[06.07.2014]
Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: G mir weg

Das ist ja auch so was, was den Kolumnisten auf der Stelle langweilt: das ewige Geharke darum, wie viele Jahre eine(r) brauchen soll, um das Abitur zu kriegen, eine Hochschulreife, die, glaubt man denen, die an den den Unis die Einführungsveranstaltungen halten, längst keine mehr ist. Das beginnt bei der Rechtschreibung und hört bei der verwandten Fähigkeit, einen Text so zu verfassen, daß sich sein Sinn nicht erst beim dritten Lesen erschließt, nicht auf. Daß die Abiturnoten immer besser, die Kenntnisse immer geringer würden, ist neulich durch die Presse gegangen und deckt sich mit dem Befund eines Bologna-Kritikers, das Ziel der Reform seien nicht klügere Menschen, sondern mehr Abschlüsse, und statt sich, wie die Welt, in schlechter Verhohlenheit über die Verpöbelung der Gymnasien zu ärgern („Das geschenkte Abi“), soll man das Pferd nicht von der falschen Seite aufzäumen und sich über Schulen beschweren, die nur das tun, was sie sollen, nämlich auf die Universität vorbereiten. Daß die neuerdings eine Bologna-Universität ist, dafür kann die Schule nichts. (Nicht einmal die Grundschule, wo, liest man, immer häufiger keine Schreibschrift mehr unterrichtet wird: kostet nur Zeit, und wer schreibt schon noch von Hand?)

„Das erspart natürlich Diskussionen, die dann trotzdem stattfinden.“ Béla Réthy, 2014

Darum klingen auch die Klagen über die neuen Schnellgymnasien so schief, denn wo, wie partiell in Hessen, komplett in Niedersachsen, eventuell demnächst in Bayern, zum alten neunjährigen Gymnasium zurückgekehrt wird, ist es auffällig, daß in der Berichterstattung grundsätzlich diese properen Bildungsfamilien auftauchen, die zwar den Schulstreß beklagen, aber nur, weil er keine Zeit mehr für Geige, Reitstunden und Auslandsjahr läßt. Das deutsche Bürgertum, verkommen wie es ist, hat seine feine Witterung fürs Distinktive nicht verloren, und wo heutzutage die Türken schon Abitur machen, muß eben außerschulisch gebolzt werden. Aber nicht auf dem Bolzplatz, sondern im Leistungszentrum.

Besser wird dadurch natürlich nichts, und wer sich über den Stand der Merkelschen Bildungsrepublik informieren will, der schaue ein bißchen Fußball-WM und wundere sich, daß der heutige Sportreporter, trotz Abitur und Studium, selbst einfachste relativische Anschlüsse nicht mehr zustande bringt („das Spiel, was die Deutschen hier aufziehen“) und überhaupt seine liebe Not hat, mal einen Satz ohne Grammatikunfall herauszubringen, oder wenigstens ohne „sensationell“, „insofern“ und „insofern, weil“. (Wer glaubt, das sei nichts Neues: ist es aber. Gegen die neuzeitlichen Fernsehtrilobiten war Faßbender ein höheres Vernunftwesen, von gebildeten Herren wie Eberhard Stanjek nicht zu reden.) Auch die Damen und Herren, die für Peugeot die Prospekte texten, haben Abitur, und lägen diese zeitgenössischen Prosawunder nicht bei meinem Schwiegervater auf dem Küchentisch, ich könnte jetzt seitenweise Pidgin zitieren. Da ist mein Französisch noch besser, und das ist wirklich schlecht.

Das macht aber nichts, die Autos werden ja trotzdem gekauft, und wann immer wer nun Abitur macht, das Niveau ist unverrückbar das der Katrin Göring-Eckardt: „Ich wäre gern Lehrerin geworden … Ich finde es spannend mitzuerleben, wie [Kinder] eigene Werte entwickeln'“ (Zeit). Im Zweifel nämlich, w.z.b.w., sensationell spannende.




Eintrag versenden Newstickereintrag versenden…
Felder mit einem * müssen ausgefüllt werden.

optionale Mitteilung an den Empfänger:

E-Mail-Adresse des Absenders*:

E-Mail-Adresse des Empfängers*
(mehrere Adressen durch Semikolon trennen, max. 10):

bezahlte Anzeige

»

bezahlte Anzeige

Erweitern
Das schreiben die anderen
Titanic unterwegs
13.08.2016 Eschwege, Open Flair (Kleinkunstzelt)
  Oliver Maria Schmitt, Bernd Gieseking, Frank Goose
14.08.2016 Frankfurt, Elfer
  Mark-Stefan Tietze
18.08.2016 Berlin, Das ERNST
  »Das Herz in der Hose«
26.08.2016 Klütz, Literaturhaus Uwe Johnson
  Gerhard Henschel

bezahlte Anzeige

Briefe an die Leser

 Grüß Gott & hühott, Bayerischer Rundfunk!

Grüß Gott & hühott, Bayerischer Rundfunk!

»Obwohl die Signatur als ›Kowalski‹ zu entziffern ist, wurde diese Rastszene mit Pferden nicht von ihm gemalt«, steht es im Online-Archiv der für ihren Sachverstand geschätzten Sendung »Kunst & Krempel« über das »qualitätsvolle Kabinettstück« aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. So weit, so gewohnt gediegen. Aber was hat Dich denn bitteschön geritten, den mit 1500 Euro taxierten Dachbodenfund wie folgt zu übertiteln:

Fragt als Liebhaber prächtiger Schinken: Titanic

 Werter Andreas Scheuer!

»Dort, wo Millionen von Deutschen Urlaub machen, da geh ich davon aus, daß es sich um sichere Herkunftsstaaten handelt!« Im Bierzelt des Schierlinger Volksfestes erhielten Sie für diesen Satz Beifall. Doch wir wären uns da nicht so sicher. Als CSU-Generalsekretär ist es zwar nachgerade Ihre Pflicht, holzschnittartig zu vereinfachen. Nur … nein, wir wollen jetzt nicht auf das bei den Deutschen so beliebte Urlaubsland Türkei hinaus, dessen Rechtsstaatsdefizite niemand schärfer anprangert als die CSU. Wir meinen vielmehr die 43 Millionen Übernachtungen, die Bayern im Sommerhalbjahr 2015 aus anderen deutschen Bundesländern verzeichnet hat. Demnach wäre Bayern: ein sicheres Herkunftsland! Und das können Sie ja wohl nicht im Ernst gemeint haben! Titanic

 Kuckuck, Eckart von Hirschhausen!

Groß war unsere Erleichterung, als wir neulich auf Stern.de den Satz »Eckart von Hirschhausen zieht ins Altenheim« lasen, noch größer die Enttäuschung, als sich dann herausstellte, daß Ihr Heimaufenthalt schon wieder vorbei war und doch nur der Recherche diente. Im besten Reportagestil (»Irgendwo klingelt ein Wecker«) berichten Sie über Demenz und das Abenteuer Altenheim, stellen erfrischend ehrliche Reflexionen an (»Hirnabbau kommt nicht über Nacht«) und schwärmen nach einem Tänzchen mit einer Heimbewohnerin von »Musik als Medikament«, das man einfach – Schmerz laß nach! – »ohr-al« zu verabreichen brauche. Schließlich stellen Sie voll Lob auf das so facettenreiche Leben fest: »Unfreiwillig komisch sind Menschen, die mit 60 immer noch die gleichen Ziele verfolgen wie mit 20 – in den gleichen Klamotten.«

Und auch wenn Sie das sicher schon oft gehört haben: Hätten Sie mal lieber Ihren Arztkittel anbehalten und wären gut versteckt in irgendeinem Krankenhaus geblieben, dann hätte vielleicht sogar noch etwas halbwegs Unterhaltsames aus Ihnen werden können, denn »unfreiwillig komisch« ist halt doch immerhin irgendwie komisch.

Ihr Pflegepersonal von Titanic

 Andrea Berg, Teuerste!

Andrea Berg, Teuerste!

Anläßlich Ihrer neuen Platte »Spesen fehlen«, nein: »Besenheben«, nein: »Seelenbeben« luden Sie, na klar, zur Homestory die Bunte ein, die dann auch gleich zur Stelle war. Und so berichteten Sie also von Songs, die »Sternenträumer« heißen, von Ihrem neuen Plattenlabel Bergrecords, von Ihren Fans, die auf Ihren Konzerten »lachen, weinen, Party machen« sollen, und auch von Ihrer 17jährigen Tochter. 17 Jahr’, blondes Haar … und ein schwieriges Alter, nicht wahr? Gerade deswegen möchten Sie Ihre Tochter »auch beschützen und ihr möglichen Kummer ersparen«, sie habe nämlich ab und an durchaus unter Ihrem Beruf als Schlagersängerin zu leiden.

Klar, Frau Berg, auf dem Schulhof ist derzeit nämlich viel eher Helene Fischer angesagt und nicht eine alte Schlagernudel wie Sie. Dennoch dürfe man seine »Kinder nicht in Watte packen«, weswegen Sie der Bunten auch gleich eifrig steckten, daß Ihre Tochter derzeit »frisch verliebt« sei. So ist’s richtig: »Eigene Erfahrungen« müssen die Teens machen, wie Sie sagen. Wer nicht lernt, wie es sich anfühlt, wenn in Klatschmagazinen von den eigenen Liebschaften berichtet wird, der kann später kein tiefsinniges »Seelenbeben« schaffen und für die Fans damit Momente, »in denen sich ihre Seele ausruhen kann«. Rabenmutter! Titanic

 Wenn Ihr, Veranstalter des »Luxury Business Day«,

Euch fragt, warum wir auch dieses Jahr wieder nicht an »Deutschlands Luxuskonferenz« teilgenommen haben und nun also auch nicht wissen, wie Ihr »Luxus erfahrbar machen und Kunden emotional berühren« möchtet, müßt Ihr einfach mal einen Blick auf Eure Eintrittspreise werfen. 590 Euro für ein Ticket?

Wir sind doch nicht der allerniederste Pöbel, sondern die unangenehm berührten Snobs von der Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Dreieckshoroskopisches

Astrologie ist eine höchst subjektive Angelegenheit. Die Ansicht zum Beispiel, daß Stier und Skorpion sich aufs vorzüglichste ergänzen, teilen meine Frau (Stier) und meine Geliebte (Skorpion) auf keinen Fall. Ich hingegen schon.

Karsten Wollny

 Selbstverwirklichung

Wenn einer ein Trottel ist, gebe ich ihm die Chance, es zu zeigen. Das gilt auch und in erster Linie für mich selbst.

Tibor Rácskai

 Kundenrezension

Heute zum ersten Mal die »Steinofen-Pizza Hawaii« von Tegut gekauft. Konnte es überhaupt nicht fassen, wie fade die Pizza schmeckte! Erst beim vorletzten Stück fiel mir ein, daß ich ja immer noch Schnupfen habe. Testnote: weiß nicht.

Dominik Bauer

 Vergeblich

Unter den vielen Talenten, die mir nur geringfügig gegeben sind, ist die Schlagfertigkeit am geringsten ausgeprägt. Beispiel: Seit guten 16 Jahren nehme ich mir vor, wenigstens ein einziges Mal mit »Danke, ich trinke nicht!« zu antworten, wenn mir irgend jemand ein Glas Wasser anbietet. Es ist mir bis heute nicht gelungen.

Teja Fischer

 In tiefer Trauer

Mit meinen Haustieren hatte ich bisher außergewöhnlich viel Pech. Erst mein süßer Dackel Larry, dann meine verschmuste Dänische Dogge Doyle, kurz darauf die wilde, wilde Perserkatze Layla und letzte Woche auch noch mein geliebter Wellensittich Ulf – sie alle sind in ihrem Aquarium ertrunken.

Andreas Maier