[13.07.2014]
Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen Gärtners kritisches Finalsonntagsfrühstück: Einig Vaterland

Vom Hauptbahnhof nach Hause sind es mit dem Taxi zehn, mit der Bahn zwanzig Minuten, den Weg von der Haltestelle zur Haustür (fünf Minuten) noch nicht eingerechnet, und als ich am vergangenen Dienstag aus dem Urlaub kam und bei Einfahrt des Zuges das Spiel Brasilien–Deutschland bereits angepfiffen war, mußte ich wählen: 15 Minuten Spiel nicht verpassen oder 15 Euro Taxigeld sparen. Gegen Algerien war ich Taxi gefahren, um dann einen ereignislosen Grottenkick zu sehen, und nun stieg ich aus der Straßenbahn, und der Fahrer meldete, es stehe seit eben 2:0, und als ich daheim angelangt war, stand es 5:0, und wenn mich ein FAZ-Redakteur fragen wird, wo ich gewesen sei, als das 7:1 gegen Brasilien geschah, wird er zur Antwort erhalten: Im wesentlichen in der Straßenbahnlinie 2. Weil man es im Zweifel halt immer verkehrt macht.

Die israel- und insgesamt judenkritische Hamas hingegen, auch darin sind wir grundverschieden, kann es gar nicht verkehrt machen. Kaum ermordet sie drei israelische Jugendliche und belegt Tel Aviv mit Raketen, ist, weil Israel freilich zurückschießt, in der deutschen Zeitung wahlweise ein brennendes Gaza oder ein verängstigtes Palästinenserkind zu sehen, und ob die immer gleichen tendenziösen Bilder diese entsetzlichen deutschen Leserbriefe stimulieren oder umgekehrt, mag ein publizistisches Seminar beizeiten herausfinden: „Politikern aus dem Lager Netanjahus darf man zynisches Kalkül unterstellen … die maßlosen Reaktionen der israelischen Regierung … Besatzungsmacht … ohnmächtige Wut der Palästinenser … Israels fortgesetzte Mißachtung von Völker- und Menschenrecht … abscheulich … fanatische Siedler … Was sind die Werte der angeblich einzigen Demokratie im Nahen Osten?“ Jedenfalls andere als die von u.a. Günther Strödel (München), Wolfgang Behr (Herdwangen-Schönach) und Ethel Machnitzky-Baron (Röthenbach), denen die Konflikte der Welt immer dann nicht am Arsch vorbeigehen, wenn sich jüdische Nazimethoden begeifern lassen. „Nur Israel steht am Pranger“, erkennt dagegen Prof. Othmar Paar (Aachen), und das dürfte so ungefähr die Verteilung sein: Nur einer von vier aufrecht liberalen Deutschen ist kein Antisemit, pardon: Antizionist, Verzeihung: Kritiker Israels, der es sich verbittet, aufgrund seines verfassungsmäßigen Rechts auf Israelkritik in die rechte Ecke gestellt zu werden.

Wie es natürlich keinesfalls so ist, daß Israel auch deshalb nach rechts rückt, weil es sowieso von allen gehaßt wird, auch wenn seine Werte immerhin der Art sind, daß, nachdem ein nationalreligiöser Mob einen Palästinenserjungen bei lebendigem Leib verbrannt hatte, die Öffentlichkeit entsetzt war und die Regierung den Mördern „die volle Härte des Gesetzes“ in Aussicht stellte, während es im wertesatten Gazastreifen gar keine Öffentlichkeit gibt, der es erlaubt wäre, drei tote Talmudschüler als etwas anderes denn als Heldentat zu begreifen.

„Wo fing das an? / Was ist passiert? / Hast du denn niemals richtig rebelliert? / Kannst du nicht richtig laufen? / Oder was lief schief? / Und sitzt die Wunde tief in deinem Innern? / Kannst du dich nicht erinnern? / Bist du nicht immer noch Gott weiß wie privilegiert? / Was hat dich bloß so ruiniert?“ Die Sterne, 1996

Könnte übrigens sein, daß der Hase hier im Pfeffer liegt, denn auch im Streifen zwischen Rhein und Oder ist Öffentlichkeit, eine kritische zumal, kaum anderes mehr als eine Schauveranstaltung: In eben der Süddeutschen, in der sich die Philosemiten aller Bundesländer vereinigen, schreibt der Chefredakteur persönlich eine ganzseitige Schleimstrecke zu Merkels 60. Geburtstag, und wenn der gutfrisierte Hauptstadtjournalist Schumacher bei Illners Maybritt die Nationalmannschaft dafür loben darf, in ihrer „Mischung aus Souveränität und Bescheidenheit fast ein bißchen merkelig“ zu sein, dann erinnere ich mich an einen anderen Schumacher, der, obwohl nur einfacher Fußballtorwart, es noch abstoßend fand, daß Bundeskanzler zum Heldenhändeschütteln ins Stadion kamen, während es heute beklatschte Normalität ist, wenn Bundeskanzlerinnen in der Kabine Landesmutti spielen; und der, vor bald 30 Jahren, die gute zusammenfassende Frage stellte: „Darf man den Fußball umfunktionieren, um ,nationalen Konsens‘ zu demonstrieren?“

Ist lange her, und mittlerweile herrscht der nationale Konsens, s.o., ja eh; ob „wir“ (Gerd Gottlob, ARD, sic) nachher nun Weltmeister werden oder nicht.




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Das schreiben die anderen
  • 26.09.:

    Bei Arte im Portrait: Ex-TITANIC-Chef und PARTEI-EU-Abgeordneter Martin Sonneborn.

Titanic unterwegs
28.09.2016 Hanau, Café des Vereins Lebensgestaltung
  Thomas Gsella
28.09.2016 Wiesbaden, Gemeindezentrum
  Gerhard Henschel
29.09.2016 Sassnitz, Grundtvighaus
  Max Goldt
29.09.2016 Madrid, Cafeteria der Deutschen Schule
  Thomas Gsella

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Briefe an die Leser

 Kann es sein, Weinhaus Gröhl in Hamburg-Eppendorf,

daß Du die Philosophie des kultivierten Weintrinkens nicht wirklich verinnerlicht hast? Oder bist Du einfach nur darauf aus, die ewige Begeisterung für promilleselige Massenveranstaltungen auszunutzen, um in den entsprechenden Kreisen Kunden zu akquirieren?

In diesem Fall solltest Du vielleicht doch lieber auf Bier umsatteln. Meinen zumindest die Önologen auf der Titanic

 Herrgottsakra, Söder (CSU), wie genial!

»Der beste Schutz vor Terrorismus ist, keine Terroristen ins Land zu lassen«, verkündeten Sie in der Münchener Abendzeitung. Hätte man das doch nur schon bei der RAF gewußt! Oder beim NSU! Und wäre die Pränataldiagnostik des Verfassungsschutzes damals schon soweit gewesen. Dann hätte man die kleinen Verbrecher, noch ehe sie das Land betreten haben, ohne Umschweife dahin zurückschicken können, wo sie hergekommen sind!

Nichts gegen Ihre Mutter, aber dahin wünscht Sie auch manchmal: Titanic

 Walter Hildebrandt, deutscher Vater!

Als Direktor eines Steinbeis-Instituts für Digitale Verblödung, nein: Innovation in Berlin rauschen einem naturgemäß die krudesten Dinge durchs Hirnkastl. Bei Podiumsgesprächen lassen Sie Ihre Umwelt daran teilhaben und sagen dann solche Sachen: »Ich als deutscher Vater glaube, daß wir die Digitalisierung des Kindes hinkriegen.« Bei der Digitalisierung Ihrer deutschen Brut wünschen wir Ihnen viel Erfolg, wie auch immer Sie sie bewerkstelligen mögen. Techno-Faschisten wie Ihnen würde trotzdem gerne die Stecker ziehen: Titanic

 ARD- und NDR-Moderator Alexander Bommes!

Vom Tagesspiegel gefragt, was Sie von Millionengagen für prominente Ex-Sportler als Kommentatoren im Fernsehen halten und ob Sie selbst schon Millionär seien, sagten Sie: »Wer die Besten haben will, der muß auch etwas dafür bezahlen. Und wenn man die Besten hat, könnte man ja auch stolz darauf sein, wie wäre es damit?« Was ja bedeutet, daß Sie umsonst arbeiten und niemand stolz auf Sie ist!

So viel Ehrlichkeit hätte Ihnen nicht mal für Millionen zugetraut

Ihre Titanic

 Unser Zuhause, Linda-Luise Bickenbach und Bente Schipp,

ist der wichtigste Ort in unserem Leben. Deshalb stimmen wir dem Atlantik-Verlag zu, der in seiner Vorschau die Bewerbung Eures Buches »Sachen richtig machen« mit den richtig gemachten Worten »Unser Zuhause ist der wichtigste Ort in unserem Leben« einleitet. Man denke aber nicht, daß man an ebenjenem Ort sorglos vor sich hinleben und sich wie zu Hause fühlen kann! Vielmehr hat man Sorgen, denn »ständig tauchen neue Fragen auf«, z.B.: »Wie pflege ich meine Handtaschen und Designermöbel? Was ist ein gut sortierter Kleiderschrank?« und die allerwichtigste: »Welche Drinks sollte man unbedingt mixen können?«

Zu fragen, ob sich mit Eurem »lässigen Buch für ein lässigeres Leben« ein breites Publikum erreichen läßt, unterläßt: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Walter Benjamin

suchte als Philosoph oft Halt bei Haschisch und Huren. Viel Handfestes kam nicht dabei heraus. Auch nicht bei seinen Beschreibungen von Paris, wo es Orte gebe, die aussähen, »als sei über das Photo einer« (abgebrochen). Über den Charme der Stadt dürfe man sagen, es liege »in dieser Atmosphäre eine weise abgewogene Mischung, daß einer« (abgebrochen). Den Charme von Benjamins Schreibweise hingegen kann jeder erfassen, der schon einmal unter Cannabis-Einfluß z.B. Schatten für »eine Brücke über den Lichtstrom der Straße« gehalten hat. Mir aber bleibt es überlassen, das Flanieren als Methode zum Entdecken des Unerwarteten

Ludger Fischer

 Zeichen und Wunder

Kürzlich stutzte ich, als ich auf meiner neuen PC-Tastatur direkt unter dem »F« noch ein kleines rundes Zeichen entdeckte. Ein Smiley? Oder ein zusätzliches @? Weder zusammen mit ALT, CTRL oder sonst einer Kombination ließ sich etwas auf den Bildschirm zaubern. Lange dauerte der klappernde Versuch jedoch nicht, dann wurde mir klar: Man sollte einfach während des Zähneputzens keine E-Mails checken.

Tobias Jelen

 Abgelehntes Stadtmotto

»Im Westen nichts: Neuss«

Torsten Gaitzsch

 Beim Beobachten der Jugend

Ich bin nicht überrascht, als ein junger Mann im Rewe eine Getränkedose aus der Palette nimmt und in zwei Zügen austrinkt. Schließlich sieht man ja immer öfter angebrochene Tafeln Schokolade, Kekspackungen oder Weinflaschen in Supermärkten. Gestaunt habe ich aber, als er dann ganz selbstverständlich die leere Dose in den Rücknahmeautomaten gesteckt und anschließend den erhaltenen Bon an der Kasse eingelöst hat.

Wolfgang Beck

 Erfassung

Jetzt mal bitte alle die Hände hoch, die nicht gerne an Umfragen teilnehmen.

Ernst Jordan