[09.02.2014]
Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Sie fielen, damit Deutschland lebe

Wer seinen statistischen Alterszenit überschritten hat, mag dazu neigen, nicht mehr fernsehen zu wollen, denn je weniger Zeit bleibt, um so dringender das Gefühl, man dürfe sie nicht verschwenden. Wenn ich aber doch mal vor der Glotze sitze, weil ich z.B. „Ocean's Twelve“ noch nie gesehen habe, muß ich natürlich die Werbepausen durchstehen, was allenfalls dann geht, wenn man den Ton wegschaltet. Als Stummfilm sehe ich also einen Clip, der, wie mir die spätere Recherche verrät, zu einer „Thank you Mom“ / „Danke Mama“ betitelten Kampagne des Konzerns Procter & Gamble (Nahrung, Kinderpflege u.v.m.) gehört und in dem folglich Kinder und Nachwuchssportler beim kindlichen, später adoleszenten Nachwuchssporttreiben immer wieder auf den Hintern fallen, aber durch die Beharrungskraft der Mamis (nicht der Vatis, die kaufen keine Windeln) trotzdem irgendwann auf dem Treppchen landen. Was die Mamis so stolz macht, daß sie weinen müssen. Der Claim, in Deutschland mit freundlicher Unterstützung der sog. Testimonials Rosi Mittermeier & Sohn: „Du bringst uns bei, daß hinfallen uns stärker macht – danke Mama!“

Es wird z.Z. ja viel geschrieben über die Winterspiele von Sotschi, über Willkür, Ausbeutung, Brutalität und Korruption, die allein deswegen so schlimm sind wie niemals zuvor, weil Willkür, Ausbeutung, Brutalität und Korruption bloß für halbfertige Hotelzimmer, Bienen im Frühstückshonig und die mittlerweile schon legendäre Doppeltoilette ohne Trennwand gesorgt haben, und genausoviel wird in den nächsten zwei Wochen natürlich trotzdem geschrieben werden über Bobfahrten und Riesenslaloms, weil ja kein Sportskandalon so erheblich ist, daß es die gesellschaftlichen Apparate dazu brächte, auf den Sport als „größte der Blödmaschinen“ (Metz/Seeßlen) zu verzichten. Weil er den Leuten nämlich so schön das Konkurrenzprinzip in die Birnen hämmert und schon die Kinder mit der Totalität des gesellschaftlichen Leistungsanspruchs niederstreckt: „Du bringst uns bei, daß hinfallen uns stärker macht – danke Mama!“

„Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.“ Rilke, 1908

Was für ein Dreck; welch ein Abgrund an Perfidie und Schweinegesinnung. Wenn ein Kind hinfällt, dann soll man ihm aufhelfen und es trösten und nicht noch das kindliche Malheur ins fanatisch instrumentelle Denken einpassen. Die Niederlage als Ansporn und Propagandamaßnahme, so wie die Helden von Stalingrad nicht für nichts, sondern dafür gestorben sind, daß Deutschland lebe, wie es wiederum niederschmetternd ist, wie sehr und scheint's unaustilgbar das Ideologem vom „starken Kind“ sich bis in die Jugend- und Sozialdezernate der Kommunen gefressen hat, die's natürlich nur gut meinen und nicht wollen, daß schwache Kinder Drogen nehmen, aber natürlich, wo sollen sie es herhaben, keinen Gedanken daran verschwenden (und es schließlich, Apparate auch sie, billigen), daß „Stärke“ immer auch eine ist zum Durchsetzen, Rechthaben, Endsiegen. (Den hundertstelsekundenschweren „Unterschied zwischen Teilnehmen und Gewinnen“ zu messen verspricht der offizielle Uhrensponsor der Winterspiele. Dabeisein ist halt längst schon viel weniger als alles, es ist ganz einfach gar nichts mehr.)

Hinfallen, liebe Mamis, mache nicht stärker, sondern weiser. Denn das Leben ist, mit Ortega y Gasset, seinem Wesen nach ein einziger Schiffbruch, und geliebt wird euer Kind einzig da, wo es schwach sein darf, ohne Stärke zu provozieren. Wie es im übrigen für sich spricht, daß der gegenwärtige gesellschaftliche Saustall noch die Kalenderweisheiten der Kritischen Theorie ins Recht setzt.




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Das schreiben die anderen
  • 25.07.:

    Das Wiener Satireprojekt Hydra sucht per Crowdfunding-Aufruf Unterstützer.

  • 23.07.:

    Mark-Stefan Tietze schreibt in der Taz über die aktuelle Milchkrise.

Titanic unterwegs
13.08.2016 Eschwege, Open Flair (Kleinkunstzelt)
  Oliver Maria Schmitt, Bernd Gieseking, Frank Goose
14.08.2016 Frankfurt, Elfer
  Mark-Stefan Tietze
18.08.2016 Berlin, Das ERNST
  »Das Herz in der Hose«
26.08.2016 Klütz, Literaturhaus Uwe Johnson
  Gerhard Henschel

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Briefe an die Leser

 Kuckuck, Eckart von Hirschhausen!

Groß war unsere Erleichterung, als wir neulich auf Stern.de den Satz »Eckart von Hirschhausen zieht ins Altenheim« lasen, noch größer die Enttäuschung, als sich dann herausstellte, daß Ihr Heimaufenthalt schon wieder vorbei war und doch nur der Recherche diente. Im besten Reportagestil (»Irgendwo klingelt ein Wecker«) berichten Sie über Demenz und das Abenteuer Altenheim, stellen erfrischend ehrliche Reflexionen an (»Hirnabbau kommt nicht über Nacht«) und schwärmen nach einem Tänzchen mit einer Heimbewohnerin von »Musik als Medikament«, das man einfach – Schmerz laß nach! – »ohr-al« zu verabreichen brauche. Schließlich stellen Sie voll Lob auf das so facettenreiche Leben fest: »Unfreiwillig komisch sind Menschen, die mit 60 immer noch die gleichen Ziele verfolgen wie mit 20 – in den gleichen Klamotten.«

Und auch wenn Sie das sicher schon oft gehört haben: Hätten Sie mal lieber Ihren Arztkittel anbehalten und wären gut versteckt in irgendeinem Krankenhaus geblieben, dann hätte vielleicht sogar noch etwas halbwegs Unterhaltsames aus Ihnen werden können, denn »unfreiwillig komisch« ist halt doch immerhin irgendwie komisch.

Ihr Pflegepersonal von Titanic

 Andrea Berg, Teuerste!

Andrea Berg, Teuerste!

Anläßlich Ihrer neuen Platte »Spesen fehlen«, nein: »Besenheben«, nein: »Seelenbeben« luden Sie, na klar, zur Homestory die Bunte ein, die dann auch gleich zur Stelle war. Und so berichteten Sie also von Songs, die »Sternenträumer« heißen, von Ihrem neuen Plattenlabel Bergrecords, von Ihren Fans, die auf Ihren Konzerten »lachen, weinen, Party machen« sollen, und auch von Ihrer 17jährigen Tochter. 17 Jahr’, blondes Haar … und ein schwieriges Alter, nicht wahr? Gerade deswegen möchten Sie Ihre Tochter »auch beschützen und ihr möglichen Kummer ersparen«, sie habe nämlich ab und an durchaus unter Ihrem Beruf als Schlagersängerin zu leiden.

Klar, Frau Berg, auf dem Schulhof ist derzeit nämlich viel eher Helene Fischer angesagt und nicht eine alte Schlagernudel wie Sie. Dennoch dürfe man seine »Kinder nicht in Watte packen«, weswegen Sie der Bunten auch gleich eifrig steckten, daß Ihre Tochter derzeit »frisch verliebt« sei. So ist’s richtig: »Eigene Erfahrungen« müssen die Teens machen, wie Sie sagen. Wer nicht lernt, wie es sich anfühlt, wenn in Klatschmagazinen von den eigenen Liebschaften berichtet wird, der kann später kein tiefsinniges »Seelenbeben« schaffen und für die Fans damit Momente, »in denen sich ihre Seele ausruhen kann«. Rabenmutter! Titanic

 Wenn Ihr, Veranstalter des »Luxury Business Day«,

Euch fragt, warum wir auch dieses Jahr wieder nicht an »Deutschlands Luxuskonferenz« teilgenommen haben und nun also auch nicht wissen, wie Ihr »Luxus erfahrbar machen und Kunden emotional berühren« möchtet, müßt Ihr einfach mal einen Blick auf Eure Eintrittspreise werfen. 590 Euro für ein Ticket?

Wir sind doch nicht der allerniederste Pöbel, sondern die unangenehm berührten Snobs von der Titanic

 Und Sie, Claudia Pechstein,

jammerten, nachdem der BGH Ihre Klage auf Schadenersatz gegen die Internationale Eislauf-Union abgewiesen hatte: »Jeder Flüchtling, der in Deutschland einreist und registriert wird, genießt Rechtsschutz. Aber nicht wir Sportler.« Stimmt! Weniger Rechtsschutz, als eine quasi von Geburt an von deutschen Spitzensportfunktionären gepamperte Olympia-Medaillengewinnerin und jetzige Hauptmeisterin der Bundespolizei erhält, ist im Grunde ja kaum vorstellbar.

Aber immer schön sportlich bleiben! Denn einfach nur ein bißchen im Kreis herum Schlittschuh fahren, das ist halt auch etwas dürftig im Vergleich zu Disziplinen wie dem Balkanrouten-Langstreckenlauf oder der Freistil-Schwimmstaffel über das Mittelmeer. Da haben sich die Flüchtlinge ihren Tiptop-Rechtsschutz doch wirklich redlich verdient. Und das sogar ganz ohne Doping!

Dabeisein ist alles: Titanic

 Unbekannte NDR2-Moderatorin!

Am 24.5.2016 meldetest Du morgens im Verkehrsservice, daß auf der Autobahn ein Lkw Hundertwasser-Kisten verloren habe. Sofort machten wir uns auf den Weg, in der frohen Erwartung, dort versprengte, wertvolle Kunstgegenstände erbeuten zu können. Wie wir aber herausfanden, handelte es sich lediglich um hundert Wasserkisten, von denen nur Splitter und Scherben übrig waren. Für dieses vergebliche Ausrücken und den Schweiß, den wir dabei lassen mußten, fordern wir eine durstlöschende Entschädigung. Also mindestens hundert Bierkisten.

Es grüßen die Beutekünstler der Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Selbstverwirklichung

Wenn einer ein Trottel ist, gebe ich ihm die Chance, es zu zeigen. Das gilt auch und in erster Linie für mich selbst.

Tibor Rácskai

 Kundenrezension

Heute zum ersten Mal die »Steinofen-Pizza Hawaii« von Tegut gekauft. Konnte es überhaupt nicht fassen, wie fade die Pizza schmeckte! Erst beim vorletzten Stück fiel mir ein, daß ich ja immer noch Schnupfen habe. Testnote: weiß nicht.

Dominik Bauer

 Vergeblich

Unter den vielen Talenten, die mir nur geringfügig gegeben sind, ist die Schlagfertigkeit am geringsten ausgeprägt. Beispiel: Seit guten 16 Jahren nehme ich mir vor, wenigstens ein einziges Mal mit »Danke, ich trinke nicht!« zu antworten, wenn mir irgend jemand ein Glas Wasser anbietet. Es ist mir bis heute nicht gelungen.

Teja Fischer

 In tiefer Trauer

Mit meinen Haustieren hatte ich bisher außergewöhnlich viel Pech. Erst mein süßer Dackel Larry, dann meine verschmuste Dänische Dogge Doyle, kurz darauf die wilde, wilde Perserkatze Layla und letzte Woche auch noch mein geliebter Wellensittich Ulf – sie alle sind in ihrem Aquarium ertrunken.

Andreas Maier

 Kleinstlesewesen

Einzeiler.

Dominik Wachsmann