Das Hinscheiden der politischen Karikatur, wie sie im größeren Teil deutscher Tageszeitungen immer noch regelmäßig vorkommt, ist nicht zuletzt an dieser Stelle schon allzu oft diagnostiziert worden; allein: Immer weiter finden achtelbegabte Zeichner ihr Brot, indem sie neben belämmert dreinschauende Zipfelmützenträger namens »deutscher Michel« junge Damen mit der Aufschrift »Europa« auf klapprigen Stieren mit der Aufschrift »EU-Mißwirtschaft« oder weißichwas ins Bild setzen, ganz zu schweigen von dem Sonderfall Steiger, dessen kryptische Variante der politischen Karikatur das Metier via FAZ in ganz neue Höhen bzw. Tiefen getragen hat – doch will ich diesen Klagegesang hier nicht ein weiteres Mal anstimmen. Sondern lieber ganz handfest belegen, daß selbst karikaturistische Laien wie z.B. TITANIC-Leser bessere Scherze zu machen in der Lage sind als ihre professionellen Konkurrenten.
Am 3. Mai hatte der Hauszeichner der Süddeutschen Gabor Bendek einen Abgrund an Langeweile in Druck gegeben: Ein türkisches Ehepaar mit Koffern, ratlos vor einem großen Fels stehend, der ihm den Weg versperrt; auf dem Fels steht »Deutsche Werte«, ein Schild hinter dem Trumm weist Richtung »Integration«. Noch verschnarchter hätte man den Umstand, daß dem einen (Integration) etwas anderes (deutsche Werte) im Weg steht, zeichnerisch keinesfalls umsetzen können, Benedeks Karikatur darf mithin als prototypisches Werk gelten – und als Glücksfall für TITANIC online. Denn mittels Internet-Zaubertechnik konnten (und können) auf der Webseite dieses Heftes nun beliebige Worte auf Stein und Wegweiser gesetzt werden, und aus der gewaltigen Menge komischer Varianten seien hier nur mal einige angeführt, die mich laut auflachen ließen: Da waren die geradeheraus komischen Kombinationen »Johannas Midlife-Crisis« (Stein) und »lustiger Abend« (Schild), »tierliebe Kinder« (Stein) und »Kaninchen zum Mittag« (Schild), »Offener Hosenstall« /»Bewerbungserfolg«, »Sterbehilfeverbot« /»ruhiger Abend«. Sehr schön auch: »Herstellungskosten« /»Knoblauch-Wunderbaum«, »Störrische Tiere« /»Sodomie« und »Hasenkostüm« /»würdevoll Altern« oder »warmes Bier« /»Vollrausch« und »Vorspiel« /»Sex«, wobei die beiden letzten Beispiele hier stellvertretend für viele stehen, denn die Affinität des durchschnittlichen TITANIC-Lesers zu Alkohol und Sex ließe sich an den im Netz hinterlegten Karikaturen ohne weiteres ebenfalls belegen. Schön auch Enigmatisch-Komisches und Metaquatsch wie »Käse« /»Bahnhof«, »Orang Utan« /»Fruchtbecher« und »Schwangerschaftsberatung« /»Rechtsextremismus«; sogar Bildungsklassiker wie »Aspera« /»Astra«, und »Verblendungszusammenhang« /»Revolution« waren um Lichtjahre komischer als das Original von Benedek.
Daß dieses Spiel auch mit beliebigen anderen Polit-Karikaturen funktioniert, wird in Kürze auf der TITANIC-Webseite zu belegen sein; wer es selbst mal probieren möchte, findet dazu Gelegenheit unter http://www.titanic-magazin.de/karikaturen_baukasten.html.
Wer betextet bei Dir eigentlich die Billigwurstpackungen mit vergangenheitsseligen Titeln wie »Gutsherrenpastete nach Art einer Kaiserjagdwurst«? Irgendwie treffend ist das ja schon, denn das Zeug sieht aus und schmeckt wie durchgedrehte Buffetreste vom Jahrestreffen des Bundes der Vertriebenen. Doch machen uns Deine Anselm-Kiefer-mäßigen Ausflüge durch die deutsche Wurstgeschichte Angst davor, was Dir als nächstes einfallen mag. Vielleicht »Ostelbischer Junkerpreßkopf nach Art einer Führersülze«? Wir wollen unsere gute alte Blutwurst wiederhaben!
Titanic
Hey, Stephen Hawking!
Was dem Papst der Himmel und Osama bin Laden die siebzig Jungfrauen, das ist Ihnen – schließlich muß man ja an irgendwas glauben – der Weltraum. Den sollte der Mensch Ihnen zufolge nämlich innerhalb der kommenden 200 Jahre besiedeln: »Wenn wir die einzigen intelligenten Wesen der Galaxie sind, dann müssen wir unser Überleben sichern … Ich denke, daß die Zukunft der menschlichen Rasse langfristig im Weltraum liegt.« Aber warum? Weil es dort jetzt schon, so weit das Teleskop reicht, so aussieht wie auf der Erde in absehbarer Zeit? Fragen Ihre Untergangsexperten auf der
Titanic
Lieber Lothar Matthäus!
Voller Anteilnahme haben wir das Scheitern Ihrer Ehe mit Liliana, dieser untreuen Tomate, verfolgt. Ernste Sorgen haben wir uns um Sie gemacht, als Sie der Bild am Tag nach den Foto-Enthüllungen gestanden, Sie wüßten nicht, ob Sie noch an die Liebe glauben könnten, bzw. in Ihren unnachahmlich poetischen Worten: »Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich diese Frage nicht beantworten.« Nun freuen wir uns, daß Sie keine zwei Wochen später über das Gröbste anscheinend hinweg sind und der guten alten Himmelsmacht wieder beste Chancen einräumen: »Ich warte auf die nächste große Liebe, die wird kommen, da bin ich sicher«, ließen Sie die Welt am Sonntag quietschvergnügt wissen. »Ich war viermal verheiratet und viermal topverliebt.« Top! In dem WamS-Interview räumten Sie, wohl um Ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt zu steigern, auch mit dem häßlichen Vorurteil auf, Sie hätten keine liebenswerten Macken. Ganz im Gegenteil: »Ich habe so einen Linienfimmel. Auch im Kühlschrank, die Cola steht hintereinander, die Fanta, die Sprite. Im Schrank die Hemden: Schwarz angefangen, hört bei Weiß links auf, dann wird’s ein bißchen gestreift und kariert. Oder in Hotels stell’ ich erst die Möbel um, ich hab ja Innenarchitekt gelernt.« Nochmals top! Wo immer Sie diesen entzückenden Linienfimmel auch herhaben mögen, Herr Matthäus, eines täte uns freilich interessieren: Wie stellen Sie die Hotelmöbel denn immer um? Die beiden Nachttische exakt 7,32 Meter auseinander? Die Stehlampe elf Meter davor? Gruppieren Sie die Sessel zum Anstoßkreis? Und die Betten markieren schließlich den Strafraum, in dem es spannend wird? Ehrlich? Dann steht einem weiteren tollen Match ja nichts mehr im Wege! Aber denken Sie daran: Die nächste Ehe ist immer die schwerste. Ihre Linienrichter von der
Titanic
Marc Engelhardt, Journalist!
Seine Leser für ferne afrikanische Länder zu interessieren ist schwierig, vor allem, wenn man dies für das konservative Herrenreitermagazin Cicero tut. Sie aber wissen, wie’s geht – nämlich so: »Beide stehen für den Aufbruch in ihrer Heimat. Der eine, schwarzbehaart und stämmig, wurde gerade auf den Namen ›Zoya‹ getauft. Der andere, schmächtig und mit militärisch kurzen Haaren, heißt Paul Kagame. Letzterer ist Ruandas Präsident. Zoya ist ein Berggorilla aus dem Westen des zentralafrikanischen Landes.« Eine schöne Parallele, die Sie da zwischen Affe und Neger gefunden haben. Wir, Engelhardt, haben auch eine Parallele für Sie. Passen Sie auf: Beides befindet sich an Ihrem Körper, das eine innen, das andere mehr außerhalb. Beides erzeugt von Zeit zu Zeit ein Produkt. Und obwohl sich die beiden Produkte zum Verwechseln ähnlich sind, verbergen Sie das eine vor der Welt, während Sie das andere öffentlich machen. Warum eigentlich? Keine Grüße:
Titanic
Betreffs, Möbelhauskette Roller,
der von Dir in Radiowerbespots beworbenen »größten Lagerräumung aller Zeiten«: Wir dachten, daß die schon vor einer Weile die Sowjetarmee erledigt hätte, nachdem zuvor jemand anderes, der auf seinem Gebiet der Größte aller Zeiten war, eben diese Lager eingerichtet und gefüllt hatte. Aber in so großen Lagern, wie Du sie unterhältst, geht natürlich einiges durcheinander, nicht wahr? Erst mal aufräumen, rät
Im Deutschunterricht für Engländer. Vortragender: »Was haltet ihr davon, daß eine Frau das höchste politische Amt Deutschlands bekleidet?« Schülerin: »Ich finde das hyper-hyper-foxi!« Wie man seine Begeisterung in deutscher Sprache ausdrückt, scheint ja schon durchgedrungen zu sein.
Markus Riexinger
Statussymbole
Auch Statussymbole haben ihre Tücken. Als ich vor kurzem einen alten Schulfreund traf, informierte er mich – und sein Stolz war nicht zu übersehen –, daß er sich ein neues Auto zugelegt habe. »Ein 3er BMW, rot, tiefergelegt, das volle Programm!« Ich lächelte ihn an und versicherte ihm, wie gut das Auto zu ihm passen würde. Sein eben noch freudestrahlendes Gesicht verwandelte sich in eine empörte Grimasse: »Das paßt überhaupt nicht zu mir!« sagte, ja schrie er fast, und wollte sich gar nicht wieder beruhigen; erst auf meine Frage, warum er es dann gekauft habe, wurde er wieder professionell: »Weil es cool ist!«
Saskia Wagner
Grosses klein gemacht
An den Kneipentresen der Republik werden selten probate Lösungen für die drängenden Probleme unserer Zeit entwickelt. Doch mitunter werden heikle Themen durch einen Perspektivwechsel zumindest etwas aufgelockert: »Genitalverstümmelung – na, da hättste bei mir aber ordentlich zu tun!«
Thorsten Mausehund
Ergebnis meines Sehtests
+6,75 Dioptrien auf dem rechten Auge, -6,75 Dioptrien auf dem linken Auge – mathematisch gesehen habe ich das Sehvermögen eines Adlers.
Fabian Schönberger
Sich zwei Namen machen
Große Folien auf der Heckscheibe des Autos vor mir geben bekannt, daß hier »Anja« und »Jana« mitfahren. Grundsätzlich schön, wenn sich Eltern bei der Namensfindung ihrer Töchter um Anagramme bemühen – im Ergebnis aber doch eher »Naja«.