[31.01.2016]
Eintrag teilenEintrag per Email versenden Mit Facebook-Freunden teilen Twittern mit Google+ teilen Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Spielregeln. Showtime, Pt. 2

Die Vereinigten Staaten von Amerika hatten es bekanntlich einmal besser; heute sind sich die schreibenden Fachleute und professionellen Kopfschüttler da nicht mehr so sicher: „Aus europäischer Sicht ist schwer zu begreifen, was gerade in Amerika geschieht. Kurz vor Beginn der Vorwahlen an diesem Montag in Iowa legen Umfragen nahe, daß radikale Politiker die ersten Abstimmungen gewinnen und, wenn es dumm läuft, sogar das Weiße Haus erobern könnten. Bei den Republikanern führen Donald Trump, der gegen Ausländer hetzt und Rivalen beschimpft, sowie der US-Senator Ted Cruz, der im Parlament einmal einen Aufstand gegen das Budget angezettelt hat, der beinahe zur Staatspleite geführt hätte … Unter Demokraten wächst derweil die Begeisterung für Bernie Sanders, der sich einen ,demokratischen Sozialisten’ nennt und das Vermögen in einem Ausmaß umverteilen will, wie es das Land noch nie erlebt hat.“ In summa scheine es also so zu sein, daß kein geringer Teil der US-amerikanischen Wahlbevölkerung Bewerber schätze, „die alle bisherigen Spielregeln missachten“, und Vermögen in nie gekanntem Maße umzuverteilen ist da derselbe wahnwitzige Regelbruch, wie gegen Ausländer zu hetzen.

„Menschen“, analysiert da die Morgenzeitung, „beachten Spielregeln nur so lange, wie sie das Spiel akzeptieren. In den USA aber habe viele Bürgerinnen und Bürger jede Achtung vor dem Spiel verloren –  also vor der Art, wie in Washington regiert wird und wie Geld und Macht im Land verteilt sind. Sie sehnen sich nicht nur nach einem neuen Staatsoberhaupt, sondern nach einem neuen Spiel; deswegen verehren sie jene, die neue Regeln verheißen.“ Diese neue Regel heißt im einen Fall Faschismus – kein Agitprop von mir, in seinen in den USA durchgeführten „Studien zum autoritären Charakter“, die „Demagogen“ wie Trump bereits kannten, nannte Adorno das ohne polemische Absicht so –, im anderen Fall Sozialdemokratie, wenn wir darunter nicht das verstehen, was Helmut Schmidt, Gerhard Schröder und Sigmar Gabriel daraus gemacht haben.

 „Warum hat es bis heute so wenig Glorie, Anhänger der Demokratie zu sein?“ Kehlmann, 2008

Beide Regeln eint, daß sie in der konkreten Konstellation eine Art levée en masse zur Voraussetzung haben: Trump und Sanders gehen fundamental „das ,Establishment’ aus Parteien, Medien und Konzernen“ an. „Amerikas Wähler (durchaus auch jene, die sonst nie wählen und es diesmal wollen) äußern immer wieder den Verdacht, dass das System ,manipuliert’ sei. Demnach erteilt das Volk seinen Vertretern zwar einen klaren Auftrag; kaum sind die Politiker aber in Washington, schmieden sie faule Kompromisse, lassen sich von der Banken- und Industriewelt die Gesetze diktieren, kuschen vor ausländischen Mächten und kämpfen allein dafür, möglichst lange ihr Mandat zu behalten.“

Tja. Und stimmt das, abgesehen von den ausländischen Mächten, etwa nicht? Und wäre das Problem also eher eins der falschen Analyse oder eins der falschen Schlüsse, die einer daraus zieht? Daß es so nicht weitergehe, glaubten Marx und Hitler, glauben Dath und Höcke beide; daß es, zwischen stetig wachsenden Armutszahlen, Festung Europa und Handgranaten auf Ausländerunterkünfte, im Prinzip so weitergehen müsse, glaubt der Nicolas Richter von der SZ. Der ist gegen Trump, weil der ein Ressentiment abgreift, dessen Substrat, die Klassengesellschaft, der Richter nicht sehen kann (besser: will), und gegen Sanders, weil „kaum jemand die Frage zu stellen scheint, wer all seine Wohltaten bezahlen soll“. Und allein die treudumme Frage ist schon wieder so sehr Establishment und Manipulation, daß „Lügenpresse“ nur deshalb das falsche Wort ist, weil das zugehörige Ressentiment die Volksgemeinschaft will und nicht das Glück für alle.

Die Regeländerung als solche zu perhorreszieren hat zu den Verhältnissen geführt, die wir haben und die, wo der Sozialismus als „Unvernunft“ (Richter) ja nicht zu bezahlen ist, dann eben ein Festival der Hand- und Arschgranaten wird. It's showtime; auch aus europäischer Sicht.




Eintrag versenden Newstickereintrag versenden…
Felder mit einem * müssen ausgefüllt werden.

optionale Mitteilung an den Empfänger:

E-Mail-Adresse des Absenders*:

E-Mail-Adresse des Empfängers*
(mehrere Adressen durch Semikolon trennen, max. 10):

bezahlte Anzeige

»

bezahlte Anzeige

Erweitern
Das schreiben die anderen
  • 26.09.:

    Bei Arte im Portrait: Ex-TITANIC-Chef und PARTEI-EU-Abgeordneter Martin Sonneborn.

  • 18.09.:

    Mark-Stefan Tietze in der Taz über den Niedergang der deutschen Plastiktüten-Manufakturen.

  • 15.09.:

    PARTEI-Führer Martin Sonneborn hält im Europaparlament eine gefeierte Rede zum "State of da Union".

  • 14.09.:

    Die Frankfurter Neue Presse gratuliert Eckhard Henscheid zum 75. TITANIC schließt sich an.

  • 14.09.:

    Oliver Maria Schmitt in der FAS über Liebesschrott an Brücken.

Titanic unterwegs
30.09.2016 Stralsund, Kulturkirche St. Jakobi
  Max Goldt
30.09.2016 Koblenz, Eichendorff-Gymnasium
  Gerhard Henschel
01.10.2016 Wiedensahl, Wilhelm-Busch-Geburtshaus
  »Hans Traxler – Wilhelm-Busch-Preisträger 2015«
01.10.2016 Berlin, Das ERNST
  Hauck & Bauer

bezahlte Anzeige

Briefe an die Leser

 Buon giorno, Bischof Domenico Pompili!

Bei der Trauerfeier für die Erdbebenopfer im italienischen Amatrice mahnten Sie in Ihrer sicherlich tief bewegenden Predigt: »Gott darf nicht zum Sündenbock werden.« Leider blieben Sie die Antwort auf die Frage schuldig, wer, wenn nicht der per definitionem Allmächtige, denn sonst verantwortlich zu machen sei. Sollte man vielleicht mal wieder ein paar Seismologen wegsperren?

Fragt ungerührt: Titanic

 Liebe Leser!

Gegendarstellung: Die bedauernswerte Dame, die von Popstar Robbie Williams eine geschmacklose Geburtstagstorte mit der Aufschrift »Congrats, you’re the oldest person I’ve slept with« geschenkt bekommen hat, war nicht, wie in einer der letzten Ausgaben von »Briefe an die Leser« fälschlich behauptet, seine »Ex«. Und die sensationell stillose Torte wurde dem Ex-Popstar auch nicht von seiner Ex-, sondern seltsamerweise immer noch angetrauten Gattin leider nicht in die seinerseits auffällig alt gewordene (42) Goschn geklatscht. Was wiederum menschlich tadellos gefunden hätte: Titanic

 Hallo, Gema!

Wir möchten uns hiermit selbst anzeigen: Heute morgen beim regulären Gang zur Toilette entfleuchten einem unserer Mitarbeiter die ersten fünf Töne des White-Stripes-Hits »Seven Nation Army«. Wir bitten daher um Berechnung der gesetzmäßigen Gebühr gemäß folgender Parameter: Raumgröße 6 m², Anzahl Zuhörer: 1, Spitzenlautstärke 76 Dezibel, Eintritt auf Spendenbasis. Es wurde nicht getanzt. Meinst Du, wir kommen da mit unter 1000 Euro davon?

Mit total schechtem Gewissen: Titanic

 Kann es sein, Weinhaus Gröhl in Hamburg-Eppendorf,

daß Du die Philosophie des kultivierten Weintrinkens nicht wirklich verinnerlicht hast? Oder bist Du einfach nur darauf aus, die ewige Begeisterung für promilleselige Massenveranstaltungen auszunutzen, um in den entsprechenden Kreisen Kunden zu akquirieren?

In diesem Fall solltest Du vielleicht doch lieber auf Bier umsatteln. Meinen zumindest die Önologen auf der Titanic

 Herrgottsakra, Söder (CSU), wie genial!

»Der beste Schutz vor Terrorismus ist, keine Terroristen ins Land zu lassen«, verkündeten Sie in der Münchener Abendzeitung. Hätte man das doch nur schon bei der RAF gewußt! Oder beim NSU! Und wäre die Pränataldiagnostik des Verfassungsschutzes damals schon soweit gewesen. Dann hätte man die kleinen Verbrecher, noch ehe sie das Land betreten haben, ohne Umschweife dahin zurückschicken können, wo sie hergekommen sind!

Nichts gegen Ihre Mutter, aber dahin wünscht Sie auch manchmal: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Notiz an mich selbst

Als ich neulich eine Pause machte und auf dem Sofa ein wenig einschlummerte, fragte ich mich im Halbschlaf irritiert, warum oben rechts in meinem Blickfeld keine Uhr zu sehen ist. Ich sollte weniger am Rechner arbeiten!

Tibor Rácskai

 Die Bremer Stadtmusikanten mal anders:

Fleisch im Fleisch im Fleisch im Fleisch.

Julia Mateus

 Walter Benjamin

suchte als Philosoph oft Halt bei Haschisch und Huren. Viel Handfestes kam nicht dabei heraus. Auch nicht bei seinen Beschreibungen von Paris, wo es Orte gebe, die aussähen, »als sei über das Photo einer« (abgebrochen). Über den Charme der Stadt dürfe man sagen, es liege »in dieser Atmosphäre eine weise abgewogene Mischung, daß einer« (abgebrochen). Den Charme von Benjamins Schreibweise hingegen kann jeder erfassen, der schon einmal unter Cannabis-Einfluß z.B. Schatten für »eine Brücke über den Lichtstrom der Straße« gehalten hat. Mir aber bleibt es überlassen, das Flanieren als Methode zum Entdecken des Unerwarteten

Ludger Fischer

 Zeichen und Wunder

Kürzlich stutzte ich, als ich auf meiner neuen PC-Tastatur direkt unter dem »F« noch ein kleines rundes Zeichen entdeckte. Ein Smiley? Oder ein zusätzliches @? Weder zusammen mit ALT, CTRL oder sonst einer Kombination ließ sich etwas auf den Bildschirm zaubern. Lange dauerte der klappernde Versuch jedoch nicht, dann wurde mir klar: Man sollte einfach während des Zähneputzens keine E-Mails checken.

Tobias Jelen

 Abgelehntes Stadtmotto

»Im Westen nichts: Neuss«

Torsten Gaitzsch