Essen bei Branz (2. Teil)„Gretchen!” brüllte er mit einemmal auf ganz rohe Weise. „Wo bleibt, verdammt nochmal, das Essen?“ Dem glaubte ich entnehmen zu können, dass nur eine der vier Damen fürs Servieren zuständig war. Der ungnädige Umgangston, in den Branz ihr gegenüber verfiel, störte mich, doch blieb mir nicht viel Zeit, mich mit solchen Empfindungen auseinanderzusetzen, denn es ereignete sich etwas, von dem ich nie gedacht hätte, dass es sich ereignen könnte. Eine Erscheinung, ein Wesen oder was auch immer, kam flink ins Zimmer gelaufen und schoss unablässig zwischen Tisch, Anrichte und Tür hin und her, ohne irgendeinen Sinn dieses Tuns erkennen zu lassen. Höchstens einen halben Meter groß war das Phänomen und mit einem grauen Tuch verhüllt. Man hätte von einer vollständigen Verschleierung sprechen können, wenn dieser Begriff nicht hauptsächlich auf das Gesicht angewendet würde. Hier aber war jede Verschleierung überflüssig, denn es gab gar keinen Kopf. Der höchstgelegene Punkt des Körpers war die Schulterpartie. Kurze, dünne Ärmchen waren vorwärts in den Raum gestreckt, am anderen Ende, unterhalb des Tuchsaums, bewegten sich kleine Füße, ob mit Schuhen oder ohne, war nicht zu unterscheiden. Das konnte doch wohl kaum die sein, deren Namen Branz so ungeduldig gebrüllt hatte. Was aber war es, das da mutwillig im Zimmer umhersauste? Auf eine Erklärung hoffend, sah ich den Gastgeber an. Dessen Gesicht war grau geworden und verriet eine enorme innere Anspannung. Nach Kräften schien er sich darauf zu konzentrieren, das ihm unliebsame Geschehen zu ignorieren, geradezu als ob er versuchte, mit seinem gewaltsamen Leugnen die Präsenz der Erscheinung auch aus meinem Bewusstsein zu tilgen. Schließlich ächzte er: „Ich glaube, das wird heute nichts mit dem Essen. Verhungern kann man in diesem Haus!”Es gab keinen Grund, länger am Schauplatz solcher Possen zu bleiben, daher erhob ich mich von meinem Platz. Ich hatte den Eindruck, dass Branz nichts davon mitbekam. Der Blick des Mannes war starr, sein Bart wirkte wie angeklebt. Unterdesen zog das winzige, kopflose Ding weiter fliegenhaft seine Bahnen. Es war nicht auszuhalten. Nach einem flüchtigen Blick in die jetzt wirklich menschenleere Küche sah ich zu, dass ich hinauskam. Inzwischen war es früher Abend, und ich mußte endlich etwas essen. Beitragsnavigation Eugen Egners »Gift gibt Kraft«