(Was bisher geschah)

Trotzdem war es keine Art, einfach aufzulegen, denn damit war ja nun gar nichts anzufangen. Spekulationen und ungelöste Rätsel gut und schön, aber das war was für die philosophische Freizeit und nicht für den harten Alltag, dafür mußte man fit und ausgeschlafen sein, und Kurtchen war weder das eine noch das andere. In Amerika konnte man, soweit er wußte, auch unbe­kannte Anrufer per Tastendruck einfach zurückrufen. Aber die Telefonlei­tungen überirdisch verlegen! dachte Kurtchen sinnlos und rückte durch den Eingriff der Pyjamahose das Skrotum sich zurecht; und saß und lauschte bleiern. Im Hause war es still, vorm Fenster fuhr Verkehr.

Er sah auf die Uhr des Mobiltelefons. Es beruhigte ihn zu wissen, daß man für die allermeisten Entscheidungen Zeit hatte, mehr oder weniger viel, aber immerhin, und deshalb sah er, wann immer es etwas zu entscheiden gab, auf die Uhr und bestimmte für sich den Zeitpunkt, bis zu dem er, Kurtchen, Zeit haben würde, sich zu entscheiden. Die Textnachricht von P. war sieben Mi­nuten alt, aber da es noch früh am Tag war, konnte Petra (sie mußte es sein, wer sollte es sonst sein, Wladimir Putin war es sicher nicht, obwohl es seine Deutschkenntnisse ihm erlaubt hätten) nicht erwarten, daß er seinen wohl­verdienten Nacht- und überdies Wochenendschlaf für die Beantwortung von Textanfragen, deren Bedeutung bis zur Lektüre ja im Unbekannten blieben, unterbräche, bis Mittag, so nahm er an, hätte er jedenfalls Zeit, sich die An­gelegenheit durch den Kopf gehen zu lassen.

Wobei zu klären gewesen wäre, welche.

Kurtchen seufzte schwer unter der Last dieses immer unübersichtlicher wer­denden Morgens. Er war ein Mann, der nicht wußte, was er wollte, und als solcher, glaubte man den Kontaktanzeigen, die Kurtchen auf in fremden Toi­letten ausliegenden Stadtmagazinen fand, praktisch unvermittelbar; dabei hätte es, fand Kurtchen, fürs erste bleiben können. Alleinsein hatte den kaum zu überschätzenden Vorteil, daß man jederzeit die Übersicht behalten konn­te, weil es die Zahl der möglichen Verwirrungen zwischen Aufstehen und Hinlegen klein hielt. War man allein, gab's nicht viel zu klären: Ist noch But­ter im Haus? Geh ich mit oder ohne Jacke vor die Tür? Ist Amy Winehouse nun eigentlich Kaufhausmusik oder nicht? Trat ein möglicher Lebenspartner hinzu, vervielfachte sich die Zahl der Situatio­nen, in denen entschieden werden mußte: Kino oder Kneipe? Zu mir oder zu dir? Machen wir einen Ausflug?

Beim Scheißen wurde Kurtchen ruhiger. (wird fortgesetzt)

(Was bisher geschah)

Kurtchen erschrak aufs neue, denn er fürchtete, der Anruf könne sich bereits auf den annoncierten Ausflug beziehen, schlimmer noch: Es könnte Petra selber sein, um ihr schriftlich unterbreitetes Angebot mündlich zu wiederho­len, ihm, Kurtchen, keine Ausflüchte und nicht mal mehr Bedenk­zeit zu las­sen, und zwei Halbsekunden lang prüfte Kurtchen, dem tatsächlich das Herz ein wenig in den Hals gerutscht war – wo ein aufgeregtes Herz nämlich hin­gehörte, was sollte es denn in der Hose –, ob er es hinbekäme und ertrüge, das Telefon einfach klingeln und den Anrufbeantworter über­nehmen zu las­sen, dergestalt Abstand zwischen sich und dem Rest des Tages zu bringen, mit dessen Planung und also unwiderruflicher Einhegung ein Anruf um die­se Uhrzeit garantiert zu tun hatte. Obwohl, Werbung, vielleicht war es dies­mal Werbung, und Kurtchen stand auf und hatte den Hörer schon in der Hand, als er auf dem Display PRIVAT las, Werbung war es also nicht, die Brüder kamen stets mit irgendwelchen 0800er-Nummern. Irritiert, zöger­te Kurtchen wieder, lauschte dem Klingeln oder ja eigentlich Düdeln und kam sich dabei so töricht vor, daß er vor Scham ganz reglos blieb. Das Düdeln wiederholte sich, brach ab, dann kam der Anrufbeantworter:

Dies ist der Anschluß von Kurt Sahne. Bitte Crème fraiche bei die Fische nach dem“, und dann piep. Dann Stille. Dann das übliche Besetztzei­chen. Nada.

Wie er das haßte. Schön, die Ansage auf dem Anrufbeantworter war, je nach Blickwinkel, entweder unverständlich oder schwachsinnig, aber eine bessere war ihm nie eingefallen, weil ihn derlei auch nicht mehr kümmerte und er in Sachen Alltagsoriginalität keinen Ehrgeiz mehr entwickelte. Das Porträtfoto für die neue Krankenkassenkarte hatte er neulich nach dem Aufstehen ge­macht, im Bademantel vor der Flurwand, einfach um nicht noch die dritte Mahnung zu kassieren – „Bitte senden Sie uns das Foto in zwei oder drei Wochen zurück“, das war dann wohl die repressive Toleranz bzw. das hätte es früher nicht gegeben: „Bitte melden Sie sich in zwei oder drei Wochen an der Front“ – und ohne einen Gedanken daran zu ver­schwenden, sich beim Arzt in Zukunft im Bademantel auszuweisen zu müs­sen; wenn er das Foto nicht eh zurückbekam, als unverwendbar. Auf seiner Bahncard hatte er, vor Jahren, mangels einer Digitalkamera einfach ein Foto von Dieter Thomas Heck untergebracht, der ihm entfernt ähnlich sah, und die Bahn kümmerte es nicht, sie schickte jedes Jahr eine neue Karte mit dem falschen Foto. Fred hatte es sogar mal mit einer Aufnahme von Hugo Egon Balder geschafft, dem er, wenigstens von der Seite, tatsächlich ein bißchen ähnelte. (wird fort­gesetzt)

(Was bisher geschah)

Na ja. Daß aber P. nun Petra war, mußte wohl angenommen werden, auch wenn Kurtchen die Nummer nicht kannte und sich auch nicht erinnern konn­te, sie überhaupt herausgerückt zu haben, nein, herausgerückt war das falsche Wort; denn so vorsichtig er mit seinen privaten Daten im Grundsatz auch hantierte – weniger aus der Angst vor dem Überwachungsstaat, der wußte sowieso alles, als in der Überzeugung, daß eine Kontonummer sowe­nig in die Öffentlichkeit gehört wie ein Penis oder Ina Müller –, so sicher war er aber doch, daß ihm das gestern abend wurscht gewesen war und daß er, wie er sich kannte, wahrscheinlich sogar darauf bestanden hatte, über die großzügige Mitteilung seiner Telefondaten dem oberflächlich rein freund­schaftlichen tête-à-tête einen Dreh ins prospektiv Intime zu verleihen. Allein daß er sich nicht an den Akt als solchen erinnern konnte, irritierte ihn; fast schien's, als habe der Laternenmast doch seine Spuren hinterlassen, und Kurtchen, der ein bißchen erschrocken war, rief rasch und probehalber ein paar im Kopf gespeicherte Daten ab, um sich seiner geistigen Fähigkeiten zu versichern: Name, Geburtstag, Geburtstag der Mutter, Name des Hundes, den er bei sei­ner Führerscheinprüfung überfahren hatte (den Lappen hatte Kurtchen da­mals trotzdem bzw. überhaupt deshalb gekriegt, weil der Prüfer nämlich Hunde haßte), Sozialversicherungsnummer. An seine Sozialversi­cherungsnummer erinnerte sich Kurtchen allerdings überhaupt nicht, aber das tat er nie, das mußte ihm keine Bange machen. Er wußte ja auch die Nummer sei­nes Personalausweises nicht auswendig, eine Fähigkeit, die praktisch auch nahezu wertlos ist, während es ihm durchaus nützlich vor­kam, die Nummer seiner Kreditkarte auswendig zu können. Kurtchen wollte den Plan, seine Kreditkartennummer auswendig zu lernen, bis Silvester kon­servieren, um nicht ohne Vorsätze ins neue Jahr zu müssen; es schien ihm dies ein durch­aus guter Vorsatz zu sein, denn rauchen tat er schließlich nicht genug, daß es des Abgewöhnens wert gewesen wäre, und Italienisch lernte er in diesem Leben eh nicht mehr, auch wenn er bei Lucio Dalla sehr gern mitgesungen hätte. Es gab Leute, die lernten Deutsch, um Hegel im Original zu lesen, und er brachte es nicht einmal fertig, sich die mittlere Menge Italie­nisch draufzu­schaffen, die man zum Mitsingen eines canzone brauchte. Kurtchen fiel das Wort Bildungsfleiß ein. Aber er war schließlich nur ein Klempner, und wel­cher Klempner konnte schon Italienisch?

Andererseits hörte auch kein Klempner Lucio Dalla.

Das Klingeln des Festnetztelefons riß Kurtchen aus seinen überflüssigen Überlegungen. (wird fortge­setzt)

(Was bisher geschah)

Und Werbung war es auch, wenn auch eine karg for­mulierte: „Wir machen nachher einen Ausflug, magst mit? Kuß, P.“ Kurt­chens Herz tat das, was es in Romanen immer tut, was es aber, außer bei ernsthaften kardiovaskulären Problemen, nie tut, außer eben, wenn man zu viele Romane gelesen hat: Es setzte einen kleinen Schlag aus; machte aber gleich nach Vorschrift weiter, weil das erstens seine Aufgabe war und Kurt­chen, zweitens, die Einladung auch noch gar nicht angenommen hatte, ja, sich sogar dahingehend beruhigen konnte, daß er ja gar nicht wisse, wer P. denn sei. Daß es Petra war, war zwar wahrscheinlich, aber er kannte schließlich einen Haufen Leute, Freunde, frühere Freunde, Bekannte, Freun­de von Be­kannten, innere, mittlere, äußere Kreise, es war kaum anzuneh­men, daß nicht jemand mit P dabeisein sollte; denn so heikel Kurtchen war, was das Rubrum „Freund“ anging – darunter fielen tatsächlich nur Leute, mit denen er es ohne Dritte länger als zwei Kaffeelängen aushielt –, so unkomp­liziert war er, was seine zahlreichen Bekanntschaften betraf: Wie ein eiszeit­licher Gletscher schob Kurtchen eine Moräne aus Mensch vor sich her, so gut wie nie hatte er sich von Weggefährten getrennt, allenfalls Ver­bindungen auslaufen lassen, und selbst das hatte mindestens zwei vergesse­ner Geburts­tage in Folge bedurft. Er selbst vergaß Geburtstage praktisch nie (er wußte heute noch den von Susanne Giebenrath, von der er an die fünf­zehn Jahre nichts mehr gehört hatte, aber nichts zu machen, 12. November, und jedes Jahr dachte er dran und mußte sich fast zwingen, nicht anzurufen), und manchmal war er sich nicht sicher, was er von dieser Art Treue halten sollte: Einerseits war's gewiß ein Wert an sich, andererseits waren sich die weisen Leute einig, daß es nicht gut sei, in der Vergangenheit zu leben, und davon, daß er den Geburtstag von Susanne Giebenrath nicht vergessen konn­te, hatte niemand etwas, höchstens Susanne, aber die hatte zum Schluß nur noch zweimal im Jahr aus dem Auto angerufen, um sich die Heimfahrt vom Büro zu verkürzen, und das war ja nun wirklich das allerletzte.

Wann Petra Geburtstag hatte, wußte er nicht, und es wäre, wenn er es erfüh­re, wieder ein Eintrag, der bis zum eiweißbedingten Verfall seines Hirnappa­rates haften bliebe, unauslöschlich, solang er seinen eigenen noch wußte. Er hatte, fiel Kurtchen auf, überhaupt erst einmal mit einer Frau geschlafen, de­ren Geburtstag er nicht kannte, und soweit er sich erinnerte, hatte das rein gar nichts ausgemacht, weder hinterher noch währenddessen, aber es war eine Ausnahme geblieben, eben die Ausnahme, die die Regel bestätigt, und die Regel war stets gewesen, daß er der Mann war, der die Geburtstage kennt und deshalb für schnelle Bettgeschichten nicht in Frage kam. (wird fortgesetzt)

(Was bisher geschah)

Am nächsten Morgen wurde Kurtchen durch das Kurznachrichten-Empfangssi­gnal seines Mobiltelefons geweckt. Das Telefon lag nicht auf dem Nachttisch, erstens weil Kurtchen keinen hatte, zweitens weil er der Wissenschaft noch Zeit ge­ben wollte, sich über die Wirksamkeit von Handystrahlen Klarheit zu ver­schaffen. Es interessierte ihn dies, wie das meiste, nicht im Ernst, er glaubte nicht daran, daß unter den allgemeinen Lebensrisiken aus Bluthochdruck, Kraftfahrzeugmißbrauch und Fleischabfallverzehr ausgerechnet das Handy einen entscheidenden Einfluß auf Wohl und Wehe hätte; zumal da bei den meisten, die Kurtchen beim Mobiltelefonieren in der Öffentlichkeit zu überwachen die Gelegenheit hatte, eine mögliche Einschränkung der Hirnfunktion nicht das drängendste Problem zu sein schien:

Ja... bin eben eingestiegen... ooch... der Michi hat mich gebracht... wieder alles total voll hier, hab so noch irgendwie den letzten Platz hier ergattert... diese scheiß Bahn immer ... nee, der andere Michi... genau... könnte sein, daß wir gleich unterbrochen werden, auf dieser Strecke sind immer so viele Tunnel... ja, gestern war gut, da hat doch dieser Laden aufgemacht, wo frü­her das Permafrost drin war... Permafrost, nicht Spermafrost! Hihihihehehe­hoho! … genau... kann ich echt nicht nachvollziehen, warum das dichtge­macht hat, war doch immer total voll gewesen... der Hubsi meinte irgendwas von Drogen oder Gesundheitsamt... Hubsi? Der ist doch jetzt mit der Michi zusammen... mit der Michi, nicht dem! … ach komm... echt? ... wie jetzt? … echt?... okay … okay … okay … okay... weiß ich jetzt gar nicht, ob der... hallo?... hallo? … bist noch dran? Hallo?

– jedenfalls sah Kurtchen zu, daß das Telefon nicht neben dem Bett zu liegen kam, im Bett wurde geschlafen und nicht telefoniert, und wenn überhaupt, dann mit einem schönen großen Festnetztelefon auf dem Nachttisch, wie in amerikanischen Filmen, aber dazu fehlte der Nachttisch, und Kurtchen hatte schließlich auch andere Sorgen. Vielleicht nicht so sehr im Moment, aber doch im Prinzip. Wer war er denn, daran zu zweifeln!

Das Telefon, das wahrscheinlich noch in der Jacke steckte, die wiederum über dem Kleidersessel hing, verfügte über eine SMS-Erinnerungs- oder ei­gentlich Mahnfunktion und wies im Fünfminutenabstand beharrlich auf die ungelesene Kurznachricht hin, und obwohl es also dauernd fiepte und Kurt­chen auch mal mußte, mochte er noch nicht aufstehen, es war ja nicht einmal zehn; tat es dann freilich doch, pinkelte, setzte sich dabei hin, weil er gar nicht mehr verstand, warum man stehen soll, wenn man sitzen kann, spülte, stand auf, sah in den Spiegel und begutachtete die Beule auf der Stirn, die sich bereits ins Grünliche zu verfärben begann, schlurfte in die Küche, be­gann sein Frühstück mit einem ersten duplo, schlurfte zurück ins Schlafzim­mer, fingerte das Telefon aus der Jacke und ließ sich, das angefressene du­plo im Mund und das Telefon in der Hand, in den Kleidersessel fallen und war ungehalten, daß er, noch im Schlafanzug, schon wieder gezwungen war, sich wozu auch immer zu verhalten. Vielleicht hatte er Glück, und es war bloß Werbung. (wird fortgesetzt)

(Was bisher geschah)

Sekundenlang stand aufs neue alles still, dann setzte sich der Schwarze wie­der hin und behielt den Blick aber noch oben, derart seinen Machtanspruch über den Laden, dem er vorsaß, zu unterstreichen. Das Erstaunliche war nun, daß die zwei Delinquenten so gut wie gar nicht auf seine Vorhaltungen rea­gierten; das Mädchen sah ihn bloß an, aber nicht duellierend oder auch nur abschätzig, sondern bloß erstaunt, als habe man es aufgefordert, sich zu ent­kleiden.

Jetzt komm“, sagte der Junge, der, zu Kurtchens heller Überraschung, den Zwischenfall entweder versiert ignorierte oder aber gar nicht mitbekommen hatte, und Kurtchen wußte zwar, daß er selbst nicht wenig betrunken und überdies vor keiner halben Stunde vor einen Laternenmast gelaufen war, glaubte aber doch das Recht zu haben, sich über den ausbleibenden Skandal zu wundern. Daß heutzutage (Kurtchen, im Normalzustand, versuchte, die­ses Wort zu meiden, es klang ihm, bei aller Freude an vermeintlich alters­weiser Zeitkritik, dann doch zu arg nach Kissen im offenen Fenster, aber jetzt war es halt doch schon egal) dem Vernehmen alles möglich war und durchging, war bekannt, und war es ja nicht einmal durchgegangen, hier war ja, gottlob, endlich mal eine Rüge ausgesprochen worden, aber es war ganz sinnlos, es änderte nichts. Ja, die jungen Herrschaften schienen tatsächlich überhaupt nicht zu verstehen, was der Schwarze von ihnen wollte. Er hätte sie genausogut in seiner Muttersprache ansprechen können, und genauso sah das Mädchen, fiel Kurtchen auf, mittlerweile drein: mit diesem freundlich distanzierten Kannitverstan-Blick, den er selbst in Ländern, in denen man kein Englisch sprach, im Verkehr mit Einheimischen auflegte und den sich Kurtchen nach der Woche Paris vom vergangenen Jahr geradezu hatte abtrainieren müssen.

Von mir aus“, sagte das Mädchen, gab wie resignierend ihrem Begleiter ihre Getränkedose, auf daß er das Geschäft abschließend tätige, und verfügte sich ihrerseits an die Eistruhe, deren Inhalt sie, die Hände in den Taschen ih­rer Jeans, angelegentlich begutachtete, während der Junge, weiterhin ohne Regung, die Dosen zahlte.

Kurtchen legte die Konkret zurück ins Regal und machte, daß er fortkam, ihm war die Nähe des Mädchens unangenehm, und er wollte auch wirklich nicht wissen, was geschähe, wenn sie, den Mahnungen des Schwarzen zum Trotz, einfach weiterrülpste. Sein, Kurtchens, Bedarf an Sensationen war für heute gedeckt. Trotzdem wartete er, als er draußen war, auf die beiden, in­dem er sich hinter die in Richtung seiner Wohnung liegende Hausecke drückte, und mit einer seltsamen Befriedigung, die sich, kaum hatte er sein Versteck verlassen, in etwas Wehes auflöste, sah er, wie der Junge dem Mädchen, nachdem er seine Dose auf dem Bistrotisch geparkt hatte, die ihre öffnete und sie ihm hinhielt, und das Mädchen griff nach der Dose und hielt sie, mit ausgefahrenem Arm,

Auf dem Heimweg, dessen Schlußetappe Kurt­chen jetzt antrat, gab ihm das zu denken, bis ihn die Atemnot, die ihn zuver­lässig zwischen dem vierten und fünften Stock überfiel, auf andere Gedan­ken brachte. (wird fortgesetzt)

(Was bisher geschah)

In einer Mischung aus Erleichterung, daß er nicht mehr alleine im Laden herumstand und die Aufmerksamkeit (wenn es denn eine gab) nicht mehr solo auf sich zog, und Scham, weil er nun, wenn er seinen Ohren trauen konnte und der Ladenbesitzer nicht feiner unterschied, als es ihm zuzumuten war, in die Gruppe jener Spätheimkehrer gehörte, die ihren losen Lebens­wandel durch offensives Lärmschlagen und Schlechtbenehmen feierten, drehte Kurtchen sich um und sah ein junges Pärchen, das mit jeweils einer Getränkedose in der Hand zwischen Kühlschrank und Kasse stand und so aussah, als sei es sich nicht sicher, in welchem Umfang es sich noch weiter alkoholisieren solle.

"Komm ey", machte der Junge, der irgendwas zwischen 20 und 30 war, der­lei ließ sich ja heute nicht mehr ohne weiteres feststellen. Er war mittelgroß und trug keine Turnschuhe, dafür eine überlebte Mittelscheitelfrisur, wie sie selbst unter Fußballspielern nicht mehr üblich war, so daß Kurtchen ent­schied, daß es sich wohl um keinen Studenten handeln könne, trotz des struppigen, ja auch schon wieder vorgestrigen Ziegenbarts. Das Mädchen war gleich alt, ihre schulterlangen schwarzen Haare waren gepflegt, ihre Wangenknochen aber so hoch, daß für ihre Augen fast kein Platz mehr blieb, was ihrem bleichen Gesicht etwas Östliches gab. Slawin schien sie nicht zu sein, dafür sah der Rest von ihr, der unauffällig in Jeans und Sportjacke steckte, zu hiesig aus.

Was, komm ey“, äffte sie, erwartbar akzentfrei, und rülpste dann laut und trocken, so laut, daß es kein Versehen sein konnte, sondern als genuine Aus­drucksform betrachtet werden mußte.

Kurtchen mußte sich zwingen wegzusehen und drehte sich mitsamt seiner Überraschtheit zurück zum Zeitschriftenregal. Er nahm eine Konkret, fing pro forma an zu blättern und überlegte, ob das Fräulein seine Ungezogenhei­ten als emanzipativen Akt verstand oder einfach schlecht erzogen war.

"Agröööööööööööööh", Kurtchen schrak richtiggehend zusammen und wag­te jetzt doch eine halbe Drehung, um mit dem linken Auge das jetzt schon zweite irre Duo des Abends in den Blick zu nehmen, mit dem rechten aber den Schwarzhaarigen, der interessiert von seiner Lektüre hochsah; wenn er das Treiben mißbilligte, sah man es ihm nicht an. Der Junge schien die Rülpserei seiner Kameradin gewohnt zu sein, er sah weder betreten noch anerkennend drein.

"Eine Dose ist doch scheiße", sagte das Mädchen und fügte wie zur Bestäti­gung ein staubendes "Raaaaaaaaaaaoooooock" hinzu; vielleicht kamen sie aus der Oper und hatte über Stunden nur in den Pausen rülpsen dürfen; viel­leicht war dies aber auch ein Trend, er, Kurtchen, bekam von dem allen ja die Hälfte bloß noch mit.

"Nee, ich mag nicht mehr", sagte der Junge und machte eine Bewegung in Richtung Kasse.

Das Mädchen sagte nichts; für Sekunden schien die Zeit eingefroren, schien der Einkaufskiosk samt Inventar so hyperreal und schmerzhaft deutlich aus­geleuchtet wie in einer Fotografie von Crewdson; Kurtchen vergaß seine Konkret, der Kapitalismus war ohnehin am Ende.

"ooooooooooooooooouuuuuuuuuuuuuuuAAAAAAAAAAAAARGH", machte das Mädchen schließlich, und Kurtchen merkte, daß er auf ein Echo wartete.

Der Schwarze erhob sich nun doch von seinem Platz, in den Händen eine Neue Presse:

"He! Nich so rülpsen hier, bitte!" sagte er. "Is kein Klo, oder!" (wird fortge­setzt)

 
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Das schreiben die anderen
  • 21.12.:

    Scobel (3sat) empfiehlt Thomas Gsellas Weihnachtsmannbuch.

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22.12.2014 Berlin, Heimathafen Neukölln
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22.12.2014 Frankfurt, Neues Theater Höchst
  Pit Knorr und die Eiligen Drei Könige
26.12.2014 Berlin, Kookaburra
  Heiko Werning mit den Brauseboys
28.12.2014 Nürnberg, Hubertussaal
  Max Goldt
Briefe an die Leser

 Noch etwas, Jürgs!

Zum klickoptimierten Publizieren phantasieren Sie: »Ein Artikel über die Ereignisse bei Gruner + Jahr könnte … mit verschiedenen Überschriften getestet werden. Die eine würde lauten ›Mrs. Jäkel und Mr. Hyde‹ und käme bei Lesern der TITANIC wohl am besten an. Die andere könnte heißen ›Der Mensch als Mittel. Punkt‹ und würde unter Verlagsangehörigen die meisten Klicks bekommen.«

Nein, nein, nein! Auch wieder falsch. Das einzige, was da klickt, ist Ihr Gebiß.

Punkt. Titanic

 Schnüff, Michael Jürgs!

Als wir in der Süddeutschen Ihre »Vorletzten Worte« zur Übernahme des Verlags Gruner + Jahr durch Bertelsmann, deren Konsequenzen für die dort erscheinenden Zeitungen und den allgemein schlechten Zustand des Journalismus in Zeiten des Internets lasen, dachten wir eine Weile lang, daß Sie der sind, der den schwermütigen Deutschen bei der Soko Wien spielt. Dann aber fiel uns wieder ein: Journalist und Buchautor, von 1986 bis 1990 Chefredakteur des Stern, später von Tempo.

Zum Glück versuchen Sie, Ihren Beinahe-Nekrolog am Ende noch einmal herumzureißen. Da kommen Sie auf Manager zu sprechen, »die davon überzeugt sind, daß es möglich ist, mit neuen Ideen, egal in welcher Form, aber mit Sprache und Leidenschaft das Jammertal zu überbrücken. Wenn aber auf der anderer Seite Darth Vaders sitzen, die das, was Journalisten können, als Produkte betrachten, die man entweder günstig verkaufen oder aber, falls es nicht mehr so läuft, aus dem Regal werfen kann, ist es verlorene Liebesmüh, sich ungebrochen immer wieder unbeugsam auf die Suche danach zu begeben, was die Welt im Innersten zusammen hält.«

Ach, Jürgs: Der Darth Vader ist ja nun wirklich ein schlimmer Finger. Er hat Todessterne bauen lassen, mit ihnen ganze Welten pulverisiert, dem eigenen Sohn den Arm abgehackt und viel Böses mehr zu verantworten. Aber wer hätte je davon gehört, daß er sich als Kaufmann betätigt und gelegentlich Ladenhüter aus Regalen geworfen hat?

Niemand außer Ihnen, der sich als Journalist von 69 Jahren immer noch auf die Suche danach begeben muß, was die Welt im Innersten zusammenhält, obwohl das längst bekannt ist: die Macht. Titanic

 Sie, Robert Harting,

zeigen als Vorzeigeathlet und deutscher Diskus-Dude gern alles: bei der Arbeit einen an Wahnsinn grenzenden Siegeswillen, nach der Arbeit permanent Ihren nackten Oberkörper im zerrissenen Leibchen und bei Dopingdebatten auch mal, was da unter Ihrer Halbglatze vor sich hin köchelt. Folgerichtig zeigten Sie nun auch ungefragt einen nicht übermäßig appetitlichen, endoskopischen Film Ihrer aktuellen Knie-OP im Internet. Wir ersuchen Sie aber inständig, mit der penetranten Zeigefreudigkeit noch vor Ihrer ersten Prostatavorsorgeuntersuchung unwiderruflich aufzuhören. Und sich im besten Fall vielleicht sogar selbst nicht mehr zu zeigen!

Mit erhobenem Zeigefinger: Titanic

 Ciao, Petra Nadolny!

In sämtlichen U-Bahnhöfen des Landes müssen wir Sie so sehen: leichengrau, mit geschlossenen Augen, erahnbar oberkörperfrei, eher einer Stieg-Larsson-Verfilmung entfleucht als dem heiteren »Switch reloaded«, insgesamt Pein und Elend für die Augen. »Mein Ende gehört mir«, behaupten Sie da und werben mithin für das »Recht auf letzte Hilfe«, also: den assistierten Suizid. Nun kann der Freitod an sich durchaus ein edles Unterfangen sein; nur sollte man das Ende auch so wählen, daß möglichst kein anderer dabei zu Schaden kommt. Ergo: Strick, Brücke, Gift – super; Bahnverkehr aufhalten und alles voll mit Gedärm oder sogar Plakaten machen – doof und selbstgefällig.

Deswegen: nur Mut! Sie schaffen das auch alleine.

Letzter Wille von Titanic

 Generation Y!

Man hört und liest recht viel über Dich, wenn man nicht rechtzeitig abschaltet: Du seist selbstverliebt, verwöhnt, unrealistisch, größenwahnsinnig, selbstgefällig, egoistisch und verträumt, aber auch leistungsbereit, ehrgeizig, mobil und motiviert. Nur eins hat Dir noch keiner ins Gesicht zu sagen gewagt, nämlich die Wahrheit, daß Du überhaupt nicht existiert. Du bist eine Schimäre. Eine Erfindung plappermäuliger Journalisten und Soziologen, die schon morgen eine andere nichtvorhandene Sau durch das globale Mediendorf treiben werden.

Sei nicht traurig. Es hat auch schon ganz andere und viel interessantere Sachen als Dich nie gegeben. Zum Beispiel Gott oder das Ungeheuer von Loch Ness. Und hat es ihnen geschadet?

Na siehste. Und nun mach Dich mal bitte vom Acker.

Alsdann: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Bloß nicht das Gesicht verlieren

Mit typisch asiatisch-undurchsichtigem Lächeln verteilte Dr. Shin-Xu seine Mitbringsel. Er hatte uns von Forschungsarbeiten berichtet, konkret von einem Laser-Scanner, den er gebaut habe und der Füße exakt vermessen könne. Das heißt deren Umriß, Abmessungen, Verformungen und noch viele andere unsägliche Eigenschaften mehr. Als krönenden Abschluß seiner Präsentation griff Dr. Shin-Xu tief in die Aktenmappe und zog ein halbes Dutzend »Geschenke« hervor, die sorgfältig in knittriges Löschpapier gewickelt waren. Nachdem wir dieses vorsichtig entfernt hatten, standen wir wie die begossenen Pudel da, mit je dem Modell eines Fußes in der Hand, das im Maßstab eins zu zehn aus unbeschreiblich gelbem Plastik gegossen war. Es handele sich um seinen eigenen rechten Fuß, erklärte Dr. Shin-Xu voller Stolz. Und wirklich: die Farbe der Modelle entsprach exakt jener Farbe, die in unserer Vorstellung Dr. Shin-Xus Füße hatten. Zum Glück verfügten wir über das berühmte europäisch-undurchschaubare Lächeln, hinter dem wir alle ein und den selben Gedanken versteckten: Für den nächsten Tag hatte sich nämlich ein chinesischer Urologe angekündigt.

Theobald Fuchs

 Im Auge des Betrachters

Heute früh hörte ich beim Bäcker jemanden eine »schöne Tasse Kaffee« bestellen. Das gab mir zu denken, denn weder die klobige Tasse noch deren Inhalt besaßen einen ästhetischen Wert, und das Getränk aus der Maschine schmeckt erfahrungsgemäß so bitter wie es das Leben derjenigen ist, die im Stehcafé frühstücken müssen. Dennoch schien der Mann zufrieden. Kann man sich denn Kaffee schöntrinken?

Tibor Rácskai

 Sonntagssorgen

Neulich: Sonniger Sonntag. Nichts gemacht den ganzen Tag. Im dunklen Zimmer Filme geschaut, rumgehangen, gesnackt. Dann eine Szene im Film, ein Typ liegt den ganzen Tag nur in seinem Bett und starrt auf seinen Laptop. Ich denke: »Traurige Gestalt!« und bekomme einen Meta-Schrecken.

Frederik Skorzinski

 Es träumte mir einst,

ich stünde vor einem überwucherten alten Häuschen. Aufwärtsschauend erblicke ich eine engelsgleiche Frauengestalt auf einem verwitterten Arkadengang: Sie ist in blaue, wallende Seide gewandet, die ihre Schultern neckisch umspielt; ihr dunkles Haar weht im Wind und verströmt doch Ruhe und Behaglichkeit; ihre smaragdgrünen Augen verheißen mir Glück und Ruhm, Liebe und Sinn. Da beginnen ihre Augen zärtlich nach mir zu rufen, und als sie sich – wie schwebend! – ins Häuschen zurückzieht, folge ich ihr atemlos. Im Inneren umfängt mich Dunkelheit, und ich bemerke mit Herzrasen, wie sie sich an meinen Körper schmiegt und mir mit heißem Atem in mein Ohr lispelt: »Ich habe dich bereits erwartet, mein Liebster...« In diesem Moment wandelt sich alles um mich herum, und Lichter gehen an: Es sind penetrante, in den Augen schmerzende Neonlichter, und die Frau fügt hinzu: »... und endlich bist du erschienen, um zusammen mit den anderen am großen Schlußverkauf teilzunehmen.« In diesem Moment erkenne ich mit blankem Entsetzen, daß sich ihre warmen Augen in zwei brutale Eisklötze verwandelt haben: Die Frau ist nun ganz Kälte, Frechheit und Berechnung, und ich werde gewahr, daß ich eingesperrt bin; eingesperrt zusammen mit Hunderten, Tausenden abgelebten Greisen, die mit tristen und grämlichen Mienen lustlos in Verkaufstischchen wühlen, allerlei Plastikramsch in unendlich hohen Regalen zu erklettern trachten und, um Preise für billigstes, gefälschtes Porzellan zu erfragen, in kilometerlangen Schlangen vor der an einer Kasse sitzenden Frau anstehen; lediglich durch das Wegsterben der Greise dünnt sich die Reihe etwas aus, es wird aber sofort nachgerückt. Panik flammt in mir auf, und ich will mich verstecken, doch weiß ich, daß es aus dieser Hölle kein Entrinnen gibt, daß es niemals ein Entrinnen geben kann, daß alle mitmachen müssen und daß niemand, wirklich absolut niemand verschont werden darf. Als ich schweißüberströmt erwachte, wußte ich mit traumwandlerischer Sicherheit, daß ich soeben die große Hure Kapitalismus erträumt hatte.

Sebastian Klug

 Großer Auftritt

Der Frühling stolpert über die eigenen Füße. Der Sommer weiß nicht, wohin mit den Armen. Der Herbst ist ein dünner Lulatsch mit Pickeln. Dem Winter gelingt nichts, kein einziger Hopser. Merke: Du sollst mit deinem VHS-Kurs keine Choreographie zu den »Vier Jahreszeiten« aufführen.

Peter P. Neuhaus