[28.01.2018]
Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Die Blumen des Bösen

Eigentlich war diese Kolumne längst fertig, in der Wochenmitte in fünfzehn Minuten heruntergeklopft und des Inhalts, die Alice Salomon Hochschule Berlin, die Gomringers Avenidas-Gedicht nun wg. Sexismus von ihrem Gebäude pinseln lassen wird, sei schon darum verrückt, weil „sie nun wirklich alle Klischees, die man über Hier-werde-ich-aber-diskriminiert-Dödel und -Dödelinnen haben kann, so sturheil bestätigt, daß man es nur einen Bärinnendienst nennen kann“, und weil sie mich zwinge, mich momentweise an die Seite Springers und aller zu verfügen, die vor der Korrektheitsdiktatur der allzeit Beleidigten warnen. Unter meine Zeilen setzte ich noch ein eng an Gomringer angelehntes Spottgedicht, und gut war es.

Nun ist es selten verkehrt, noch einmal drüber zu schlafen, und am nächsten Tag stolperte ich über Margarete Stokowski, die ich zwar mal eine „metropolitane Plappertrine“ genannt habe, die aber einen unbornierten Feminismus vertritt und in der Sache auf die Münchner Literaturprofessorin Vinken verwies: Die hatte im Deutschlandfunk von einem „sehr bewundernswürdigen Gedicht“ gesprochen, das aber nun mal sein Publikum habe bzw. halt nicht: „Das scheint mir Symptom für eine Welt zu sein, … in der die Frauen eben nicht mehr bewundert oder verehrt, sondern eher ausgenutzt, angemacht, ge- und verbraucht werden. Das hat mit dem Gedicht eigentlich weniger zu tun. Es ist trostlos, daß wir offensichtlich in einer Welt leben, in der solche Interpretationen … zum Zuge kommen. Das ist bedenklich, finde ich.“ Und fand ich ja neulich ebenfalls.

„avenidas / avenidas y flores // flores / flores y mujeres // avenidas / avenidas y mujeres // avenidas y flores y mujeres y / un admirador y // estúpidos“ Gomringer feat. Gärtner, 2018

Das soll andererseits nicht hindern, die Argumente wider das (öffentliche) Poem für mäßig instruktiv zu halten. Das eine lautet: Das Gedicht formuliere einen männlichen Blick auf Frauen und mache sie zu Objekten. Das zweite fand ich auf der Seite der Feministin Luise F. Pusch, die sich am reihenden „und“ rieb: „Gomringers Gedicht aus dem Jahre 1952 stammt aus einer Zeit, da wir in den Illustrierten noch Sätze wie den folgenden lesen konnten: ,Er (irgendein Playboy, Filmstar oder Prinz) liebt rassige Pferde, schnelle Autos und schöne Frauen’. Nach Jahrzehnten genervter Kritik von Feministinnen sind solche Sätze, die uns auf derselben Ebene wie Pferde und Autos ansiedeln, seltener geworden. Es sei denn, sie werden auf Hausfassaden auch noch verewigt.“

Dazu würde mir ja nun einfallen, daß schlechthin jeder Blick etwas zum Objekt macht (des Blickes nämlich) und ein Liebesgedicht oder ein einschlägiger Popsong ohne ein (und sei’s verhohlenes) Objekt der Sehnsucht gar nicht auskommen. (Sarah Kirsch: „Immer wollen dich meine Augen“.) Zweitens lassen sich die Reihen Pferde – Autos – Frauen und Straßen – Blumen – Frauen nicht gleichsetzen, wie ein Illustriertenartikel (Achtung, Textsorte!) nun einmal kein Gedicht ist, welches dazu neigt, eine Sinnebene mehr zu haben: Wenn es eine Chiffre für (männliche?) Sehnsucht gibt, dann ist es die Straße, und wenn es an dieser Straße Blumen (Schönheit) hat, sind wir eher bei Eichendorff als bei Weinstein. Dann Auftritt der Frauen, die sowenig „Blumen“ sein müssen wie, um in Puschs Analogie zu bleiben, Autos: Es gibt auf und an der Straße Blumen und Frauen, wie es Autos und Frauen gibt. – Freilich ist es nicht verboten, vielleicht sogar erwünscht, die Reihung als Griff ins Arsenal zu lesen, in dem Frauen schön sind wie Blumen, und „Blumen sind zu nichts nütze, aber schön sind sie – Zierpflanzen eben, keine Nutzpflanzen!“ (Pusch) – aber wenn Frauen in Gedichten nur als Nutzpflanzen vorkommen dürfen, sind sie dann nicht erst recht Objekte, mindestens für den Mähdrescher? 

„avenidas y flores y mujeres y / un admirador“ – wär’s eine Interpretationsübung, ich würde vorschlagen: Sehnsucht und Schönheit und Frauen und / einer, dem das Herz von all dem übergeht. So ein Minnesänger war ich mit 27 freilich auch. – Zum guten (oder nicht so guten) Schluß hat Kollegin Stokowski noch etwas sehr Kluges gesagt: „Ganz, ganz vielleicht könnte das mal eine Debatte sein, in der am Ende rauskommt, daß Leute Dinge unterschiedlich wahrnehmen, ohne daß jemand ,politische Korrektheit’ ruft, denn sobald dieser Begriff fällt, kann man meistens direkt schlafen gehen, ist gesünder.“

Danke sehr. Ich werd’ noch zum admirador.




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Renommierte Filmkritiker beschreiben ihn als "Terry Gilliam auf Speed", als "Buñuel ohne Stützräder": Der Extremfilmer Wenzel Storch macht extrem irre Streifen mit extrem kleinen Budget, die er in extrem kurzer Zeit abdreht – sein letzter Film wurde in nur zwölf Jahren sendefähig. Storchs abendfüllende Blockbuster "Der Glanz dieser Tage", "Sommer der Liebe" und "Die Reise ins Glück" können beim unvorbereiteten Publikum Persönlichkeitstörungen, Kopfschmerz und spontane Erleuchtung hervorrufen. In diesem liebevoll gestalteten Prachtband wird das cineastische Gesamtwerk von "Deutschlands bestem Regisseur" (TITANIC) in unzähligen Interviews, Fotos und Textschnipseln aufbereitet.
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Das schreiben die anderen
Titanic unterwegs
21.02.2018 Ludwigsburg, Scala
  Max Goldt
21.02.2018 Dortmund, Subrosa
  Daniel Sibbe u.a.
22.02.2018 Herbrechtingen, Kulturzentrum Kloster
  Max Goldt
22.02.2018 Bad Bevensen, Stadtbücherei
  Gerhard Henschel

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Briefe an die Leser

 Mario Gomez, Sie Versager!

Mario Gomez, Sie Versager!

Warum diese provokante Anrede, fragen Sie sich? Nun, nachdem wir uns von einem talentlosen Antifußballer wie Ihnen anhören mußten, Sie Superflasche hätten beim VfL Wolfsburg »zu viele Schulterklopfer« ertragen müssen, denn »egal, wie wir gespielt haben, alle Leute haben immer gesagt, wie toll ich bin, wie gut ich bin«, wollen wir den gottverdammten Taugenichts, der Sie sind und immer bleiben werden und der es – unvergessen – bereits fertiggebracht hat, aus einem Meter Entfernung über das leere Tor zu schießen, einfach mal auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Sie Lusche.

Klopfklopf: Titanic

 Weia, Deutscher Schäferhund!

Die bestimmt nicht deutschfeindliche sächsische Polizei hat Dich gegen Deine belgischen Artgenossen ausgetauscht, und der MDR hat von einer Hundetrainerin die Gründe erfahren: »Total überzüchtet« seist Du nämlich, unfit, hüftkrank, nachgerade eine »sozialunverträgliche Kackbratze«, ja, Du hast noch nicht mal Lust, zu machen, was Dir Dein Hundeführer befiehlt!

Und zu genau dieser antiautoritären Wesensveränderung gratuliert Dir mit einem aufmunternden Wuff-Wuff: Titanic

 Servus, bester Thomas Gottschalk!

Anfang des Jahres twitterten Sie: »Ich bin gerade Opa geworden.« Glückwunsch – aber wieso »gerade«?

Fragen Ihre Pfleger auf der Titanic

 Angeklagter Ralf Wohlleben!

Der Vorsitzende im NSU-Prozeß Manfred Götzl kam nicht umhin, während der Nebenklage-Plädoyers die Verhandlung wieder einmal zu unterbrechen, da Sie angeblich Rückenprobleme plagten. Kann es sein, daß Ihnen Ihre einschlägig bekannten Szene-Anwälte neben Haftprüfungs- und Haftbeschwerdeverfahren sowie mehreren Befangenheitsanträge nur eine weitere, hüstel, »Verteidigungsstrategie« aus dem Hakenkreuz leiern wollten, da Ihnen von den Zeugen so recht keiner den Rücken gestärkt hatte? Oder mangelt es Ihnen schlicht am Rückgrat, Ihre Schuld einzugestehen?

So oder so können Sie uns den Buckel runterrutschen: Titanic

 Western Union!

»Bei Betrug ist Verhinderung unsere effektivste Taktik«, konstatiertest Du in einer Mail an Deine Kunden. Diese dürfte freuen, daß die Taktik nicht beispielsweise in »Weggucken« oder »Kleinreden« besteht. Erklärst Du demnächst auch noch, worin Deine Strategie bei der Betrugsbekämpfung besteht?

Immer im Zielkonflikt: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Sofortigen Berufseinstieg gemeistert

»Nach meinem Soziologiestudium ging ich direkt ins Feld.«
»Stelle als Projektmitarbeiter?«
»Nein, als Erntehelfer.«

Jürgen Miedl

 Effizienz

Gehört das noch in die Kategorie »Praktisches Denken«, wenn man sich darüber freut, daß sich der Arzttermin jetzt doppelt lohnt, weil in der Nacht davor ein zweites, noch heftigeres Leiden dazugekommen ist?

Teja Fischer

 Fremdfallfurcht, die

Die Sorge um die Unversehrtheit eines fremden Mobiltelefons, das zu zwei Dritteln aus der sehr kleinen Gesäßtasche einer sehr engen Damenjeans ragt.

Robert von Cube

 Volkslied

Wo man hinkt, da laß dich nieder – krumme Menschen sind meist miese Krieger.

Theobald Fuchs

 Zweckentfremdung

Insektenschutzgitter: Wer bitteschön ist denn so bekloppt und wirft dafür noch Geld zum Fenster raus? Das dachte ich, als ich die Dinger neulich im Supermarkt im Angebot sah. Dabei pfeifen das doch schon die hungrigen Spatzen von den Dächern: Die Zahl der Kerbtiere hat in den letzten Jahrzehnten rasant abgenommen, zumal in den Städten. Allenfalls die ein oder andere Fruchtfliege entdecke ich bisweilen in meiner Küche, aber der möchte ich nun wirklich nicht den Weg nach draußen in die Freiheit versperren. Als ich dann aber ein paar windige Tage später vor dem routinemäßigen Querlüften der Wohnung vergaß, die großzügig auf dem Eßzimmertisch ausgebreiteten Unterlagen für die Steuererklärung in Sicherheit zu bringen, wurde mir schlagartig klar, daß man die Dinger doch noch einer sinnvollen Bestimmung zuführen könnte.

Burkhard Niehues