Das endgültige Puppenmagazin

Pflichtblatt für Philipp Rösler


Januar 2010

Ein Riesenquatschkopf

Einmal im Jahr ist eine kurze Thomas-Bernhard-Phase doch recht ratsam. Dann kann man sich aufs neue davon überzeugen, daß der alte Untergangsobsessionist stets ebenso falsch verstanden oder einseitig gelesen wurde und immerfort-fortgesetzt falsch verstanden werden wird wie beispielsweise Dostojewski.

 

Natürlich, der Sätze sind allzu viele, die es uns leichtmachen, Bernhards superlativisch-redundante Katastrophen- und Zusammenbruchsprosa als »Literatur von der schroffsten, abweisendsten und verletzendsten Sorte« (Urs Jenny) zu bezeichnen und gewissermaßen abzuhaken. Aber entpuppen sich nicht sogar düsterste Äußerungen wie jene in seiner legendären sog. Skandalrede bei der Verleihung des Kleinen Österreichischen Staatspreises 1968 – »Die Zeitalter sind schwachsinnig, das Dämonische in uns ein immerwährender vaterländischer Kerker, in dem die Elemente der Dummheit und der Rücksichtslosigkeit zur tagtäglichen Notdurft geworden sind« bzw. »Wir haben nichts zu berichten, als daß wir erbärmlich sind« –: entpuppen sie sich nicht eher als Clownerien? Als kalkuliert pathetische, existentialistisch-polemische Hampeleien vor einer fürwahr abstoßenden Versammlung unausstehlicher Kulturkrähen?

 

Oder anders gefragt: Wie geistig verkommen muß man sein, um Bernhard einen »Querdenker« zu nennen? So steht’s auf der Rückseite der Doppel-CD »Ereignisse« (der hörverlag, 2003), die Radiolesungen von Bernhard und seine betont lustlos zusammengepatzte Büchner-Preis-Rede aus dem Jahr 1970 präsentiert; Lesungen, in denen selbstverständlich unentwegt die Rede ist von »klerikalem Stumpfsinn«, von »drückendsten Menschenerbärmlichkeiten«, vom Theater als einer »einzigen perfiden Ungezogenheit« oder von einer »ihn mit allen Raffinessen zersetzenden Gegend«; Lesungen, in denen allenthalben morbide Figuren herumkrautern, niedergezwungen vom allgemeinen »Daseinsdilettantismus«, von der unerbittlich ridikülen Daseinsdebakilität, horrible Existenzen, aufs übelste gezeichnet von Armut, Krankheit, Niedertracht, Verbrechen und Kopflosigkeit. Allein – Bernhards dezenter, genauer, leicht singender Berichtston taucht das ganze angebliche Permanentgrauen in ein mildes Licht, ja, er erzeugt eine freundliche, helle Atmosphäre, in der das große Verhängnis bald vor allem als Posse und Scherz erscheint.

 

Daß Thomas Bernhard ein enormer Spaßmacher war, ist hie und da be- und angemerkt worden. Wer die berühmten Interviewporträts von Krista Fleischmann anschaut, »Monologe auf Mallorca« (1981) und »Die Ursache bin ich selbst« (1986) – kürzlich auf DVD in der Filmedition Suhrkamp erschienen, mit einem sorgsamen, ausführlichen Begleittext von Raimund Fellinger –, fragt sich daher benommen, wie etwa der für die obengenannte CD verantwortliche Bernhard-Spezialist und -Adept Andreas Maier den wohlfeilen Allgemeinplatz über »Bernhards öffentliche Verweigerung der Öffentlichkeit« durch den Verweis auf dessen »boshaft verschlagene, dialektale Interviews« meint bekräftigen zu können.

 

Denn den »Totalbeherrscher seines eigenen Bildes« (Maier) sehen wir da als »begnadeten Humoristen« (Willi Winkler), als »radikalen Humoristen« (Ulrich Weinzierl), als meist bübisch grinsenden, nicht selten laut lachenden Kasper und (Selbst-)Widerspruchskünstler, als Ad-hoc-Wortspieler und Witzbold mit angenehm gelassener Diktion auftreten. Souverän, gelöst, beiläufig wirft dieser »positive Mensch«, wie sich Bernhard charakterisiert, völlig ungeordnet mit monströsen Thesen um sich: Die Sprache sei immer und ausnahmslos eine einzige Übertreibung, die Kultur immer und ausnahmslos Repression und »Unsinn« und ohnehin alles immerzu »ein gigantischer Betrug«, »aber eigentlich großartig«, die Kirche sei zu allem zu »blöd«, weil ja auch irgendwie das Klima in Rom zu rauh und zu widerwärtig sei, was allerdings kein Grund sei, nicht Papst zu werden: »Vielleicht vergiften Sie jetzt den jetzigen, und ich steig’ hinter Ihnen ein, schlüpf’ in das Nachthemd des jetzigen Papstes, mach’ eine kleine Gesichtsoperation und geh’ am nächsten Tag als der Papst heraus.«

 

»Is’ doch alles ganz lustig«, sagt Bernhard dann, zwischen rumlungernden Urlaubern und Rentnern im Café oder auf einer Hotelterrasse hockend, und so ist es: Dem Alleinunterhalter, mit seinem »philosophischen Lachprogramm« hantierend, dienen die Wörter und Worte als »Scherzmaterial«, und die Funken, die er, weder das depperte Fernsehen noch sich selber ernst nehmend, daraus schlägt, sind oft schlicht saukomisch, sind oft fabelhafter Stuß – den, um die herausgeschnittenen Partien ergänzt, nachzulesen der 2006 erschienene Band »Thomas Bernhard: Eine Begegnung – Gespräche mit Krista Fleischmann« (dito Suhrkamp) Gelegenheit gibt. Mehr Blödsinn gefällig? Bitte schön: »Der Luchs und der Luxus. Der Mauerluchs und der Mauerluxus, sind ja Mauern – weiß ’kalkte Mauern. Und da drin geht der Luchs mit seinem Luxus hin und her. Der geht immer hin und her.« – »Die Engländer hab’ ich gern, weil die haben völlig abgehaust, sie liegen vollkommen am Boden.« – »Die Österreicher sind liab und bleiben blöd.« – »Bei uns gibt’s nur schlechte Fische.« – »Austern, ist ja das Gefährlichste.« – »Die haben ja nur dicke Bäuch’, und Genies haben die Schweizer ja auch keine. […] Pro Kopf fällt in Österreich eine unglaubliche Menge von Verbrechern an. […] Sie stehlen ja wie die Raben, und einer bringt den andern um. Und unsere Regierung fördert alles Scheußliche, hat noch nie was Positives gefördert.« (Weshalb Bernhard, nebenbei, in einem Fernsehinterview 1984 anläßlich der Beschlagnahmung seines Romans Holzfällen die Empfehlung aussprach, die Internationalen Gerichtshöfe in Den Haag und sonstwo sollten sich endlich um diese kleinen Länder Schweiz und Österreich kümmern, die seien erheblich schlimmer und verheerender als südamerikanische und anderweitige Despotien.)

 

Zugestanden: vor allem im zweiten, in Madrid entstandenen Porträt ist zu spüren, wie furchtbar die Krankheit Bernhard ausgezehrt und niedergedrückt hat, und jene Passage, die in einer Stierkampfarena gedreht wurde, zeigt den hochempathischen, zarten Bernhard, der sein Entsetzen angesichts des bestialischen Schauspiels nicht verbergen kann. Doch daneben sind es die grazil und sympathisch wurschtig durchs Denken spazierenden Selbstgespräche dieses herumsitzenden Peripatetikers und Grandiosflunkerers, die unvermindert schiere Freude auslösen: die melodiös vorgetragenen, abstrusen Geschichten über seine journalistischen Anfänge; die entgleisenden Verhöhnungen all der »Arschlöcher« unter den Intellektuellen (»Man müßte als universitätsreisender Professor einen Riesenholzhammer hängen haben und immer ununterbrochen hinhauen, daß ein bißchen was in die Leute hineingeht«); die quatschige Belobigung Spaniens (»Na ja, Spanien ist etwas Wunderbares, das ist ganz klar. […] Die Autos stinken ein bißl mehr, sehr angenehm, und eine schöne Architektur und eine räudige Gegend, ich hab’ das ja gern«) oder die Polt-nahe Erzählung über seine Berufswünsche als Kind: »Ich wollte Cäsar werden, war leider nicht möglich. Haben die Eltern schon gesagt, ›wir lassen dich zwar in Ruhe, aber wir geben dir den guten Rat, Cäsar wird nicht möglich sein‹. Dann habe ich es mit Sänger versucht, aber ich heiße Bernhard und nicht Sonntag, dadurch war die Karriere irgendwie doch nicht ganz möglich.«

 

Nein, es bleibt dabei, alle exegetischen Raunereien über Bernhards Selbstdarstellung und -verstellung hin oder her: Einmal im Jahr freue ich mich, ihn wiederzulesen und wiederzutreffen, diesen Dichter, der von sich behauptete: »I bin a lustige Person. Da kann man leider nichts ändern.«

  

 
Titanic unterwegs
12.09.2010 Worms, Schloß Herrnsheim
  Bernd Fritz
13.09.2010 Bad Reichenhall, Kunstakademie
  Rudi Hurzlmeier: Cartoon-Crashkurs
14.09.2010 Bad Reichenhall, Kunstakademie
  Rudi Hurzlmeier: Cartoon-Crashkurs
15.09.2010 Bad Reichenhall, Kunstakademie
  Rudi Hurzlmeier: Cartoon-Crashkurs

 Lieber Lothar Matthäus!

Voller Anteilnahme haben wir das Scheitern Ihrer Ehe mit Liliana, dieser untreuen Tomate, verfolgt. Ernste Sorgen haben wir uns um Sie gemacht, als Sie der Bild am Tag nach den Foto-Enthüllungen gestanden, Sie wüßten nicht, ob Sie noch an die Liebe glauben könnten, bzw. in Ihren unnachahmlich poetischen Worten: »Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich diese Frage nicht beantworten.« Nun freuen wir uns, daß Sie keine zwei Wochen später über das Gröbste anscheinend hinweg sind und der guten alten Himmelsmacht wieder beste Chancen einräumen: »Ich warte auf die nächste große Liebe, die wird kommen, da bin ich sicher«, ließen Sie die Welt am Sonntag quietschvergnügt wissen. »Ich war viermal verheiratet und viermal topverliebt.«
Top! In dem WamS-Interview räumten Sie, wohl um Ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt zu steigern, auch mit dem häßlichen Vorurteil auf, Sie hätten keine liebenswerten Macken. Ganz im Gegenteil: »Ich habe so einen Linienfimmel. Auch im Kühlschrank, die Cola steht hintereinander, die Fanta, die Sprite. Im Schrank die Hemden: Schwarz angefangen, hört bei Weiß links auf, dann wird’s ein bißchen gestreift und kariert. Oder in Hotels stell’ ich erst die Möbel um, ich hab ja Innenarchitekt gelernt.«
Nochmals top! Wo immer Sie diesen entzückenden Linienfimmel auch herhaben mögen, Herr Matthäus, eines täte uns freilich interessieren: Wie stellen Sie die Hotelmöbel denn immer um? Die beiden Nachttische exakt 7,32 Meter auseinander? Die Stehlampe elf Meter davor? Gruppieren Sie die Sessel zum Anstoßkreis? Und die Betten markieren schließlich den Strafraum, in dem es spannend wird? Ehrlich? Dann steht einem weiteren tollen Match ja nichts mehr im Wege!
Aber denken Sie daran: Die nächste Ehe ist immer die schwerste.
Ihre Linienrichter von der

Titanic

 Marc Engelhardt, Journalist!

Seine Leser für ferne afrikanische Länder zu interessieren ist schwierig, vor allem, wenn man dies für das konservative Herrenreitermagazin Cicero tut. Sie aber wissen, wie’s geht – nämlich so: »Beide stehen für den Aufbruch in ihrer Heimat. Der eine, schwarzbehaart und stämmig, wurde gerade auf den Namen ›Zoya‹ getauft. Der andere, schmächtig und mit militärisch kurzen Haaren, heißt Paul Kagame. Letzterer ist Ruandas Präsident. Zoya ist ein Berggorilla aus dem Westen des zentralafrikanischen Landes.« Eine schöne Parallele, die Sie da zwischen Affe und Neger gefunden haben. Wir, Engelhardt, haben auch eine Parallele für Sie. Passen Sie auf: Beides befindet sich an Ihrem Körper, das eine innen, das andere mehr außerhalb. Beides erzeugt von Zeit zu Zeit ein Produkt. Und obwohl sich die beiden Produkte zum Verwechseln ähnlich sind, verbergen Sie das eine vor der Welt, während Sie das andere öffentlich machen. Warum eigentlich?
Keine Grüße:

Titanic

 Betreffs, Möbelhauskette Roller,

der von Dir in Radiowerbespots beworbenen »größten Lagerräumung aller Zeiten«: Wir dachten, daß die schon vor einer Weile die Sowjetarmee erledigt hätte, nachdem zuvor jemand anderes, der auf seinem Gebiet der Größte aller Zeiten war, eben diese Lager eingerichtet und gefüllt hatte. Aber in so großen Lagern, wie Du sie unterhältst, geht natürlich einiges durcheinander, nicht wahr?
Erst mal aufräumen, rät

Titanic

 Interessant, Merkel,

fanden wir dann aber doch Ihren Kommentar zu den unschönen Begebenheiten bei der Duisburger Love Parade. Überraschend war dabei nicht so sehr Ihre Forderung nach »lückenloser Aufklärung der Umstände«, sondern eher deren Begründung. Besagte Aufklärung der Umstände solle nämlich stattfinden, »damit die Eltern in Zukunft wieder beruhigt sein können, wenn sie ihre Kinder zu solchen Veranstaltungen schicken«.
Schicken, Frau Merkel? Wie stellen Sie sich das vor? Etwa so: »Junge, denk dran, daß du noch zur Love Parade mußt! Und vergiß dein Ecstasy nicht wieder«? Oder so: »Nein, du darfst nicht den ganzen Tag Blockflöte üben – was glaubst du denn, wofür ich dir extra das knappe Bikini-Top gekauft habe?«
Schon gleich beruhigter:

Titanic

 Karl-Heinz Rummenigge!

Die Schmutzaffäre um Ihren Angestellten Franck Ribéry und eine minderjährige Gewerbsmäßige versuchten Sie mit einer Ihrer gewohnt stilsicheren Platitüden zu parieren: »Ich glaube, das ist eine politisch motivierte Geschichte wegen des schlechten Abschneidens der französischen Nationalmannschaft bei der WM. Ribéry soll zum Sündenbock gemacht werden.«
Bock und Sünde, nun gut, aber dann noch Abschneiden? Ob Sie Ihren Schützling damit aus der, hüstel, Schußlinie nehmen?
Würde an Ribérys Stelle zum Betriebsrat gehen:

Titanic

 Statussymbole

Auch Statussymbole haben ihre Tücken. Als ich vor kurzem einen alten Schulfreund traf, informierte er mich – und sein Stolz war nicht zu übersehen –, daß er sich ein neues Auto zugelegt habe. »Ein 3er BMW, rot, tiefergelegt, das volle Programm!« Ich lächelte ihn an und versicherte ihm, wie gut das Auto zu ihm passen würde. Sein eben noch freudestrahlendes Gesicht verwandelte sich in eine empörte Grimasse: »Das paßt überhaupt nicht zu mir!« sagte, ja schrie er fast, und wollte sich gar nicht wieder beruhigen; erst auf meine Frage, warum er es dann gekauft habe, wurde er wieder professionell: »Weil es cool ist!«

Saskia Wagner

 Grosses klein gemacht

An den Kneipentresen der Republik werden selten probate Lösungen für die drängenden Probleme unserer Zeit entwickelt. Doch mitunter werden heikle Themen durch einen Perspektivwechsel zumindest etwas aufgelockert: »Genitalverstümmelung – na, da hättste bei mir aber ordentlich zu tun!«

Thorsten Mausehund

 Ergebnis meines Sehtests

+6,75 Dioptrien auf dem rechten Auge, -6,75 Dioptrien auf dem linken Auge – mathematisch gesehen habe ich das Sehvermögen eines Adlers.

Fabian Schönberger

 Sich zwei Namen machen

Große Folien auf der Heckscheibe des Autos vor mir geben bekannt, daß hier »Anja« und »Jana« mitfahren. Grundsätzlich schön, wenn sich Eltern bei der Namensfindung ihrer Töchter um Anagramme bemühen – im Ergebnis aber doch eher »Naja«.

Kim Bagus

 Öko, Bio, Sauber

Nicht in der Wohnung hatte ich Ratten, sondern im Zwischenboden unter meinem Schreibtisch. Vielleicht war es auch ein Marder. Ich hatte keine Idee, wie ich das Tier vertreiben sollte. Den Fußboden aufzureißen kam nicht in Frage, Gift auszulegen erst recht nicht. Vom Gift verendet das Tier, und dann zieht mir der Verwesungsgestank in die Wohnung, das ist Streß. Streß war dann aber die Lösung: Marder und Ratten sind Säugetiere und somit streßempfindlich, also legte ich meine Lautsprecherboxen mit dem Gesicht nach unten auf den Boden und schickte über die in allen Frequenzbereichen voll aufgedrehte Stereoanlage an zwei Abenden hintereinander ein paar Mal die Showdown-Sequenz von »The Wild Bunch« in den herrlichen Resonanzraum des Zwischenbodens. Das Tier ist geflohen, und ich habe nie wieder etwas von ihm gehört. Eventuell muß man bei verschiedenen Tierarten verschiedene Regisseure anwenden (vielleicht wirkt bei Mardern Peckinpah, bei Ratten nur John Woo, oder andersrum), und eventuell muß die Therapie wegen Neubefall einmal im Quartal wiederholt werden, aber sie wirkt. Garantiert.

Karsten Wollny