[03.01.2016]
Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Heil uns im Siegerkranz

Daß alles immer weitermache, ist eine alte Feststellung von Rolf Dieter Brinkmann, und sofern ich so etwas wie einen Neujahrskater habe, liegt er hier mit dem bekannten Hasen im Pfeffer: die beherzte Kleriko-Faschisierung Polens (und gerade zwei Wochen ist es hier, daß ich’s dem Nuhr ins Stammbuch schrieb: daß es in Europa andere Gefährderreligionen gebe als immer bloß den Islam), der ungestörte Siegeszug der popfaschistischen Vokabeln „massiv“ und „spannend“ (hier Krieg, da KdF) und der elende Unser-Land-Patriotismus unserer bildungsbürgerlichen Intellektuellen, die sich so rücksichtslos in den Dienst der Nation stellen, daß die Frage ist, ob die mit Goethe und Thomas Mann verbrachten Lebensjahrzehnte nicht besser zwischen Sexshop und Grasverkäufer verjuxt worden wären.

„Deutschland, Stunde null. Was zu beginnen wohl noch lange nicht aufgehört hat: Ratlose und euphorische Blicke auf unser Land, von draußen“ – unser Land, von draußen: Vom Stuhle möcht’ man sinken angesichts der perennierenden Unfähigkeit, sich einmal nicht mit dem Vaterland zu identifizieren, und es ist, List der Vernunft, in der ach so liberalen SZ noch schlimmer als bei den Frankfurtern, die der Gustav Seibt ja einst verließ, um die Konservative Revolution nach München zu tragen. Dort ist man jetzt, 2016, längst religiös (Prantl), revisionistisch (Augstein), national (Seibt), und das liberale „Maß halten!“ will da so klingen wie von Degenhardts Notar Bolamus: „Nur Auschwitz, das war ein bißchen zu viel.“

„So achtbar im einzelnen und so miserabel im ganzen“ – was Goethen einst zum deutschen Volke einfiel, findet sich nämlich in einer Erzählung des Schriftstellers Martin Amis für den New Yorker, worin das Flüchtlingshelfer-Herbstmärchen-Deutschland die Hauptrolle spielt, und derlei staunende Impressionismen sind natürlich gefundene Fressen für all jene, die, wie der Seibt, den New Yorker und Goethe zugleich lesen und böse Worte über ihre Volksgenossen aber nicht und nicht ertragen. Also wird das, was das Intellektuelle erst ausmacht: Distanz, Distanz und noch einmal Distanz, sogleich an der Garderobe abgegeben in dem Moment, wo das Feuilleton „unser“ Land „von draußen“ besichtigen läßt.

„Auch alle Fragen machen weiter, wie alle Antworten weitermachen. Der Raum macht weiter. Ich mache die Augen auf und sehe auf ein weißes Stück Papier.“ Brinkmann, 1974

Dabei wäre draußen doch der Standort des Intellektuellen, so er kein deutscher „Geistesbürger“ ist, dessen „tiefe Politiklosigkeit“ dem späteren, nicht mehr unpolitischen Thomas Mann an Schopenhauer auffiel, und wer immer wissen wollen würde, was z.B. und um Gottes willen gerade das angelsächsische Ausland so sexy am von Versailles und Auschwitz so schwer geprüften deutschen Land findet, würde rundum enttäuscht, wo dem nationalen Journalisten der nationale Nabel nämlich näher ist als alles andere: „Zum Jahresende hat Roger Cohen, der legendäre, überaus kritische Deutschland-Experte der New York Times, einen geradezu hymnischen Leitartikel über unser Land verfaßt: ,Germany, Refugee Nation’“ usw. Heil uns im Siegerkranz.

Aber daß die überaus kritischen Deutschland-Experten im (jüdischen!) Ausland sitzen, während die Inländer mit dem „Staat im Kopf“ (Chotjewitz) immer nur loyal sind: müßte „uns“ das nicht bekannt vorkommen? Und ist es – dies nur von außen gefragt – vielleicht eben das, was Amis und Tommies, beide auf ihre Weise staatsunfromm, auf gruselige Weise scharf finden?




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Briefe an die Leser

 Grüß Gott & hühott, Bayerischer Rundfunk!

Grüß Gott & hühott, Bayerischer Rundfunk!

»Obwohl die Signatur als ›Kowalski‹ zu entziffern ist, wurde diese Rastszene mit Pferden nicht von ihm gemalt«, steht es im Online-Archiv der für ihren Sachverstand geschätzten Sendung »Kunst & Krempel« über das »qualitätsvolle Kabinettstück« aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. So weit, so gewohnt gediegen. Aber was hat Dich denn bitteschön geritten, den mit 1500 Euro taxierten Dachbodenfund wie folgt zu übertiteln:

Fragt als Liebhaber prächtiger Schinken: Titanic

 Werter Andreas Scheuer!

»Dort, wo Millionen von Deutschen Urlaub machen, da geh ich davon aus, daß es sich um sichere Herkunftsstaaten handelt!« Im Bierzelt des Schierlinger Volksfestes erhielten Sie für diesen Satz Beifall. Doch wir wären uns da nicht so sicher. Als CSU-Generalsekretär ist es zwar nachgerade Ihre Pflicht, holzschnittartig zu vereinfachen. Nur … nein, wir wollen jetzt nicht auf das bei den Deutschen so beliebte Urlaubsland Türkei hinaus, dessen Rechtsstaatsdefizite niemand schärfer anprangert als die CSU. Wir meinen vielmehr die 43 Millionen Übernachtungen, die Bayern im Sommerhalbjahr 2015 aus anderen deutschen Bundesländern verzeichnet hat. Demnach wäre Bayern: ein sicheres Herkunftsland! Und das können Sie ja wohl nicht im Ernst gemeint haben! Titanic

 Kuckuck, Eckart von Hirschhausen!

Groß war unsere Erleichterung, als wir neulich auf Stern.de den Satz »Eckart von Hirschhausen zieht ins Altenheim« lasen, noch größer die Enttäuschung, als sich dann herausstellte, daß Ihr Heimaufenthalt schon wieder vorbei war und doch nur der Recherche diente. Im besten Reportagestil (»Irgendwo klingelt ein Wecker«) berichten Sie über Demenz und das Abenteuer Altenheim, stellen erfrischend ehrliche Reflexionen an (»Hirnabbau kommt nicht über Nacht«) und schwärmen nach einem Tänzchen mit einer Heimbewohnerin von »Musik als Medikament«, das man einfach – Schmerz laß nach! – »ohr-al« zu verabreichen brauche. Schließlich stellen Sie voll Lob auf das so facettenreiche Leben fest: »Unfreiwillig komisch sind Menschen, die mit 60 immer noch die gleichen Ziele verfolgen wie mit 20 – in den gleichen Klamotten.«

Und auch wenn Sie das sicher schon oft gehört haben: Hätten Sie mal lieber Ihren Arztkittel anbehalten und wären gut versteckt in irgendeinem Krankenhaus geblieben, dann hätte vielleicht sogar noch etwas halbwegs Unterhaltsames aus Ihnen werden können, denn »unfreiwillig komisch« ist halt doch immerhin irgendwie komisch.

Ihr Pflegepersonal von Titanic

 Andrea Berg, Teuerste!

Andrea Berg, Teuerste!

Anläßlich Ihrer neuen Platte »Spesen fehlen«, nein: »Besenheben«, nein: »Seelenbeben« luden Sie, na klar, zur Homestory die Bunte ein, die dann auch gleich zur Stelle war. Und so berichteten Sie also von Songs, die »Sternenträumer« heißen, von Ihrem neuen Plattenlabel Bergrecords, von Ihren Fans, die auf Ihren Konzerten »lachen, weinen, Party machen« sollen, und auch von Ihrer 17jährigen Tochter. 17 Jahr’, blondes Haar … und ein schwieriges Alter, nicht wahr? Gerade deswegen möchten Sie Ihre Tochter »auch beschützen und ihr möglichen Kummer ersparen«, sie habe nämlich ab und an durchaus unter Ihrem Beruf als Schlagersängerin zu leiden.

Klar, Frau Berg, auf dem Schulhof ist derzeit nämlich viel eher Helene Fischer angesagt und nicht eine alte Schlagernudel wie Sie. Dennoch dürfe man seine »Kinder nicht in Watte packen«, weswegen Sie der Bunten auch gleich eifrig steckten, daß Ihre Tochter derzeit »frisch verliebt« sei. So ist’s richtig: »Eigene Erfahrungen« müssen die Teens machen, wie Sie sagen. Wer nicht lernt, wie es sich anfühlt, wenn in Klatschmagazinen von den eigenen Liebschaften berichtet wird, der kann später kein tiefsinniges »Seelenbeben« schaffen und für die Fans damit Momente, »in denen sich ihre Seele ausruhen kann«. Rabenmutter! Titanic

 Wenn Ihr, Veranstalter des »Luxury Business Day«,

Euch fragt, warum wir auch dieses Jahr wieder nicht an »Deutschlands Luxuskonferenz« teilgenommen haben und nun also auch nicht wissen, wie Ihr »Luxus erfahrbar machen und Kunden emotional berühren« möchtet, müßt Ihr einfach mal einen Blick auf Eure Eintrittspreise werfen. 590 Euro für ein Ticket?

Wir sind doch nicht der allerniederste Pöbel, sondern die unangenehm berührten Snobs von der Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Dreieckshoroskopisches

Astrologie ist eine höchst subjektive Angelegenheit. Die Ansicht zum Beispiel, daß Stier und Skorpion sich aufs vorzüglichste ergänzen, teilen meine Frau (Stier) und meine Geliebte (Skorpion) auf keinen Fall. Ich hingegen schon.

Karsten Wollny

 Selbstverwirklichung

Wenn einer ein Trottel ist, gebe ich ihm die Chance, es zu zeigen. Das gilt auch und in erster Linie für mich selbst.

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Heute zum ersten Mal die »Steinofen-Pizza Hawaii« von Tegut gekauft. Konnte es überhaupt nicht fassen, wie fade die Pizza schmeckte! Erst beim vorletzten Stück fiel mir ein, daß ich ja immer noch Schnupfen habe. Testnote: weiß nicht.

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Unter den vielen Talenten, die mir nur geringfügig gegeben sind, ist die Schlagfertigkeit am geringsten ausgeprägt. Beispiel: Seit guten 16 Jahren nehme ich mir vor, wenigstens ein einziges Mal mit »Danke, ich trinke nicht!« zu antworten, wenn mir irgend jemand ein Glas Wasser anbietet. Es ist mir bis heute nicht gelungen.

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 In tiefer Trauer

Mit meinen Haustieren hatte ich bisher außergewöhnlich viel Pech. Erst mein süßer Dackel Larry, dann meine verschmuste Dänische Dogge Doyle, kurz darauf die wilde, wilde Perserkatze Layla und letzte Woche auch noch mein geliebter Wellensittich Ulf – sie alle sind in ihrem Aquarium ertrunken.

Andreas Maier