[06.03.2016]
Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Allerhöchste Moral

Mal wieder, nach langer Zeit, Spiegel online gelesen; alles wie immer. Ein grüner Bundestagsabgeordneter wird mit einem halben Gramm Crystal Meth erwischt, und das ist natürlich „fatal“, bedeutet einen neuen „Drogenskandal“: „Zwar sollen nur 0,6 Gramm sichergestellt worden sein. Doch selbst solch eine kleine Menge kann politische Karrieren gefährden.“ Na hoffentlich! „Der Fall Volker Beck ist doppelt desaströs“, denn das ist ja wohl das mindeste. „Nach einem Karriereknick 2013 hatte sich der Politiker gerade wieder aufgerappelt. Das Drogendebakel“, das doppelt desaströse, „könnte seine Laufbahn nun endgültig blockieren. Fatal sind die Schlagzeilen auch für seine eigene Partei, die in elf Tagen bei wichtigen Landtagswahlen punkten will.“ Nämlich bei Leuten, die Drogenkonsum nicht für die Privatangelegenheit halten, die er ist.

„Der Bundestag ist eine unglaubliche Alkoholikerversammlung, die teilweise ganz ordinär nach Schnaps stinkt“, fand der Novize Jockel Fischer 1983. „Je länger die Sitzung dauert, desto intensiver.“ 1994 trat, Youtube weiß es, der Abgeordnete Kleinert im Vollsuff vors Parlament, und wer dranbleibt, wird mit der Landtagsrede des bis zum Überlauf betankten hessischen FDP-Politikers Heidel belohnt, dessen Vortrag eine sowohl politische als auch persönliche Kernwahrheit vorausschickte: „Milch ist gesund, Milch schmeckt hervorragend, und Milch tut jedem von uns gut, wenn er sie trinkt.“ Berufspolitiker ist, wenn schon sonst nichts, ein anstrengender Beruf, und wo die einen saufen, leben andere von Tabletten: Das bekannteste Beispiel ist Uwe Barschel, seit dessen Tod auch Glückskinder und Yogafreunde wissen, was „Tavor“ ist.

„Weintrinker sind anständige Leut’.“ Julia Klöckner, 2015

Das alles ist der Rede wert, wenn sich dabei die, die es ja nun wirklich nötig haben, Spott und Zeigefinger sparen: „Beck … gilt neben Claudia Roth wohl als größter Moralapostel seiner Partei, womit er auch in den eigenen Reihen vielen immer wieder auf die Nerven gegangen ist.“ Das glaubt man gern. „Bei den Verschärfungen der Asylgesetze im Oktober stimmte Beck gegen die Linie seiner Fraktion. ,Ich möchte diesen Verschärfungen im Bundestag nicht über die Hürde helfen’, sagte er damals, als erneut weitere Staaten zu sogenannten sicheren Herkunftsländern erklärt wurden.“ Und wer mit derart humanistischen Beiträgen allzu schlimm genervt hat, darf natürlich auch einmal tief fallen, damit die Deppenpresse Politik wieder zur Frage der persönlichen Moral machen kann, indem sie insinuiert, der Gebrauch illegaler Drogen sei unmoralisch.

Er ist aber allenfalls schädlich, für die Leber oders Zentralnervensystem, und mit Moral hat das erst dann wieder was zu tun, wenn man berauscht jemanden totfährt. Wer hier die Frage von legal/illegal zu einer moralischen macht, will bloß mit dem Über-Ich auf Duzfuß kommen und ruft jenes gesunde Sittlichkeitsempfinden an, das als solches nicht nur immer unrecht hat, sondern in Drogenfragen verläßlich heuchelt, ob in puncto Cannabis oder der völlig selektiven Einrichtung alkoholfreier Zonen:
„Wie bei anderen Drogen setzt auch die Alkoholpolitik stets bei jenen an, die keine sozialen Privilegien genießen wie Politiker und Richter. Über ein Verbot des Bierverkaufs an Tankstellen oder am Kiosk nach 22 Uhr wird regelmäßig diskutiert, aber ein Rotweinverbot in Edelrestaurants wäre undenkbar. Nach einem brutalen Überfall in einem Berliner U-Bahnhof 2011, bei dem der Täter angab, betrunken gewesen zu sein, forderte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) ein Alkoholverbot im öffentlichen Personennahverkehr. Ein Alkoholverbot auf dem Oktoberfest hingegen wird ein bayerischer Politiker nie in Betracht ziehen. In diesem Jahr mußte das Rote Kreuz 7551 Menschen versorgen, es gab 58 Maßkrugschlägereien, 16 Sexualdelikte, 449 Körperverletzungen. ,Es war eine normale, man möchte fast sagen, eine ruhige Wiesn’, bilanzierte das DRK“, bilanzierte die Jungle World im November 2013.

Woran wir gern die Bilanz anschließen: Wer ein Problem mit Crystal Meth hat, gehört zum Arzt. Und nicht zu den nervenden Moralaposteln von Spiegel online.




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Briefe an die Leser

 Grüß Gott & hühott, Bayerischer Rundfunk!

Grüß Gott & hühott, Bayerischer Rundfunk!

»Obwohl die Signatur als ›Kowalski‹ zu entziffern ist, wurde diese Rastszene mit Pferden nicht von ihm gemalt«, steht es im Online-Archiv der für ihren Sachverstand geschätzten Sendung »Kunst & Krempel« über das »qualitätsvolle Kabinettstück« aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. So weit, so gewohnt gediegen. Aber was hat Dich denn bitteschön geritten, den mit 1500 Euro taxierten Dachbodenfund wie folgt zu übertiteln:

Fragt als Liebhaber prächtiger Schinken: Titanic

 Werter Andreas Scheuer!

»Dort, wo Millionen von Deutschen Urlaub machen, da geh ich davon aus, daß es sich um sichere Herkunftsstaaten handelt!« Im Bierzelt des Schierlinger Volksfestes erhielten Sie für diesen Satz Beifall. Doch wir wären uns da nicht so sicher. Als CSU-Generalsekretär ist es zwar nachgerade Ihre Pflicht, holzschnittartig zu vereinfachen. Nur … nein, wir wollen jetzt nicht auf das bei den Deutschen so beliebte Urlaubsland Türkei hinaus, dessen Rechtsstaatsdefizite niemand schärfer anprangert als die CSU. Wir meinen vielmehr die 43 Millionen Übernachtungen, die Bayern im Sommerhalbjahr 2015 aus anderen deutschen Bundesländern verzeichnet hat. Demnach wäre Bayern: ein sicheres Herkunftsland! Und das können Sie ja wohl nicht im Ernst gemeint haben! Titanic

 Kuckuck, Eckart von Hirschhausen!

Groß war unsere Erleichterung, als wir neulich auf Stern.de den Satz »Eckart von Hirschhausen zieht ins Altenheim« lasen, noch größer die Enttäuschung, als sich dann herausstellte, daß Ihr Heimaufenthalt schon wieder vorbei war und doch nur der Recherche diente. Im besten Reportagestil (»Irgendwo klingelt ein Wecker«) berichten Sie über Demenz und das Abenteuer Altenheim, stellen erfrischend ehrliche Reflexionen an (»Hirnabbau kommt nicht über Nacht«) und schwärmen nach einem Tänzchen mit einer Heimbewohnerin von »Musik als Medikament«, das man einfach – Schmerz laß nach! – »ohr-al« zu verabreichen brauche. Schließlich stellen Sie voll Lob auf das so facettenreiche Leben fest: »Unfreiwillig komisch sind Menschen, die mit 60 immer noch die gleichen Ziele verfolgen wie mit 20 – in den gleichen Klamotten.«

Und auch wenn Sie das sicher schon oft gehört haben: Hätten Sie mal lieber Ihren Arztkittel anbehalten und wären gut versteckt in irgendeinem Krankenhaus geblieben, dann hätte vielleicht sogar noch etwas halbwegs Unterhaltsames aus Ihnen werden können, denn »unfreiwillig komisch« ist halt doch immerhin irgendwie komisch.

Ihr Pflegepersonal von Titanic

 Andrea Berg, Teuerste!

Andrea Berg, Teuerste!

Anläßlich Ihrer neuen Platte »Spesen fehlen«, nein: »Besenheben«, nein: »Seelenbeben« luden Sie, na klar, zur Homestory die Bunte ein, die dann auch gleich zur Stelle war. Und so berichteten Sie also von Songs, die »Sternenträumer« heißen, von Ihrem neuen Plattenlabel Bergrecords, von Ihren Fans, die auf Ihren Konzerten »lachen, weinen, Party machen« sollen, und auch von Ihrer 17jährigen Tochter. 17 Jahr’, blondes Haar … und ein schwieriges Alter, nicht wahr? Gerade deswegen möchten Sie Ihre Tochter »auch beschützen und ihr möglichen Kummer ersparen«, sie habe nämlich ab und an durchaus unter Ihrem Beruf als Schlagersängerin zu leiden.

Klar, Frau Berg, auf dem Schulhof ist derzeit nämlich viel eher Helene Fischer angesagt und nicht eine alte Schlagernudel wie Sie. Dennoch dürfe man seine »Kinder nicht in Watte packen«, weswegen Sie der Bunten auch gleich eifrig steckten, daß Ihre Tochter derzeit »frisch verliebt« sei. So ist’s richtig: »Eigene Erfahrungen« müssen die Teens machen, wie Sie sagen. Wer nicht lernt, wie es sich anfühlt, wenn in Klatschmagazinen von den eigenen Liebschaften berichtet wird, der kann später kein tiefsinniges »Seelenbeben« schaffen und für die Fans damit Momente, »in denen sich ihre Seele ausruhen kann«. Rabenmutter! Titanic

 Wenn Ihr, Veranstalter des »Luxury Business Day«,

Euch fragt, warum wir auch dieses Jahr wieder nicht an »Deutschlands Luxuskonferenz« teilgenommen haben und nun also auch nicht wissen, wie Ihr »Luxus erfahrbar machen und Kunden emotional berühren« möchtet, müßt Ihr einfach mal einen Blick auf Eure Eintrittspreise werfen. 590 Euro für ein Ticket?

Wir sind doch nicht der allerniederste Pöbel, sondern die unangenehm berührten Snobs von der Titanic

Vom Fachmann für Kenner

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Astrologie ist eine höchst subjektive Angelegenheit. Die Ansicht zum Beispiel, daß Stier und Skorpion sich aufs vorzüglichste ergänzen, teilen meine Frau (Stier) und meine Geliebte (Skorpion) auf keinen Fall. Ich hingegen schon.

Karsten Wollny

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Heute zum ersten Mal die »Steinofen-Pizza Hawaii« von Tegut gekauft. Konnte es überhaupt nicht fassen, wie fade die Pizza schmeckte! Erst beim vorletzten Stück fiel mir ein, daß ich ja immer noch Schnupfen habe. Testnote: weiß nicht.

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Mit meinen Haustieren hatte ich bisher außergewöhnlich viel Pech. Erst mein süßer Dackel Larry, dann meine verschmuste Dänische Dogge Doyle, kurz darauf die wilde, wilde Perserkatze Layla und letzte Woche auch noch mein geliebter Wellensittich Ulf – sie alle sind in ihrem Aquarium ertrunken.

Andreas Maier