Aussehen als Programm:
Gedanken zum Schattenkabinett der Angela Merkel
von Thomas Gsella
Ist es Häßlichkeit der Macht…
Daß profitables Einverstandensein mit einer schlechten, rundum mörderischen Welt des Einverstandenen Antlitz nicht zum schönsten formt, ist ein Gemeinplatz aus Erfahrung. Gleich ob Malerei oder Reisenotiz, ob Goya oder Seneca, Soldatenfeldpost oder Bauernlied: In aller menschlichen, d.h. mitleidfähigen und nach leidbefreitem Leben schreienden Überlieferung erscheinen die Gesichter der Mächtigen samt privilegierter Mittäter als kalt, roh, fratzenhaft, tendenziell als Teufelsabbild, leere funktionale Masken jener viehischen Gewalt, der sich eine zwanghaft im Naturzustand belassene Gesellschaft dankt, und wo Jahrtausende sich also schrecklich gleichen, gleichen sich gleichschrecklich jene Chefs und Führer, deren urgemeine, gräßlich unerlöste Mienen mehr als alle andern die gemeine Angst spiegeln, ebenfalls zum Opfer einer Welt zu werden, die sie von Grund auf um so mehr beherrscht, je mehr sie sich als Grund und Herrscher mißverstehen. Adolf Hitler war ja nicht nur ungeheurer Wurm und Vollidiot, sondern sah auch haargenau so aus, und hätten etwa die Päpste der Inquisition und Margret Thatcher, Fürst Metternich, Donald Rumsfeld und Elisabeth II. die Gelegenheit zu einem außerzeitlichen Stelldichein und Gruppenbums erhalten: man wäre kaum sehr gern dabeigewesen, wie diese blassen weißblasierten Arschgesichter und massenmörderischen Tüncheferkel ihre toten Körper ineinandermergeln.
…oder Macht der Häßlichkeit?
Sogar von den Ausnahmen zu schweigen: Kleopatra soll reizend gewesen sein, Alexander der Große ein gelockter archetypisch geiler Reiter, und als gleichsam faustischer Heinz Erhardt war Georgie Kiesinger gewiß der Marilyn Manson frigider Naziwitwen, aber nein und nochmals nein: In strafverschärfender Ergänzung jenes ersten Weltgesetzes, nach dem von allen Morgenvarianten stets die schrecklichste obsiegt, strahlen respektive strunzen stets die schrecklichsten Visagen von den Thronen solcherart Geschichte; und ungleich quälender in neuerer Zeit, da Photographie, Buntfernsehen und zuletzt hybride Suchautomaten uns die Schweinerei tagtäglich und aus einer Nähe zeigen, gegen welche ältere Legendenbildung alt aussieht. Die grabkalte Schnauze eines Cäsar war dem Blick der Circusrömer kalkuliert entzogen, nun genügen die Befehle "Roland Koch" und "Bilder", schon wird man von der imbezilen Wahrheit aus den Schuhen gegoogelt. Daß wir als schön nur Gesichter empfinden, deren Züge, deren Augen Zeugnis geben von Signalen eines Hirns, das zwischen Gut und Böse scheiden kann und will, ist kein Dünkel, sondern zu Geschmack geronnener Instinkt aus affenmenschlicher Epoche: Nähert sich die Schlange, wechsle den Baum! "Abscheulicher als das Wort geistiger Mensch ist, daß es Menschen gibt, die es nicht sind", beklagte so oder ähnlich Adorno und meinte damit eben nicht die DVU-ler oder jungen Liberalen, nicht die offenbaren Blödmänner und Nichtsnutze, sondern vielmehr die Schlimmsten, weil zu aller Zeit Gefährlichsten: deren Geist sie womöglich zu rumpfhafter Humanitas befähigte und die ihn aber einsetzen einzig, um sich in jenes dunkle Unten abzuseilen, das derlei Penner seit jeher für Oben halten: die Gossen der Täter, die Unterschlüpfe der Entscheider, die Elendsviertel der Macht. Auf daß ihre vollends liederlichen Ärsche weich zu sitzen kommen.
Gleichfalls Idioten sind, welche Häßlichkeit der Macht mit Geistes Schönheit utopisch kompatibel wähnen, denn dies Spiel war aus, bevor es auf den Flohmarkt kam. Nicht Rosa Luxemburg, Erich Mühsam, Kurt Tucholsky und Walter Benjamin übernahmen 1933 von Helene Weigel das Zepter, sondern andere von Hindenburg, und dabei blieb's bis heute. Die Willy-Brandt-Skulptur in der Berliner SPD-Zentrale ist viel mehr als eine Huldigung die steingewordene Wahrheit über jeden, der unbedrängt die Ufer wechselt; undenkbar, daß je ein hergelaufener Stoiber-Gips dermaßen scheiße werde. Denn dort wird nichts zu formen, ungewollt zu karikieren, zu verfehlen sein. Noch höfischster Kunstwille beißt auf Granit, wo das Grinsen siegessicherer Intrige nicht ungelenker Habitus, sondern Kern aller Schalen ist. Die vermutlich 240 000 € monatlich, die von tschechischen Nazi-Opfern verhauene Sudeten wohl schon bald erhalten, auf daß sie ihre unschuldsweißlackierten Trauerhäubchen bei Armani bügeln lassen können, sollen, wie man hört, behinderten Nachkommen russischer Zwangsarbeiter aus dem Rückenmark gesaugt werden - egal ob der Bayer nun als Außen- oder Supertopwirtschaftsfinanzminister endet und ins obligate Gras beißt.
Daß Mannschaften bei einer Weltmeisterschaft ausscheiden, liegt in der Natur der Sache, daß es die deutsche traf, war auch nicht richtig überraschend. Überraschend eigentlich nur das Echo im Blätterwald: »Aus der Traum!« (Bild), »Aus der Traum!« (Berliner Kurier), »Aus den Träumen geballert« (B.Z.), »Aus der Traum« (Welt kompakt), »Aus der Traum« (Financial Times Deutschland), »Der Traum ist aus« (Berliner Zeitung), »Aus! Aus! Der Traum ist aus!« (Spiegel online) – was eigentlich nur wieder belegt: Wer so viel träumt, hat zumindest gut gepennt. Träumt manchmal von Medienvielfalt:
Titanic
Zu guter Letzt, Punks!
Wenn Ihr, wie kürzlich beim »Ruhrpott-Rodeo«, mal wieder Schwarz-Rot-Gold abfackeln wollt: Stoff- statt Plastikfahne und Brandbeschleuniger benutzen! Sonst gibt’s nur Geschmore und üblen Gestank, und davon habt Ihr ja eigentlich auch so schon genug. Ansonsten mit Euch aber ganz zufrieden:
Titanic
Und kaum, »Associated Press«,
hatten wir uns am 19. Mai bei Deiner Meldung unter dem Titel »Gegenwind für Koch jetzt aus zwei Richtungen« gefragt, wohin es den hessischen Ministerpräsidenten bei derart ungewöhnlichen Wetterverhältnissen wohl pusten wird, als Roland Koch diese Frage auch schon selbst beantwortete: raus aus dem Amtssessel, stracks in die Wirtschaft. Stürmischer Beifall von
Titanic
Aigner, Ilse!
Wir wissen selbstverständlich, wie schwer es für Sie als u.a. Verbraucherministerin ist, glaubwürdig Datenschutz zu fordern, kamen Sie doch in einer Regierung ins Amt, welche die zentrale Vorratsdatenspeicherung eingeführt hat. Sie fordern trotzdem ständig – unter anderem mehr Datensicherheit bei Facebook. Leider vergeblich! Weshalb Sie Ihre eigene Seite in dem sozialen Netzwerk jüngst gelöscht haben. Dessen ungeachtet greifen Sie sich nun im Focus unverdrossen die ganz Großen: »Wenn das Vertrauen der Nutzer schwindet, riskieren die Firmen ihr Geschäftsmodell, deshalb mußten sie jetzt reagieren und zurückrudern. Mittlerweile haben auch Unternehmen wie Apple und Microsoft bei mir im Verbraucherministerium um Gesprächstermine nachgefragt – quasi präventiv.« Denn bekanntlich läuft’s ja so: Bevor Weltkonzerne ihre Strategie planen, fragen sie Aigners Ilse. Aber was machen Sie eigentlich, wenn die Gespräche mit Apple und Microsoft ähnlich erfolgreich verlaufen wie die mit Facebook? Werfen Sie in Ihrem Ministerium alle Computer aus dem Fenster? Erklären Sie den digitalen Kampf für siegreich beendet und kehren zu Schiefertafel und Abakus zurück? In Ihren, hihi, aigenen Worten: »Die Menschen haben ein Gespür dafür, wenn sie ausgenutzt werden.« Aber auch, wenn ihnen die Zeit mit unbeholfener Selbstdarstellung gestohlen wird! Stets nutzerfreundlich:
Titanic
Und wenn, Patricia Dellen
aus Geldern-Lüllingen (NRW), er auch nur für die Leserseite der Zeit war – ein bißchen mehr hätten Sie Ihren Haiku »WM« doch durchdenken sollen: »Nun bricht sie bald los / Die Welle aus Schwarz-Rot-Gold / Sie ist gutartig« – ja, ist da nun die Rede vom Meer oder vom Krebs? Wenn man sich die an Balkonen, Fenstern und Autos explosionsartig metastasierenden Deutschlandfahnen ansieht – und wie sollte man sie übersehen? –, dann ist letzteres wohl passender, mit allerdings deutlich schlechterer Diagnose. Brechen auch bald los: die National-Onkologen von der
Wie angenehm wäre das, wenn man nicht nur das finanzielle Erbe der Eltern, sondern auch das genetische erst nach ihrem Tode antreten müßte. In fortgeschrittenem Alter wäre man endlich reif genug, die peinliche Brustbehaarung und die große Nase, die es väterlicherseits zu erben gibt, klaglos hinzunehmen.
Tibor Rácskai
Big Bang
Zwei Zwölfjährige haben in der Wuppertaler Schwebebahn ein kleines Konzert gegeben. Dabei wiederholten sie eine bestimmte Zeile auffällig oft: »Du bist der Gangbanger«. Den älteren Mitreisenden sah man deutlich an, daß sie mit diesem Begriff nichts anzufangen wußten. Die Jüngeren schmunzelten, die Mittelalten schüttelten bloß den Kopf. Ob die Zwölfjährigen selbst schon Erfahrungen mit dieser speziellen sexuellen Spielart haben, ist nicht bekannt. Hinweise hierzu nimmt jede Polizeidienststelle entgegen.
Dirk Domin
Glückwunsch
Warum wird einem bei Gewinnspielen immer »Viel Glück!« gewünscht, obwohl man doch eigentlich schon »mit ein wenig Glück gewinnen« kann?
Richard Herrmann
Gleichstellung ade
In den meisten Fällen wird leider immer noch den Müttern das Säugerecht zugesprochen.