Aus dem Frankfurter Gallusviertel schreibt mir Kollege Jürgen Roth: »›Does humour belong in Blues?‹ fragt man sich, wenn der siebzigjährige Buddy Guy nach einer Dreiviertelstunde souverän verschmitzter Konzertbewältigung in der Mainz-Gonsenheimer Phönixhalle ein blueshistoriographisches Medley darbietet, in dem er seine Mentoren und Weggefährten und auch den britischen Abkupferschmied Eric Clapton derart lässig zum Narren hält, daß man den Glauben an die Musikwelt zurückgewinnt.
Buddy Guy, der ewig junge König des forciert elektrifizierten Chicago Blues, verdankt Muddy Waters, John Lee Hooker und womöglich B. B. King nicht wenig. Und trotzdem führt er sie vor, als sei er zum Clown geboren, der aus der Verzweiflung darüber, daß der Blues im medialen Mahlstrommainstream ein elendes marginales Dasein fristet, die funkelndsten Witze schöpft.
Kurzum: Ich hab’ bei keinem anderen (Rock-)Konzert derart ungebremst lachen müssen. Erst mimt Buddy Guy an der Strat den leisesten Solisten aller Zeiten (›Do you think I should play louder?‹), tupft sodann ein paar sirrend sensitive Licks hin, und dann unterbricht er seine Band, in der ein unfaßbar korpulenter Schlagzeuger unter einem zwei Meter breiten Camperhut das Sitzen hinterm Drumkit übt, um dem Auditorium eine Lektion zu erteilen.
›This tune you might know‹, grinst er, nimmt einen Schluck Tee – und ist plötzlich John Lee Hooker und kopiert ›Boom Boom‹ bis in die letzte Phrasierung hinein exakt, und es folgt eine B.-B.-King-Travestie, die selbst die abgegriffenen Grimassen des Good Big Ol’ Boy nobilitiert.
›Hoochie Coochie Man‹ gefällt dem unverschämt überzeugenden Schalk gleichfalls, danach hebt er parodierend Clapton aus den Angeln (›You don’t like that kind of stuff, don’t you?‹), und schließlich ist Jimi Hendrix dran, der Buddy Guy in London sah, bevor er jenes ›Voodoo Chile‹ ersann, das Mr. Guy nun wiederbelebt und simultan bübisch zerfleddert.
Nichts ist da komödiantisch verdorben gewesen. Nein, das war der seelisch rettungsbeförderndste, lustigste, heiterste Rockbluesgig, den ich in den vergangen zwei Jahrzehnten gesehen habe. Und daß im Anschluß an Mr. Buddy Blues obendrein Jeff Beck als Eugen-Egner-Double einen anbetungserzwingenden Auftritt hinbretterte, in dessen Verlauf der Allergrößte die Wucht des ›Schönlärms‹ (Egner) mit der onomatopoetischen Zier des Saiten- und Strathexers verzwirbelte – das, achgottachgott, läßt mich nur mehr ächzen: Man möge den ausdauernd omnilateralen Rotz namens Radiomusik einäschern und -stampfen. Und endlich vergessen.«
Als prominenter Gesichtspulloverträger und Präsident des Ifo-Wirtschaftsforschungsinstitutes erklärten Sie uns im Hörfunk-Interview ein weiteres Mal die unberechenbaren Kapriolen des Kapitals: »Das Kapital hat mittlerweile Angst, in Länder wie Portugal, Spanien, Irland zu gehen und dort zu investieren. Gut daran ist für uns, daß das Kapital bei uns bleibt. Statt daß wir Geld exportieren, damit andere unsere Autos und Maschinen kaufen, können wir jetzt selbst unsere Autos – äh, Autos haben wir schon genug – und Maschinen kaufen.« Sinn, das ergibt aber nur dann einen solchen, wenn wir nicht auch schon genug Maschinen haben, oder? Kleiner Hinweis: An Sprechmaschinen wie Ihnen mangelt’s uns keinesfalls.
Titanic
Durs Grünbein!
Ihr jüngstes Werk (»Aroma. Ein römisches Zeichenbuch«) scheint es in sich zu haben, wenn man der Ankündigung des Verlagshauses Suhrkamp glauben darf: »Einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter der Gegenwart stellt sich in Vers und Prosa der Ewigen Stadt.« Und zwar so: »Aufblühen wird man hier, auch als kraut sich gern überlassen / dem wohligen Phototropismus. Der man im Norden war, / Dieser Eisblock Identität, Psyches Schneemann ist bald zerronnen« usw. usf.; Sie wissen ja selbst am besten, was Ihnen da wieder einmal von irgendwoher in die Feder geflossen ist. Bei aller Bewunderung für die Kühnheit, mit der Sie den zwar nicht wohlklingenden, aber doch »wohligen Phototropismus« in die deutsche Dichtkunst einführen, und bei allem Respekt vor der sportlichen Leistung, sich in Vers und Prosa einer Ewigen Stadt zu stellen, an der sich schon viele Eroberer von ganz anderem Format die Zähne ausgebissen haben – kurzum: Bei aller geheuchelten Hochachtung vor Ihrer lachhaften Großmannssucht läßt uns die Frage nicht los, was Sie als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter der Gegenwart wohl täten, wenn es keine Ewigen Städte zu bedichten gäbe, sondern nur, sagen wir mal: Pritzwalk. Oder Neu-Isenburg. Oder Hamm in Westfalen. Städten dieses Kleinkalibers – es tut uns leid, Ihnen das so deutlich sagen zu müssen – wären Sie als Dichter nicht gewachsen. Aber dafür – kleiner Trost – können Sie immerhin so possierlich mit Riesengewichten aus Pappmaché jonglieren, daß es für Ihren Lebensunterhalt reicht. Und das ist ja auch was wert. Weiterhin einen wohligen Phototropismus wünscht
Titanic
Verehrte Nachrichtenagentur AP!
In der Bewertung von Sachverhalten müssen wir ja nicht immer übereinstimmen. Aber semantisch in Ordnung sollten Deine Meldungen doch sein. Bei Meinungsverschiedenheiten auf der Hamburger Schanze schriebst Du kürzlich: »Bei den Krawallen wurden zwölf Beamte von Flaschen getroffen und verletzt.« Das kann schon mal gar nicht stimmen, denn wenn die Demonstranten getroffen haben, dann können sie keine Flaschen sein. Außerdem wäre ja mal interessant gewesen: Womit haben die eigentlich geworfen? Immer genug Zielwasser an Bord:
Titanic
Jungministerin Schröder!
Nun durften Sie also den berühmten Focus-Fragebogen ausfüllen und dort erklären, man könne Sie »so schnell in keine Schublade stecken« – was Ihre erstaunlich ausgefallenen Antworten auch beweisen: Sie werden angetrieben von der »Freude, etwas zu gestalten«, sehen gern die »Lindenstraße«, zappen weg bei »langweiligen politischen Talkshows«, und Ihre Lieblingsfigur in der Geschichte ist »Sophie Scholl«. Sie haben recht, Frau Schröder, solche Antworten liegen nicht in irgendeiner Schublade – die bekommt man direkt von der Stange. Aber dann, auf die Frage »Mit wem würden Sie gern einen Monat lang tauschen?«, sagen Sie doch etwas Interessantes: »Mit Frau Reich-Ranicki, damit ich mich mal richtig mit ihrem Mann unterhalten kann.« Und wissen Sie was, Kristina Schröder? Genau diesen alten Chauvi und cholerischen Mundverbieter wünschen wir uns manchmal ebenfalls herbei, wenn Sie das Wort ergreifen! Grüße aus der unteren Schublade:
Titanic
Huhu, Julia Roberts!
Allenfalls mäßig originell ist es, daß Sie sich nicht wie andere Prominente mit Kabbala, Pilates oder Scientology beschäftigen, sondern sich laut der amerikanischen Elle »dem hinduistischen Glauben angeschlossen« haben. »Regelmäßig«, so erfahren wir dort, bewegen Sie also Ihre fünfköpfige Familie zum Singen und Beten zu einem hinduistischen Tempel, um im nächsten Leben »als ein ruhigeres und leiseres Wesen wiedergeboren zu werden«. Das ist zweifelsohne ehrenwert – aber warum warten und nicht einfach gleich zu Hause bleiben und die Schnüß halten? Simplify your life c/o
Wenn ich wieder einmal meinen Schlüssel in der Wohnung vergessen habe, die Liebste in ebendieser Wohnung wieder einmal so tief schläft, daß sie mein Sturmläuten nicht hört, und ich, um das Unglück zu komplettieren, keine Übernachtungsalternative aufstellen kann, weshalb ich mir eine Nacht lang vor der Haustür die Beine in den Bauch stehe, dann ist das meine höchstpersönliche Art eines One-Night-Stands. Ist aber weniger aufregend, als es sich anhört.
Sebastian Klug
My generation
»Hast du mal Ibsen gelesen?« – »Nö, dieses Känguruh fand ich total bescheuert. Und die Gimmicks waren eh nur was für Jungs.«
Tibor Rácskai
Produktidentifikation
Nicht ungern schaue ich fremden Menschen in den Einkaufswagen und bilde mir Vorurteile über Wesen und Lebensweise dieser Menschen. Manchmal schweifen meine Gedanken beim Anblick des Kaufguts ins Philosophische. So wurde die alte Frage in mir wach, ob nun das Sein das Bewußtsein bestimme oder andersrum, als eine deutlich adipöse Frau neben zwei 1,5-Liter-Sixpacks Cola auch Küchenrollen der Marke »Dick&Durstig« dabeihatte.
Karsten Stölzgen
Im Sportfernsehen
Freund zappt sich durch das nächtliche Programm, landet bei den »Sexy Sport Clips« auf DSF. Freundin neben ihm wird wach, im TV räkelt sich gerade eine halbnackte Blondine in einer Turnhalle unter einem Tennisnetz. Freundin: »Oh, sind schon wieder Paralympics?«
Ina Zone
Meine Aura
Über diese modischen Yogi Tees mit ihren raunenden Klappentexten und fehlenden Bindestrichen schmunzle ich, aber sie schmecken gut. Neulich probierte ich den Aura Tee. Schon am der Tasse folgenden Tag trat eine Frau mit Esoterik-Hintergrund auf mich zu und teilte mir mit, sie betrachte gerade meine klar umrissene Aura – die im übrigen ziemlich gut aussähe. Jetzt denke ich darüber nach, doch auch mal den Frauen Fitness Tee zu probieren.