Pasolini, Abu Ghureib? Ulsan!
Ein Widerwort aufs deutsche Folterfeuilleton
Von Thomas Gsella
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Nach Art von Besatzungsmächten, die auf organisierten oder jedenfalls breiten Widerstand und also schweigsame Gefangene stoßen, foltern amerikanische und britische Soldaten im Irak, daß es nur so kracht; das gehört zum imperialistischen Krieg, ist Usus und schlichtweg erwartbar. "Ich lebe in einem schrecklichen Land", gestand vor Jahren reichlich spät Norman Mailer und zählte wer weiß wieviele zuvörderst lateinamerikanische Länder auf, in welchen die USA sei's ihre komplette Armee morden und aufräumen, sei's ihre Militärberater und embedded restpulskontrollierenden Ärzte die neuesten Elektroschockgeräte und verwandte Weichkocher testen ließen bis zum Anschlag. El Salvador, Guatemala, Venezuela, Chile et al.: Hier schabten die Verhörenden mit Messern an den bloßgeschnittenen Knochen ihrer Opfer, ließen sie, mit hinter dem Rücken an die Arme gefesselten Beinen, zehn Meter in die Höhe ziehen und dann auf Betonboden hinunterstürzen. Das alles ist bekannt seit spätestens den siebziger Jahren durch Aussagen entkommener Zeugen, in Buchform hinterlegt und also nachzulesen. Kaum aber untersagt eine texanische Clique, die sich wählen ließ just zum Behufe, den Irak samt Umfeld zu kolonisieren, ihren dortigen Folterern nicht ausdrücklich den zeitgemäßen Fun der Digicam, dreht unser Feuilleton vielleicht nicht eben durch. Doch gewiß über Gebühr auf.
"Die 120 Tage von Bagdad" überschreibt beispielhaft Ulrich Raulff in der SZ vom 4.5. und unterfüttert: "Die Henkersmasken, die Posen hündischer, stiefelleckender Unterwerfung, die erniedrigenden Sexualpraktiken, das alles kennt man aus der Literatur und Ikonographie des Sado-Masochismus. In dieser Bildwelt spuken die wirklichen und die imaginären Erinnerungen an die Blaubärte und grausamen Frauen, die Bluträusche und Folterkeller aus der Nacht der Zeiten. Aber sie sind darin zum Spiel geworden, zu einem (oft grausamen) Mummenschanz, einem mock war der Geschlechtsteile. Jetzt kehren sie zurück an den nie vergessenen Ort ihrer Geburt. In Bagdad ereignet sich der Einbruch des Spiels in die Wirklichkeit."
In Wirklichkeit ereignet sich das Spiel in Bagdad als Einbruch? Treffender wär's gewesen - aber wie langweilig beides! Seit je ist die vollständige Unterwerfung von Menschen eine auch sexuelle, ergo sadistische; und Bagdad nicht die erste, sondern, siehe Kalender, aktuell letzte Barbarei. Aber eine medien- und fototheoretisch randvoll besondere? Ach geh. Die Opfer der Neandertaler-versus-homo-sapiens-sapiens-Kriege und -Verhöre über die punischen und 30jährigen bis hin zu den hitlerischen und kambodschanischen und angolanischen sind größtenteils tot. Doch wurden selbstredend auch sie, wenn's die Laune der Sieger verlangte, erniedrigt, vergewaltigt, auf die, siehe Theweleit, Folterböcke der SS geschnallt, wurden Hoden und Pos gepeitscht und zerschlagen lange vor Bagdad 2004, nämlich nahe Düsseldorf bzw. Athen bzw. München und Berlin und Phnom Penh anno 1,43 Millionen v. Chr. ff. Wieso also dieser Feuilletonquatsch?

 
(aus: Süddeutsche Zeitung, 4.5.04.)

"Wenn man den Behauptungen des Mirror von gestern Glauben schenken darf, gibt es mittlerweile einen blühenden Markt für Fotos dieser Art. Einem Angehörigen der Streitkräfte zufolge gebe es Hunderte solcher Fotos, die ›routinemäßig ausgetauscht‹ würden. Eine Anzahl von Soldaten im Süden des Landes sei ›völlig außer Kontrolle‹ geraten. Man findet hier eine weitere Antwort auf die Frage, wie sich die Präsenz von Kameras in den Zellen von Abu Gharib (inzwischen: Ghureib und bald dann halt Gheiröpl; d.V.) erklären läßt: Offenbar ist unter den ›außer Kontrolle Geratenen‹ eine Zirkulationssphäre eigener Art entstanden."
Eine noch weitere Antwort auf die Frage nach der Kamerapräsenz in den Zellen von Abu Ghureib könnte lauten: Jedes außer Kontrolle geratene Arschgesicht hat heute eine Canon Ixus; und zieht notgedrungen grade auch der strahlendste Sack die seine zumal dann, wenn's in seinem sogenannten Dasein erstmals und urplötzlich was Knalligeres und Knallenderes zu knipsen gibt als eine staubdoofe Tupperware-Ische im Kreis gleich hirntoter Bälger und allzeit finalschußbereiter Nachbarn, allesamt verseucht und durchsifft von den drei großen Beutelpesten seiner prächtigen Heimat: ihrem aberdementen Patriotismus, ihrem nach Pech und verfaulten Federn stinkenden Quäkerquackquock und einer mondgrauen Trostlosigkeit ihrer Mittel-, Klein- und Vorstadthäuser und -warenhäuser, gegen beide die neurussischen Mülldeponieslums Horte sind tiefster Menschlichkeit, höchster Kultur, ja rumpelndsten Vergnügens, Party pur gleichsam; und der vorgeblich "blühende Markt"? Na Gott, sie möchten halt gucken, was die andern so haben und erlegt haben, das ist wie bei den Tauschbildchen der Kinder oder der Safariidioten auf ihren je frischesten Nashörnern.


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Das schreiben die anderen
Titanic unterwegs
16.05.2012 München, Vereinsheim
  Stefan Gärtner: »Deutschlandmeise« (fällt aus!)
19.05.2012 Frankfurt, Zoom (vorm. Sinkkasten)
  Thomas Gsella
22.05.2012 Koblenz, Buchhandlung Heimes
  Thomas Gsella
23.05.2012 A-Linz, Posthof
  Max Goldt
Briefe an die Leser

 Zuverlässiger Kumpel Weltgeist!

Den Psychologen mit Namen Steven Feelgood hast Du schon ziemlich gut hinbekommen. Daß dieser Mann aus Australien sich aber sozialtherapeutisch just in Brandenburg, in einem Gefängnis, obendrein um die ganz schlimmen Gewalt- und Sexualstraftäter kümmert, ist das nun Plan-Übererfüllung oder purer Rock ’n’ Roll?

Fragt Deine

Titanic

 »Autor« und »Frontmann« Sven Regener!

Mit Ihrer Wutrede gegen diese Runterlader mit ihrer gemeinen Umsonst-Mentalität haben Sie mächtig Wirbel erzeugt. Wir wollten aber zur Sicherheit noch mal nachfragen: Der Name der Band, der Sie seit Ewigkeiten vorstehen, lautete der nicht irgendwie so linksautonom und voll evil »Element of Crime«?

ROFL

Titanic

 Hallo Lidl!

Du botst neulich in Deinem Prospekt unter der Überschrift »Lernen, Spielen, Spaß haben!« einen »Mitwachsenden Drehstuhl« für eine »Körpergröße von 1,19 bis 1,59 m«, also die heranreifende Jugend an. Aber, Lidl, wäre für diese Zielgruppe ein mitwichsender Drehstuhl nicht irgendwie attraktiver gewesen?

Lernen, rumspielen, Spaß haben:

Titanic

 Sehr geehrte Sophia Thomalla, c/o »Playboy«!

»Ich mag es rough«, gestanden Sie (22) der Bild anläßlich Ihrer Nacktfotostrecke im Folterkeller eines österreichischen Schlosses: »Da wird der eine oder andere auch mal schlucken, aber wir fanden es geil.« Sehr schön. Und sonst? »Da muß man schon mal schlucken, wenn man in eine Folterkammer kommt.« Wieso, was denkt man denn da? »Da denkt man schon, das ist ein bißchen rough, aber das wollten wir ja.« Schluck. War denn der Zeitpunkt fürs Fotografieren der richtige?  »Einen besseren Körper kriege ich nicht. Der wird über die Jahre nicht besser.« Rough! Und apropos Körper: Auch das Oberstübchen wird über die Jahre nicht besser, machen Sie sich also lieber auf weitere roughe Wortwiederholungsschleifen gefaßt und auf noch mehr Schluckauf bei der Synonymfindung.

Wird aber auch nicht besser:

Titanic

 Andreas Maier, Schriftsteller!

Ihren vorletzten Roman nannten Sie »Das Zimmer«, Ihr letzter heißt einfach »Das Haus«, und nach allem, was man so hört, arbeiten Sie derzeit eifrig an »Die Straße«. Doch fehlt da nicht noch allerhand Entscheidendes? Wir warten jedenfalls sehnsüchtig auf das Erscheinen von »Die Diele«, »Das großzügige Bad mit Dusche und WC«, »Der größere der beiden Gemeinschaftsräume, der auch zum Trocknen genutzt werden kann« sowie natürlich auf »Der gepflasterte kleine Weg, der vom Hauseingang direkt zum Garagentor führt«.

Winkt mit dem Zaunpfahl neben dem Komposthaufen:

Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Leben im Leeren

Als die Kinder aus dem Haus waren, bekam Mutter ihren Ordnungsfimmel. Sie begann, den gesamten Hausstand akribisch durchzusehen, sortierte gnadenlos aus und warf alles weg, was sich nicht mehr verwenden ließ. Um den Überblick zu behalten, beschriftete Mutter die Schränke und Regale ohne Inhalt deutlich und gut sichtbar mit der Notiz »LEER«.

Diese Praxis übertrug sie auch auf andere Gefäße in ihrer Wohnung. So kam es, daß sich im Gewürzregal neben Pfeffer, Salz und Beifuß auch immer mehr Gläschen mit der Aufschrift »VERBRAUCHT« fanden. Als dies meinem ältesten Bruder zu gruselig wurde und er schließlich fragte: »Mutti, warum wirfst du das alles nicht weg?«, da blickte sie nur vorwurfsvoll und sprach: »Dann habe ich ja bald gar nichts mehr.« Stimmt wohl.

 

Felix Jentsch

 Was hilft

Die drei besten Mittel gegen Frühjahrsmüdigkeit:

  • Sommer
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  • Winter

Laura Eißenberger

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Schaltjahre sind keine Herrenjahre.

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 Kontaktleiche

Ich nehme mir regelmäßig vor, mein Telefonbuch von den Nummern derjenigen unzähligen Personen zu säubern, mit denen ich schon seit Ewigkeiten nichts mehr zu schaffen habe. Und dann überkommt mich jedes Mal eine Art von schlechtem Gewissen: Was, wenn es wider Erwarten zu einer erneuten Kontaktaufnahme kommen, wenn er oder sie sich doch wieder einmal melden sollte? Da wäre es doch gut zu wissen, wer anklingelt, damit ich dann nicht versehentlich abhebe.

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 Geschmacksfrage

Kein geistig gesunder Mensch käme heute auf die Idee, sich dauerhaft ein Hitlerbärtchen stehenzulassen. Eigentlich schade, daß sich der Führer damals keine Ed-Hardy-Kappe auf die gegelten Haare gelegt hat.

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