Das endgültige Rügenmagazin

Pflichtblatt für den Presserat




April 2009



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In Krisenzeiten hat Hochprozentiges Konjunktur. Davon profitiert gerade in Superwahljahren nicht nur die Spirituosen-, sondern auch die Meinungsforschungsindustrie. An ihren Umfrageergebnissen berauscht sich derzeit die halbe Republik (die andere Hälfte trinkt weiterhin Schnaps). Doch wo kommen sie eigentlich her, die ganzen Zahlen und Prozente? Und was bewirken sie – außer grundlosen Hochgefühlen und heftigen Abstürzen, gewalttätigen Auseinandersetzungen, Kopfweh und Depression?

 

Ein Mittwochmorgen im März: Angela Merkel knabbert auf dem Weg ins Kanzleramt an einem Wurst-Wrap herum, Franz Müntefering speichelt im Willy-Brandt-Haus einen Marmeladen-Bagel ein – da kommen die Zahlen übers Telefon herein. Die Zahlen der aktuellen Sonntagsfrage! Von Forsa im Auftrag des Stern ermittelt! Schock für die Kanzlerin: Ihre persönlichen Umfragewerte steigen ins Unermeßliche, die ihrer Partei dagegen sinken auf den tiefsten Stand seit 1928. Freudentaumel bei Müntefering: Seine SPD hat schon wieder einen halben Punkt zugelegt, allerdings wird Spitzenkandidat Steinmeier von Tag zu Tag unbekannter.

Sofort wird gehandelt. Müntefering läßt seinen Steinmeier ab sofort ein Namensschild tragen und per Video-Blog ein Internetverbot für Banker fordern, wie es 74 Prozent der noch unentschiedenen Wahlberechtigten befürworten. Merkel dämpft ihre für den jetzigen Zeitpunkt gefährlich guten Sympathiewerte durch halsstarriges Schweigen vor der Bundespressekonferenz und treibt so weitere 31 Prozent des Mittelstands vorübergehend in die Arme der FDP. Neue Koalitionsmodelle werden berechnet, neue Gesetze angekündigt, neue Wahlkampfexperten gefeuert, neue Wurst-Wraps gerollt und neue Marmeladen-Bagels geschmiert. Es ist der helle Wahnsinn: Die im Laufe des Tages beim Wahlvolk ankommenden Zahlen stoßen bereits auf eine völlig veränderte politische Wirklichkeit.




»Ja, es ist ein Problem, daß die Politik auf unsere Zahlen inzwischen schneller reagiert, als wir sie verbreiten können«, sagt Forsa-Chef Manfred Güllner nachdenklich. »Natürlich nicht für uns – wir bestehen auf Vorkasse.« Der 67jährige gilt als bekanntestes Gesicht der Demoskopie, als Enfant Terrible seiner Zunft, das auch unbequeme Wahrheiten nicht scheut: »Die SPD muß die Mitte zurückerobern«, »Die Union muß wieder auf marktwirtschaftliche Vernunft setzen« und »Mein neuer Nerzmantel war so teuer wie die Dienstwagen von Merkel und Müntefering zusammen«.

Anders als die Chefs der anderen Institute, die sich hinter Akribie, Methodenwahn und Statistikfetischismus verschanzen, weiß Güllner, worauf es ankommt: »Wahlen sind spannend. Für die meisten zu spannend. Man kann es nicht abwarten, will alles schon vorher wissen – so wie die Leute, die im Advent alle Schränke nach Weihnachtsgeschenken durchsuchen oder die Handys ihrer künftigen Expartner nach verräterischen SMS.«

Weiß Güllner, daß er damit die Realität nicht nur beschreibt, sondern manipuliert? »Klar. Unsere Aufgabe ist praktisch die von Privatdetekteien. Wir liefern Stoff, über den man sich den Kopf zerbrechen oder das Maul zerreißen kann. Oder wir sorgen für eine Scheidung mit viel schmutziger Wäsche, ganz wie der Auftraggeber es wünscht.«

So brüstet sich das aufsässige SPD-Mitglied Güllner gerne damit, den Sturz von Kurt Beck eingefädelt und das Abdriften der Sozialdemokraten nach Linksaußen verhindert zu haben. »Die Zahlen für die Partei haben sich seither zwar nicht wesentlich erhöht«, räumt er ein. »Aber sie sehen jetzt besser aus, finden Sie nicht?«

Und weil es ihm nicht so sehr um die nackten Daten geht, sondern um deren öffentliche Interpretation, hält Güllner auch nichts von den immer ausgefeilteren Erhebungsmethoden der Konkurrenz. Lachen muß er z.B. über die Forschungsgruppe Wahlen, die neben ihrem bekannten Politbarometer eigens für die heiße Wahlkampfphase gerade ein Politthermometer entwickelt: »Pfff – das können die sich sonstwohin schieben!«


Die wichtigsten Umfrage-Institute

Allensbach: Das 1947 gegründete Institut für Demoskopie Allensbach setzt in der Politikforschung hauptsächlich auf bewährte Prognoseinstrumente (Hühnerbeine, Kristallkugeln). In Ausnahmefällen geht auch mal einer raus und fragt auf der Straße nach (Weg zum Bahnhof, Wetter).

 

Forsa: Über die Grenzen Berlins hinaus gefürchteter Thinktank. In der Hand von Politikpapst Güllner wird ein einfacher Taschenrechner zur tödlichen Waffe, jedenfalls für die Kommunisten im Parteienspektrum, die er gnadenlos kleinrechnet. Arbeitsschwerpunkte: Verteidigung von Freiheit und Marktwirtschaft, Zwangsvereinigung von SPD und FDP.

 

Forschungsgruppe Wahlen: Wird vom ZDF finanziert und von Bettina Schausten mithilfe aufwendigster Video- und Animationstechnik moderiert (»Politbarometer«). Kostet den Gebührenzahler also eine schöne Stange Geld, sieht dafür aber auch sehr gut aus (Bettina Schausten).

Infratest dimap: Bekannt durch die ARD-Wahlberichterstattung. Beschäftigt weltweit mehr als 14000 Mitarbeiter in über 70 Ländern sowie den leistungsstärksten Computer dieses Planeten, der sogar Präferenzen für Parteien abfragt, die es noch gar nicht gibt (PDU, UPS, SCP, »Die Digitalen«).


Innovative Meinungsforschung sieht für Forsa eben anders aus. Im Auftrag der Freidemokraten erkundet das Institut soeben neue Wählerpotentiale beim abgehängten Prekariat. 1004 repräsentativ ermittelten Unterschichtlern wird dazu ein Wahlplakat vorgelegt mitsamt der Frage: »Könnten Sie sich vorstellen, FDP zu wählen, wenn die Partei ihren Spitzenkandidaten als ›Sido Westerwelle, der Mann mit der (Gurken-)Maske‹ präsentierte?« Erste Probeläufe ergaben, daß von den 8 Prozent der Befragten, die die Frage überhaupt verstanden, knapp zwei Drittel sich derartiges durchaus vorstellen könnten. Hervorragend!

Doch die ganz große Herausforderung, das weiß auch Güllner, bleibt die Bundestagswahl im September. Hier gilt es nicht nur, die Konkurrenz von Allensbach bis Emnid auszustechen, sondern auch, einen so fürchterlichen Flop wie im Jahr 2005 zu verhindern, als alle Umfragen und Prognosen vom tatsächlichen Wahlergebnis um etwa 5 bis 50 Prozent abwichen und Adenauer vorschnell zum Kanzler erklärten.

Und so laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Schlangenweise stehen die angeworbenen Telefoninterviewer auf den Fluren des Instituts, bereit zur Schnellschulung für die gigantische Studie »Wie tickt Deutschland vor der Wahl?«. Umfragebögen stapeln sich in den Gängen, Zufallsgeneratoren werden angeworfen, Menschen verkabelt, Stimmen geölt, Wohnungen verwanzt. Durch die Luft des institutseigenen Callcenters gellen bereits die Fragen, die die politische Zukunft des Landes bestimmen werden: »Wer, wann, wo, wieviel?«

Ist das noch gesunde Neugier oder ist es schon – Wahn?




Die aktuellen Zahlen: Jeder dritte Wahlberechtigte hat inzwischen Angst vor Meinungsumfragen, jeder Fünfte geht deshalb schon nicht mehr ans Telefon. Knapp 62 Prozent haben den Eindruck, daß Demoskopen »im Prinzip wie die Stasi« arbeiten und einem »nicht nur die Haare, sondern auch intime politische Geständnisse« aus der Nase ziehen wollen. Wiederum 89 Prozent von ihnen fürchten deshalb berufliche Nachteile, der Rest weder Tod noch Teufel.

Was sie alle gemein haben: Wie sonst im täglichen Leben auch lügen sie wie gedruckt, sind wankelmütig oder schlimmer noch: von taktischen Überlegungen gelenkt. Wie ein ständig befragter Anonymus bekennt: »Ich sag’ dann am Telefon, daß ich SPD wähle, aber nur, um die CDU anzuspornen, sich noch mehr ins Zeug zu legen. Und am Ende wähle ich dann aus Protest mal NPD und mal Grüne, damit sich die Arschgeigen so richtig wundern.«

Mit diesem Problem werden die Parteien im Wahljahr 2009 zu kämpfen haben. Die Gruppe der Wechselwähler und Unentschiedenen wächst, die der Nichtwähler explodiert – z.T. vor Wut. Sie entscheiden in allerletzter Sekunde, kurz vor dem Wahllokal, lieber einen trinken zu gehen, oder zerbrechen noch in der Wahlkabine den Bleistift, um es den verhaßten Politikern einmal so richtig zu zeigen. Daß auch die Meinungsforschung von solchen Leuten nichts zu erwarten hat, sollte jedem klar sein. »Die entscheidende Sonntagsfrage«, motzt ein Wahlverweigerer, »wird ja sowieso nicht gestellt. Dabei wollen wir alle einen zweiten Sonntag pro Woche – unbedingt!«




Ein Donnerstagmorgen im März: Angela Merkel mümmelt in ihrem Büro an einem Marmeladen-Bagel herum, Franz Müntefering bekleckert sich gerade mit dem Senf aus einem Wurst-Wrap – da kommen die Zahlen übers Telefon herein. Die neuesten Zahlen! Die Zahlen von Infratest dimap für den ARD-Deutschlandtrend! Die wahlentscheidende Gruppe der arbeitslosen Banker ohne Internetanschluß läuft demnach geschlossen von der SPD zur Linkspartei über; Angela Merkels Beliebtheitswerte bringen die Union an den Rand der Selbstauflösung.

Es muß gehandelt werden! Sofort!

 

Rürup (33%)/ Tietze (67%)


 
Titanic unterwegs
11.03.2010 Hamburg, Fleetstreet
  Gerhard Henschel
13.03.2010 Düsseldorf-Bilk, Lot Jonn
  Fischer, Hintner (angefr.), Sonneborn u.a.
15.03.2010 Jena, Romantikerhaus
  Leonhard, Julian und Rudi Hurzlmeier
15.03.2010 Frankfurt, Klabunt
  Hans Zippert

 Oliver Bierhoff!

Schon klar, daß so ein mit allen Marketingwassern gewaschener Entscheidertyp und echter Top-Fußballmanager wie Sie sich nicht vorrangig über den sportlichen Erfolg definiert: »Wenn man auch einmal überlegt, was wir in den vergangenen sechs Jahren erreicht haben – nicht nur sportlich, sondern auch, was das Image der Nationalmannschaft betrifft: Die Image-Werte der DFB-Elf waren noch nie so gut wie jetzt«, verrieten Sie dem Manager-Magaz…, Quatsch, nein: »Eurosport«.
Aber, Bierhoff, alte Reizfigur, haben Sie schon mal überlegt, wie sich die Image-Werte der Nationalmannschaft noch signifikant steigern lassen? Wir hatten da an eine Neupositionierung der Marke Bierhoff im wahlweise osteuropäischen, südostasiatischen oder gerne auch südamerikanischen Raum gedacht.
Ihre Marketing-Koryphäen auf der

Titanic

 Sie, Bettina Röhl,

sind unter der eindrucksvollen Versammlung von Vollpfosten, die da für die Welt den Bereich »Debatte« bestreiten, zweifelsfrei die Königin. Immerhin haben Sie es geschafft, eine veritable Journalistenlaufbahn mit nur einer einzigen Zahl zu bestreiten. Denn »der 68er-Mainstream hat das Land fest im Würgegriff«, vertreten durch die »68er-Renegaten« natürlich, aber gerade auch »durch die jüngeren Nachläufer, die oft nicht einmal zu wissen scheinen, daß das, was sie reden, ›68‹ ist, und die deswegen auch die geistig-moralisch-politischen Alternativen zum Kosmos 68 nicht erkennen und solche gar für unmöglich erachten«; selbstverständlich auch durch die »medialen 68er-Oligarchen«, die sich sozusagen nur in eine schwarz-gelbe Mimikry begeben haben und damit die aktuelle Regierung an die Macht brachten: »Das müssen Merkel und Westerwelle offenbar noch erst schmerzhaft erkennen, daß sie nicht aus eigener Kraft an die Macht gelangt sind, sondern wegen eines konservativen Intermezzos des nach wie vor unumstritten herrschenden 68er-Mainstreams, der sich jeden Tag chamäleonartig weiter entwickelt.« Was besonders bemerkenswert auch deshalb ist, weil genau jenes 68er-Lager also, das erst Rotgrün und jetzt Schwarzgelb an die Macht brachte, »niemals wirklich mehrheitsfähig war, aber dennoch politische Mehrheiten mit medialer Macht organisieren konnte«. Und so auch den armen Guido Westerwelle »mit seiner politischen Korrektheit« steuert, der »ein stromlinienförmig mitschwimmender 68er durch und durch« ist, obwohl ihm womöglich gar nicht klar ist, daß »der Mainstream ein pop-linker Post-68er-Mainstream ist« usw. usf.
Wir chamäleonartigen pop-linken Post-68er-Mainstreamer aber möchten, nachdem wir ja gerade erfolgreich die Regierung ausgewechselt haben und deshalb kurz mal Zeit haben, auch Ihnen ein kleines Intermezzo gönnen und Ihnen ermöglichen, ein einziges Mal etwas Zutreffendes von sich zu geben. Also: Wieviel ist 100 minus 32? Na? Also!
Überhaupt keine Ursache:

Titanic

 Sag mal, Weltgeist,

nach den kürzlich bekannt gewordenen Mißbrauchsfällen am jesuitischen Canisius-Kolleg in den siebziger Jahren hast Du einen der beiden beschuldigten Geistlichen seine Karriere an einem Kolleg in Sankt Blasien fortsetzen lassen. Soweit unwidersprochen solide Arbeit. Den zweiten jedoch zur weiteren Jugendpflege nach Göttingen zu versetzen spricht nicht gerade für übermäßige Einsatzfreude. War denn in Hinterzarten keine Stelle mehr frei?
Fragt mal vorsichtig:

Titanic

 Ach, und übrigens, Bahn,

passierte es im unerwarteten Schneechaos der letzten Monate oft, daß Deinen Zügen plötzlich Waggons fehlten. Mal fehlte Waggon Nummer 13, mal Nummer 23, dann plötzlich die 7 oder die 5. Nun ist so ein Waggon ja auch nur ein Mensch, und wie oft verlieren oder vergessen Menschen irgendwelche Dinge! Solltest Du, werte Bahn, aber auf die Idee kommen, all die Dir abhanden gekommenen Waggons einmal suchen zu wollen, dann reichen wir Dir gerne einen Tip weiter. Er stammt vom Zugchef des ICE, der am 31. Januar von Hamburg-Altona nach Stuttgart fuhr und uns per Durchsage wissen ließ: »Unser Zug verkehrt heute ohne Wagen sechs. Wagen sechs ist uns leider in Eidelstedt abhanden gekommen.« Also los: Such in Eidelstedt, liebe Bahn! Und wenn die Waggons dort nicht stehen – vielleicht gibt’s ja irgendwo in Eidelstedt ein schwarzes Loch, das direkt zum Bermudadreieck führt. Moin moin:

Titanic

 Und was, Herr General a.D. Naumann,

werfen Sie da in der Süddeutschen der kriegsskeptischen Frau Käßmann vor? »Sie zeigt den gläubigen Soldaten keine Alternative auf, sondern speist die Mitglieder der Truppe mit einer Worthülse ohne Substanz ab.« Aber Herr General! Ohne für das bigotte Bibelhuhn eine Lanze brechen zu wollen: Macht sie da nicht einfach nur ihren Job? Für die Substanz sind doch Sie und die übrigen Herren von der Generalität zuständig: »Alle Mann an die Waffen uuuuund: Feuer!« Also: Wälzen Sie das nicht auf andere ab.
Rühren:

Titanic

 Nix wie weg

StudiVZ hat ein gravierendes Problem. Sobald die Mitglieder dieser Online-Community ihren Hochschulabschluß in der Tasche haben, möchten sie nur noch eins: raus. In Fachkreisen spricht man deshalb bereits vom Tübingen unter den sozialen Netzwerken.

Magnus Maier

 Trennungssorgen

Dem Restmüll-Container in meinem Innenhof folgte ein Altpapier-Container, dann einer für Verpackungsmüll, dann ein Container für Kompost und einer für Altglas. Darf ich eigentlich als Privatmann auch einfach einen Container da hinstellen? Ich liebäugle mit einem Prachtexemplar ausschließlich für Alt-Rhönräder.

Markus Hennig

 Ende des Winters

Wie verhält man sich richtig, wenn man in eine Lawine gerät? Antwort: Der Lawine ist es vollkommen egal, wie man sich verhält. Sei einfach du selbst!

Sebastian Klug

 Blickfang

Die oft zitierte Weisheit »Liebe besteht nicht darin, daß man einander anschaut, sondern daß man gemeinsam in dieselbe Richtung blickt« von Antoine de Saint-Exupéry dürfte sich wohl bei jenen Paaren besonderer Beliebtheit erfreuen, die sich keines Blickes mehr würdigen und die Abende stillschweigend vor dem Fernseher verbringen.

Hauke Prigge

 Haushaltstip

Küchen stets im Halbdunkel wischen.

Volker Surmann