion und erinnert sich an die beste Zeit für Satire.

  • 20.09.:

    In der Jungen Welt würdigt Stefan Gärtner den 80jährigen Eckhard Henscheid.

  • 14.09.:

    NDR Zeitzeichen zum 80. Geburtstag von Eckhard Henscheid.

Titanic unterwegs
24.10.2021 Offenbach, Wetter- und Klimawerkstatt Gerhard Henschel
26.10.2021 Hänigsen, Kunstspirale Thomas Gsella
27.10.2021 Braunschweig, Kult Thomas Gsella
28.10.2021 Hannover, Pavillon Thomas Gsella und Ella C. Werner mit M. Knepper