Das endgültige Anschlußmagazin

Pflichtblatt für Matthias Platzeck



Humorkritik
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Schamoni, Strunk & Braun

Schon seit einiger, ja schon langer Zeit verfolge ich mit einiger Sympathie die Aktivitäten des größtenteils Hamburger Szeneaktivisten, Sängers und Showstars Rocko Schamoni. Mir gefielen seine frühen Aufnahmen, als er noch, zusammen mit den Goldenen Zitronen "Hallo, ich bin Rocko Schamoni" sang, als er später, begleitet von "The Explosions And The Explosionettes", "Ich hab schon mal gelebt" röhrte, ich schätze ihn als amüsanten Dia-Vortrags-Entertainer ebenso wie seine Attitüde des allzeit charmanten Salonlöwen, des manchmal schwülstigen und oft overdressten Glamourkönigs - eine Rolle, die er sich in langer und zäher Arbeit recht passend zurechtgeschneidert hat. Nicht immer war das Ergebnis spektakulär überzeugend, seine letzte CD "Showtime" etwa, erschienen bei Trikont, hörte ich zwar gerne - zweifellos unterstützt der leicht abgeschmackte 70er-Jahre-Clubsound Schamonis nicht minder abgeschmackte Texte -, dennoch lasse ich im CD-Schacht gerne der Vorgängerin den Vortritt, "Galerie Tolerance" (Trikont), auf der "The silver bohemian" Schamoni unglaubliches Material dahersingt: "Junge Punx" heißt eine unentrinnbar sülzige, gleichwohl sehr klagende Ballade mit Texten wie saure Schlagsahne: "Der Weg führt nach Hannover / Und jeder weiß Bescheid / Auch viele Polizisten / Machen sich bereit // Ein Treffen der Gefühle / Die Fantasie regiert / Die Schönheit Eurer Jugend / Blendet und schockiert // Junge Punx / Wollen tanzen, wollen träumen…" etc., da ist dann wirklich kein Halten mehr, und doch hält man inne vor so viel stiller Größe.
Wenig mag ich über den gerade erschienenen "Tatsachenroman" Rocko Schamonis berichten. In "Risiko des Ruhms" (rororo) bilanziert er im letzten Abschnitt: "Im Großen und Ganzen aber ist das Haltbarkeitsdatum für einen Popstar irgendwann ab dreißig überschritten, und man wendet sich anderen Dingen zu. Jetzt ist es zum Beispiel die Literatur." Und die wird es auch verkraften. Recht planlos, doch stets aufgeräumt und erzählbereit tobt Schamoni durch eine Lebensgeschichte, die wohl seine eigene sein könnte, wenn sie es nicht teilweise sogar wäre. Manches ist sehr komisch, vieles absurd, einiges auch verquast und schwer aushaltbar. Dafür ist dem preiswerten Büchlein aber sogar eine Mini-CD beigegeben, die Auskopplungen seiner jüngsten "Showtime"-Produktion enthält.
In seiner raren Freizeit stülpt sich Schamoni einen Eimer über den Kopf und läßt sich, zusammen mit zwei gleichfalls kopfbedeckten Herren, fotografieren, nämlich für das Cover der neuen CD "Studio Braun-Gespräche II" (BMG Ariola). Anfangs hieß diese Telefonscherz-Combo noch Studio Bach, und ich empfahl deren erste Platte mit lustigen Telefonmitschnitten uneingeschränkt zum Kauf (TITANIC 5/98). Das soll für die zweite auch gelten, dreißig größtenteils kurze Gespräche sind zu hören, in denen die Komik zwar oft genug nur von den Studio-Braun-Anrufern geliefert wird (die angerufenen Opfer reagieren lediglich verdutzt), aber oft genug ist dies in seiner erfrischend rüpelhaften Art auch hochkomisch, etwa wenn sich der Anrufer auf die Stelle eines Seminarleiters mit ausschließlich zwei Qualifikationen bewirbt: "Pennen" und "Saufen". Schön ist auch der Telefonwitzservice "Der lachende Roland", der Witze per Telefon liefert; hier glänzt Schamonis Kollege Jürgen Dose zwar nur noch selbst, dies aber in so großartiger Weise, daß man die Person am anderen Ende gar nicht weiter braucht.
Wer aber ist Jürgen Dose? Hinter dem eingängigen Namen verbirgt sich keineswegs nur ein weiteres Mitglied von "Studio Braun", sondern der Musiker, Komödiant und Radio-Fritz-Moderator Mathias Halfpape, der seine CDs mal unter dem Pseudonym Heinz Strunk, mal als Jürgen Dose in Umlauf bringt. Seine letzte, "Der Schlagoberst kommt" (Rintintin / EMI), stammt von Heinz Strunk und präsentiert eine schöne Sammlung von putzigen Musikstücken, munteren Monologen und liebevoll arrangierten Kurz- und Kleinsthörspielen, in denen etwa ein Zahnarzt seinen Patienten fragt: "Was glauben Sie eigentlich, was ich empfinde, wenn ich Zähne wie Ihre sehe?" Wunderbare Verhaspler sind zu hören, wenn Halfpape alias Strunk seine verhuschte Figur Jürgen Dose atemlos daherplappern und von seltsamen Familienauslöschungen berichten läßt, gelegentlich derer die einzelnen Familienmitglieder eins nach dem anderen an "Selbstentzündung" sterben und qualvoll in Flammen aufgehen. Ein andermal warten Dose und seine Mutter auf die Rückkehr des älteren Bruders Peter: "Oft denken wir gemeinsam an unseren älteren Bruder Peter. Ob er wohl nächstes Jahr wieder zurückkommt? fragt Mudder. Er ist vor fünf Jahren ins Fichtelgebirge gegangen und dort aufgequollen. (…) Im Fichtelgebirge gibt es fast nur Buchen und Tannen, höchöch. Oft lachen wir über diesen absurden Zustand und freuen uns, gemeinsam lachen zu können." Ich lache mit, nehme auch Strunks manchmal etwas unglücklichen Hang zum Fäkal-Obszönen billigend in Kauf, weil er mich dann prompt mit der erschütterndsten Rap-Nummer tröstet, die ich je über eine zerbrochene Männerfreundschaft gehört habe: "Das Auge sieht es, doch das Herz muß es glauben."
Und das lacht einem dann doch reichlich.




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Titanic unterwegs
02.09.2010 CH-Basel, Cartoonmuseum
  Rudi Hurzlmeier und Oliver Maria Schmitt
03.09.2010 Berlin, Z-Bar
  Hauck&Bauer
03.09.2010 Frankfurt, Romanfabrik
  Anna Poth, Fischer, Gsella und Zippert
07.09.2010 Frankfurt am Main, Club Voltaire
  TITANIC-Peak-Preview

 Hans-Werner Sinn!

Als prominenter Gesichtspulloverträger und Präsident des Ifo-Wirtschaftsforschungsinstitutes erklärten Sie uns im Hörfunk-Interview ein weiteres Mal die unberechenbaren Kapriolen des Kapitals: »Das Kapital hat mittlerweile Angst, in Länder wie Portugal, Spanien, Irland zu gehen und dort zu investieren. Gut daran ist für uns, daß das Kapital bei uns bleibt. Statt daß wir Geld exportieren, damit andere unsere Autos und Maschinen kaufen, können wir jetzt selbst unsere Autos – äh, Autos haben wir schon genug – und Maschinen kaufen.«
Sinn, das ergibt aber nur dann einen solchen, wenn wir nicht auch schon genug Maschinen haben, oder?
Kleiner Hinweis: An Sprechmaschinen wie Ihnen mangelt’s uns keinesfalls.

Titanic

 Durs Grünbein!

Ihr jüngstes Werk (»Aroma. Ein römisches Zeichenbuch«) scheint es in sich zu haben, wenn man der Ankündigung des Verlagshauses Suhrkamp glauben darf: »Einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter der Gegenwart stellt sich in Vers und Prosa der Ewigen Stadt.« Und zwar so: »Aufblühen wird man hier, auch als kraut sich gern überlassen / dem wohligen Phototropismus. Der man im Norden war, / Dieser Eisblock Identität, Psyches Schneemann ist bald zerronnen« usw. usf.; Sie wissen ja selbst am besten, was Ihnen da wieder einmal von irgendwoher in die Feder geflossen ist. Bei aller Bewunderung für die Kühnheit, mit der Sie den zwar nicht wohlklingenden, aber doch »wohligen Phototropismus« in die deutsche Dichtkunst einführen, und bei allem Respekt vor der sportlichen Leistung, sich in Vers und Prosa einer Ewigen Stadt zu stellen, an der sich schon viele Eroberer von ganz anderem Format die Zähne ausgebissen haben – kurzum: Bei aller geheuchelten Hochachtung vor Ihrer lachhaften Großmannssucht läßt uns die Frage nicht los, was Sie als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter der Gegenwart wohl täten, wenn es keine Ewigen Städte zu bedichten gäbe, sondern nur, sagen wir mal: Pritzwalk. Oder Neu-Isenburg. Oder Hamm in Westfalen.
Städten dieses Kleinkalibers – es tut uns leid, Ihnen das so deutlich sagen zu müssen – wären Sie als Dichter nicht gewachsen. Aber dafür – kleiner Trost – können Sie immerhin so possierlich mit Riesengewichten aus Pappmaché jonglieren, daß es für Ihren Lebensunterhalt reicht. Und das ist ja auch was wert.
Weiterhin einen wohligen Phototropismus wünscht

Titanic

 Verehrte Nachrichtenagentur AP!

In der Bewertung von Sachverhalten müssen wir ja nicht immer übereinstimmen. Aber semantisch in Ordnung sollten Deine Meldungen doch sein. Bei Meinungsverschiedenheiten auf der Hamburger Schanze schriebst Du kürzlich: »Bei den Krawallen wurden zwölf Beamte von Flaschen getroffen und verletzt.« Das kann schon mal gar nicht stimmen, denn wenn die Demonstranten getroffen haben, dann können sie keine Flaschen sein.
Außerdem wäre ja mal interessant gewesen: Womit haben die eigentlich geworfen?
Immer genug Zielwasser an Bord:

Titanic

 Jungministerin Schröder!

Nun durften Sie also den berühmten Focus-Fragebogen ausfüllen und dort erklären, man könne Sie »so schnell in keine Schublade stecken« – was Ihre erstaunlich ausgefallenen Antworten auch beweisen: Sie werden angetrieben von der »Freude, etwas zu gestalten«, sehen gern die »Lindenstraße«, zappen weg bei »langweiligen politischen Talkshows«, und Ihre Lieblingsfigur in der Geschichte ist »Sophie Scholl«. Sie haben recht, Frau Schröder, solche Antworten liegen nicht in irgendeiner Schublade – die bekommt man direkt von der Stange. Aber dann, auf die Frage »Mit wem würden Sie gern einen Monat lang tauschen?«, sagen Sie doch etwas Interessantes: »Mit Frau Reich-Ranicki, damit ich mich mal richtig mit ihrem Mann unterhalten kann.« Und wissen Sie was, Kristina Schröder? Genau diesen alten Chauvi und cholerischen Mundverbieter wünschen wir uns manchmal ebenfalls herbei, wenn Sie das Wort ergreifen!
Grüße aus der unteren Schublade:

Titanic

 Huhu, Julia Roberts!

Allenfalls mäßig originell ist es, daß Sie sich nicht wie andere Prominente mit Kabbala, Pilates oder Scientology beschäftigen, sondern sich laut der amerikanischen Elle »dem hinduistischen Glauben angeschlossen« haben.
»Regelmäßig«, so erfahren wir dort, bewegen Sie also Ihre fünfköpfige Familie zum Singen und Beten zu einem hinduistischen Tempel, um im nächsten Leben »als ein ruhigeres und leiseres Wesen wiedergeboren zu werden«. Das ist zweifelsohne ehrenwert – aber warum warten und nicht einfach gleich zu Hause bleiben und die Schnüß halten?
Simplify your life c/o

Titanic

 Last man standing

Wenn ich wieder einmal meinen Schlüssel in der Wohnung vergessen habe, die Liebste in ebendieser Wohnung wieder einmal so tief schläft, daß sie mein Sturmläuten nicht hört, und ich, um das Unglück zu komplettieren, keine Übernachtungsalternative aufstellen kann, weshalb ich mir eine Nacht lang vor der Haustür die Beine in den Bauch stehe, dann ist das meine höchstpersönliche Art eines One-Night-Stands. Ist aber weniger aufregend, als es sich anhört.

Sebastian Klug

 My generation

»Hast du mal Ibsen gelesen?« – »Nö, dieses Känguruh fand ich total bescheuert. Und die Gimmicks waren eh nur was für Jungs.«

Tibor Rácskai

 Produktidentifikation

Nicht ungern schaue ich fremden Menschen in den Einkaufswagen und bilde mir Vorurteile über Wesen und Lebensweise dieser Menschen. Manchmal schweifen meine Gedanken beim Anblick des Kaufguts ins Philosophische. So wurde die alte Frage in mir wach, ob nun das Sein das Bewußtsein bestimme oder andersrum, als eine deutlich adipöse Frau neben zwei 1,5-Liter-Sixpacks Cola auch Küchenrollen der Marke »Dick&Durstig« dabeihatte.

Karsten Stölzgen

 Im Sportfernsehen

Freund zappt sich durch das nächtliche Programm, landet bei den »Sexy Sport Clips« auf DSF. Freundin neben ihm wird wach, im TV räkelt sich gerade eine halbnackte Blondine in einer Turnhalle unter einem Tennisnetz. Freundin: »Oh, sind schon wieder Paralympics?«

Ina Zone

 Meine Aura

Über diese modischen Yogi Tees mit ihren raunenden Klappentexten und fehlenden Bindestrichen schmunzle ich, aber sie schmecken gut. Neulich probierte ich den Aura Tee. Schon am der Tasse folgenden Tag trat eine Frau mit Esoterik-Hintergrund auf mich zu und teilte mir mit, sie betrachte gerade meine klar umrissene Aura – die im übrigen ziemlich gut aussähe. Jetzt denke ich darüber nach, doch auch mal den Frauen Fitness Tee zu probieren.

Tina Manske