[07.02.2016]
Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Garantiert extrem gar nichts

Wäre ich mir nicht so sicher, daß ich viel zu unwichtig bin, ich müßte glauben, sie täten das, um mich zu ärgern: Der Schauspieler Edgar Selge, heißt es in der Morgenzeitung, „studierte Klavier und Schauspiel und war lange Jahre Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele. Spätestens seit Helmut Dietls ,Rossini’ haben Kino- und Fernsehzuschauer auch bei seinen Filmrollen ein extrem gutes Gefühl.“

Da glaubt man immer, man kenne alles, und dann muß man das zweimal lesen, weil man es nicht für möglich hält. An die gewöhnlichen Unfälle hat man sich ja fast gewöhnt: „,Wir haben da zwei Herzen in unserer Brust’, sagt einer aus der Branche. Das eine sagt: Verkaufe, was die Leute wollen, und nehme das Geld mit, solange es geht“ – auf deutsch: nimm das Geld mit –, und das unerträglich ubiquitäre, brutalstmöglich phrasenhafte „massiv“ mischt das Redaktionssystem vermutlich nach dem Zufallsprinzip in die Texte. Aber daß die Information, ein Schauspieler sei beim Publikum beliebt, neuerdings dazu führt, daß jener bei diesem ein „extrem gutes Gefühl“ hinterläßt, ist der endgültige Sieg der Reklame über den Geist, der Parole über den Gedanken, selbst dann, wenn es sich um eine Anspielung auf Selges Rolle in „Rossini“ handelt, wo er als Mann von der Sparkasse stets „ein gutes, ein sehr gutes Gefühl“ hatte.

„So viele Berichte. So viele Fragen.“ Brecht, 1936

Kann man meinetwegen machen; aber dann muß partout noch ein „extrem“ hineingemantscht werden, und der Satz wird so lachhaft wie jeder, der ein Extrem behauptet, wo keines ist. (Wenn man’s mit Absicht macht, ist es dann u.U. wirklich zum Lachen, wie bei diesem Spitzenwitz vom TITANIC-Titel 2/2004: „Treffen sich ein Russe, ein Engländer, vier Bayern, zwölf Franzosen, noch ein Russe, zwei Österreicher (Niederösterreich), ein Schweizer, extrem viele Holländer und fünf Bulgaren in der Straßenbahn. Sagt der Schaffner: ,Die Fahrausweise bitte, Ausländergeschmeiß!’“) Aber ein Gespür für Sprache, ihre Nuancen und Empfindlichkeiten wird ja auf unseren Journalistenschulen, wie es aussieht, nicht vermittelt, falls da nicht ohnehin bloß die Dummköpfe landen, denen für fünf Gedanken acht Vokabeln zur Verfügung stehen. Und dann kommt derlei dabei raus: „Es ist sogar die Aufgabe jeder Regierung, sich für Unternehmen einzusetzen, denn schließlich garantieren diese ein hohes Gut: Arbeitsplätze.“

Sagenhaft. Bzw. abgesehen davon, daß Unternehmen, wenn die Empirie irgendwas beweist, Arbeitsplätze nicht „garantieren“: ist es denn möglich, als Abiturient noch nie im Leben was von Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ gehört zu haben? Und kann man im Ernst glauben, daß die Erde wüst und leer war, bis die Unternehmen kamen und sich freundlichst dazu bereiterklärten, Arbeitsplätze zu garantieren? Kann das einer wirklich übersehen, daß immer zuerst die Arbeit da ist und dann die Aktie? Oder will das einer übersehen, damit nicht die Regierung auf die dumme Idee komme, sich statt für die Unternehmen für die Arbeiter einzusetzen? Die in den Analysen unserer Wirtschaftsredakteure halt nicht vorkommen, weil es schließlich die Herrschaft gibt und das Personal, und das Personal soll nicht Zeitung lesen, sondern die Stühle zusammenschrauben, auf denen sich die Hofnarren ihre Buchstaben plattsitzen?

„Nichts gelernt“, ist der Kommentar des SZ-Journalisten Mühlauer überschrieben, und das scheint zu stimmen; immerhin das. 




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Das schreiben die anderen
  • 23.07.:

    Mark-Stefan Tietze schreibt in der Taz über die aktuelle Milchkrise.

Titanic unterwegs
01.10.2016 Wiedensahl, Wilhelm-Busch-Geburtshaus
  »Hans Traxler – Wilhelm-Busch-Preisträger 2015«

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Briefe an die Leser

 Kuckuck, Eckart von Hirschhausen!

Groß war unsere Erleichterung, als wir neulich auf Stern.de den Satz »Eckart von Hirschhausen zieht ins Altenheim« lasen, noch größer die Enttäuschung, als sich dann herausstellte, daß Ihr Heimaufenthalt schon wieder vorbei war und doch nur der Recherche diente. Im besten Reportagestil (»Irgendwo klingelt ein Wecker«) berichten Sie über Demenz und das Abenteuer Altenheim, stellen erfrischend ehrliche Reflexionen an (»Hirnabbau kommt nicht über Nacht«) und schwärmen nach einem Tänzchen mit einer Heimbewohnerin von »Musik als Medikament«, das man einfach – Schmerz laß nach! – »ohr-al« zu verabreichen brauche. Schließlich stellen Sie voll Lob auf das so facettenreiche Leben fest: »Unfreiwillig komisch sind Menschen, die mit 60 immer noch die gleichen Ziele verfolgen wie mit 20 – in den gleichen Klamotten.«

Und auch wenn Sie das sicher schon oft gehört haben: Hätten Sie mal lieber Ihren Arztkittel anbehalten und wären gut versteckt in irgendeinem Krankenhaus geblieben, dann hätte vielleicht sogar noch etwas halbwegs Unterhaltsames aus Ihnen werden können, denn »unfreiwillig komisch« ist halt doch immerhin irgendwie komisch.

Ihr Pflegepersonal von Titanic

 Andrea Berg, Teuerste!

Andrea Berg, Teuerste!

Anläßlich Ihrer neuen Platte »Spesen fehlen«, nein: »Besenheben«, nein: »Seelenbeben« luden Sie, na klar, zur Homestory die Bunte ein, die dann auch gleich zur Stelle war. Und so berichteten Sie also von Songs, die »Sternenträumer« heißen, von Ihrem neuen Plattenlabel Bergrecords, von Ihren Fans, die auf Ihren Konzerten »lachen, weinen, Party machen« sollen, und auch von Ihrer 17jährigen Tochter. 17 Jahr’, blondes Haar … und ein schwieriges Alter, nicht wahr? Gerade deswegen möchten Sie Ihre Tochter »auch beschützen und ihr möglichen Kummer ersparen«, sie habe nämlich ab und an durchaus unter Ihrem Beruf als Schlagersängerin zu leiden.

Klar, Frau Berg, auf dem Schulhof ist derzeit nämlich viel eher Helene Fischer angesagt und nicht eine alte Schlagernudel wie Sie. Dennoch dürfe man seine »Kinder nicht in Watte packen«, weswegen Sie der Bunten auch gleich eifrig steckten, daß Ihre Tochter derzeit »frisch verliebt« sei. So ist’s richtig: »Eigene Erfahrungen« müssen die Teens machen, wie Sie sagen. Wer nicht lernt, wie es sich anfühlt, wenn in Klatschmagazinen von den eigenen Liebschaften berichtet wird, der kann später kein tiefsinniges »Seelenbeben« schaffen und für die Fans damit Momente, »in denen sich ihre Seele ausruhen kann«. Rabenmutter! Titanic

 Wenn Ihr, Veranstalter des »Luxury Business Day«,

Euch fragt, warum wir auch dieses Jahr wieder nicht an »Deutschlands Luxuskonferenz« teilgenommen haben und nun also auch nicht wissen, wie Ihr »Luxus erfahrbar machen und Kunden emotional berühren« möchtet, müßt Ihr einfach mal einen Blick auf Eure Eintrittspreise werfen. 590 Euro für ein Ticket?

Wir sind doch nicht der allerniederste Pöbel, sondern die unangenehm berührten Snobs von der Titanic

 Und Sie, Claudia Pechstein,

jammerten, nachdem der BGH Ihre Klage auf Schadenersatz gegen die Internationale Eislauf-Union abgewiesen hatte: »Jeder Flüchtling, der in Deutschland einreist und registriert wird, genießt Rechtsschutz. Aber nicht wir Sportler.« Stimmt! Weniger Rechtsschutz, als eine quasi von Geburt an von deutschen Spitzensportfunktionären gepamperte Olympia-Medaillengewinnerin und jetzige Hauptmeisterin der Bundespolizei erhält, ist im Grunde ja kaum vorstellbar.

Aber immer schön sportlich bleiben! Denn einfach nur ein bißchen im Kreis herum Schlittschuh fahren, das ist halt auch etwas dürftig im Vergleich zu Disziplinen wie dem Balkanrouten-Langstreckenlauf oder der Freistil-Schwimmstaffel über das Mittelmeer. Da haben sich die Flüchtlinge ihren Tiptop-Rechtsschutz doch wirklich redlich verdient. Und das sogar ganz ohne Doping!

Dabeisein ist alles: Titanic

 Unbekannte NDR2-Moderatorin!

Am 24.5.2016 meldetest Du morgens im Verkehrsservice, daß auf der Autobahn ein Lkw Hundertwasser-Kisten verloren habe. Sofort machten wir uns auf den Weg, in der frohen Erwartung, dort versprengte, wertvolle Kunstgegenstände erbeuten zu können. Wie wir aber herausfanden, handelte es sich lediglich um hundert Wasserkisten, von denen nur Splitter und Scherben übrig waren. Für dieses vergebliche Ausrücken und den Schweiß, den wir dabei lassen mußten, fordern wir eine durstlöschende Entschädigung. Also mindestens hundert Bierkisten.

Es grüßen die Beutekünstler der Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Selbstverwirklichung

Wenn einer ein Trottel ist, gebe ich ihm die Chance, es zu zeigen. Das gilt auch und in erster Linie für mich selbst.

Tibor Rácskai

 Kundenrezension

Heute zum ersten Mal die »Steinofen-Pizza Hawaii« von Tegut gekauft. Konnte es überhaupt nicht fassen, wie fade die Pizza schmeckte! Erst beim vorletzten Stück fiel mir ein, daß ich ja immer noch Schnupfen habe. Testnote: weiß nicht.

Dominik Bauer

 Vergeblich

Unter den vielen Talenten, die mir nur geringfügig gegeben sind, ist die Schlagfertigkeit am geringsten ausgeprägt. Beispiel: Seit guten 16 Jahren nehme ich mir vor, wenigstens ein einziges Mal mit »Danke, ich trinke nicht!« zu antworten, wenn mir irgend jemand ein Glas Wasser anbietet. Es ist mir bis heute nicht gelungen.

Teja Fischer

 In tiefer Trauer

Mit meinen Haustieren hatte ich bisher außergewöhnlich viel Pech. Erst mein süßer Dackel Larry, dann meine verschmuste Dänische Dogge Doyle, kurz darauf die wilde, wilde Perserkatze Layla und letzte Woche auch noch mein geliebter Wellensittich Ulf – sie alle sind in ihrem Aquarium ertrunken.

Andreas Maier

 Kleinstlesewesen

Einzeiler.

Dominik Wachsmann